{"id":33312,"date":"2025-10-28T13:55:54","date_gmt":"2025-10-28T11:55:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/krieg-normalfall-oder-stoerfall-der-menschheitsgeschichte\/"},"modified":"2025-12-02T02:40:32","modified_gmt":"2025-12-02T00:40:32","slug":"krieg-normalfall-oder-stoerfall-der-menschheitsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/krieg-normalfall-oder-stoerfall-der-menschheitsgeschichte\/","title":{"rendered":"Krieg \u2013 Normalfall oder St\u00f6rfall der Menschheitsgeschichte?"},"content":{"rendered":"<p>Allein an diesem Tag hatte der 30j\u00e4hrige Krieg 6.000 Menschen das Leben gekostet. Wie die vielen andere Kriege auch, hinterlie\u00df dieser Krieg Tod und Verw\u00fcstung. Damals zogen die Kriegsherren noch selbst mit in die Schlacht und kamen darin um, wie unz\u00e4hlige einfache Soldaten auch. Der Schwedenk\u00f6nig ebenso wie der Feldherr der katholischen Liga starben in den Gefechten des 30j\u00e4hrigen Kriegs. Seither wagen die Feldherrn sich kaum mehr pers\u00f6nlich ins Schlachtfeld. Seither sitzen sie hinter dicken Mauern ihrer Pal\u00e4ste und Bunker, entfesseln Kriege und schicken andere in den Tod.<\/p>\n<p>Abgesehen von Seuchen hat in der Vergangenheit bis heute nichts mehr Menschenleben gekostet und Schaden angerichtet f\u00fcr Gesellschaften und Umwelt als eben Kriege.<\/p>\n<p><strong>Warum machen Menschen dabei mit?<\/strong><\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu ihrer Natur, h\u00f6ren wir vom ehemaligen US-Pr\u00e4sidenten und Friedensnobelpreistr\u00e4ger Barack Obama in seiner Dankesrede bei der Preisverleihung: \u201eDer Krieg kam, in der einen oder anderen Gestalt, mit dem ersten Menschen in die Welt!\u201c ((2))<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Behauptung wird die biblische Geschichte von Kain und Abel als Beleg aufgerufen. ((3)) Kain erschl\u00e4gt seinen Bruder, weil Gott dessen Opfer anschaut, wie es im Text hei\u00dft, seines aber nicht. Kain wird zornig. Seine Wut richtet sich gegen seinen eigenen Bruder. Jetzt ist er tot.<br \/>\nUnd Gott redet ihn direkt an: \u201eWas hast Du getan!\u201c Der Gott, der sein Opfer nicht angeschaut hat, schaut nun ihn an und tritt in direkten Kontakt zu ihm. Wegen des Mordes wird er aus seiner Heimat und Familie verbannt. Der Ackerbau aber, von dem Kain bisher lebte (nicht aber der nomadische Hirte Abel!), wird verflucht. Auf ihm lastet fortan der Fluch der harten, wenig ertragreichen Arbeit.<br \/>\nAckerbau wird von Gott verflucht, nicht aber der Mensch Kain! Im Gegenteil, er wird gesch\u00fctzt durch das sogenannte g\u00f6ttliche Kainsmal. Es bewahrt ihn vor \u00dcbergriffen in der Fremde, wo er nun wieder als Nomade leben wird.<\/p>\n<p>Das Gegensatzpaar: nomadisches Leben, f\u00fcr das Abel steht, und sesshaftes Leben, das Kain als Bauer verk\u00f6rpert, ist bedeutungsvoll f\u00fcr die fr\u00fche Menschheitsgeschichte und die Frage von Gewalt, wie wir noch sehen werden.<\/p>\n<p>Diesem Mythos um Kain und Abel haftet das Ewigkeitsmotiv von Gewalt und Krieg an. Noch immer ist es weit verbreitet, wurde vom Sozialdarwinismus \u201ewissenschaftlich\u201c untermauert und findet Eingang in den Geschichtsunterricht. Kindern wird die Geschichte meist heute noch als Aneinanderreihung von Schlachten und Machtk\u00e4mpfen dargestellt. Und aus den gut 5000 Jahren, die mit schriftlichen Quellen dokumentiert sind, entsteht tats\u00e4chlich der Eindruck, Krieg sei immer existent gewesen.<\/p>\n<p>Damit wird aber lediglich ein Bruchteil der Menschheitsgeschichte ber\u00fccksichtigt \u2013 und zwar jenes Prozent, in dem der Krieg allgegenw\u00e4rtig war und ist.<br \/>\nWas aber ist mit den restlichen 99 % Menschheitsgeschichte?<br \/>\nWelche Quellen gibt es aus der Zeit? Was wei\u00df die Wissenschaft dar\u00fcber?<\/p>\n<p>Evolution\u00e4re Anthropologie und Primatologie will das tierische Erbe in uns freilegen und das Zusammenspiel von biologischer und kultureller Entwicklung aufdecken. Au\u00dferdem die Arch\u00e4ologie, die aufgrund von Ausgrabungsfunden uralte Lebensformen ins Licht setzt und die Geschichts- und Religionswissenschaften, die erkl\u00e4ren, wie Krieg, Mord und Totschlag Eingang in die Zivilisation fanden \u2013 f\u00fcr diese Wissenschaften ist auch die fr\u00fche menschliche Entwicklung kein Buch mit sieben Siegeln mehr.<\/p>\n<p>Auf Basis des aktuellen Forschungsstandes k\u00f6nnen die Vorgeschichte des Krieges, die Wurzeln von Aggression und Gewalt, dargelegt werden. Von da aus l\u00e4sst sich erkennen, unter welchen Bedingungen es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt und wer die Kriegstreiber sind.<\/p>\n<p>Gewalt und Krieg fu\u00dfen auf Aggression, von der zwei grunds\u00e4tzliche Formen unterschieden werden: reaktive und aktive Aggression.\u00a0((4))<br \/>\nReaktive Aggression ist eine unmittelbare Antwort auf eine unmittelbare Bedrohung und wird von Zorn oder Angst begleitet.<br \/>\nDer aktiven Aggression fehlt dieser Kontext. Ihr geht ein gezielter Plan voraus, Emotionen m\u00fcssen gar nicht im Spiel sein.<br \/>\nStrafrechtlich werden beide Formen unterschiedlich beurteilt. Aktive Aggression gipfelt in kaltbl\u00fctigem Mord und wird entsprechend bestraft, w\u00e4hrend reaktive Aggression als Notwehr meist straffrei bleibt.<\/p>\n<p>Im Krieg nun stehen sich Soldaten gegen\u00fcber, die sich gar nicht kennen, die keinen pers\u00f6nlichen Konflikt miteinander haben. Menschen, die von ihren Regierungen ausgebildet und losgeschickt werden, um andere zu t\u00f6ten. Das klingt nach einem Plan, also nach aktiver Aggression.<\/p>\n<p>Liegt uns das im Blut? Aktive Aggression? Welche Erkenntnisse hat die Wissenschaft? Wie haben wir Menschen uns entwickelt?<\/p>\n<p>Eine Millionen Jahre lang war der aufrechte Gang der Haupt-unterschied zwischen den sogenannten Homininen, aus denen wir hervorgegangen sind, und den Menschenaffen. Durch klimatische Ver\u00e4nderungen aber mussten die Homininen schlie\u00dflich den Wald und damit die sicheren Baumschlafpl\u00e4tze verlassen und sich in die offene Savanne wagen. Die bisher praktizierte Art, Raubtieren zu entkommen, indem man auf B\u00e4ume kletterte und sie mit \u00c4sten bewarf, war nun nicht mehr m\u00f6glich. Auf eine neue Strategie wurde zugegriffen, die auch andere Primaten anwenden.<\/p>\n<p>Vom Leopard \u00fcberrascht, liefen sie nicht weg, sondern stellten sich ihm gemeinsam entgegen. Schulter an Schulter, einer neben dem anderen, eine bedrohliche menschliche Wand gegen das Raubtier. ((5)) Bei Pavianen und Schimpansen, die im offenen Gel\u00e4nde in Gefahr geraten, ist derselbe gemeinsame Schulterschluss zu beobachten.<\/p>\n<p>Unsere menschlichen Vorfahren waren schlie\u00dflich so gut darin, Raubtieren zu trotzen, dass sie diesen auch zunehmend die Beute abjagten. So begannen sie, auch Fleisch und fetthaltiges Knochenmark zu essen.<\/p>\n<p>Das Geheimnis ihres Erfolgs lag darin, effektiv zu kooperieren und ihre Intelligenz zu nutzen, um neue Werkzeuge und Strategien zum Nahrungserwerb zu erfinden. Im Laufe der Zeit wurden die Homininen zu nomadischen J\u00e4ger*innen und Sammler*innen. Eine neue Lebensweise in der Geschichte der Primaten war geboren.<br \/>\nAus Sicherheitsgr\u00fcnden schlossen sich manchmal diese nomadischen Gruppen zusammen und erlangten eine Gr\u00f6\u00dfe von bis zu 50 Individuen.<\/p>\n<p><strong>Wie sah ihr Leben aus?<\/strong><\/p>\n<p>Die einen sammelten und jagten Nahrung, die anderen blieben bei den ganz jungen und ganz alten Gruppenmitgliedern. Die Nahrung, die schlie\u00dflich ins Lager gebracht wurde, wurde geteilt. Die Zusammenarbeit, das Teilen von Nahrung war ein Entwicklungsschritt unserer fr\u00fchen Vorfahren, der auf Kooperation fu\u00dft.<\/p>\n<p>Vor etwa 300.000 Jahren hatten sie die Stufe des Homo sapiens erreicht. ((6)) Mit dieser menschlichen Entwicklungsstufe wird die Population etwas dichter und die Sprache ausgepr\u00e4gter. Weiterhin aber lebten die Menschen nomadisch als J\u00e4ger*innen und Sammler*innen; meist in \u00fcberschaubaren Gruppen von nur 25 Personen. \u00dcber die Sprache und Verwandtschaft waren sie mit anderen Gruppen verbunden, mit denen sie sich sporadisch trafen und wohl auch Feste feierten und Rituale begingen. Beide Geschlechter trugen ihren Anteil zum Gruppenunterhalt bei. Entsprechend egalit\u00e4r gestalteten sich die Geschlechterbeziehungen.<\/p>\n<p>Nomadische Gemeinschaften von J\u00e4ger*innen und Samm-ler*innen k\u00f6nnen keine Lebensmittel lagern und besitzen ebenso wenig eine \u00fcppige Ausr\u00fcstung. Abgesehen von Kleidung, Schmuck und Werkzeugen gibt es kein Privateigentum. Mehrfach im Jahr wird das Lager gewechselt und alle Habe muss \u00fcber l\u00e4ngere Distanzen transportiert werden. Dass trotz fehlender Vorr\u00e4te niemand hungern musste, liegt an einem ausgekl\u00fcgelten System des Teilens. Jeder kann mal Pech beim Sammeln und Jagen haben, jeder kann mal krank oder verletzt sein, Familien k\u00f6nnen viele Kinder haben und daher viele Kalorien ben\u00f6tigen \u2026 alles Lebenslagen, die damals von der Gesamtgruppe abgefedert wurden. Nur aufgrund dieser gegenseitigen Hilfe und F\u00fcrsorge konnte die Gruppe \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Dieses Prinzip der Gegenseitigkeit ist ein Kernelement der menschlichen Psychologie, sagen Wissenschaftler*innen heu-te. Sinn f\u00fcr Fairness und die Balance in den sozialen Beziehungen ist uns ins Menschsein eingeschrieben.<\/p>\n<p>In den Gruppen der J\u00e4ger*innen und Sammler*innen kommt ein zweites Prinzip hinzu: die Anerkennung der grundlegenden Gleichheit aller Menschen und die Autonomie jedes Einzelnen. Daher hatten diese Gruppen keinen Anf\u00fchrer. Sie waren egalit\u00e4r organisiert. Insofern alle von der gegenseitigen Solidarit\u00e4t profitierten, waren offene Konflikte in den Gruppen die Ausnahme. Zudem gab es kein Privateigentum, das Anlass zum Streiten gegeben h\u00e4tte. Es findet sich also wenig Konfliktpotential, keine Aggression und keine T\u00f6tungsabsicht innerhalb der fr\u00fchen Menschengruppen. K\u00f6rperliche Auseinandersetzungen kamen in einem J\u00e4ger- und Sammler-Lager seltener vor als in einer Schimpansen- oder Bonobogruppe, belegen die Forschungsergebnisse aus Tier-Beobachtungen.<\/p>\n<p>Tiere k\u00e4mpfen nur in Konkurrenzsituationen und t\u00f6ten dabei gelegentlich auch ihren Gegner, ohne das geplant zu haben. Denn die klare Absicht, den anderen zu t\u00f6ten, setzt ein Bewusstsein vom Tod voraus. Das ist bisher bei Tieren nicht beobachtet worden. Angestaute Wut, Aggression, wie wir sie heute kennen, die sich pl\u00f6tzlich entl\u00e4dt, aus der heraus ein Mord geplant wird, steht im Widerspruch zur evolution\u00e4r angelegten Rationalit\u00e4t des Kampfes, wie er im Tierreich beobachtet wird. Zudem ist Gewalt im Tierreich nicht das einzige und schon gar nicht das bevorzugte Mittel der Konfliktl\u00f6sung. Biologisch verankert sind Gewaltausbr\u00fcche, pl\u00f6tzliche Aggression und planm\u00e4\u00dfiges Morden also nicht.<\/p>\n<p>Streit gibt es im Zusammenleben von Gruppen im Tierreich wie bei den Menschen. Doch mittlerweile ist nachgewiesen, dass sich praktisch alle Tierarten, die in stabilen Gruppen leben, nach einem Streit wieder vers\u00f6hnen. Dasselbe tun Menschen der Fr\u00fchzeit in J\u00e4ger- und Sammlergruppen. Auch Vers\u00f6hnung ist uns tief eingeschrieben in unser Sein. ((7))<\/p>\n<p>Die menschliche Fr\u00fchzeit lehrt uns, dass das nomadische Zusammenleben in egalit\u00e4ren, solidarischen Gruppen ein minimales Ma\u00df an Aggression hervorbringt. Deshalb lassen sich aus der Zeit keine speziellen Kriegswaffen finden, keine Befestigungen, keine Schlachten, geschweige denn ausgedehnte Feldz\u00fcge, keine dauerhafte Besetzung gegnerischen Territoriums, keine Gefangennahme und Versklavung von Feinden. All das wird f\u00fcr sesshafte Gesellschaften sp\u00e4ter typisch. Gewalt und Mord halten mit dem sesshaften Leben Einzug und werden zur \u00fcberwiegend m\u00e4nnlichen Angelegenheit. ((8))<\/p>\n<p>Diese kurze Skizze der Vorzeit, gespeist aus den Erkenntnissen der Evolutionsbiologie, der Primatologie und Ethnografie widerlegt die These, dass sich die menschliche Evolution in einem permanenten Kriegszustand vollzogen haben soll. In 99 % der Menschheitsgeschichte war der Krieg unbekannt!<br \/>\nDie fr\u00fche Menschheit f\u00fchrte ein gut an die Umwelt angepasstes Nomadenleben in \u00fcberschaubaren Gruppen basierend auf gegenseitiger F\u00fcrsorge und einem grunds\u00e4tzlich friedlichen Miteinander mit anderen Gruppen, auf die man zuf\u00e4llig oder regelm\u00e4\u00dfig traf.<\/p>\n<p><strong>Alles war gut, warum wurde man dann sesshaft?<\/strong><\/p>\n<p>Im Umherziehen von einer Stelle zur n\u00e4chsten fanden die Gruppen hin und wieder sogenannte Gunstregionen, wo sie l\u00e4nger als sonst Nahrung fanden und also l\u00e4nger bleiben konnten. ((9)) Sie mussten vielleicht nur ein mal im Jahr den Ort wechseln: Sommer- und Winterlager. Da lohnte es sich, einfache H\u00fctten zu bauen und kleine Vorratsgruben anzulegen. Je l\u00e4nger die Gruppen bleiben konnten, umso mehr entwickelte sich ein komplexeres Gemeinschaftsgef\u00fcge. Zum Beispiel bildeten sich Bestattungsriten f\u00fcr die Toten heraus. Der neue Lebensraum wurde zum Land der Ahnen einer Gruppe. Orte erhielten Relevanz.<\/p>\n<p>Damit setzt in der Mittelsteinzeit eine Transformation ein. Noch immer gibt es nomadische Gruppen, aber zunehmend bilden sich in den oben genannten, f\u00fcrs Leben g\u00fcnstigen Regionen \u00fcberwiegend oder dauerhaft sesshafte Gruppen. Ackerbau und Viehzucht gewinnen an Bedeutung. Arch\u00e4ologische Funde legen nahe, dass es zu kulturellen Inselbildungen kam und sich die weitr\u00e4umigen Netzwerke verschiedener J\u00e4ger- und Sammler-Gruppen langsam aufl\u00f6sten.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong>Patriarchat und Krieg erblicken gemeinsam das Licht der Welt!<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Beschr\u00e4nkung auf einen fest umrissenen Lebensraum und die dort vorhandenen Ressourcen hat jedoch negative Folgen f\u00fcr die Menschen. In diese Situation spricht der Mythos von Kain und Abel und votiert f\u00fcr das Nomadenleben! Mobile Menschen k\u00f6nnen leichter auf die Wechself\u00e4lle ihrer nat\u00fcrlichen Umgebung reagieren. Hitze, K\u00e4lte, \u00dcberflutungen ziehen sich durch die Erdgeschichte, seit es Menschen gibt. Nomad*innen k\u00f6nnen problemloser darauf reagieren und zu neuen Ufern aufbrechen.<br \/>\nVon den dramatischen Klimaschwankungen vor etwa 10.000 Jahren waren erstmals auch sesshafte Gruppen betroffen. Dabei wurden ihre bisher ertragreichen Lebensr\u00e4ume vernichtet. Ganze Ortschaften wurden unbewohnbar oder unfruchtbar und mussten verlassen werden. Eine Wanderbewegung setzte ein. Gute Lebensr\u00e4ume aber waren knapp. Das beg\u00fcnstigte gewaltt\u00e4tige Exzesse. Es kam zu Pl\u00fcnderungen von Gemeinschaften, die noch genug Nahrung hatten, aber nicht teilen wollten.<br \/>\nIn dem Kontext bildeten sich Anf\u00fchrer*innen ((10)) heraus, die bei nahenden R\u00e4ubern die Abwehr organisieren. Nach der Gefahrensituation zogen sie sich wieder zur\u00fcck in die Gruppengemeinschaft. Noch entstand keine Hierarchie.<br \/>\nAber das sesshafte Leben ver\u00e4nderte die Menschen; neue Strukturen des Miteinanders bildeten sich heraus. Sesshafte Menschen betrachten das Land, das sie beackern, zunehmend als ihr Eigentum. Es besitzt feste Grenzen und steht nur noch den eigenen Leuten offen. Solche Gruppen m\u00fcssen sich im Zweifelsfall dem Kampf stellen. Pl\u00fcnderungen und die damit verbundene Gewalt entstand somit aus Protest gegen das Privateigentum und die territoriale Monopolisierung von Land. Aus diesen historischen Zeiten finden sich erstmals Waffen, die ausschlie\u00dflich zum T\u00f6ten von Menschen angefertigt sind.<br \/>\nEinst begr\u00fcndete den Erfolg unserer Spezies die gegenseitige Unterst\u00fctzung im Alltag und Zeiten der Not. Jetzt grenzen sich Menschen von anderen Menschen zunehmend ab.<br \/>\nUm 5.200 v. Chr. h\u00f6ren die friedlichen Zeiten auf:<br \/>\nBev\u00f6lkerungszunahme, die in gro\u00dfem Umfang erst im sesshaften Leben entstehen konnte ((11)), und Trockenheit mit Ernteausf\u00e4llen f\u00fchren zu immer mehr gewaltt\u00e4tigen \u00dcbergriffen. Das b\u00e4uerliche Zusammenleben von Mensch und Tier auf engem Raum und die Unkenntnis \u00fcber Hygiene \u00f6ffnen Seuchen T\u00fcr und Tor. Dennoch setzen sich Sesshaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht in kleinen Dorfgemeinschaften durch. Mehr und mehr wird diese Lebensweise zur Normalit\u00e4t. Und mit ihr die darin entstandene Kampfbereitschaft. Sie wird zum Kernelement des b\u00e4uerlichen Ethos. In dem Kontext gewinnen die S\u00f6hne an Bedeutung: als K\u00e4mpfer und Erben \u2013 die m\u00e4nnlich konstruierte Abstammungslinie kommt auf.<br \/>\nMit der Bev\u00f6lkerungszunahme entstehen Ungleichheiten innerhalb der D\u00f6rfer.<br \/>\nAlteingesessene haben sich das gute Land gesichert. Wenn Familien wachsen oder Neue dazu kommen, muss auch weniger gutes Land bewirtschaftet werden. Weniger gutes Land bedeutet weniger Ertrag. Ungleichheit basiert auf unterschiedlich gutem und unterschiedlich viel Landbesitz.<br \/>\nDas soziale Gef\u00fcge wandelt sich: Einst waren belastbare Beziehungen untereinander und zu benachbarten Gruppen die Lebensversicherung, sowohl bei Nahrungsmangel wie bei Krankheit und im Alter. Jetzt machen Getreidespeicher und Viehbesitz es m\u00f6glich, sich von den Nachbarn zu l\u00f6sen. An die Stelle von Solidarit\u00e4t treten Egoismus und die eigene Abstammung.<br \/>\nWo zwischenmenschliche Verbindungen schwinden, hat Gewalt jedoch leichtes Spiel. Patriarchat und Krieg erblicken gemeinsam das Licht der Welt!\u00a0((12))<\/p>\n<p>Die fr\u00fchen agrarischen Gesellschaften produzieren nicht nur soziale Ungleichheit, sondern bringen auch m\u00e4chtige Patriarchen hervor, die an der Spitze immer gr\u00f6\u00dfer werdender Familien und Clans stehen. Erstmals werden dauerhaft wehrhafte Verb\u00e4nde gebildet. Fehde und Blutrache werden gesellschaftlich institutionalisiert. Auf Gewalt wird mit Gegengewalt reagiert. Der Einzelne kann nicht mehr w\u00e4hlen, wie er einen Konflikt l\u00f6st, er wird zum Kampf verpflichtet.<br \/>\nMit der Erfindung des Privateigentums und dessen Vererbung in der m\u00e4nnlichen Linie im Neolithikum ist ein strukturelles Problem in die Welt gelangt, das sich immer wieder in Gewalt und letztlich Kriegstreiberei entl\u00e4dt. ((13))<\/p>\n<p><strong>Eine t\u00f6dliche Identit\u00e4tskonstruktion<\/strong><\/p>\n<p>Mann und Waffe verschmelzen in der Identit\u00e4t des Kriegers. Das m\u00e4nnliche Selbstverst\u00e4ndnis wird bei dieser t\u00f6dlichen Identit\u00e4tskonstruktion mit der immer w\u00e4hrenden Potenz begr\u00fcndet, Leben zu nehmen. Vielleicht sollte damit eine Gegenidentit\u00e4t geschaffen werden zur weiblichen Potenz, Leben zu geben. Jedenfalls definieren sich fortan die Helden und Herrscher als Herren \u00fcber Leben und Tod.<br \/>\nDas Neolithikum ((14)) ist das Zeitalter der Menschheitsgeschichte, in dem kriegerische Aktivit\u00e4ten allgegenw\u00e4rtig werden und ein Kriegertum entsteht, das mit spezialisierten Waffen und Befestigungen einhergeht.<\/p>\n<p><strong>Die Herrschaft der Staaten und ihrer Despoten bricht an<\/strong><\/p>\n<p>Die fr\u00fchen Staaten basieren auf r\u00e4uberischer Erpressung. Menschen haben sich nicht freiwillig zu einem gro\u00dfen Gemeinwesen zusammengeschlossen. \u201eEs war eher eine Art Schutzgeldkartell, in dem m\u00e4chtige Mafiosi den Bauern Ressourcen abpressten und ihnen im Gegenzug Sicherheit gegen\u00fcber feindseligen Nachbarn anboten\u201c, wie die Historiker Charles Tilly und Steven Pinker die Entstehungen von Staaten und ihren Herrschern beschreiben. ((15))<br \/>\nSeither ist die Welt in Herrscher und Untertanen eingeteilt.<br \/>\nHerrscher verf\u00fcgen \u00fcber das Gewaltmonopol und haben von daher die M\u00f6glichkeit, Menschen aus ihrem Staat in den Krieg zu zwingen. Staaten bilden den institutionellen Rahmen, in dem Krieg im Laufe der Jahre immer komplexer und selbstverst\u00e4ndlicher wird.<br \/>\n99 Prozent der Menschheitsgeschichte war die Erwerbskunst das Jagen und Sammeln dessen, was die Natur zu bieten hatte. Mit der Landwirtschaft tauchte vor etwa 12.000 Jahren eine neue Erwerbskunst auf; durch Ackerbau und Viehzucht produzierten die Menschen ihre Nahrung selbst. Vor gut 5.000 Jahren dann etablierte sich als weitere neue Erwerbskunst der staatlich organisierte Krieg, mit dem einige wenige gewaltsam den Besitz, das Land und Leben anderer Menschen an sich bringen.<br \/>\nPositiv ausgedr\u00fcckt, ist der Krieg also eine kulturelle Errungenschaft. Negativ gesehen aber ist er eine Anomalie, die den von Natur aus kooperativen, egalit\u00e4r gesinnten und f\u00fcrsorglichen Menschen im Laufe der kulturellen Entwicklung aufgezwungen wurde. Kriege gr\u00fcnden in einer f\u00fcr Menschen untypischen Lebensweise, die mit den fr\u00fchen Staaten entstanden ist. Wir heute stehen am Ende dieser Entwicklung. Staatsoberh\u00e4upter, die sich fremdes Land aneignen und daraus neue Arbeitskr\u00e4fte rekrutieren, deren Landwirtschaft, Industrie oder Bodensch\u00e4tze sie ausbeuten, sind allgegenw\u00e4rtig. Krieg ist zum Wirtschaftsfaktor geworden.<\/p>\n<p>Aus evolution\u00e4rer Perspektive ist Krieg jedoch kein Schicksal und schon gar nicht die einzige menschliche Strategie zur Konfliktl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Der Philosoph Immanuel Kant ((16)) f\u00fcgt dieser entwicklungsgeschichtlichen Sicht einen Grundsatz der Aufkl\u00e4rung hinzu: die Vernunft. Sie ist unvereinbar mit Krieg. F\u00fcr Staaten, die Handelsbeziehungen zueinander pflegen, ist es unvern\u00fcnftig, Kriege zu f\u00fchren. Sie schaden sich mehr, als sie gewinnen k\u00f6nnen.<br \/>\nEin besonderes Bedrohungspotential sieht Kant in den stehenden Heeren ((17)) der Staaten, die von den jeweils anderen L\u00e4ndern als konstante Bedrohung verstanden werden m\u00fcssen. Daher diktiert die Vernunft einem jeden Staat, abzur\u00fcsten. Kant votiert zudem f\u00fcr eine kosmopolitische F\u00f6deration republikanischer Staaten, die durch eine gemeinsame internationale Rechtsordnung gebunden sind und wo Konflikte im Vorfeld kriegerischer Handlungen beigelegt werden. ((18))<\/p>\n<p>Aus evolution\u00e4rer Perspektive lie\u00dfe sich diskutieren, ob Staaten \u00fcberhaupt die richtigen Akteure sind, um Entscheidungen \u00fcber das F\u00fchren von Kriegen zu f\u00e4llen. Diese schwerwiegende Entscheidung sollte bei der betroffenen Bev\u00f6lkerung ((19)) liegen;bei den mittlerweile acht Milliarden Artgenossen, die evolution\u00e4r kooperativ gepr\u00e4gt sind und von daher rational \u00fcber die Art der Konfliktl\u00f6sung entscheiden k\u00f6nnen, wenn man sie l\u00e4sst.<br \/>\nSelbst mitten in Kriegshandlungen hat es Verbr\u00fcderungen zwischen feindlichen Soldaten gegeben und die Waffen wurden niedergelegt.<br \/>\nLegend\u00e4r ist die spontane Waffenruhe an der Westfront Weihnachten 1914 zwischen britischen und deutschen Soldaten. ((20)) Statt zu k\u00e4mpfen, feierten sie Weihnachten zusammen. Der Alptraum aller Offiziere und Heeresleitungen, der Traum aller Pazifist*innen und Anti-militarist*innen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allein an diesem Tag hatte der 30j\u00e4hrige Krieg 6.000 Menschen das Leben gekostet. Wie die vielen andere Kriege auch, hinterlie\u00df dieser Krieg Tod und Verw\u00fcstung. 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