{"id":33316,"date":"2025-10-28T13:55:55","date_gmt":"2025-10-28T11:55:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/im-schatten-francos\/"},"modified":"2025-11-03T00:30:49","modified_gmt":"2025-11-02T22:30:49","slug":"im-schatten-francos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/10\/im-schatten-francos\/","title":{"rendered":"Im Schatten Francos"},"content":{"rendered":"<p><strong>Francos Aufstieg, die Zweite Republik und der Weg in den B\u00fcrgerkrieg<\/strong><\/p>\n<p>Francos historischer Aufstieg zu einem der pr\u00e4genden Diktatoren des 20. Jahrhunderts war keineswegs vorgezeichnet, sondern vielmehr der spezifischen Konstellation zu Beginn des B\u00fcrgerkrieges geschuldet. 1892 als Sohn eines Kapit\u00e4ns der Marine in der Hafenstadt Ferrol im Nordwesten Spaniens geboren, strebte der junge Francisco fr\u00fch eine milit\u00e4rische Laufbahn an. Nach einer Ausbildung an der Infanterieakademie in Toledo diente er seit den fr\u00fchen 1910er Jahren als Offizier in den Kolonialtruppen von Spanisch-Marokko. Hier gelang ihm durch milit\u00e4risches Talent und durch die M\u00f6glichkeiten, die der Kolonialkrieg bot, ein steiler Aufstieg, der ihm nicht nur Auszeichnungen und \u00f6ffentliche Popularit\u00e4t, sondern 1926 mit 33 Jahren auch die \u2028Bef\u00f6rderung zum Brigadegeneral bescherte.<\/p>\n<p>Mit dem Ende der Monarchie und der Ausrufung der Zweiten Republik 1931 sollte sich der Lebensweg Francisco Francos auf verh\u00e4ngnisvolle Weise mit dem politischen Schicksal Spaniens verstricken. Den Hintergrund hierzu bildeten die dramatischen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen der folgenden Jahre, die zu den konfliktreichsten der neueren spanischen Geschichte z\u00e4hlen. Als Modernisierungsregime gestartet, strebte die von einer Allianz aus b\u00fcrgerlichen und sozialistischen Kr\u00e4ften getragene Republik danach, die \u00fcberkommenen sozio\u00f6konomischen, kulturellen und politischen Strukturen des Landes grundlegend aufzubrechen und einen laizistisch-liberalen Staat nach Vorbild der westeurop\u00e4ischen Nachbarn zu etablieren. Zu den zentralen Reformen z\u00e4hlten demnach eine demokratische Verfassung, eine Milit\u00e4rreform, die Beschr\u00e4nkung der Macht der Kirche, eine Bildungsreform, die Entkrampfung der Beziehungen zwischen Zentrum und peripheren Nationalismen (in Katalonien und dem Baskenland) sowie vor allem eine Agrarreform, um die extrem ungleiche Eigentumsverteilung und das daraus resultierende Massenelend auf dem Land zu lindern.<\/p>\n<p>In den traditionellen Kreisen der spanischen Gesellschaft \u2013 dem Gro\u00dfgrundbesitz, dem Gro\u00dfb\u00fcrgertum, der Katholischen Kirche und gro\u00dfen Teilen der Armee \u2013 wurden die republikanischen Reformen jedoch von Anfang an als ein Frontalangriff auf deren \u00fcberkommene Rechte verstanden. Aus Sicht von Industrie- und Landarbeiter*innen wiederum blieben die Ergebnisse der Reformen weit hinter den Erwartungen zur\u00fcck, weshalb auch auf dieser Seite Skepsis und Ablehnung gegen\u00fcber dem republikanischen Experiment rasch wuchsen. Die Folge waren zahllose Arbeitskonflikte in der Industrie und auf dem Lande, soziale Unruhen und vereinzelte Aufstandsversuche von Links und Rechts, w\u00e4hrend die enorme Last der Probleme und die politische Zersplitterung zu h\u00e4ufigen Regierungswechseln f\u00fchrte. Bis zum Kriegsausbruch 1936 wurden die B\u00fcrger*innen Spaniens insgesamt dreimal zu den Wahlurnen gerufen; die entsprechenden Ergebnisse schubsten das Land dabei in kurzer Zeit \u2013 einem Pendel gleich \u2013 von links nach rechts und wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>F\u00fcr General Franco, der Sympathien f\u00fcr die Monarchie hegte, politisch bis dato aber nicht weiter in Erscheinung getreten war, hatte das republikanische Experiment mit einer Entt\u00e4uschung begonnen: Die neue Regierung schloss die von ihm gef\u00fchrte Milit\u00e4rakademie von Zaragoza. Zugleich war der zust\u00e4ndige Minister jedoch bem\u00fcht, den jungen Aufsteiger mit der Bef\u00f6rderung zum Milit\u00e4rkommandanten der Kanarischen Inseln f\u00fcr die republikanische Sache zu gewinnen. Umworben wurde Franco aber auch von der politischen Rechten, die ihn nach der Regierungs\u00fcbernahme 1934 nicht nur zum Divisionsgeneral bef\u00f6rderte, sondern auch mit der Niederschlagung des Bergarbeiteraufstands von Asturien im Oktober desselben Jahres beauftragte \u2013 eine Aufgabe, die er mit Entschlossenheit und \u00e4u\u00dferster H\u00e4rte bewerkstelligte und f\u00fcr die er wenig sp\u00e4ter mit dem h\u00f6chsten milit\u00e4rischen Amt, dem Chef des Generalstabs, belohnt wurde. Ausl\u00f6ser f\u00fcr den Aufstand war die Regierungsbeteiligung des eigentlichen Wahlsiegers von 1933, einer ultrakonservativen Parteienallianz, was von der politischen Linken als Machtergreifung des Faschismus gedeutet worden war.<\/p>\n<p>Nach einem weiteren Regierungskollaps und dem erneuten Sieg der politischen Linken, dem so genannten Volksfrontb\u00fcndnis, in den Wahlen vom Februar 1936 \u00fcberst\u00fcrzten sich die Ereignisse: Getrieben von revolution\u00e4rer Ungeduld gingen die meist in der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Confederaci\u00f3n Nacional del Trabajo (CNT) organisierten Landlosen in den Latifundiengebieten des spanischen S\u00fcdens massenhaft zu eigenm\u00e4chtigen Landbesetzungen \u00fcber; in den St\u00e4dten nahm die Streikaktivit\u00e4t dramatisch zu; bewaffnete Verb\u00e4nde der Linken und Rechten lieferten sich Stra\u00dfenschlachten und ein Klima der Gewalt griff um sich. Zwei politische Morde \u2013 der zweite die Vergeltung f\u00fcr den ersten \u2013, lieferten schlie\u00dflich den Anlass daf\u00fcr, dass sich am 17.\/18. Juli 1936 eine Gruppe republikfeindlicher Gener\u00e4le, die schon seit geraumer Zeit Umsturzpl\u00e4ne schmiedete, zum Losschlagen entschied.<\/p>\n<p>General Franco, der kurz zuvor aufgrund des Verdachts politischer Unzuverl\u00e4ssigkeit von der Volksfront-Regierung als Chef des Generalstabs abgesetzt und erneut auf die Kanarischen Inseln abkommandiert worden war, stand zun\u00e4chst lediglich in der zweiten Reihe. Mehrere zuf\u00e4llige Ereignisse, wie der Unfalltod der beiden eigentlichen Putschanf\u00fchrer, sowie die Tatsache, dass der Coup an entscheidenden Orten wie der Hauptstadt Madrid, der Industriemetropole Barcelona sowie in Valencia, Andalusien und an der Nordk\u00fcste kl\u00e4glich scheiterte, brachten Franco unverhofft in eine g\u00fcnstige Position. Denn w\u00e4hrend sich in Spanien eine Pattsituation zwischen aufst\u00e4ndischen und republiktreuen Kr\u00e4ften abzeichnete, gelang es ihm, in Marokko das Kommando \u00fcber das Afrikakorps und die ebenfalls dort stationierte Fremdenlegion zu \u00fcbernehmen \u2013 Einheiten, die einmal nach Spanien gebracht, milit\u00e4risch den Ausschlag geben w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Erfolgreich war Franco auch dabei, den deutschen Diktator Adolf Hitler dazu zu bewegen, bereits sieben Tage nach Putschbeginn Transportflugzeuge zur Verf\u00fcgung zu stellen, um seine marokkanischen Truppen auf das spanische Festland \u00fcberzusetzen. Einmal dort angelandet, sollte Franco die milit\u00e4rische Initiative auf dem spanischen Kriegsschauplatz \u2013 auch dank der massiven milit\u00e4rischen Unterst\u00fctzung durch NS-Deutschland und das faschistische Italien \u2013 nicht mehr aus der Hand geben. Durchaus folgerichtig erscheint daher auch Francos Ernennung zum Generalissimus aller Streitkr\u00e4fte sowie schlie\u00dflich zum Staatschef und alleinigen Anf\u00fchrer der Bewegung am 1. Oktober 1936. Der Krieg selbst hingegen endete nach verlustreichen Abnutzungsschlachten rund zweieinhalb Jahre sp\u00e4ter mit dem Einzug von Francos Truppen in Madrid am 1. April 1939.<\/p>\n<p><strong>Die Franco-Diktatur: Repression, Autoritarismus und Modernisierung (1939\u20131975)<\/strong><\/p>\n<p>Die Bilanz des Krieges war verheerend, Industrie und Landwirtschaft waren zerr\u00fcttet, Wohnraum zerst\u00f6rt, es herrschte Hunger. Noch schlimmer waren die menschlichen Verluste: Abgesehen von sch\u00e4tzungsweise 150.000 Kriegstoten und rund einer halben Million Exilant*innen fielen in Krieg und Nachkriegszeit mindestens 200.000 Menschen politischen Repressionen und Justizmorden zum Opfer. Das unter Francos F\u00fchrung etablierte Regime verfolgte seine Gegner*innen gnadenlos und hielt bis zu seinem Ende an deren sozialer und wirtschaftlicher Diskriminierung fest. Alle Reformen der Republik, ebenso wie die Ergebnisse der sozialen Revolution, die sich im Sommer 1936 in der republikanischen Zone Bahn gebrochen hatte, wurden r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht, Kirche und Gro\u00dfgrundbesitz in ihre \u00fcberkommenen Rechte eingesetzt, in Katalonien und dem Baskenland wurden nicht nur die Autonomiebestrebungen, sondern auch die regionalen Sprachen und Identit\u00e4ten brutal unterdr\u00fcckt. Das franquistische Regime etablierte sich als zentralistischer Einheitsstaat, der sich vor allem nach 1945 politisch und wirtschaftlich von aller Welt abschottete und nostalgisch in die imperiale Vergangenheit zur\u00fcckblickte.<\/p>\n<p>Bei seiner Machtaus\u00fcbung konnte Diktator Franco \u2013 der zugleich Staatsoberhaupt, Regierungschef, Oberbefehlshaber des Milit\u00e4rs und F\u00fchrer der einzig zugelassenen Partei Falange war \u2013 die verschiedenen sozialen und ideologischen Gruppen, die so genannten \u201epolitischen Familien\u201c des Regimes, gegeneinander ausspielen und f\u00fcr seinen Machterhalt nutzen. In der Fr\u00fchphase st\u00fctzte er sich vor allem auf das Milit\u00e4r und die faschistische Partei Falange, seit 1945 sodann verst\u00e4rkt auf die katholische Kirche, ab Ende der 1950er Jahre schlie\u00dflich auf das Opus Dei, eine elit\u00e4re katholische Laienorganisationen. Deren Wirtschaftsexperten strebten nach einer \u00d6ffnung und Modernisierung der seit Jahren stagnierenden spanischen Wirtschaft sowie einer Ann\u00e4herung an die Europ\u00e4ische Wirtschaftsgemeinschaft. Seit 1959 wurde dieses Liberalisierungsprogramm \u2013 bei gleichzeitiger Beibehaltung der autorit\u00e4ren Strukturen des Regimes \u2013 systematisch umgesetzt.<\/p>\n<p>Die auff\u00e4lligsten Erscheinungen der 1960er Jahre waren einerseits der durch die Reformen ausgel\u00f6ste spektakul\u00e4re Aufschwung der spanischen Wirtschaft, andererseits die enorme Zunahme des Krisen- und Widerstandspotentials quer durch alle sozialen Schichten. Die wirtschaftliche Liberalisierung und \u00d6ffnung zum Weltmarkt verursachten ein Wirtschaftswunder, das das Agrarland Spanien in eine Industrie- und Dienstleistungs\u00f6konomie transformierte und so den Anschluss an Westeuropa finden lie\u00df. Gleichzeitig gelang es dem Regime nicht, die gewaltigen Wohlstandsgewinne in neue politische Legitimit\u00e4t umzum\u00fcnzen. Im Gegenteil: Am Ende der Franco-Herrschaft war die spanische Gesellschaft urbanisierter, s\u00e4kularisierter und regimekritischer denn je, die Autonomie- und Selbst\u00e4ndigkeitsbestrebungen der Regionen ausgepr\u00e4gter als jemals zuvor. Die sozio\u00f6konomische Modernisierung der franquistischen Diktatur f\u00fchrte somit nicht, wie ihre Architekten erhofft hatten, zu ihrer Konsolidierung, sondern zu ihrer Unterminierung. Zum Zeitpunkt von Francos Tod war die Zukunft des Landes ungewisser denn je.<\/p>\n<p><strong>Transition: Spaniens \u00dcbergang in die Demokratie (1975\u20131996)<\/strong><\/p>\n<p>Geregelt war tats\u00e4chlich nur die Nachfolge an der Staatsspitze durch die Proklamation des bourbonischen Prinzen Juan Carlos zum K\u00f6nig Spaniens zwei Tage nach dem Tod des Diktators. Entgegen der Absicht Francos, auf diese Weise die Kontinuit\u00e4t des Regimes zu sichern, entschied sich der junge K\u00f6nig im Angesicht der gesellschaftspolitischen Realit\u00e4ten allerdings f\u00fcr eine politische \u00d6ffnung, die rasch an Eigendynamik gewann. Unter dem von ihm ausgew\u00e4hlten Regierungschef Adolfo Su\u00e1rez kam es zur Legalisierung der Oppositionsparteien, zu den ersten freien Wahlen 1977 sowie zur Ausarbeitung einer neuen demokratischen Verfassung, die 1978 per Referendum in Kraft gesetzt wurde. Mit \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheiten in fast allen Landesteilen angenommen, etablierte diese Spanien als parlamentarische Monarchie, garantierte Grundrechte und \u00f6ffnete au\u00dferdem den Weg zu einer grundlegenden Dezentralisierung des politischen Systems. Bis 1982 untergliederte sich das spanische Staatsgebiet so in 17 Autonome Gemeinschaften, die \u2013 \u00e4hnlich deutscher Bundesl\u00e4nder \u2013 eigene politische Institutionen und gesetzgebende Kompetenzen erhielten. Die einst so m\u00e4chtige anarchosyndikalistische Bewegung kam nach 1975 indes nicht \u00fcber ein kurzes Wiedererwachen hinaus und verlor in den folgenden Jahren auch aufgrund interner Spaltungen stark an Bedeutung.<\/p>\n<p>1982 kam es durch den Wahlsieg der sozialistischen Partei (PSOE) unter der F\u00fchrung von Felipe Gonz\u00e1lez zum ersten Machtwechsel in der jungen Demokratie, der den Weg in den Bipartidismus wies. Die insgesamt 14 Jahre umfassende Regierungszeit von Gonz\u00e1lez war charakterisiert durch den Beitritt Spaniens zur Europ\u00e4ischen Gemeinschaft (1986) sowie den dadurch beschleunigten wirtschaftlichen Strukturwandel, den Ausbau des Wohlfahrtsstaates und eine umfassende gesellschaftliche Liberalisierung. In anderen Worten: Nach B\u00fcrgerkrieg und Jahrzehnten der wirtschaftlichen und kulturellen Abschottung war Spanien wieder nach Europa zur\u00fcckgekehrt und erfreute sich nun erst recht eines stetig weiterwachsenden Zustroms von Tourist*innen aus West- und Nordeuropa.<\/p>\n<p>Zu den Schattenseiten dieser Jahre z\u00e4hlte hingegen der Terrorismus der baskischen Separatistenorganisation ETA, deren Anspr\u00fcche durch die politische Dezentralisierung des Staates nicht befriedigt werden konnten. Stattdessen forderte der ETA-Terror immer weitere Opfer, w\u00e4hrend der Staat nicht nur mit juristischen Mitteln antwortete, sondern, wenn auch illegal, ebenfalls zur Gewalt griff. Der so genannte \u201eschmutzige Krieg\u201c der GAL, einer von Regierungsvertretern gegr\u00fcndeten Antiterroreinheit, die in der Regierungszeit von Gonz\u00e1lez zig Morde an ETA-Mitgliedern ver\u00fcbte, war mehr als nur ein Makel auf der wei\u00dfen Weste der jungen Demokratie, sollte f\u00fcr die politisch Verantwortlichen einige Zeit sp\u00e4ter aber immerhin strafrechtliche Konsequenzen haben.<\/p>\n<p><strong>Das Erbe der Transition: Vom Konsens zur Polarisierung (1996\u20132011)<\/strong><\/p>\n<p>Ungeachtet der Konflikte um den baskischen Separatismus erweisen sich der demokratische \u00dcbergang und die anschlie\u00dfenden Regierungsjahre der Sozia-list*innen in der R\u00fcckschau als eine von breitem Konsens und Kooperationswillen der demokratischen Kr\u00e4fte gepr\u00e4gte Periode. Vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung von extremer Polarisierung und B\u00fcrgerkrieg sowie der latenten Bedrohung durch das spanische Milit\u00e4r, wo zu Recht die gr\u00f6\u00dften Vorbehalte gegen eine politische \u00d6ffnung vermutet wurden, waren Vertreter*innen von Links und Rechts bis weit an die R\u00e4nder zu Vers\u00f6hnung und weitreichenden Kompromissen bereit. Wie klug diese bewusste M\u00e4\u00dfigung zur Sicherung der Demokratie war, zeigte insbesondere der Putschversuch von Guardia Civil und Milit\u00e4r vom Februar 1981, dessen Scheitern vor allem dem entschlossenen Widerstand von K\u00f6nig Juan Carlos als Oberbefehlshaber der Streitkr\u00e4fte zu verdanken war.<\/p>\n<p>Integraler Bestandteil der Konsenspolitik der Transition war das mit gro\u00dfer Mehrheit 1977 verabschiedete Amnestiegesetz, das Straflosigkeit f\u00fcr alle politischen Gewalttaten der Vergangenheit zusicherte und damit vor allem den Anh\u00e4ngern des Franco-Regimes zugutekam. Hinzu kam au\u00dferdem jener so genannte Pakt des Schweigens, d.\u2009h. die informelle Abmachung unter den politischen Eliten, die Schrecken der Vergangenheit nicht in die politische Debatte der Gegenwart hineinzuziehen. Was aus der damaligen Perspektive plausibel, ja geradezu unabdingbar erscheinen mochte, sollte sich ein Vierteljahrhundert sp\u00e4ter f\u00fcr viele allerdings als ein schwerwiegendes Vers\u00e4umnis der Transition darstellen. Denn nicht zu Unrecht wurde kritisiert, dass die Tabuisierung der Vergangenheit das durch die vielfachen Verbrechen der Franco-Diktatur entstandene historische Unrecht an den Verlierern des B\u00fcrgerkrieges verl\u00e4ngerte.<\/p>\n<p>Forderungen nach Reparation und der Aufkl\u00e4rung des Schicksals von bis zu 150.000 \u201everschwundenen\u201c Opfern der franquistischen Repression artikulierten sich vor allem seit der Jahrtausendwende in Gestalt einer im ganzen Land entstehenden zivilgesellschaftlichen Bewegung. Dies geschah vor dem Hintergrund der konservativen Regierung von Jos\u00e9 Mar\u00eda Aznar, der das Land seit 1996 mit Sparpolitiken, neuem Selbstbewusstsein und einem betont transatlantischen Kurs regierte. Zu den Erfolgen der Regierung Aznar z\u00e4hlten ein neues Wirtschaftswachstum sowie der Beitritt des Landes zur Gemeinschaftsw\u00e4hrung des Euro (1999\/2002). Verschiedene kulturpolitische Initiativen, die auf eine Rehabilitierung von politischem Zentralismus und Nationalstolz abzielten, produzierten indes Ablehnung und Proteste. Auf massenhaften Widerstand stie\u00df vor allem aber die Unterst\u00fctzung der Regierung Aznar f\u00fcr die USA im Irakkrieg 2003 sowie der Versuch, die islamistischen Anschl\u00e4ge in Madrid ein Jahr sp\u00e4ter wahlkampftaktisch zu instrumentalisieren.<\/p>\n<p>Zu einem weiteren gesellschaftspolitischen Konfliktfeld wurden seither auch die Vergangenheit sowie insbesondere der zivilgesellschaftliche Anspruch auf Aufkl\u00e4rung und Reparation, der von Vertretern des konservativen Partido Popular regelm\u00e4\u00dfig als ein \u201eAufrei\u00dfen alter Wunden\u201c denunziert wurde. Doch auch die 2004 unter Jos\u00e9 Luis Rodr\u00edguez Zapatero erneut an die Macht gelangten Sozialist*innen sollten sich \u2013 obgleich historisch auf der Verliererseite \u2013 zun\u00e4chst schwer tun mit einer gesetzlichen Regelung zugunsten der Opfer. Nach anderen gesellschaftspolitischen Reformvorhaben wie der Einf\u00fchrung gleichgeschlechtlicher Ehen, Expressscheidungen und einer weiteren Liberalisierung des Abtreibungsrechts, die das konservativ-katholische Lager in Aufruhr versetzt hatten, verabschiedete die Regierung Zapatero 2007 schlie\u00dflich ein so genanntes Erinnerungsgesetz. Dieses enthielt Ma\u00dfnahmen wie etwa die finanzielle Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Exhumierung von Massengr\u00e4bern, die Rehabilitierung der politisch Verfolgten und die Entfernung franquistischer Symbolik im \u00f6ffentlichen Raum, blieb jedoch in vielen Punkten hinter den Forderungen der zivilgesellschaftlichen Gruppen zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Polarisierung und kein Ende: Spanien seit der Wirtschaftskrise<\/strong><\/p>\n<p>Seit 2009 wurde die Vergangenheitsthematik von der globalen Finanzkrise und ihren Folgen f\u00fcr Spanien vollst\u00e4ndig in den Hintergrund gedr\u00e4ngt. Hier platzte nun eine hausgemachte Immobilienblase und wurde zum Ausl\u00f6ser f\u00fcr eine dramatische Wirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit, gef\u00e4hrlich wachsenden Haushaltsdefiziten und sozialen Verwerfungen, die wiederum das Vertrauen in das politische Establishment schw\u00e4chten. Ausdruck der Krise war 2011 die vorwiegend jugendliche Protestbewegung der \u201eEmp\u00f6rten\u201c sowie einige Zeit sp\u00e4ter der Aufstieg neuer politischer Kr\u00e4fte, die das etablierte Zwei-Parteien-System ins Wanken brachten. W\u00e4hrend die linkspopulistische Partei Podemos ihre Wurzeln in der Emp\u00f6rtenbewegung hatte, versuchte sich Ciudadanos als neue Kraft im politischen Zentrum zu etablieren.<\/p>\n<p>Seit 2018 konnte sich im spanischen Parteienspektrum mit Vox au\u00dferdem eine Partei der extremen Rechten etablieren, die neben vielen anderen Themen immer wieder auch als Sachwalter des franquistischen Erbes auftritt. Entscheidender Treiber hierf\u00fcr war eine weitere Krise, n\u00e4mlich die 2017 von katalanischen Separatist*innen durch ein widerrechtlich durchgef\u00fchrtes Unabh\u00e4ngigkeitsreferendum ausgel\u00f6ste Staatskrise. Die damalige konservative Zentralregierung in Madrid reagierte scharf und suspendierte vor\u00fcbergehend die Autonomie, erreichte damit aber lediglich eine Verh\u00e4rtung der Fronten. Neue Bewegung in die verfahrene Lage brachte dagegen die neuerliche Macht\u00fcbernahme durch die Sozialist*innen 2018. Unter der F\u00fchrung von Pedro S\u00e1nchez begann nicht zuletzt aus machtpolitischen Gr\u00fcnden eine schrittweise Einbindung der Separatist*innen in das Regierungslager, dies allerdings um den Preis fragw\u00fcrdiger Zugest\u00e4ndnisse und einer weiteren Vergiftung des politischen Diskurses.<\/p>\n<p>Die extreme Polarisierung des politischen Klimas mag auch den Hintergrund f\u00fcr die j\u00fcngsten vergangenheitspolitischen Initiativen der Regierung S\u00e1nchez gebildet haben. Tatsache ist jedenfalls, dass die Sozialist*innen erst jetzt bereit waren, die heikelsten Aspekte der Vergangenheitsproblematik entschlossen anzugehen. Dazu z\u00e4hlte die Entpolitisierung der monumentalen Grabanlage Francos in Cuelgamuros, das ehemalige \u201eTal der Gefallenen\u201c nordwestlich von Madrid, sowie die besonders umstrittene Umbettung seiner sterblichen \u00dcberreste im Jahr 2019 nach El Pardo. 2022 folgte au\u00dferdem das so genannte Gesetz der Demokratischen Erinnerung, das deutlich \u00fcber die Regelungen von 2007 hinausging und die kritische Auseinandersetzung mit der Franco-\u00c4ra somit weiter institutionalisierte.<\/p>\n<p>Am 50. Jahrestag von Francos Tod bietet sich somit ein gemischtes Bild: Spaniens Demokratie ist heute fest etabliert, zugleich aber von Fragmentierung und Polarisierung gepr\u00e4gt. Die traditionellen Volksparteien PP und PSOE haben sich trotz aller Krisen zwar als dominierende Kr\u00e4fte behaupten k\u00f6nnen, sind heute jedoch auf Koalitionspartner an den politischen R\u00e4ndern angewiesen. Fragen der Erinnerung, nationalen Identit\u00e4t und territorialen Einheit bleiben hoch umstritten. Die politische Polarisierung ist nicht nur das Ergebnis aktueller Krisen, sondern auch Ausdruck der langen Schatten der Franco-Diktatur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Francos Aufstieg, die Zweite Republik und der Weg in den B\u00fcrgerkrieg Francos historischer Aufstieg zu einem der pr\u00e4genden Diktatoren des 20. 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