{"id":3337,"date":"2000-05-01T00:00:03","date_gmt":"2000-04-30T22:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3337"},"modified":"2012-02-04T16:23:56","modified_gmt":"2012-02-04T14:23:56","slug":"summerhill-hat-den-kampf-gewonnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/05\/summerhill-hat-den-kampf-gewonnen\/","title":{"rendered":"Summerhill hat den Kampf gewonnen"},"content":{"rendered":"<p>Das ganze letzte Trimester \u00fcber standen die Mitglieder der Summerhill-Gemeinschaft unter Strom &#8211; wir sollten eindeutig geschlossen werden. Die Regierung Blair wollte sich mit ihrem Bildungskurs durchsetzen und an unserer Schule ein Exempel statuieren.<\/p>\n<p>Die Besuche von &#8222;wichtigen Leuten&#8220; wurden immer mehr. W\u00f6chentlich kamen JournalistInnen, deren Einfluss zu der Zeit besonders wichtig f\u00fcr uns war, unser Anwaltsteam Mark Stephens (ein bekannter Menschenrechtsanwalt) und Geoffrey Robertson, die Anw\u00e4lte der Gegenseite, die drei Richter&#8230;<\/p>\n<p>Am Samstag, bevor die Verhandlung begann, hatten wir eine Schulparty, die Zoe (Zoe Readhead ist Leiterin der Summerhill School) vorgeschlagen hatte, um ihre ganze &#8222;Familie&#8220; noch einmal beisammen zu haben. Wir wussten, dass wir ein gutes Team hatten, die Stimmung war eine Mischung aus Vorfreude, Kampfeslust (ein paar Kinder legten indianische Kriegsbemalung auf) und Angst (wann k\u00f6nnen wir wieder alle so beisammen sein?).<\/p>\n<p>Bis auf wenige Kinder ist die ganze Schule zum ersten Verhandlungstag gefahren. Wir wussten, dass unsere Anw\u00e4lte gut waren, aber die Regierung konnte nat\u00fcrlich soviel Geld in diesen Prozess stecken, wie sie wollte.<\/p>\n<p>Vor dem Gerichtsgeb\u00e4ude empfing uns Zoe mit Tr\u00e4nen der Anspannung in den Augen.<\/p>\n<p>Beim Er\u00f6ffnungsstatement kam mir die Anw\u00e4ltin des DfEE (Bildungsministerium) ein bisschen unorganisiert vor. Das Gericht annulierte nach einigen von unserem Anwalt Geoffrey Robertson aufgedeckten Widerspr\u00fcchen des DfEE, repr\u00e4sentiert durch Mr. Phipps, die Beschwerde Nr. 2, die besagte, dass M\u00e4dchen, Jungen und LehrerInnen verschiedene und gekennzeichnete Toiletten benutzen sollten (s. GWR 247).<\/p>\n<p>Mr. Phipps wurde vom Richter an diesem Tag mit &#8222;Hausaufgaben&#8220; nach Hause geschickt, er solle mit A.S. Neills Literatur seine Behauptung best\u00e4tigen, dass dort st\u00fcnde, dass Kinder zum Unterricht &#8222;ermutigt&#8220; werden sollten. Er solle au\u00dferdem bis zum n\u00e4chsten Tag einen Beweis erbringen, dass der Bildungsminister Blunkett die Schlie\u00dfungsdrohung \u00fcberhaupt angeordnet hatte.<\/p>\n<p>Am Dienstag konnte Mr. Phipps erst mit einer Stunde Versp\u00e4tung zum Gericht kommen, da er Migr\u00e4ne hatte.<\/p>\n<p>Dienstag und Mittwoch konnte ich nicht nach London fahren, die Schule musste ja trotz aller Aufregung weitergehen, obwohl es schwer war, immer erst nachmittags herauszufinden, was am Tag passiert war.<\/p>\n<p>Jedenfalls lief es gut, die Anw\u00e4ltin des Bildungsministeriums hat sich wohl eine halbe Stunde \u00fcber Lehrmethoden in Summerhill ausgelassen und kam zu dem Schluss, wie nutzlos diese doch seien. Der Richter sagte dazu, dass er daran gar nichts schlechtes finden k\u00f6nne, dass er unsere Methoden sogar vorbildlich f\u00e4nde.<\/p>\n<p>Es kam heraus, dass au\u00dfer Summerhill noch 210 andere Schulen auf einer geheimen Beobachtungsliste (tbw &#8211; to be watched) standen, und keine der Schulen davon wei\u00df. Diese Schulen werden j\u00e4hrlich (alle 5 Jahre ist normal) inspiziert.<\/p>\n<p>Am Mittwoch wurde die Verhandlung vorzeitig abgebrochen, da sich die Anw\u00e4lte unterhalten wollten.<\/p>\n<p>Nachts um 12 Uhr rief Michael (ein Lehrer aus Summerhill) bei uns an, und sagte uns, dass wir am n\u00e4chsten Tag so viele Kinder wie m\u00f6glich mitbringen sollten, da wir &#8222;wahrscheinlich gewonnen&#8220; h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Als wir morgens ankamen, war der Deal schon so gut wie perfekt, wir warteten nur noch auf Blunketts o.k., und dann stellte uns der Richter den Gerichtssaal zur Verf\u00fcgung, um darin ein Special Meeting der Schule abzuhalten &#8211; denn auf unserer Seite reicht es ja nicht, wenn die Anw\u00e4lte und Zoe damit einverstanden sind. Es hat jeder eine Stimme. Wir hatten ein basisdemokratisches Schulmeeting in den Royal Courts of Justice!<\/p>\n<p>Die Vereinbarung wurde nach kurzer Diskussion einstimmig angenommen. Wir hatten viel mehr gewonnen als es durch einen Richterspruch m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. In dem Deal wurde festgelegt, dass<\/p>\n<ul>\n<li>Complaints 4 und 6 annuliert werden.<\/li>\n<li>Die Schule von nun an auf der Basis von Neills B\u00fcchern inspiziert wird,<\/li>\n<li>Wir von der illegalen &#8222;tbw&#8220;-Liste gestrichen werden,<\/li>\n<li>Wir nicht vor 2004 inspiziert werden,<\/li>\n<li>Summerhill bei den n\u00e4chsten Inspektionen einen unabh\u00e4ngigen Report pr\u00e4sentieren kann, der in die Bewertung mit einflie\u00dfen muss,<\/li>\n<li>Die Stimme der Sch\u00fclerInnen geh\u00f6rt werden muss,<\/li>\n<li>Lernen nicht nur im Unterricht stattfindet,<\/li>\n<li>Die Schulbeh\u00f6rde einen Beitrag zu unseren Kosten tr\u00e4gt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Meines Wissens nach bezahlt der Staat ein Drittel der sich auf ca. 100.000 Pfund belaufenden Prozesskosten.<\/p>\n<p>Mark Stephens hatte die Kinder Plakate zum Posieren vor den vielen Kameras machen lassen. Er hatte einen Spruch von Neills Freund George Bernard Shaw (&#8222;Those who can, do. Those who can&#8217;t, teach. &#8211; Die, die k\u00f6nnen, tun. Die, die nicht k\u00f6nnen, lehren.&#8220;) auf uns zugeschnitten und in seinem Er\u00f6ffnungsstatement benutzt: &#8222;Those who can, teach. Those who can&#8217;t, inspect&#8220;.<\/p>\n<p>Mark und Geoffrey, unsere Anw\u00e4lte, mussten allerdings noch den n\u00e4chsten Tag damit verbringen, den JournalistInnen die L\u00fcgen in der Presseerkl\u00e4rung des DfEE richtigzustellen.<\/p>\n<p>Mark und seine zwei T\u00f6chter kamen zu unserer &#8222;End of Term Party&#8220;, wo unser ganzes Anwaltsteam zu Ehren- Summerhillians erkl\u00e4rt wurde.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Party fand dann noch ein Elterntreffen statt, denn die Eltern wollten erwirken, dass die 61 anderen Privatschulen der 210 Schulen auf der Beobachtungsliste benachrichtigt werden und sich dann mit diesen zur gegenseitigen Unterst\u00fctzung treffen.<\/p>\n<p>Lest doch mal die Summerhill Website (<a href=\"http:\/\/www.s-hill.demon.co.uk\">www.s-hill.demon.co.uk<\/a>), dort gibt es den unabh\u00e4ngigen Report, die Presseerkl\u00e4rung des DfEE, ein Prozesstagebuch von einem anderen Summerhill Lehrer und viele Fotos.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ganze letzte Trimester \u00fcber standen die Mitglieder der Summerhill-Gemeinschaft unter Strom &#8211; wir sollten eindeutig geschlossen werden. 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