{"id":33463,"date":"2025-12-02T16:24:14","date_gmt":"2025-12-02T14:24:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/12\/der-lange-schatten-des-deutschen-kolonialismus-2\/"},"modified":"2026-01-15T01:13:50","modified_gmt":"2026-01-14T23:13:50","slug":"der-lange-schatten-des-deutschen-kolonialismus-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/12\/der-lange-schatten-des-deutschen-kolonialismus-2\/","title":{"rendered":"Der lange Schatten des deutschen Kolonialismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bernd Dr\u00fccke: Gestern hast du dein neues Buch \u201eDer lange Schatten des deutschen Kolonialismus\u201c in Essen vorgestellt. Heute Abend stellst du es in der Volkshochschule M\u00fcnster vor. Was kannst du uns zum Inhalt erz\u00e4hlen? Wie war deine gestrige Lesung und was erwartet uns heute Abend?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Henning Melber:<\/strong> Es ist formal betrachtet ein fachwissenschaftliches Buch, also 60 Seiten Anmerkungen und viele Literaturhinweise. Es ist, hinter dieser Fassade, ein sehr pers\u00f6nliches Buch, was ich auch vorab erkl\u00e4re. Es ist meine Besch\u00e4ftigung mit dem, was meine eigene Identit\u00e4t mitgeformt hat und von dem ich unterstelle, dass es subkutan in den Identit\u00e4ten aller Deutschen vorhanden ist, auch wenn es nicht auf der Ebene des Bewusstseins stattfindet. Es ist kein geschichtliches Thema. Es ist ein Thema der Gegenwart und entsprechend sind die Inhalte. Sie fangen an mit einer Selbstreflexion, mit einem Bilanzieren der aktuellen Situation, gehen dann \u00fcber auf die Gewaltgeschichte seit der Aufkl\u00e4rung, die in V\u00f6lkermord gipfelte. Dabei betone ich auch, dass es kein eurozentrisches Gewaltmonopol geblieben ist, sondern V\u00f6lkermord auch in anderen Teilen der Erde inzwischen stattfindet, wie also aus Unterdr\u00fcckten Unterdr\u00fccker werden. Das geht dann in eine ausf\u00fchrlichere Beschreibung der deutschen Kolonien \u00fcber, um dann zu schildern, wie der Kolonialismus im Deutschen Kaiserreich sich auspr\u00e4gte, schon mit ausdr\u00fccklichem Verweis auf Afrikanerinnen und Afrikaner in Deutschland, die f\u00fcr mich immer zum Teil des Narrativs geh\u00f6ren. Dann leite ich \u00fcber zur NS-Zeit und dem Kolonialismus. Danach geht es um die Bearbeitung beziehungsweise Verdr\u00e4ngung des deutschen Kolonialismus in den beiden deutschen Staaten DDR und Bundesrepublik. Danach dann, ab der 1990er Jahre, geht es um die zunehmende Sensibilisierung von Teilen der Gesellschaft dank postkolonialer Initiativen, dank neuerer kolonialhistorischer Forschungen, nicht zuletzt dank afro-deutscher Initiativen, um die Erinnerung an den deutschen Kolonialismus in seiner Bedeutung auch f\u00fcr die Gegenwart in das \u00f6ffentliche Bewusstsein zu bringen. Das wird dann anhand des Beispiels Deutschland und Namibia vertieft, wo im Moment ja die Verhandlungen \u00fcber die Anerkennung des V\u00f6lkermords seit 2015 immer noch laufen. Sie enden dann in einer aktuellen Bilanzierung, die ein Sowohl-als-auch abw\u00e4gt, wir haben es n\u00e4mlich vermocht, uns in den \u00f6ffentlichen Diskurs einzubringen und werden konfrontiert mit einem Backlash, n\u00e4mlich dieser rassistischen White Supremacy, die um sich haut im Moment. Ich versuche dann etwas zweckoptimistisch zu argumentieren. Wir haben etwas erreicht, denn wir haben diesen wei\u00dfen Rassisten Angst gemacht, deswegen schlagen sie so um sich. Ich gebe zu, dass es etwas hilft, sich zu behaupten. Ob es dann wirklich stimmt, das m\u00fcsste man noch abwarten, aber das ist so ungef\u00e4hr die Quintessenz des Buches. Zu der deutschen \u00dcbersetzung, die nicht in meiner Sprache ist, eine interessante Erfahrung: Ich lese einen Text von mir in der Sprache eines \u00dcbersetzers, dessen intellektuelles Eigentum diese \u00dcbersetzung ist. Das ist nicht meine Sprache und ich habe darauf verzichtet, das abzugleichen. Ob ich das so oder anders formuliert h\u00e4tte? In vielen Nuancen h\u00e4tte ich es vermutlich anders formuliert. Ich habe zu diesem Buch noch ein aktuelles Kapitel auf dem Stand von August 2025 erg\u00e4nzt, um auch jetzt die Entwicklungen in dieser neuen Koalitionsregierung nochmal aufzugreifen. Die Vorstellung gestern in Essen war ausverkauft. Die Buchhandlung Proust hatte Tickets angeboten. Die Buchhandlung war mit 50 bestuhlten Pl\u00e4tzen \u00fcberf\u00fcllt, 20 Leute waren zugeschaltet. Es war, was die Engl\u00e4nder \u201epreaching to the converted\u201c nennen. Zumindest hat sich niemand zu erkennen gegeben, der oder die v\u00f6llig anderer Meinung w\u00e4re. Ein Schwerpunkt, was mir besonders gut gefallen hat, lag durch ein Co-Referat einer Wissenschaftlerin aus Hagen auf postkolonialen Initiativen im Ruhrgebiet, so dass auch Teile der Diskussion sich eigentlich damit besch\u00e4ftigten: Wie geht man diesem Thema in der Region zu Leibe? Heute Abend mache ich es mit Ren\u00e9 Aguigah zusammen. Das ist sch\u00f6n. Mit ihm zusammen hatte ich schon in der Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung in Berlin vor fast genau einem Jahr das 2024 erschienene englische Buch \u201eThe Long Shadow of German Colonialism. Amnesia, Denialism and Revisionism\u201c vorgestellt. Damals waren es \u00fcber 100 Leute, die kamen. Ich bin gespannt, wie viele es heute Abend sein werden. [Anm. der GWR-Red.: Es kamen \u00fcber 160 Teilnehmer*innen].<\/p>\n<p><strong> Bernd: Ich freue mich auch auf die Musik, die du heute f\u00fcr uns ausgesucht hast. Was h\u00f6ren wir jetzt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Henning<\/strong>: Als erstes eine kleine Provokation, zumindest war sie so gedacht, die aber einen sehr pers\u00f6nlichen Grund hat. Ich habe als Er\u00f6ffnungslied, Zuh\u00f6rerinnen und H\u00f6rer m\u00f6gen staunen, Udo J\u00fcrgens gew\u00e4hlt, mit einem Lied von 1968, mit dem Titel \u201eIch glaube\u201c. Das hat den folgenden Grund, dass Udo J\u00fcrgens 1969 in der Aula der Deutschen H\u00f6heren Privatschule in Windhoek zwei ausverkaufte Konzerte gegeben hat. Ich war damals in der Abiturklasse und konnte als Platzanweiser umsonst beide Konzerte h\u00f6ren. Udo J\u00fcrgens hat bei beiden Auftritten dieses Lied \u201eIch glaube\u201c gesungen, in dem eine Zeile vorkommt, die hei\u00dft: \u201eIch glaube, dass die Haut und ihre Farben den Wert nicht eines Menschen je bestimmt.\u201c In der Art, wie er es vortrug, wurde deutlich, dass er sich absolut bewusst war, dass er in einem Land der Apartheid diese Zeile vortr\u00e4gt. An beiden Abenden gab es eine Person in der abgedunkelten Aula, die da spontan geklatscht hat. Das war f\u00fcr mich in beiderlei Hinsicht ein Beispiel von Zivilcourage, das mich seither sehr beeindruckt hat. Ich dachte, das sollte man auch denen zumuten, die vielleicht die Nase r\u00fcmpfen bei dem Namen und sagen \u201eb\u00fcrgerlich liberal\u201c. \u2013 Vielleicht, aber so what? Udo J\u00fcrgens hat bis zu seinem letzten Konzert \u201eIch glaube\u201c vorgetragen und ich zolle ihm daf\u00fcr Respekt.<\/p>\n<p><strong>Bernd: Ja, dann h\u00f6ren wir mal rein.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch glaube\u201c (Ausz\u00fcge): \u201eIch glaube, dass der Acker, den wir pfl\u00fcgen \/\/ Nur eine kleine Weile uns geh\u00f6rt \/\/ Ich glaube nicht mehr an die alten L\u00fcgen \/\/ Er w\u00e4r auch nur ein Menschenleben wert \/\/ Ich glaube, dass den Hungernden zu speisen \/\/ Ihm besser dient als noch so kluger Rat \/\/ Ich glaube, Mensch sein und es auch beweisen \/\/ Das ist viel n\u00fctzlicher als jede Heldentat \/\/ Ich glaube, diese Welt m\u00fcsste gro\u00df genug Weit genug, reich genug f\u00fcr uns alle sein \/\/ Ich glaube, dieses Leben ist sch\u00f6n genug Bunt genug, Grund genug sich daran zu erfreuen \/\/ Ich glaube, dass man die erst fragen m\u00fcsste \/\/ Mit deren Blut und Geld man Kriege f\u00fchrt \/\/ Ich glaube, dass man nichts vom Krieg mehr w\u00fcsste \/\/ Wenn wer ihn will, ihn auch am meisten sp\u00fcrt \/\/ Ich glaube, dass die Haut und ihre Farben \/\/ Den Wert nicht eines Menschen je bestimmt \/\/ Ich glaube niemand brauchte mehr zu darben \/\/ Wenn auch der geben wird, der heut nur nimmt &#8230;\u201c<\/p>\n<p><strong>Bernd: Ja, das war jetzt tats\u00e4chlich Udo J\u00fcrgens, das erste Mal bei Radio Graswurzelrevolution!<\/strong><\/p>\n<p><strong>Henning<\/strong>: \u00dcberraschung!<\/p>\n<p><strong>Bernd: Also, das h\u00e4tte ich nicht gedacht, das war ja wirklich auch antimilitaristisch, das war antirassistisch. Ich bin positiv \u00fcberrascht. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Henning<\/strong>: Das war der gew\u00fcnschte Effekt.<\/p>\n<p><strong>Bernd: 1974 bist Du in Namibia Mitglied der SWAPO geworden. Du warst \u00fcber 50 Jahre aktiv in dieser Befreiungsorganisation und bist im Sommer 2025 ausgetreten. Kannst Du ein bisschen zur Geschichte der SWAPO erz\u00e4hlen? Warum bist du Mitglied geworden? Und warum bist du ausgetreten? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Henning<\/strong>: Die SWAPO war die antikoloniale Befreiungsbewegung f\u00fcr Namibia. Die gr\u00fcndete sich 1960. In dem Jahr, als wir nach Namibia auswanderten, hatte die SWAPO den bewaffneten Befreiungskampf aufgenommen. Als ich mit der Schule zu Ende war in Windhoek, war f\u00fcr mich Namibia die Heimat geworden. Um in einer Heimat ein Bleiberecht zu haben, muss man etwas daf\u00fcr tun. Das war, auf eine Kurzformel gebracht, das entscheidende Motiv daf\u00fcr, dass ich 1974 der SWAPO beigetreten bin, um mir sozusagen ein Recht zu erwerben, in diesem Land eine Zukunft zu haben. \u201eDer Krieg formt seine Leute.\u201c Das war auch schon ein Thema ab und zu in der Graswurzelrevolution, auch von mir, und es ist nicht nur positiv zu verstehen. Ein bewaffneter Befreiungskampf hat das Potenzial, aus Opfern T\u00e4ter zu machen, oder macht sie eigentlich auch zu T\u00e4tern, wenn der Befreiungskampf erfolgreich sein will. In der SWAPO gipfelte das in Menschenrechtsverletzungen<br \/>\nin den eigenen Reihen, die in den 1980er Jahren eskalierten, indem Tausende von SWAPO-Angeh\u00f6rigen im Exil inhaftiert wurden unter dem Verdacht und Vorwurf, f\u00fcr S\u00fcdafrika zu spionieren. Unter Folter wurden Gest\u00e4ndnisse abgepresst und andere belangt. Es gab nie eine auch nur halbwegs faire G\u00fcterabw\u00e4gung, ob diese Vorw\u00fcrfe zutreffend sind. Die meisten dieser Betroffenen waren einfache Fl\u00fcchtlinge, wo man sagen w\u00fcrde: Was f\u00fcr ein Interesse h\u00e4tte S\u00fcdafrika an denen gehabt? Vermutlich waren die wirklichen Spione diejenigen, die Bestandteil waren dieser internen Repression. Das wurde mit der Unabh\u00e4ngigkeit bekannt und war f\u00fcr mich seither sehr belastend in meinem Bewusstsein, weil ich in der Situation darum wissend das zwar kritisiert habe, aber mich nicht in der Lage sah, deswegen aus der SWAPO auszutreten. Nach 14 Jahren Einreiseverbot hatte ich das Bed\u00fcrfnis, nach Namibia zur\u00fcckzukehren und, wie ich dachte, dazu beizutragen, dass wir wirklich die bessere Gesellschaft machen. Das erwies sich als Trugschluss und f\u00fchrte zehn Jahre danach dazu, dass ich vor Ort das Handtuch warf, aber in der SWAPO blieb, schon damals als einer der lautstarken Kritiker, aber immer unter Verweis, dass sich das als SWAPO-Mitglied tue, um zu unterstreichen, dass auch das eine SWAPO-Position ist.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong> Ein bewaffneter Befreiungskampf hat das Potenzial, aus Opfern T\u00e4ter zu machen, oder macht sie eigentlich auch zu T\u00e4tern, wenn der Befreiungskampf erfolgreich sein will.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ich kritisiere die ehemalige Befreiungsbewegung aufgrund der Werte, aufgrund derer ich Mitglied dieser Bewegung geworden bin. Nun starb im August 2025 Solomon Hawala, der sich den Namen \u201eSchl\u00e4chter von Lubango\u201c erworben hatte.\u2006\u2006 Das soll hei\u00dfen, dass er der Oberkommandierende war, der verantwortlich war f\u00fcr die Folterungen, f\u00fcr die Hinrichtungen, f\u00fcr die elendige Behandlung der Gefangenen, der selbst hundertfach gemordet hat, der nach der Unabh\u00e4ngigkeit zum f\u00fchrenden Mann des Sicherheitsregimes wurde, der 2014 dann pensioniert wurde, sich zur\u00fcckzog. Mit seinem Tod wurde all dieses wieder in der \u00d6ffentlichkeit wach, auch unter den hunderten \u00dcberlebenden, die sich an dieses Trauma immer noch erinnern und die nie rehabilitiert wurden. Ich schrieb daraufhin einen Meinungsartikel direkt am Tag danach und schlug vor, dass dies der Anlass sein sollte, endlich sich diesem Thema zu stellen, in einer ad\u00e4quaten Form, in der Hawala eben auch als Schl\u00e4chter von Lubango beigesetzt wird. Einen Tag sp\u00e4ter erkl\u00e4rte die Staatspr\u00e4sidentin, die auch Pr\u00e4sidentin der SWAPO ist, dass Solomon Hawala aufgrund seiner Verdienste zum nationalen Helden posthum ernannt wird und ein Staatsbegr\u00e4bnis erh\u00e4lt. Da gab es f\u00fcr mich keine Wahl mehr. Ich hab dann am n\u00e4chsten Tag mein R\u00fccktrittsschreiben an die SWAPO-Pr\u00e4sidentin, die zugleich Staatspr\u00e4sidentin ist, und die Generalsekret\u00e4rin der SWAPO gerichtet und hab damit geschlossen, dass ich sagte, ich bleibe unserem Slogan seit der Gr\u00fcndung der SWAPO treu, n\u00e4mlich \u201eSolidarity, Freedom, Justice\u201c.<\/p>\n<p><strong>Bernd: Zu deiner Geschichte passt auch das Lied, was du jetzt f\u00fcr uns ausgesucht hast. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Henning:<\/strong> Ja, es ist sozusagen die englische, internationale Variante von \u201eIch glaube\u201c, denn drei Jahre sp\u00e4ter hat John Lennon unter dem Titel \u201eImagine\u201c ausgedr\u00fcckt, was Udo J\u00fcrgens vorher schon alles selbst vorgetragen hatte.<\/p>\n<p>\u201eImagine\u201c(Ausz\u00fcge): Imagine there&#8217;s no heaven \/\/ It&#8217;s easy if you try \/\/ No hell below us \/\/ Above us only sky \/\/ Imagine all the people \/\/ Living for today \/\/ Imagine there&#8217;s no countries \/\/ It isn&#8217;t hard to do \/\/ Nothing to kill or die for \/\/ And no religion, too Imagine all the people \/\/ Living life in peace \/\/ You may say I&#8217;m a dreamer \/\/ But I&#8217;m not the only one \/\/ I hope someday you&#8217;ll join us \/\/ And the world will be as one \/\/ Imagine no possessions \/\/ I wonder if you can \/\/ No need for greed or hunger \/\/ A brotherhood of men \/\/ Imagine all the people \/\/ Sharing all the world \/\/ You may say I&#8217;m a dreamer \/\/ But I&#8217;m not the only one \/\/ I hope someday you&#8217;ll join us \/\/ And the world will live as one\u201c<\/p>\n<p><strong>Bernd: Henning, du forschst seit Jahrzehnten zur Kolonialgeschichte Afrikas und insbesondere zum Genozid an den Herero und Nama, der w\u00e4hrend der deutschen Kolonialzeit in Namibia begangen wurde. Du hast viel dazu ver\u00f6ffentlicht, unter anderem auch in der Graswurzelrevolution. Viele Menschen haben wahrscheinlich von diesem V\u00f6lkermord noch nichts geh\u00f6rt, weil das Thema nicht in den Medien oder im Schulunterricht pr\u00e4sent ist. Kannst du dazu etwas erz\u00e4hlen?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong> Henning<\/strong>: Der V\u00f6lkermord, der zwischen 1904 und 1908 in der damaligen Kolonie Deutsch-S\u00fcdwestafrika stattfand, war der erste des 20. Jahrhunderts und in den K\u00e4mpfen starben nach Sch\u00e4tzungen zwei Drittel der Ovaherero, Ovaherero ist die Pluralform von Herero, und ein Drittel der Nama, die damals als \u201eHottentotten\u201c verunglimpft wurden.\u2006\u2006 Als \u201eKollateralschaden\u201c, wie das zynisch hei\u00dft, muss man die Damara dazu z\u00e4hlen und die San, die Buschleute, die sich allerdings weniger deutlich artikulieren, weil sie ihrer Agency noch drastischer beraubt wurden als Folge dieses Genozids, als die Nama und die Herero. Es ist wichtig, dass er selbst von der Bundesregierung seit 2015 als V\u00f6lkermord mit dem rechtlich relevanten Zusatz \u201eaus heutiger Perspektive\u201c eingestanden wird.<\/p>\n<p><strong>Markus Beinhauer: Es gibt zwischen Namibia und Deutschland seit vielen Jahren Verhandlungen bez\u00fcglich des Genozids. Und immer wieder gibt es die Kritik, dass die Opfergruppen der Herero und Nama dabei kaum eine Rolle spielen. Da w\u00fcrde mich Deine Einsch\u00e4tzung interessieren: Warum ist das so? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Henning<\/strong>: Es ist ein interessantes Beispiel daf\u00fcr, dass bilaterale, staatliche Verhandlungen zwischen zwei Regierungen koloniale Asymmetrien reproduzieren k\u00f6nnen, auch auf der Seite der vermeintlichen Opfer, denn die namibische Regierung verhandelt mit dem Anspruch, demokratisch gew\u00e4hlt zu sein und alle Bev\u00f6lkerungsgruppen zu vertreten. Dass aber der V\u00f6lkermord ganz bestimmte Bev\u00f6lkerungsgruppen betroffen hat und die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung nicht, weil die nicht in direkter Weise vom Kolonialismus betroffen war, die aber die Hauptbasis der SWAPO als Regierungspartei stellt, t\u00e4uscht dar\u00fcber hinweg, dass sozusagen die Belange der Nachfahren der damals haupts\u00e4chlich betroffenen indigenen Gemeinschaften ignoriert werden. Und sowohl Deutschland wie Namibia hat vor mittlerweile fast 20 Jahren in der UNO eine Resolution mit unterschrieben. Die nicht rechtswirksam ist, aber die trotzdem nat\u00fcrlich ein Bekenntnis ist zu den Rechten indigener Bev\u00f6lkerungen, in der ausdr\u00fccklich festgehalten wird, dass alle Angelegenheiten, die indigene Bev\u00f6lkerungen betreffen, nur verhandelt werden k\u00f6nnen unter direkter Teilnahme von Vertretungen, die von diesen indigenen Bev\u00f6lkerungen ernannt worden sind. Und die Ovaherero, die Nama und Damara werfen der namibischen Regierung vor, dass sie diesen Beschluss nicht respektiert, dass sie im Namen von Bev\u00f6lkerungsgruppen verhandelt, die nicht ein eigenes Wort am Verhandlungstisch haben und die, was eigentlich nie offen ausgesprochen wird, aufgrund der Folgen des V\u00f6lkermords Minderheitsgruppen im Lande sind, denn sie wurden ja nahezu vernichtet. Das hei\u00dft, die Demographie heute, die dazu beitr\u00e4gt, dass die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung im Norden Namibias, die nicht vom V\u00f6lkermord betroffen ist, die SWAPO w\u00e4hlt, die damit Regierung wird, w\u00fcrde anders ausfallen, wenn es diesen V\u00f6lkermord damals nicht gegeben h\u00e4tte.<\/p>\n<p><strong> Markus: Welches Musikst\u00fcck hast Du als n\u00e4chstes f\u00fcr uns ausgesucht? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Henning<\/strong>: Das n\u00e4chste Musikst\u00fcck ist das einzige, das auch mit Krieg zu tun hat: \u201eThe Partisan\u201c. Es zeigt ein wenig die Ambivalenz, die mich auch immer begleitet hat bei der Entscheidung, in die SWAPO einzutreten. Das ist ja kein pazifistischer Entschluss. Es ist sozusagen die Entscheidung, auch billigend in Kauf zu nehmen, dass mit Formen von Gewalt Ziele erreicht werden. Und \u201eThe Partisan\u201c von Leonard Cohen ist auf einer sehr fr\u00fchen LP von ihm, die mich noch im Abiturjahr, so wie Udo J\u00fcrgens, begleitet hat. Ein Lied, in dem zum Ausdruck kommt, welche Opfer Widerst\u00e4ndler, und in dem Fall sogar ausdr\u00fccklich eine \u00e4ltere Frau, zu bringen bereit sind, zur Erk\u00e4mpfung der Rechte, die ihnen verwehrt bleiben. Und bis heute ist es eine Ambivalenz, mit der ich selbst weiterhin lebe, n\u00e4mlich einerseits sehr kritisch zu sein gegen\u00fcber Gewalt, ich hab vorhin schon auf diesen Spruch von Christa Wolf in \u201eKassandra\u201c verwiesen: \u201eDer Krieg formt seine Leute\u201c, und andererseits bereit war, in eine Befreiungsbewegung einzutreten, die mit Mitteln der Gewalt dann selbst solch uns\u00e4gliches Leid in den eigenen Reihen verursacht hat. In Leonard Cohens Lied gibt es die Zeile \u201eFreedom soon will come, then we\u2019ll come from the shadows\u201c. Ich projiziere in dieses \u201ethen we\u2018ll come from the shadows\u201c auch ein St\u00fcck weit Optimismus, den die SWAPO nicht eingel\u00f6st hat, n\u00e4mlich sich dann aus diesem Schatten zu befreien und eine neue Gesellschaft aufzubauen, die dann hoffentlich auch ohne Gewalt auskommt. [Musik: Leonard Cohen \u2013 The Partisan &#8230;]<\/p>\n<p><strong>Markus: In der Wissenschaft gibt es die These und auch die Gegenthese, dass es eine Kontinuit\u00e4t gibt zum einen zwischen der Kolonialzeit der Deutschen, dem deutschen Kolonialismus und dem Nationalsozialismus und eben auch dann zwischen dem Genozid an den Herero und Nama und der Shoa. Wie stehst du dazu? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Henning<\/strong>: Die Kritikerinnen und Kritiker der Kontinuit\u00e4tsthese unterstellen zu Unrecht, dass damit gemeint ist, es gebe einen direkten Weg von Windhoek nach Auschwitz. Es gibt keinen einzigen Kolonialhistoriker, von dem ich w\u00fcsste, dass er das so sagt. Aber ich teile die Meinung derjenigen, die sagen: Um die Eskalation im Holocaust zu verstehen, muss man im deutschen Kolonialismus beginnen. Mentalit\u00e4tsgeschichtlich in der Herausformung von Unterwerfungsstrategien. Der Oberkommandierende des V\u00f6lkermords, Lothar von Trotha, sprach von einem Rassenkrieg und sagte: \u201eIch vernichte die aufst\u00e4ndischen St\u00e4mme mit Str\u00f6men von Blut und Str\u00f6men von Geld.\u201c Personell waren einige der Kolonialoffiziere auch direkt ma\u00dfgeblich beteiligt am Naziregime. Die Rassenforschung begann ja auch mit der<br \/>\nUntersuchung von Sch\u00e4deln und Skeletten von Afrikanern aus den deutschen Kolonien. Also, es gibt eine Geschichte, die auch von Raphael Lemkin, der den Begriff des V\u00f6lkermords gepr\u00e4gt hat, der den deutschen Kolonialismus benennt als anfangs konstituierendes Element von V\u00f6lkermord, schon erw\u00e4hnt wurde in seinen Schriften. Hannah Arendt sagte in den \u201eUrspr\u00fcngen totaler Herrschaft\u201c: Um den Holocaust zu verstehen, m\u00fcssen wir die Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft in den deutschen Kolonien untersuchen. \u2013 Die dann \u00fcbertragen wurden in Herrschaftsformen und Praktiken im eigenen Reich. Also von daher sollten die Kritikerinnen und Kritiker vorsichtig sein bei der \u00dcberlegung: Wen kritisieren sie eigentlich? Sie kritisieren damit auch die Wegbereiter und Pioniere der V\u00f6lkermordthese und jemanden wie Hannah Arendt, die ja teilweise auch heute bei dieser aufgeladenen Debatte tendenziell zur Antisemitin erkl\u00e4rt wird, aufgrund ihrer Kritik. Das ist das Fatale bei der Diskussion heute, dass der Hinweis darauf, um das, was im Naziregime perfektioniert wurde in industrieller Massenvernichtung, richtig zu begreifen, man mentalit\u00e4tsgeschichtlich in die Gedanken eines V\u00f6lkermords zur Zeit des deutschen Kolonialismus zur\u00fcckgehen will. Und der neue Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sagt, dies untergrabe die Singularit\u00e4t des Holocaust und ist f\u00fcr ihn tendenziell antisemitisch. Das hei\u00dft aber eine Pervertierung des \u201eNie wieder!\u201c, das die \u00dcberlebenden von Buchenwald sagten, denn \u201eNie wieder!\u201c hei\u00dft nie wieder Formen von Massenvernichtung, wie sie im ersten V\u00f6lkermord schon in der deutschen Kolonialzeit angelegt waren.<\/p>\n<p><strong> Markus: Vielen Dank. Dein n\u00e4chstes Musikst\u00fcck? <\/strong><\/p>\n<p><strong>Henning<\/strong>: Jetzt kommt der Wandel zur afrikanischen Perspektive. Man h\u00f6rt vielleicht schon raus, dass ich einen leichten Hang zur Sentimentalit\u00e4t habe mit der Auswahl der Lieder. Abdullah Ibrahim, der produzierte 1974 noch unter seinem alten Namen als Jazzer, n\u00e4mlich \u201eDollar Brand\u201c, ein St\u00fcck, in dem er ein Township in Kapstadt intonierte, n\u00e4mlich Manenberg. Das wurde 1974 auf einer Platte ver\u00f6ffentlicht, die seither Kultstatus hat auch im Anti-Apartheid-Widerstand in S\u00fcdafrika, weil es n\u00e4mlich Identit\u00e4t pflegt und dadurch auch Selbstbehauptung f\u00f6rdert, ohne dass es Worte braucht. Es ist ein reines Melodiest\u00fcck. Das war das Jahr, in dem ich in die SWAPO eingetreten bin, und auf dem R\u00fcckweg von Namibia zur Fortsetzung meines Studiums in Westberlin habe ich die Langspielplatte gekauft und mitgenommen. [Musik]<\/p>\n<p><strong> Bernd: Im Sommer 2025 ist in der Graswurzelrevolution Nummer 500 ein bewegender Essay von Dir erschienen, unter dem Titel \u201eSolidarit\u00e4t, das Pfl\u00e4nzchen immergr\u00fcn\u201c. Was bedeutet f\u00fcr dich Solidarit\u00e4t? Wie sieht deine Utopie aus?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong> Henning<\/strong>: Solidarit\u00e4t ist f\u00fcr mich Empathie, Mitgef\u00fchl, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Sichtweisen anderer, die betroffen sind, ohne zu hierarchisieren, was sehr schwierig ist, denn wir urteilen und empfinden ja nach unserer eigenen Lebenswelt und nach unseren eigenen Erfahrungen. Und sich in andere hineinzuversetzen, ist nicht immer einfach und manchmal unm\u00f6glich. Deren Trauma l\u00e4sst sich nicht nachempfinden, aber es l\u00e4sst sich durch Mitgef\u00fchl, nicht Mitleid, Mitgef\u00fchl ist etwas anderes, und Empathie zumindest insofern auffangen, als dass es eine Respektbekundung ist gegen\u00fcber den Empfindungen dieser Menschen. Die oft von Trauma geplagt sind, die manchmal auch sehr aggressiv reagieren, mit Widerstand reagieren. Und zu versuchen, sich damit zu identifizieren, im Sinne einer konstruktiven Teilhabe, die gleichzeitig nicht bedeutet, alles entschuldigend in Kauf zu nehmen, sondern durchaus auch das Recht f\u00fcr sich selbst zu reklamieren, in bestimmten Punkten anders zu denken, anders zu empfinden, anders zu handeln. Aber immer auf dieser Grundlage, das als eine Anerkennung und Respektbezeugung gegen\u00fcber dem anderen zu verstehen, gegen\u00fcber dem dann auch Differenzen vermittelt werden. Auch das ist eine Form von Anerkennung. Und dann zu versuchen, auf einer gemeinsamen Grundlage zu handeln, durchaus teilweise unterschiedlich zu handeln. F\u00fcr mich war immer pr\u00e4gend, was Albert Camus mal gesagt hat, n\u00e4mlich: \u201eAlles, was ich \u00fcber Solidarit\u00e4t wei\u00df, habe ich beim Fu\u00dfball gelernt.\u201c Wenn man heute den Profifu\u00dfball anguckt, dann kommen einem vielleicht noch andere Gedanken, aber zu der Zeit wurde Fu\u00dfball eben als Mannschaftssport im Teamgeist gespielt. Und wenn dann ein St\u00fcrmer nach hinten zur\u00fcckgeht, um die Verteidigung zu unterst\u00fctzen, dann ist es auch eine Form von Solidarit\u00e4t. Meine Utopie ist, dass der Fu\u00dfball wieder solidarisch wird und dass diese Bereitschaft, sich auf andere Menschen einzulassen, gest\u00e4rkt wird. Und dass K\u00e4mpfe anderswo auch als K\u00e4mpfe bei sich selbst verstanden werden. Am\u00edlcar Cabral wurde mal Anfang der Sechzigerjahre gefragt, was denn die beste Form von Solidarit\u00e4t ist. Und er sagte: \u201eIhr k\u00f6nnt uns gerne Medikamente schicken zur Unterst\u00fctzung unseres Befreiungskampfes, humanit\u00e4re Hilfsleistungen. Aber die beste Form der Solidarit\u00e4t ist, dass ihr den Kampf im eigenen Land f\u00fchrt.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Dr\u00fccke: Gestern hast du dein neues Buch \u201eDer lange Schatten des deutschen Kolonialismus\u201c in Essen vorgestellt. Heute Abend stellst du es in der Volkshochschule M\u00fcnster vor. Was kannst du uns zum Inhalt erz\u00e4hlen? Wie war deine gestrige Lesung und was erwartet uns heute Abend? Henning Melber: Es ist formal betrachtet ein fachwissenschaftliches Buch, also &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2025\/12\/der-lange-schatten-des-deutschen-kolonialismus-2\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":33509,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Der lange Schatten des deutschen Kolonialismus - graswurzelrevolution","description":"Bernd Dr\u00fccke: Gestern hast du dein neues Buch \u201eDer lange Schatten des deutschen Kolonialismus\u201c in Essen vorgestellt. Heute Abend stellst du es in der Volkshochs"},"footnotes":""},"categories":[2115],"tags":[],"class_list":["post-33463","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-504-dezember-2025"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33463","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33463"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33463\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33511,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33463\/revisions\/33511"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/33509"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33463"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33463"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33463"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}