{"id":33528,"date":"2026-01-01T11:45:01","date_gmt":"2026-01-01T09:45:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/01\/vielschichtige-juedische-perspektiven\/"},"modified":"2026-01-15T13:22:19","modified_gmt":"2026-01-15T11:22:19","slug":"vielschichtige-juedische-perspektiven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/01\/vielschichtige-juedische-perspektiven\/","title":{"rendered":"Vielschichtige j\u00fcdische Perspektiven"},"content":{"rendered":"<p>In ihrem Roman \u201eJerusalemtag\u201c verkn\u00fcpft Ruth Fruchtman das Leben der J\u00fcdin Roma Kahn mit den politischen Ereignissen in Israel auf feinsinnige Weise, ohne dabei in Agitprop abzugleiten. Roma w\u00e4chst in einer zionistischen Familie in England auf. Ihre Kindheit ist von den Erinnerungen ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern an den Nationalsozialismus \u00fcberschattet und auch gepr\u00e4gt von Erz\u00e4hlungen \u00fcber die Zeit des britischen Mandats \u00fcber Pal\u00e4stina und den gewaltsamen zionistischen Widerstand dagegen. Ihre Eltern schicken sie zu den j\u00fcdischen Pfadfindern. Sp\u00e4ter ermutigt ihre Mutter sie, den Einladungen der Jewish Agency zu folgen, die sie f\u00fcr die Alija \u2013 die Auswanderung nach Israel \u2013 und f\u00fcr die Verteidigung des Landes zu rekrutieren versucht. Dem widersteht Roma, denn sie will nicht in dieses ihr g\u00e4nzlich unbekannte Land, in dem es st\u00e4ndig gewaltt\u00e4tige Konflikte gibt. Erst sp\u00e4ter reist sie nach Israel, versucht sogar dort sesshaft zu werden, studiert, und kehrt dann doch wieder nach England zur\u00fcck.<br \/>\nMit dem Buchtitel \u201eJerusalemtag\u201c spielt die Autorin auf den Tag im Juni 1967 an, als die israelische Armee w\u00e4hrend des Sechs-Tage-Krieges die Altstadt von Ostjerusalem besetzte. Am gleichen Tag \u2013 der fortan jedes Jahr in Israel als Jerusalemtag gefeiert wird \u2013 bringt Roma in London ihren Sohn David zur Welt. Sie ist froh und erleichtert \u00fcber den Sieg der Armee. Nun w\u00fcrde sie am liebsten hinfahren, um die Soldat*innen zu unterst\u00fctzen. Gleichzeitig fragt sie sich jedoch auch, was das auf lange Sicht bedeutet und was nun mit den Menschen dort geschehen wird.<\/p>\n<p>Suche nach Freiheit und Zugeh\u00f6rigkeit<\/p>\n<p>Ihre Ehe erlebt sie bald als K\u00e4fig. Roma sucht die Freiheit und hat gleichzeitig Sehnsucht nach Zugeh\u00f6rigkeit und Liebe. Im Laufe des Romans zieht sie nach Frankreich, dann nach Deutschland \u2013 der Liebe wegen, die doch bald endet.<br \/>\nWenn sie ihre Verwandten in Israel besucht, versteht sie nach und nach, dass das, was sie als Kind und Jugendliche gelernt hat, nicht der Realit\u00e4t entspricht. Dass pal\u00e4stinensische Menschen vertrieben wurden und keineswegs freiwillig das Land verlassen haben, wie es ihr immer erz\u00e4hlt wurde. Die Konfrontation mit der Gewalt, die den Pal\u00e4stinenser*innen angetan wird, setzt einen jahrelangen, von Unsicherheiten und Zweifeln begleiteten Weg des Umdenkens in Gang. Ein Wendepunkt ist das Massaker von Sabra und Schatila 1982. Als Roma begreift, dass israelische Soldaten zugeschaut haben, w\u00e4hrend Pal\u00e4stinenser*innen im libanesischen Fl\u00fcchtlingslager von Milizen ermordet wurden, zerrei\u00dft etwas in ihr.<br \/>\nTrotzdem bleibt eine Bindung an Israel bestehen, denn es ist das Land, das allen Juden und J\u00fcdinnen verspricht, in \u00e4u\u00dferster Not und angesichts einer m\u00f6glicherweise erneut drohenden Vernichtung, dort Zuflucht zu finden. Roma lernt Pal\u00e4stinenser*innen kennen, und immer sind diese Begegnungen begleitet von der Geschichte, die f\u00fcr beide Seiten unterschiedliche Betroffenheit erzeugt.<\/p>\n<p>Von der Zionistin zur solidarischen Aktivistin<\/p>\n<p>Einf\u00fchlsam zeichnet die Autorin nach, wie sich die Zweifel ihrer Protagonistin an der israelischen Regierungspolitik immer mehr verst\u00e4rken, bis sie schlie\u00dflich zur Aktivistin f\u00fcr die Menschenrechte, auch der Pal\u00e4stinenser*innen wird. Dieser Weg ist voller innerer Konflikte.<br \/>\nDie Bilder get\u00f6teter Pal\u00e4stinenser*innen verfolgen Roma. Ihre Gef\u00fchle dr\u00fcckt sie in ihren Bildern aus, malt Leid und Zerst\u00f6rung und stellt die Bilder aus. Sie spricht auf Kundgebungen, erschrocken \u00fcber die Macht ihrer Sprache. Schmerzlich sind die Verwerfungen in der Beziehung zu ihrem Sohn David, der sich immer mehr der j\u00fcdischen Tradition und Religion zuwendet. Wenn Roma ihre Verwandten in Israel besucht, muss sie \u00fcber ihre Fragen und Gedanken zunehmend schweigen, damit es nicht zum Streit kommt. Auch dort nimmt sie an politischen Aktionen teil, einmal sogar, w\u00e4hrend David mit den Siedler*innen den Jerusalemtag feiert.<br \/>\nDie Zerrissenheit zwischen famili\u00e4ren Bindungen und moralischen und menschenrechtlichen \u00dcberzeugungen zieht sich als roter Faden durch den Roman, ebenso wie eine tiefe Verunsicherung \u00fcber die Welt und auch \u00fcber die eigenen Sichtweisen und Empfindungen einer Frau, die auf der Suche nach Wahrhaftigkeit, nach sich selbst und nach ihrem Platz in der Welt ist.<br \/>\nW\u00e4hrend Fruchtman all dies \u00fcber ihre Protagonistin Roma schreibt, schildert sie in mehreren eingestreuten Kapiteln aus der Ich-Perspektive die Weltsicht der Holocaust-\u00dcberlebenden Chaja Fejgel. Diese ist durch die Ermordung ihrer Familie schwer traumatisiert und bleibt trotz Therapie in Verzweiflung und Hass gefangen. Die Geschichte beider Frauen ist tragisch verwoben.<br \/>\nIn einem Glossar werden Begriffe aus der j\u00fcdischen Lebenswelt erl\u00e4utert.<br \/>\nDer Roman ist vor dem Massaker des 7. Oktober und dem Genozid in Gaza geschrieben worden. Trotzdem liest er sich aktuell, und die darin angesprochenen Fragen sind vielleicht heute wichtiger denn je. Die Gedanken und Empfindungen unter der Oberfl\u00e4che allt\u00e4glichen Funktionierens, die Roma oft qu\u00e4len, hat Ruth Fruchtman nachf\u00fchlbar gezeichnet. Eine besondere Bedeutung bekommen sie durch die j\u00fcdischen Perspektiven, deren Vielschichtigkeit mir im Roman nachvollziehbar wurde. Trotz seiner Schwere habe ich Jerusalemtag gerne gelesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrem Roman \u201eJerusalemtag\u201c verkn\u00fcpft Ruth Fruchtman das Leben der J\u00fcdin Roma Kahn mit den politischen Ereignissen in Israel auf feinsinnige Weise, ohne dabei in Agitprop abzugleiten. 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