{"id":3353,"date":"2000-05-01T00:00:32","date_gmt":"2000-04-30T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3353"},"modified":"2022-07-26T13:56:57","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:57","slug":"nicht-nur-fur-eltern-nicht-nur-fur-kinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/05\/nicht-nur-fur-eltern-nicht-nur-fur-kinder\/","title":{"rendered":"Nicht nur f\u00fcr Eltern, nicht nur f\u00fcr Kinder"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\">&#8222;Es ist schon so: die Fragen sind es,<br \/>\naus denen das, was bleibt, entsteht.<br \/>\nDenkt an die Frage jenes Kindes:<br \/>\nWas tut der Wind, wenn er nicht weht?&#8220;<\/p>\n<p>Erich K\u00e4stner<\/p>\n<p>Tahar Ben Jelloun ist kein unbekannter Schriftsteller. Ein gutes Dutzend B\u00fccher, Erz\u00e4hlungen, Aufs\u00e4tze und Romane, sind mittlerweile in Frankreich von ihm erschienen (und z.T. auch ins Deutsche \u00fcbersetzt worden). 1987 erhielt er f\u00fcr seinen Roman <cite>&#8222;La nuit sacr\u00e9e&#8220;<\/cite> den renomierten franz\u00f6sischen Literaturpreis Prix Goncourt. Er gilt als<cite> &#8222;der bekannstste maghrebinische Schriftsteller franz\u00f6sischer Sprache&#8220;<\/cite>.<\/p>\n<p>Seit Januar 1998 liegt bei Edition Seuil (einem der drei &#8222;Giganten&#8220; des weitlich monopolisierten franz\u00f6sischen Verlagswesens) ein weiteres Buch vor, kaum einhundert Seiten stark, ein wirkliches <cite>Taschen-Buch<\/cite>.<\/p>\n<p>F\u00fcr dieses Buch wird Jelloun ganz sicher keinen Literaturpreis bekommen. Aber eine andere Auszeichnung ist ihm sicher, jetzt schon, da das Buch \u00fcberarbeitet und mit einem umfangreichen Anhang in zweiter Auflage (in Frankreich) erschienen und auch auf deutsch mittlerweile zu haben ist: den <cite>&#8222;armseligen Stern der Hoffnung \u00fcber dem Herzen&#8220;<\/cite> (Bachmann) soll er bekommen, er und seine kleine Tochter, f\u00fcr ein Buch, das nicht nur in Frankreich l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig war: <cite>&#8222;le racisme expliqu\u00e9 \u00e0 ma fille&#8220;<\/cite> (Deutscher Titel:<cite>&#8222;Papa, was ist ein Fremder?&#8220;<\/cite>).<\/p>\n<p><cite>&#8222;Es war auf dem Weg zu einer Demonstration gegen das Debr\u00e9-Gesetz (la loi Debr\u00e9) \u00fcber Einreise und Aufenthalt von Fremden in Frankreich, am 22. Februar 1997, da\u00df mir die Idee zu diesem Buch kam&#8220;<\/cite> schreibt Jelloun. <cite>&#8222;Meine Tochter, damals zehn Jahre alt, hat mir viele Fragen gestellt. Sie wollte wissen, warum wir demonstrieren, was bestimmte Parolen bedeuten, ob es irgendetwas n\u00fctze, auf den Stra\u00dfen herumzulaufen und zu protestieren etc. Und so endeten wir schlie\u00dflich damit, uns \u00fcber den Rassismus zu unterhalten (&#8230;) Ein Kind ist neugierig. Es stellt viele Fragen und es erwartet pr\u00e4zise und \u00fcberzeugende Antworten. Man mogelt nicht mit den Fragen eines Kindes (&#8230;) Dieses Buch, das versucht, auf die Fragen meiner Tochter zu antworten, richtet sich an Kinder, die noch keine Vorurteile haben und begreifen wollen. Was die Erwachsenen angeht, die es lesen, so hoffe ich, da\u00df es ihnen helfen wird, die Fragen ihrer eigenen Kinder, oft verst\u00f6render, als man glaubt, zu beantworten&#8220;<\/cite>.<\/p>\n<p>Es ist hier nicht der Ort, mit Tahar Ben Jelloun zu rechten: ihm etwa sein allzu gro\u00dfes Vertrauen in die M\u00f6glichkeiten der Erziehung und die Gutwilligkeit der staatlichen Bildungsanstalten vorzuhalten; sich zu verwundern, da\u00df er mal den Rassismus als <cite>&#8222;Krankheit&#8220;<\/cite> bezeichnet, dann seine Tochter, als sie wissen will, ob ein Rassist <cite>&#8222;gesund werden&#8220;<\/cite> k\u00f6nne, aber verwundert fragt, ob sie den <cite>&#8222;Rassismus f\u00fcr eine Krankheit&#8220;<\/cite> halte (Im Anhang wird von mehreren Kindern genau diese Kritik ge\u00e4u\u00dfert!). Und schon gar nicht sollte sich eine blasierte Linke aufblasen und mockieren, einige Erkl\u00e4rungen Jellouns seien <cite>nun doch allzu simpel<\/cite>. Wieviel von dem prachtvollen Geb\u00e4ude unserer theoretischen Weltsicht,- und Erkenntnis w\u00fcrde wohl zusammenfallen wie ein Kartenhaus bei der ersten Frage eines Kindes? Nicht vermittelbares Wissen, so f\u00fcrchte ich, ist wertlos.<\/p>\n<p>Tahar Ben Jelloun f\u00fchrt keinen fiktiven Dialog mit seinem schriftstellerischen <cite>alter ego<\/cite>. In seinem Buch, das ist seine gro\u00dfe und wichtigste St\u00e4rke, sprechen zwei wirkliche Menschen miteinander: die eine will wissen, verstehen, fragt immer und immer wieder nach, l\u00e4\u00dft sich Begriffe erkl\u00e4ren, die sie nicht versteht. Und werden die Antworten einmal zu verwickelt, ruft sie ihr Gegen\u00fcber zur Ordnung:<cite>&#8222;Papa, Du drehst Dich im Kreis!&#8220;<\/cite>. Der andere mu\u00df antworten, sich klar und verst\u00e4ndlich ausdr\u00fccken, eine Sprache finden, in der schwierige und gelegentlich abstrakte Probleme Gestalt annehmen k\u00f6nnen f\u00fcr die doch \u00fcberaus <cite>k\u00f6rperliche<\/cite> Wirklichkeit eines Kindes.Die Sprache des Buches ist einfach, nie schlicht; kindgerecht, nicht kindlich (Wer des Franz\u00f6sischen m\u00e4chtig ist, w\u00e4re gut beraten, sich an das Original zu halten &#8211; es ist nicht schwierig und sehr sch\u00f6n!). Tahar Ben Jelloun versucht, im wahrsten Sinne des Wortes, den Rassismus f\u00fcr seine Tochter &#8222;begreifbar&#8220; zu machen.<\/p>\n<p>Da\u00df er sich dabei ganz und gar seinem Gegenstand unterordnet, ist f\u00fcr einen Schriftsteller dieses Formats keineswegs selbstverst\u00e4ndlich und beweist, da\u00df es ihm ernst ist mit seinem p\u00e4dagogischen Ansinnen: <cite>&#8222;Ich bin von dem Prinzip ausgegangen, da\u00df der Kampf gegen den Rassismus mit der Erziehung beginnt. Kinder kann man erziehen. Erwachsene nicht&#8220;<\/cite>. F\u00fcnfzehnmal, so Jelloun, habe er das Buch umschreiben m\u00fcssen. <cite>&#8222;Als erstes haben wir (meine Tochter und ich) es gemeinsam gelesen. Ich mu\u00dfte es danach fast vollst\u00e4ndig neu schreiben. Ich mu\u00dfte schwierige Begriffe \u00e4ndern und komplizierte Zusammenh\u00e4nge erkl\u00e4ren. Ein anderes mal lasen wir es mit zwei ihrer Freundinnen zusammen. Ihre Reaktionen waren sehr interessant. Ich habe ihnen Rechnung getragen in den Versionen, die ich nachher erarbeitet habe&#8220;<\/cite>.<\/p>\n<p>Fettgedruckt durchziehen das Buch die Kernbegriffe, mit deren Hilfe Jelloun versucht, seiner Tochter den Rassismus zu erkl\u00e4ren:<cite>&#8222;Xenophobie&#8220;<\/cite>, <cite>&#8222;Vorurteile&#8220;<\/cite>, <cite>&#8222;Angst&#8220;<\/cite>, <cite>&#8222;soziokulturelle Unterschiede&#8220;<\/cite>, <cite>&#8222;S\u00fcndenbock&#8220;<\/cite>, <cite>&#8222;Ghetto&#8220;<\/cite>, <cite>&#8222;Genozid&#8220;<\/cite>,<cite> &#8222;Hass&#8220; (u.a.)<\/cite> &#8211; zu jedem dieser Themen wird er &#8222;gel\u00f6chert&#8220;, solange, bis er eine fassbare Erl\u00e4uterung liefert.<\/p>\n<p>&#8222;-Was ist das, soziokulturelle Unterschiede?<br \/>\n&#8211; Soziokulturelle Unterschiede unterscheiden eine Gruppe von Menschen von der anderen dadurch, wie sich die Menschen in der Gesellschaft organisieren (Vergi\u00df nicht : jede menschliche Gruppe hat ihre Traditionen und ihre Sitten und Gebr\u00e4uche) und was f\u00fcr kulturelle Dinge sie schaffen (Die afrikanische Musik ist anders als die europ\u00e4ische). Die Kultur der einen ist anders als die der anderen Gruppe.(&#8230;)<br \/>\n&#8211; Und der Rassist f\u00fchlt sich bedroht?<br \/>\n<cite>&#8211; Ja, weil er Angst hat vor allem, was ihm nicht \u00e4hnelt. Der Rassist leidet entweder an einem Minderwertigkeitskomplex oder er h\u00e4lt sich f\u00fcr \u00fcberlegen. Das kommt auf&#8217;s gleiche &#8218;raus, denn sein Verhalten wird im einen wie im anderen Falle voller Verachtung sein&#8220; <\/cite>(S.10\/23)<\/p>\n<p>Wie in einem wirklichen Gespr\u00e4ch schweifen Jelloun und seine Tochter gelegentlich ab. Sie fragt nach einem (von ihm allzu l\u00e4ssig hingeworfenen) Sartre-Zitat, er erl\u00e4utert ihr, was es mit dem <cite>Cloning<\/cite> auf sich habe. Jelloun ist klug genug, diese &#8222;Umwege&#8220; im Text zu belassen (ohne sich freilich damit vom Thema zu entfernen, viel mehr im Gegenteil!). Er erh\u00e4lt damit die Lebendigkeit des Buches bis zum Schlu\u00df:<\/p>\n<p>&#8220; &#8211; Ich will nicht lernen, mit C\u00e9line zusammenzuleben, sie ist b\u00f6se, verlogen, und sie klaut.<br \/>\n&#8211; Du \u00fcbertreibst, das ist ein bi\u00dfchen viel f\u00fcr ein M\u00e4dchen in deinem Alter!<br \/>\n&#8211; Sie war gemein zu Abdou. Sie will sich in der Klasse nicht neben ihn setzen, und sie hat h\u00e4ssliche Sachen gesagt \u00fcber die<br \/>\nSchwarzen.<br \/>\n&#8211; (&#8230;) Aber man mu\u00df nicht mit ihr umgehen wie sie mit Abdou umgeht. Man mu\u00df mit ihr reden, ihr erkl\u00e4ren, warum sie<br \/>\nunrecht hat.<br \/>\n<cite>-Alleine schaff&#8217;ich das nicht&#8220; <\/cite>(S.53)<\/p>\n<p>Nach Erscheinen des Buches besuchte Jelloun von Januar bis Mai 1998 etwa 15 Schulen und stellte sich den Fragen der Sch\u00fclerInnen. Diese Fragen, im Anhang der zweiten Auflage versammelt, sind vielleicht das Beklemmendste und Beunruhigendste des Buches. Sie bieten Einblick in die ganz allt\u00e4gliche Konfrontation der Kinder mit einem Rassismus, der in Frankreich noch pr\u00e4senter ist als anderswo &#8211; im Freundeskreis, in der Gesellschaft oder in der eigenen Familie:<cite>&#8222;Zahra, 12 Jahre, mit gro\u00dfen, schwarzen Augen (&#8230;) in einer Schule in Montpellier: &#8218;Was denken Sie \u00fcber arabische Eltern, die ihr Kind von der Schule nehmen, weil es da zuviele Araber gibt?&#8216;. Ich bitte sie, die Frage zu wiederholen und vergewissere mich, da\u00df es sich wirklich um arabische Eltern handelt. &#8218;Absolut&#8216; sagt sie. Ich verheimliche ihr nicht meine Verbl\u00fcffung. Und sage mir:&#8217;Wie soll ich einem Kind den Selbsthass erkl\u00e4ren?&#8216;. Ich versuche es nicht und rede lieber \u00fcber das sehr starke Bed\u00fcrfnis, sich zu integrieren (&#8230;) &#8218;Aber das Kind wollte die Schule gar nicht verlassen! Seine Eltern sind rassistisch!&#8216;. Der Klassenlehrer, ebenfalls bei dem Treffen anwesend, unterbricht: &#8218;Sie spricht von ihrem eigenen Fall; sie hat darunter gelitten&#8216;.<\/cite><\/p>\n<p>Fast wie nebenbei lernt mensch beim Lesen das &#8222;Herkunftsland&#8220; (Die Jellouns leben allerdings seit \u00fcber 20 Jahren in Frankreich) der beiden kennen, Marokko:<\/p>\n<p>&#8222;- Und in Marokko, gibt es da Juden? Ich wei\u00df, da\u00df es Berber gibt, denn Mama ist Berberin.<br \/>\n<cite>&#8211; In Marokko haben Juden und Muselmanen fast acht Jahrhunderte lang zusammengelebt. Die Juden hatten ihre eigenen Viertel, die nannte man mellah. Sie vermischten sich nicht mit den Muslimen, aber sie stritten sich auch nicht mit ihnen. (&#8230;) Als Frankreich von den Deutschen besetzt wurde, hat sich Mohammad V, der K\u00f6nig von Marokko, geweigert, die Juden an Mar\u00e9chal P\u00e9tain auszuliefern, der sie forderte, um sie in die Konzentrationslager der Nazis und damit in die H\u00f6lle zu schicken. Er hat sie besch\u00fctzt. Der K\u00f6nig hat P\u00e9tain geantwortet: &#8218;Dies sind meine Untertanen, es sind marokkanische B\u00fcrger. Hier sind sie zuhause, sie sind in Sicherheit. Ich k\u00fcmmere mich um ihren Schutz&#8216;. Die \u00fcber die ganze Welt verstreuten Juden haben ihn sehr gemocht&#8220;<\/cite> (S.44)<\/p>\n<p>Da\u00df dieses Buch keine &#8222;endg\u00fcltige&#8220; Darstellung und (Er-) Kl\u00e4rung des Rassismus sein kann, wei\u00df Jelloun genauso gut wie seine LeserInnen. Es ist ein Versuch, ein n\u00f6tiger, ein sch\u00f6ner, wichtiger und gelungener Versuch der praktischen Einflu\u00dfnahme, eine <cite>Ann\u00e4herung<\/cite>. Ein warmes, rundes und im besten Sinne menschliches Buch ist dabei herausgekommen, unpr\u00e4tenti\u00f6s und hochpolitisch zugleich. Nur im Schlu\u00dfwort, an seine Tochter gerichtet, zeigt sich der Sprachk\u00fcnstler Jelloun: <cite>&#8222;Wenn Du wieder zur Schule gehst, sieh Dir alle Sch\u00fclerInnen an und bemerke, da\u00df sie alle unterschiedlich sind, da\u00df diese Vielheit etwas Sch\u00f6nes ist. Sie ist ein Gl\u00fcck f\u00fcr die Menschheit. (&#8230;) Wisse schlie\u00dflich, da\u00df jedes Gesicht ein Wunder ist. Du wirst nie zwei v\u00f6llig identische Gesichter entdecken k\u00f6nnen. Wer schert sich um Sch\u00f6nheit oder H\u00e4sslichkeit. Das sind relative Dinge. Jedes Gesicht ist ein Symbol des Lebens. Jedes Leben verdient Respekt. Niemand hat das Recht, eine andere Person zu erniedrigen. Jeder hat ein Recht auf seine W\u00fcrde. (&#8230;) Man bezeugt die Achtung vor sich selber, indem man die anderen w\u00fcrdig behandelt&#8220;.<\/cite><\/p>\n<p>Es findet sich noch ein anderes Fazit. Eines, das mir ob seiner trockenen, lebendigen Wirklichkeit fast noch lieber ist. Es hei\u00dft:<\/p>\n<p><strong>&#8222;- Papa, ich werde jetzt ein Schimpfwort sagen: der Rassist ist ein Arschloch!&#8220;.<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Sinne, lieber Gru\u00df<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Es ist schon so: die Fragen sind es, aus denen das, was bleibt, entsteht. Denkt an die Frage jenes Kindes: Was tut der Wind, wenn er nicht weht?&#8220; Erich K\u00e4stner Tahar Ben Jelloun ist kein unbekannter Schriftsteller. 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