{"id":33661,"date":"2026-01-31T11:08:06","date_gmt":"2026-01-31T09:08:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/01\/die-loesung-ist-die-dezentralisierung-der-macht\/"},"modified":"2026-03-28T18:34:57","modified_gmt":"2026-03-28T16:34:57","slug":"die-loesung-ist-die-dezentralisierung-der-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/01\/die-loesung-ist-die-dezentralisierung-der-macht\/","title":{"rendered":"\u201eDie L\u00f6sung ist die Dezentralisierung der Macht\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Robert Krieg: Du hast mir gesagt, dass das Projekt Rojava nicht nur von au\u00dfen, sondern auch von innen bedroht ist. Wirtschaftliche Interessen dominieren zunehmend das gesellschaftliche Leben und den gesellschaftlichen Diskurs. Kannst du diesen Prozess etwas n\u00e4her beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sev\u00eenaz Evdik\u00ea:<\/strong> Das soziale Leben in Rojava basiert auf dem geselligen Beisammensein der Menschen und ihrer gegenseitigen Hilfe. Ich kenne viele Familien wie meine eigene, die in Armut lebte, aber wir hatten nie Probleme, uns zu ern\u00e4hren. Wir hatten Nachbarn, die uns alle unterst\u00fctzten. Aber jetzt hat sich die Situation aufgrund vieler Umst\u00e4nde stark ver\u00e4ndert. Durch den Krieg ist die soziale Struktur zunehmend zerbrochen, und wir leben nicht mehr in unseren Herkunftsst\u00e4dten. Ein gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung Rojavas ist vertrieben worden. Sie lebt nicht mehr in ihrer eigenen Community, und die soziale Unterst\u00fctzung von fr\u00fcher existiert nicht mehr. Es gibt sie zwar noch, aber man muss seine Gemeinschaft neu aufbauen. Das ist etwas, was sich ge\u00e4ndert hat, und wirtschaftlich haben die Menschen als Vertriebene zu k\u00e4mpfen. Nach all den Bombardierungen 2023 spricht man nicht mehr \u00fcber die Zerst\u00f6rung der Infrastruktur, der Gas- und\u2006\u2006\u00d6lversorgung, der Elektrizit\u00e4tswerke. Aber sie hatte enorme Auswirkungen auf die Menschen in Rojava. Jetzt gibt es \u00fcberhaupt keinen Strom mehr, es fehlt an Diesel, um im Winter f\u00fcr W\u00e4rme zu sorgen. Viele Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren, weil viele Einrichtungen zerst\u00f6rt wurden. Hinzu kommen die Handelsbeschr\u00e4nkungen, die die USA gegen Syrien verh\u00e4ngt hatten. Ende 2023 wurde alles sehr teuer. Das Embargo hat dazu wesentlich beigetragen. Das Gehalt eines Arbeitnehmers reicht nicht aus. Die Menschen m\u00fcssen zwei oder drei Jobs aus\u00fcben, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Existenz vieler Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in Rojava unser Sozialleben zerst\u00f6rt. Sie zahlen ihren Mitarbeiter und Mitarbeiter:innen mehr als 1000 Dollar, w\u00e4hrend die Mitarbeiter:innen der Selbstverwaltung weniger als 110 Dollar im Monat verdienen. Es gibt Gesch\u00e4fte, in denen man 30, 40 Dollar f\u00fcr ein T-Shirt bezahlt, weil die Mitarbeiter der NGOs dort einkaufen. All dies bringt die Menschen in gro\u00dfe Schwierigkeiten. Fr\u00fcher waren die Menschen bereit, Rojava zu verteidigen, aber jetzt k\u00e4mpfen sie um ihr pers\u00f6nliches \u00dcberleben, es geht nicht mehr nur um die Bombardierungen. Wir verteidigen Rojava, aber es gibt so viele Probleme im Inneren, f\u00fcr die man eine L\u00f6sung finden muss.<\/p>\n<p><strong>Robert: Kann man sagen, dass das einen Einfluss darauf hat, dass die Menschen nicht mehr so sehr f\u00fcr die Revolution k\u00e4mpfen wie fr\u00fcher? Dass sie viel mehr daran interessiert sind, private Dinge zu tun, um ihr wirtschaftliches Auskommen zu sichern?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sev\u00eenaz<\/strong>: Ja, genau so ist es. Jetzt k\u00e4mpfen die Menschen um ihr t\u00e4gliches \u00dcberleben. Eine Familie mit Kindern kann nicht jeden Tag etwas f\u00fcr die gr\u00f6\u00dfere Sache, f\u00fcr unsere Revolution, tun. Die Menschen m\u00fcssen f\u00fcr ihre eigene Familie sorgen, was zu einem enormen Kampf wird. Im Jahr 2024 griff die t\u00fcrkische Armee den Ti\u015fr\u00een-Damm an. ((1)) Jeden Tag, wenn ich nach Heseke fuhr, sah ich an der Kreuzung am Rande der Stadt Hunderte von Menschen, die auf dem Weg dorthin waren, obwohl es sehr gef\u00e4hrlich war, weil die t\u00fcrkische Armee weiter bombardierte und keinen Unterschied zwischen Zivilist:innen und K\u00e4mpfer:innen machte. Sie t\u00f6teten einfach Menschen. Aber die Menschen gingen dorthin. Viele unserer Freundinnen und Freunde gingen dorthin, und wir verloren viele von ihnen, sogar K\u00fcnstler:innen. Ich w\u00fcrde also nicht sagen, dass die Menschen nicht bereit sind, Rojava zu verteidigen. Aber in Zeiten ohne Angriffe k\u00e4mpfen die Menschen in ihrem Privatleben um ihre wirtschaftliche Existenz.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Das soziale Leben in Rojava basiert auf dem geselligen Beisammensein der Menschen und ihrer gegenseitigen Hilfe<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>Robert: Die wirtschaftlichen Bedingungen, insbesondere im Alltag von K\u00fcnstler:innen, wie wirkt sich das auf die Kreativit\u00e4t, auf die \u00c4sthetik, den filmischen Erz\u00e4hlstil der kurdischen Filmemacher:innen aus?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sev\u00eenaz<\/strong>: Ich habe keine allgemeing\u00fcltige Antwort auf diese Frage. Ich kann nur von meinen pers\u00f6nlichen Erfahrungen berichten.<\/p>\n<p><strong>Robert: Ja, bitte.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sev\u00eenaz<\/strong>: In meinem Leben gibt es zwei Dinge, die mir am wichtigsten sind. Ich k\u00f6nnte sehr erfolgreich sein, wenn ich sie miteinander verbinden k\u00f6nnte. Das eine ist das Kino, das andere die Revolution, um Rojava aufzubauen. Ich sage immer, wenn ich diese beiden Dinge in meinem Leben vereinen k\u00f6nnte, w\u00fcrde ich sagen, dass ich ein erf\u00fclltes Leben als K\u00fcnstlerin und als Mensch aus Rojava gef\u00fchrt habe. Ich habe das in den letzten zehn Jahren seit 2015 versucht. Jetzt unterrichte ich an der Akademie 25 Studentinnen. Ich denke, ich kann immer noch etwas (zum Kino) beitragen, aber meine pers\u00f6nliche Erfahrung als Filmemacherin zeigt, dass es sehr anstrengend ist, da ich drei verschiedene Aufgaben gleichzeitig bew\u00e4ltigen muss. Zwei davon betreffen die Revolution im k\u00fcnstlerischen Bereich, die F\u00f6rderung und Ausbildung von K\u00fcnstlerinnen, aber die dritte ist rein wirtschaftlicher Natur. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Und im Moment kann ich nichts Kreatives erschaffen. Ich leiste zwar meinen Beitrag zum kreativen Leben in Rojava, aber pers\u00f6nlich schaffe ich nichts. Das macht mich traurig, aber ich denke, das ist eine Phase, die immer wieder vorkommt. Man muss eben das tun, was gerade n\u00f6tig ist.<\/p>\n<p><strong>Robert: Die kurdischen Filme auf dem Festival werden, soweit ich das beurteilen kann, von Geschichten \u00fcber milit\u00e4rische K\u00e4mpfe dominiert. Ich denke, das beeinflusst und beschr\u00e4nkt die Sicht auf die gesellschaftliche Entwicklung. Gesellschaftliche Entwicklung ist viel vielf\u00e4ltiger, sie besteht nicht nur aus Kampfhandlungen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sev\u00eenaz<\/strong>: Genau.<\/p>\n<p><strong>Robert: Ich sp\u00fcre darin die Gefahr einer Militarisierung der Gesellschaft. Ich denke, das steht im Widerspruch zum Aufbau einer grundlegenden demokratischen Gesellschaft mit friedlichen Mitteln. Vielleicht kannst du dazu etwas sagen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sev\u00eenaz<\/strong>: Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Genau deshalb ist es wichtig, junge Menschen darin zu schulen, sich so auszudr\u00fccken, wie sie es m\u00f6chten. All diese Filme, die sich mit dem Milit\u00e4r und dem bewaffneten Kampf befassen, gehen darauf zur\u00fcck, dass man die Verantwortung hat, \u00fcber die Ereignisse hier zu berichten. Und leider drehte sich unser Leben zumindest in den letzten zehn Jahren ausschlie\u00dflich um die milit\u00e4rische Verteidigung von Rojava. Ich denke, was fehlt, sind Filme \u00fcber die soziale Struktur, den Wiederaufbau des sozialen Lebens und die Fokussierung darauf. Es geht jetzt darum, daf\u00fcr mehr M\u00f6glichkeiten zu schaffen. Denn es gibt Menschen, die gern mehr \u00fcber soziale Strukturen und ihren Aufbau informieren w\u00fcrden. Die derzeitigen M\u00f6glichkeiten beschr\u00e4nken sich darauf, \u00fcber Rojavas Selbstverteidigung zu berichten. Ich w\u00fcnsche mir, dass wir in Zukunft gen\u00fcgend M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Menschen haben werden, sich auszudr\u00fccken \u2013 in Experimentalfilmen, in Filmen, die die sozialen Strukturen thematisieren, in Filmen, die auch kritisch mit unseren eigenen Problemen umgehen. Doch momentan sind unsere M\u00f6glichkeiten sehr begrenzt, und das liegt an dem Verantwortungsgef\u00fchl, \u00fcber die aktuellen Geschehnisse in Rojava sprechen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Robert: Auf dem Festival laufen viele Filme \u00fcber Frauen, aber nur wenige haben Regie gef\u00fchrt. Woran liegt das? Rojava k\u00e4mpft f\u00fcr die Gleichberechtigung der Frauen. K\u00f6nnte eine Quote helfen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sev\u00eenaz<\/strong>: Ich glaube nicht, dass das das Problem ist. Vielleicht \u00e4ndert sich das in Zukunft, \u00e4hnlich wie das gesellschaftliche Leben. Im w\u00f6rtlichen Sinn ist man k\u00fcnstlerisch gleichberechtigt. Aber die gesellschaftliche Situation von Frauen hier ist wirklich schwierig. Es ist ein Kampf, der leider schon seit \u00fcber zehn Jahren andauert. Es ist nicht so, dass wir einfach entscheiden und das Kunstleben hier gemeinsam gestalten. Wir haben unsere eigenen Institutionen als Frauen. Ich geh\u00f6re einer reinen Fraueninstitution an. Und wir versuchen, etwas zu schaffen. Aber es gab viele M\u00e4nner, die sofort nach Beginn der Revolution loslegen konnten, w\u00e4hrend die Frauen erst einmal k\u00e4mpfen mussten, um \u00fcberhaupt rauszugehen, um zu lernen und dann erst einmal kreativ werden zu k\u00f6nnen. Deshalb sind wir etwas unterrepr\u00e4sentiert, aber hoffentlich \u00e4ndert sich das in Zukunft. Wir haben dazu eine Statistik erstellt. In Frauenkollektiven haben wir die Anzahl der Frauen erfasst, die in Rojava an Filmen mitwirken. Und es gibt mehr Frauen als M\u00e4nner, die im Filmbereich t\u00e4tig sind. In allen Bereichen. Als Schauspielerinnen, hinter der Kamera und als Produktionsassistentinnen, insbesondere in Produktionsteams. Aber als Regisseurinnen sind wir unterrepr\u00e4sentiert. Das liegt daran, dass die M\u00e4nner, die in der Filmbranche begonnen haben, bereits ausgebildet waren und die Kamera bedienen konnten. Sie konnten fr\u00fcher Filme machen, auch wenn es noch wenig war. Wir hingegen mussten uns abm\u00fchen, \u00fcberhaupt das Haus zu verlassen, Ausreden finden und daf\u00fcr k\u00e4mpfen, zwei Monate am Set zu sein. Es ist also nur eine Frage der Zeit, aber meiner Meinung nach keine Frage der Qualit\u00e4t. Denn die Qualit\u00e4t von M\u00e4nnern und Frauen ist gleich, insbesondere im Filmbereich. Das ist meine eigene Erfahrung.<\/p>\n<p><strong>Robert: Du arbeitest als Dozentin an der k\u00fcrzlich gegr\u00fcndeten Kunstakademie f\u00fcr Frauen in Hesek\u00ea. Es gibt aber auch eine k\u00fcrzlich gegr\u00fcndete Kunstakademie in Derik. Was ist der Unterschied? Warum ist es Dir wichtig, an dieser Kunstakademie f\u00fcr Frauen zu arbeiten und generell eine solche Kunstakademie speziell f\u00fcr Frauen zu gr\u00fcnden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sev\u00eenaz<\/strong>: Aus meiner eigenen Erfahrung und der vieler Frauen hier, die im Kunstbereich arbeiten, wei\u00df ich, dass wir zwar in jeder Institution ein System der Koexistenz und unsere eigenen Entscheidungsprozesse haben. Wir haben aber mit M\u00e4nnern zusammengearbeitet, die \u2013 ich w\u00fcrde sagen \u2013 seit Jahrhunderten dachten, sie seien die Anf\u00fchrer. Es war sehr schwierig, ein Gleichgewicht zu finden zwischen einem Mann, der sich als Anf\u00fchrer sieht, kreativ ist und versucht, sich im Zuge der Revolution zu ver\u00e4ndern, aber es eigentlich nicht wirklich versucht, weil er bereits die bessere Position hat. Es ging darum, ein Gleichgewicht zwischen solch einem Mann und den unerfahrenen Frauen zu finden, deren allergr\u00f6\u00dfter Traum es sein w\u00fcrde, ein Universit\u00e4tsstudium abzuschlie\u00dfen und einen Angestellten-Job zu finden, ohne an irgendeinem kreativen Leben teilzuhaben. Obwohl das System also nach dem Prinzip der Gleichberechtigung geschaffen wurde, war die Situation von M\u00e4nnern und Frauen alles andere als gleichberechtigt. Deshalb dachten wir, wir schaffen einen Raum nur f\u00fcr Frauen, in dem sie sich frei, authentisch und wohlf\u00fchlen k\u00f6nnen. Die Frauen hier f\u00fchlen sich unter M\u00e4nnern nicht wirklich wohl. An unserer Akademie k\u00f6nnen sie beginnen, sich frei ausdr\u00fccken. Und genau aus diesem Grund wurde diese Institution gegr\u00fcndet. Von der Frauenbewegung, die sich seit jeher daf\u00fcr einsetzt, dass Frauen ihren eigenen Weg gehen und ihren eigenen Raum haben. Auch wenn sie mit M\u00e4nnern gleichberechtigt zusammen arbeiten. Das System ist so eingerichtet, dass es ihre Rechte respektiert. Trotzdem brauchen sie ihren eigenen Raum, und ich sehe bereits die Ergebnisse. Die Frauen an unserer Akademie sind jetzt sehr unabh\u00e4ngig und stark; sie sagen, was sie denken. Das habe ich in all den Jahren, in denen ich in den Institutionen von Rojava gearbeitet habe, trotz der Revolution nicht erlebt.<\/p>\n<p><strong>Robert: Meine n\u00e4chste Frage ist viel allgemeiner. Es gibt eine neue Regierung in Damaskus, und ich denke, sie bedroht alle Errungenschaften der Frauenrevolution hier in Rojava. Wie kann man sie verteidigen? Was ist der richtige Weg? Meine Idee war immer die Einf\u00fchrung eines f\u00f6deralen Systems. Ich wei\u00df nicht, wie Du dar\u00fcber denkst, was ein guter Weg sein k\u00f6nnte, um die Frauenrevolution in Rojava so fortzusetzen, wie Ihr es bisher getan habt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sev\u00eenaz<\/strong>: Die neue Regierung in Damaskus ist furchterregend, ein Grauen. Wir haben Videos, die zeigen, wie diese neuen Machthaber in Damaskus Zivilist:innen in Koban\u00ea und Rakka t\u00f6ten und Frauen abschlachten. Es ist schwer, sich ein Zusammenleben mit ihnen vorzustellen, obwohl unser System der autonomen Verwaltung ja gerade auf Koexistenz besteht. Daf\u00fcr haben wir all die Jahre gek\u00e4mpft. Ich pers\u00f6nlich kann mir ein Zusammenleben mit der neuen Macht in Damaskus nicht vorstellen. F\u00fcr uns steht immer die Dezentralisierung der Regierung im Vordergrund. Denn es geht nicht nur um die Selbstverwaltung. Es gibt au\u00dferdem die Alawiten im Land, die ver\u00e4ngstigt sind, die alawitischen Frauen, die immer f\u00fcr ihre Offenheit und ihren freien Willen bekannt waren. Ich habe Kontakt mit ihnen und wei\u00df, wie ver\u00e4ngstigt sie sind. Sie weigern sich, ihre H\u00e4user zu verlassen. Und dann sind da noch die Drusen im S\u00fcden. Es geht nicht nur um die Selbstverwaltung, die in den letzten zehn Jahren daran gearbeitet hat, eine Form der Koexistenz zu entwickeln. Sowohl zwischen allen ethnischen Gruppen, als auch zwischen M\u00e4nnern und Frauen. Die L\u00f6sung ist die Dezentralisierung der Macht. Es gibt keinen anderen Weg. Vor allem jetzt werden neue Regeln eingef\u00fchrt, und f\u00fcr mich sind sie zuallererst gegen Frauen gerichtet. Ich kann mir nicht vorstellen, in solch einem Land zu leben. Deshalb hoffe ich, dass wir eine dezentralisierte Regierung bekommen werden. Ich wei\u00df nicht, wie genau, aber ich w\u00fcnsche mir einfach, dass wir das Recht haben, selbst \u00fcber uns zu entscheiden.<\/p>\n<p><strong>Robert: Vielleicht kannst du noch etwas Positives, Hoffnungsvolles f\u00fcr die Zukunft hinzuf\u00fcgen?<\/strong><br \/>\n<strong>Sev\u00eenaz<\/strong>: Wei\u00dft du, ich komme aus Rojava, ich bin hier aufgewachsen, es ist mein Land, und ich kann mir nicht vorstellen, woanders auf der Welt zu leben. Ich f\u00fchle mich mit meiner Familie und meiner Gemeinschaft sehr verbunden. Gemeinschaft im Sinne von den Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, aber auch Gemeinschaft im Sinne der Menschen, mit denen ich das kreative Leben in Rojava geteilt habe. Es w\u00e4re nicht m\u00f6glich gewesen, all das zu tun, was ich jetzt tue, wenn ich nicht aus einer so aufgeschlossenen Familie k\u00e4me. Es gibt so viele kleine Dinge, f\u00fcr die ich jeden Tag dankbar bin. Und das sehe ich jeden Tag in den Augen vieler Frauen und Menschen, wenn ich durch die Stra\u00dfen gehe. Ich w\u00fcnsche mir sehr, dass das so weitergeht, dass wir Erfolg haben, besser werden, wachsen und sogar die bestehenden Programme verbessern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robert Krieg: Du hast mir gesagt, dass das Projekt Rojava nicht nur von au\u00dfen, sondern auch von innen bedroht ist. Wirtschaftliche Interessen dominieren zunehmend das gesellschaftliche Leben und den gesellschaftlichen Diskurs. Kannst du diesen Prozess etwas n\u00e4her beschreiben? 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