{"id":33663,"date":"2026-01-31T11:08:07","date_gmt":"2026-01-31T09:08:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/01\/geborgenheit-und-frauenpower\/"},"modified":"2026-03-11T01:29:49","modified_gmt":"2026-03-10T23:29:49","slug":"geborgenheit-und-frauenpower","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/01\/geborgenheit-und-frauenpower\/","title":{"rendered":"Geborgenheit und Frauenpower"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Liebe Helga, liebe Katja, liebe Clara. Ihr alle seid ein Leben lang aktiv in den Sozialen Bewegungen. Was waren pr\u00e4gende Erlebnisse, die Euch inspiriert haben?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Katja Tempel: Es gab f\u00fcr mich gar kein pr\u00e4gendes Ereignis. Es war die Stimmung in der ich aufgewachsen bin. Es geh\u00f6rte so allt\u00e4glich mit zu meinem Lebensalltag als Jugendliche in unserem Elternhaus. Nachdem ich mich schon l\u00e4ngst f\u00fcr Gewaltfreien Widerstand entschieden hatte und an Blockaden beteiligt war, war ein einschneidendes Erlebnis der Beschuss aus Wasserwerfern. Bei einer Blockade eines Atomwaffenlagers wurden diese mit Hochdruck gegen uns eingesetzt. Ich bekam den vollen Strahl gegen meinen oberen R\u00fccken, so dass ich nicht mehr atmen konnte. In diesem Moment h\u00e4tte ich mich f\u00fcr Wut und Aggression gegen die Aggressoren entscheiden k\u00f6nnen, aber beides kam nicht. Stattdessen eine tiefe innere Ruhe, dass das genau so sein soll. Das die Polizei sich total deligitimiert, wenn sie gegen Menschen, die einfach nur auf der Stra\u00dfe hocken, so gewaltsam vorgeht. Eine Idee von: Das ist richtig, was du machst. Du bist am richtigen Ort. Das, was ich sp\u00e4ter als Ahimsa kennengelernt habe, als ich die Bewegung in Indien vor Ort studierte, war deutlich sp\u00fcrbar. Eine transformierende Kraft, die den Gegner mit hineinnimmt in die Idee einer Gesellschaft, die sich auch transformieren kann \u2013 zusammen mit allen, die jetzt noch Gewalt anwenden, aber sp\u00e4ter auf unserer Seite sitzen werden.<\/p>\n<p>Clara Tempel: F\u00fcr mich war das Aufwachsen im Wendland pr\u00e4gend. Ich bin in den Widerstand gegen die Atomm\u00fclltransporte hineingewachsen und habe von Anfang an gelernt, wie wichtig es ist, sich einzumischen.<br \/>\nAber auch, dass es manchmal einen langen Atem braucht, bis der Erfolg einer Sozialen Bewegung sichtbar wird. Der Atomausstieg 2023 war ein sehr besonderer Moment, in dem deutlich geworden ist, welche Kraft unsere politische Arbeit entfalten kann.<\/p>\n<p>Helga Tempel: Ich habe den Zweiten Weltkrieg in meiner Kindheit hautnah erlebt, die N\u00e4chte im Luftschutzkeller, die Angst um meine Eltern in Hamburg, w\u00e4hrend ich in der Kinderlandverschickung war, einige Bombenn\u00e4chte beim \u201eHeimaturlaub\u201c in Hamburg und kurz vor Kriegsende dann direkten Tieffliegerbeschuss bei Aufenthalten im Freien. Ich war entschlossen, alles zu versuchen, dass andere Menschen so etwas nie erleben m\u00fcssen. Schon bei sehr fr\u00fchen Protestaktionen sp\u00fcrte ich, dass es mir gut tat, zusammen mit anderen aktiv zu sein und mich f\u00fcr den Frieden auf verschiedenen Ebenen einzusetzen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Helga, 1960 hast Du zusammen mit Konrad und anderen antimilitaristischen Aktivist*innen die Ostermarschbewegung mit ins Leben gerufen. Wie kam es dazu? Was hat Dich motiviert? Wie blickst Du heute auf die Friedens- und Ostermarschbewegungen?<\/strong><\/p>\n<p>Helga: Ich war als Heranwachsende sehr beeintr\u00e4chtigt vom Kriegsgeschehen meiner Kindheit und von dem, was ich unter dem Faschismus selbst erlebt hatte und vor allem aber sp\u00e4ter erfuhr. In mir wuchs die Gewissheit: So etwas darf sich nie wiederholen. Seit 1954 engagierte ich mich gemeinsam mit Konrad, meinen Partner und sp\u00e4teren Ehemann, f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung und Alternativen zur Gewalt, auch in internationalem Rahmen. Wir haben die ersten deutschen Kriegsdienstverweigerer bei ihren sog. \u201eGewissenspr\u00fcfungen\u201c vertreten.<br \/>\nDie Nachricht von Atomwaffen, die bei Bergen in der Nordheide, also ganz nahe am ehemaligen KZ Bergen-Belsen, gelagert seien, um ihren Einsatz zu \u00fcben, machte uns w\u00fctend und brachte uns auf die Idee eines norddeutschen Sternmarsches zu dieser \u201eSt\u00e4tte der Vernichtung\u201c. So organisierten wir 1960 den ersten viert\u00e4gigen \u201eOstermarsch gegen Atomwaffen in Ost und West\u201c mit vier Marschs\u00e4ulen aus Hamburg, Bremen, Hannover und Braunschweig. Dass sich zur Abschlusskundgebung in Bergen-Hohne dann mehr als 1000 Menschen versammelten \u2013 eine f\u00fcr die damalige Zeit sehr hohe Zahl \u2013 hatten wir nicht erwartet.<br \/>\nAnfangs waren wir bei allen folgenden Osterm\u00e4rschen dabei und arbeiteten aktiv im bundesweiten Zentralen Ausschuss mit. Sp\u00e4ter dann konzentrierten wir uns st\u00e4rker auf die Arbeit f\u00fcr zivilen Widerstand und Gewaltfreiheit. Wir empfanden die sp\u00e4teren Folgeveranstaltungen insgesamt durch die zeitlich begrenzte Form eher als einen \u201eOsterspaziergang\u201c; die breite Palette der Forderungen \u2013 auch wenn wir diese eigentlich unterst\u00fctzten \u2013 schw\u00e4chte unseres Erachtens die ehemalige Sto\u00dfkraft mit der Fokussierung auf atomare Waffen beider Seiten.<br \/>\nDie heutige Friedensbewegung, wenn es sie denn in dieser klaren Form wie etwa in den achtziger Jahren \u00fcberhaupt noch gibt, entt\u00e4uscht mich eher. So sehr ich die vielfachen Ans\u00e4tze von \u201eSicherheit neu denken\u201c bis zur Vers\u00f6hnungsarbeit im Blick habe und zu sch\u00e4tzen wei\u00df: Ich w\u00fcnschte mir mehr kraftvolle Proteste mit deutlicherem Engagement und langem Atem \u2013 und auch in \u00fcberzeugender Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>GWR: Helga, Du wurdest als gewaltfreie Aktivistin Mitte der 1950er Jahre Mitglied der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) und warst engagiert in der Beratung f\u00fcr Kriegsdienstverweigerer. Wie blickst Du auf die momentanen Bestrebungen von Regierung und R\u00fcstungslobby, massiv aufzur\u00fcsten und die seit 2011 ausgesetzte \u201eWehrpflicht\u201c wieder einzuf\u00fchren?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Helga Tempel: Ich bin entsetzt \u00fcber die gegenw\u00e4rtige Entwicklung und h\u00e4tte das so nicht erwartet. Wir waren doch eigentlich auf einem Weg in ein friedlicheres Zusammenleben, besonders auch in Europa, und dies trotz aller Probleme. Die eingeengte Blickrichtung auf Milit\u00e4r und Aufr\u00fcstung erbost mich. Sie ist so engstirnig und geschichtslos und gef\u00e4hrdet den Frieden massiv. Dazu geh\u00f6rt auch die Wehrpflicht, die ich als Ausbildung zum T\u00f6ten verstehe. Es ist gut, dass sich gerade auch an dieser Stelle deutlich Widerstand regt, w\u00e4hrend insgesamt die Militarisierung dank der konzertierten Aktionen von Politik und Medien weitgehend akzeptiert wird. Ich vermisse hier deutlich eine breite Diskussion von gewaltfreien Gegenbildern.<\/p>\n<p><strong>GWR: Katja, Du bist seit Jahrzehnten im Gorleben-Widerstand aktiv und hast viele Gewaltfreie Aktionen zum Beispiel vor dem Atomwaffenst\u00fctzpunkt B\u00fcchel mit-organisiert. Wo liegen deine momentanen Arbeits- und Aktionsschwerpunkte?<\/strong><\/p>\n<p>Katja Tempel: Leider bin ich seit drei Jahren sehr eingebunden in unser 2022 gegr\u00fcndetes aktivistisches Seenotrettungsprojekt. Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich die Augen vor allen anderen Brennpunkten verschlie\u00dfen, in denen ich mich liebend gerne einmischen w\u00fcrde. Im Moment ist das insbesondere die zunehmende Militarisierung der staatlichen und zivilen Strukturen und Organisationszusammenh\u00e4nge. Die neue Wehrpflicht, das Werben f\u00fcr den Krieg, der R\u00fcstungsetat, R\u00fcstungsproduktion und insbesondere die Vereinnahmung des Gesundheitswesens f\u00fcr milit\u00e4rische Planungen fordern von mir st\u00f6rende Aktionen Zivilen Ungehorsams. Rheinmetall produziert fast direkt vor meiner Haust\u00fcr in Unterl\u00fc\u00df Panzer am Flie\u00dfband und ich sitze in Sizilien und bereite eine neue Crew auf ihren Einsatz im Mittelmeer vor. Das zerrei\u00dft mich. Gleichzeitig wei\u00df ich, dass wir in der Bewegung arbeitsteilig arbeiten m\u00fcssen. Aber wo bleibt der Aufschrei? Wo bleibt das sich Verweigern? Das etwas Riskieren gegen Aufr\u00fcstung, Krieg und Unterdr\u00fcckung von Menschen. Mein Platz w\u00e4re auch auf der Stra\u00dfe gewesen mit Palli-Tuch, um f\u00fcr jede in Deutschland zusammengepr\u00fcgelte Aktivist:in zu zeigen: Alle Menschen haben die selben Rechte. Sie sind frei geboren. Egal ob sie einen israelischen Pass oder keinen haben. Aber ich versuche meinen Frieden damit zu machen, dass meine Kr\u00e4fte begrenzt sind und es auch eine Zeit nach der Seenotrettung geben wird.<\/p>\n<p><strong>GWR: K\u00f6nnt Ihr etwas \u00fcber das CompassCollective erz\u00e4hlen? Wie k\u00f6nnen die GWR-Leser*innen die Arbeit des CompassCollectives unterst\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p>Katja: Das CompassCollective\u00a0((3)) ist mit einem 13 Meter langen Segelboot seit August 2023 in bisher 21 drei- bis vierw\u00f6chigen Eins\u00e4tzen auf dem Mittelmeer unterwegs, um Menschen auf der Flucht nach Europa zu unterst\u00fctzen und sie vor dem Ertrinken zu bewahren. Unsere Arbeit besteht darin, nach dem Auffinden eines seeunt\u00fcchtigen Fluchtboots die staatlichen Rettungsstrukturen aus Lampedusa (Italien) dazu zu bringen, die Menschen zu retten. So lange wir alleine vor Ort sind, verteilen wir Rettungswesten, Trinkwasser, manchmal Rettungsdecken gegen die glei\u00dfende Sonne und versorgen kleinere Verletzungen. Jede Stunde erh\u00f6hen wir den Druck auf die italienische K\u00fcstenwache, rauszufahren. Das kann manchmal mehr als zw\u00f6lf Stunden dauern. Wenn aber die Verh\u00e4ltnisse auf dem Wasser kritischer werden, entscheiden wir uns, die Menschen direkt an Bord der TROTAMAR III aufzunehmen. Eigentlich sind wir kein Rettungsboot im Sinne der Anforderungen an professionelle Seenotrettung, aber wir sind ein Boot, das rettet. Unsere Crew versorgt dann die Menschen mit Tee, einer einfachen Mahlzeit und bietet medizinische Hilfe an, bis wir Lampedusa als Sicheren Hafen zugewiesen bekommen und die Menschen dann an staatliche Strukturen \u00fcbergeben.<br \/>\nLeider ist es so, dass das Spendenaufkommen sich stark auf die gro\u00dfen zivilen Seenotrettungsorganisationen konzen-triert und wir kleineren Projekte immer wieder Schwierigkeiten haben, gen\u00fcgend finanzielle Mittel aufzutreiben. Insofern suchen wir einerseits nach Menschen, die uns punktuell mit einer gr\u00f6\u00dferen Geldsumme R\u00fcckenwind geben, aber auch nach F\u00f6rder:innen, die monatlich einen Betrag verbindlich zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n<p>Clara: F\u00fcr mich ist das Besondere am CompassCollective, dass die Crews sich \u00fcberwiegend aus Menschen zusammensetzen, die keine oder noch nicht viel Seenotrettungserfahrung haben. Da sind dann Professorinnen, ehemalige Soldaten, Studierende, chronisch kranke Fr\u00fchrentner*innen oder Kunstschaffende dabei. Sie bringen alle ihre ganz eigene Motivation aus ihrem Alltag f\u00fcr die Arbeit auf dem Mittelmeer mit und tragen ihre Erfahrungen dann auch wieder zur\u00fcck. Dadurch sind wir auf dem Wasser keine hochprofessionalisierten, supercoolen Seenotretter*innen. Wir sind Menschen, die sich f\u00fcr den Einsatz drei Wochen Urlaub nehmen, weil sie nicht mit ansehen k\u00f6nnen, was an den R\u00e4ndern Europas passiert. Genauso sind wir aber auch angewiesen, auf Menschen, die sich nicht vorstellen k\u00f6nnen, mit in den Einsatz zu fahren, sondern unsere Arbeit finanziell zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Meine Utopie lebe ich jetzt schon: Ich handele im Hier und Jetzt und verlasse immer wieder meine Komfortzone. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass noch viel mehr Menschen aktiv werden, dass der Satz: \u201eDie da oben machen doch, was sie wollen\u201c nicht mehr so h\u00e4ufig zu h\u00f6ren ist. <\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p><strong>GWR: Was bedeuten f\u00fcr Euch Selbstorganisation, Solidarit\u00e4t und ziviler Ungehorsam?<\/strong><\/p>\n<p>Clara Tempel: Ziviler Ungehorsam ist f\u00fcr mich das bewusste \u00dcbertreten von Gesetzen, um auf ein gr\u00f6\u00dferes Unrecht aufmerksam zu machen oder es zu verhindern. Seit meiner Kindheit ist das eines der wichtigsten Konzepte, um das sich mein Leben dreht. Es kommt mir selber ein wenig seltsam vor, das so zu schreiben, aber die Besch\u00e4ftigung mit Zivilem Ungehorsam war pr\u00e4gend f\u00fcr meinen ganzen drei\u00dfigj\u00e4hrigen Lebensweg. Zuerst aus aktivistischer Perspektive, dann aus wissenschaftlicher. Ich habe die Schwerpunkte Protest- und Bewegungsforschung studiert und eine Menge dazu gelesen, warum Ziviler Ungehorsam ein wichtiges Element demokratischer Gesellschaften ist. In den letzten Jahren habe ich allerdings auch gelernt, dass Ziviler Ungehorsam nicht das perfekte Mittel f\u00fcr jeden gesellschaftlichen Kontext ist. Ich glaube, dass es wichtig ist, immer wieder zu pr\u00fcfen, welche Aktionsform f\u00fcr welche politische Situation angemessen und erfolgversprechend ist.<\/p>\n<p>Helga: F\u00fcr mich sind das recht unterschiedliche Aspekte.<br \/>\nSelbstorganisation hei\u00dft f\u00fcr mich, verantwortliches Handeln nach eigener Gewissensentscheidung. Die Ausf\u00fchrung muss dann gemeinsam mit anderen organisiert werden, ohne darauf zu warten, dass andere die Initiative ergreifen.<br \/>\nSolidarit\u00e4t ist f\u00fcr mich ein wichtiges Wort, das leider heute etwas in den Hintergrund getreten ist. Sie ist f\u00fcr mich wichtiges Motiv zum Handeln aus dem Gef\u00fchl der N\u00e4he zu den Benachteiligten, zu den Opfern.<br \/>\nZiviler Ungehorsam ist der Kern des gewaltfreien Widerstands. Henry David Thoreau hat es vor fast 200 Jahren so formuliert: Wenn der Staat den Boden des Rechts verlassen hat, wird Ziviler Ungehorsam zur Pflicht. Niemals leichtfertig, aber doch auch ohne gr\u00f6\u00dfere Skrupel habe ich an verschiedenen Stellen, auch im beruflichen Bereich zivilen Ungehorsam gewagt. Dabei war ich als Lehrerin immer in Gefahr, wegen einer Verurteilung meinen Beruf, der mir so am Herzen lag, nicht weiter aus\u00fcben zu d\u00fcrfen. So musste ich manche Aktion unmittelbar vor einer drohenden Festnahme abbrechen. Der Grundgedanke \u201eWehrt Euch, wo Unrecht geschieht\u201c ist mir aber bis heute unverzichtbar \u2013 und ich w\u00fcnschte, mehr Menschen w\u00fcrden sich f\u00fcr einen solchen Weg des Widerstands entscheiden. Ich bin froh und dankbar, dass meine Tochter und meine Enkelin mir, wie auch Konrad, in diesem Punkt so nahe sind.<\/p>\n<p>Katja: Auch ich halte Zivilen Ungehorsam, wie Clara beschrieben hat, nicht f\u00fcr das Allheilmittel, aber f\u00fcr ein sehr wichtiges Instrument, um den Finger in die Wunde zu legen, das Unrecht zu einem begrenzten Zeitraum zum Stillstand zu bringen und sp\u00e4ter auch vor Gericht die Rechtsauslegung zu beeinflussen. Dieser Aspekt des ZU bei\u00dft sich immer ein wenig mit meinem Verst\u00e4ndnis von Anarchismus. Aber Ambivalenzen in politischen Haltungen sind f\u00fcr mich gut auszuhalten, als lebendige gelebte Aktionspraxis.<br \/>\nSelbstorganisation ist das, was ich mein Leben lang mit anderen praktiziere. Es bedeutet f\u00fcr mich, aktiv werden, mutig sein, etwas wagen. Auch wenn es eigentlich verr\u00fcckt erscheint. Dass wir nach einem Treffen am K\u00fcchentisch im Dezember 2023 bei mir zuhause in Meu\u00dflie\u00dfen jetzt seit mehr als 2,5 Jahren mit dem Segelboot Menschen auf ihrem Weg unterst\u00fctzen (2793 Menschen) und manchmal sogar retten (544 Menschen) ist eigentlich unvorstellbar. Aber es ist m\u00f6glich. Mit viel Netzwerken, viel Zeit, viel Knowhow, viel Lernbereitschaft geht so vieles, das sollten wir uns immer wieder bewusstmachen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie sieht Eure Utopie aus?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Helga: Meine Utopie w\u00e4re eine Gesellschaft, in der Selbstbestimmung und verantwortliche Teilhabe in einem ausgewogenen Verh\u00e4ltnis steht, eine Gesellschaft, in der Solidarit\u00e4t und Teilen der Ressourcen Vorrang hat vor Wettbewerb und egozentrischer Gier. Zwang und notfalls nicht-verletzende Gewalt sollte es nur unter breiter Kontrolle und nur zum Schutz von Schwachen und Randst\u00e4ndigen geben. Meine utopische Gesellschaft versteht sich als Teil einer globalen werteorientierten Gemeinschaft, die bewusst auf Waffen und Milit\u00e4r verzichtet, um andere lebenswichtige Aufgaben angehen zu k\u00f6nnen. Sie bietet von der Allgemeinheit gesch\u00fctzten Raum f\u00fcr die verschiedenen Gruppen und achtet, ja, unterst\u00fctzt die Unterschiedlichkeit auf verschiedenen Ebenen.<br \/>\nWir haben unsere drei Kinder erzogen mit dem Motto: Findet heraus, was f\u00fcr Euch wichtig und richtig ist. Daraus entstand bei zwei von ihnen der Wunsch, st\u00e4rker auf der pers\u00f6nlichen Ebene t\u00e4tig zu werden und anderen auf diesem Weg behilflich zu sein, auch unter Einbeziehung spiritueller Elemente, mit denen sie wiederum uns als Qu\u00e4ker*innen nahe sind. In ihrer grundlegenden Haltung entsprechen alle drei Kinder der von uns Eltern, aber eben bei zweien mit anderen Schwerpunkten und eher unpolitisch. Katja und Clara, die ja auch ihrem Vater folgte, haben sich f\u00fcr den politischen Weg entschieden, auch wenn sie an manchen Stellen andere Akzente setzen als ich.<\/p>\n<p>Katja: Meine Utopie lebe ich jetzt schon: Ich handele im Hier und Jetzt und verlasse immer wieder meine Komfortzone. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass noch viel mehr Menschen aktiv werden, dass der Satz: \u201eDie da oben machen doch, was sie wollen\u201c nicht mehr so h\u00e4ufig zu h\u00f6ren ist. Dass allen klar wird, wenn die Lebensbedingungen nicht f\u00fcr alle Menschen ausreichend sind, dann kann auch der Rest der Menschen kein erf\u00fclltes Leben leben. Satt reicht nicht, sondern es braucht \u201eBrot und Rosen\u201c, Raum zur individuellen und kollektiven Verwirklichung, zum Organisieren, zum Anpacken. Auf der Basis, dass alle Menschen einen sicheren Ort zum Leben haben, Zugang zu Wasser, Energie und Bildung und sich verbunden mit einer Gemeinschaft f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Clara: Ich habe diese Frage schon so oft gestellt bekommen und ich habe immer noch keine gute Antwort darauf gefunden. Ich suche weiter&#8230;<\/p>\n<p><strong>GWR: Oft ist es ja so, dass Kinder von sozialen Bewe-gungsaktivist*innen eher unpolitisch sind oder politisch einen anderen Weg einschlagen als ihre Eltern. Bei Euch ist das anders. Wie erkl\u00e4rt Ihr euch das?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Clara: F\u00fcr mich war der Aktivismus in meiner Kindheit ein leuchtender Raum der Geborgenheit. Ich wurde mit zwei Jahren bei Demos auf Schultern getragen, habe mit vier Jahren bei n\u00e4chtlichen Krisentreffen auf Bannerstoff geschlafen, und habe mit f\u00fcnfzehn meine Mathehausaufgaben in Blockaden gemacht. Ich habe das nat\u00fcrlich auch irgendwann hinterfragt und mir Gedanken dar\u00fcber gemacht, ob das \u00fcberhaupt mein eigener Weg ist. Dann habe ich mich aber sehr bewusst daf\u00fcr entschieden und meinen eigenen Platz in den Bewegungen gesucht. F\u00fcr mich pers\u00f6nlich war dabei entscheidend, dass ich das Gef\u00fchl habe, dass von meinen Eltern wenig Druck kam. Mein Vater hat immer gesagt: \u201eMeine T\u00f6chter d\u00fcrfen alles sein, was sie wollen. Auch Atomkraftwerk-betreiber*innen.\u201c Vielleicht war das wichtig.<br \/>\nAber bei uns in der Familie wird eigentlich ganz gut sichtbar, dass es unterschiedliche Wege geben kann. Auch, wenn bei uns viele Menschen politisch aktiv sind, sind wir (in jeder Generation) keine reine Aktivist*innenfa-milie. Das ist auch Teil unserer Geschichte: Dass es eben kein Automatismus ist, sich auf diese Art und Weise zu engagieren, nur weil man in so eine Familie hineinw\u00e4chst.<\/p>\n<p>Katja: Genau, es gibt verschiedene Wege politisch aktiv zu sein. Clara hat einen \u00e4hnlichen Weg wie Helga, Konrad und ich gew\u00e4hlt. Aber es gibt ja noch tausend andere M\u00f6glichkeiten, die nicht weniger wertvoll sind, als das direkte Engagement auf der Stra\u00dfe, auf dem Wasser oder auf den (Gen-)Feldern. Und es gab und gibt auch immer wieder Aushandlungsprozesse, wie viel Raum politische Arbeit im Familienalltag einnehmen soll. Wie gehen wir damit um, wenn das Zuhause der Kinder auf einmal zum Ort einer Hausdurchsuchung wird? Wenn sich bei Strategietreffen die sachliche und die famili\u00e4re Ebene mischen, obwohl wir uns bem\u00fchen, das zu trennen? Wenn an Weihnachten die ganze Zeit das Handy klingelt, weil es Neuigkeiten vom Seenotrettungs-Segelboot auf dem Mittelmeer gibt? Das ist sch\u00f6n und schwer gleichzeitig.<\/p>\n<p><strong>GWR: Clara, in Deinem Buch \u201ePolitische Geborgenheit\u201c findet sich auf Seite 307 ein sch\u00f6nes Foto, das Dich 1996 mit Deinem Vater Jochen Stay\u00a0((4)) an der Schreibmaschine zeigt. Jochen war von 1990 bis 1995 Koordinationsredakteur der Graswurzelrevolution, ab 1996 langj\u00e4hriger Sprecher der Initiative X-tausendmal quer und von 2008 bis zu seinem Tod 2022 Sprecher der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt. Er w\u00e4re sicher gl\u00fccklich, zu sehen wie Du dich engagierst. Ich habe ihn nur als langj\u00e4hrigen GWR-Autor und Aktivisten erlebt. Wie war Jochen als Vater?<\/strong><\/p>\n<p>Clara: Er war in vielen Punkten der beste Vater, den ich mir vorstellen kann. Er hat mich getragen und getr\u00f6stet. Ich durfte auf der Arbeitsplatte in der K\u00fcche sitzen, w\u00e4hrend er Pfannkuchen gemacht hat. Er war schon sehr fr\u00fch interessiert an meiner Meinung und hat mich bei wichtigen politischen Entscheidungen um meinen Rat gefragt. Ich habe so unendlich viel von ihm gelernt. Wie man ein politisches Gelegenheitsfenster nutzt und wie man eine Mehlschwitze macht. Gleichzeitig war er \u2013 wie so viele andere V\u00e4ter auch \u2013 oft ein abwesender Vater. Die politische Arbeit war immer so dringend, so laut, dass sie manchmal wichtiger erschien, als alles andere. Ich wei\u00df, dass er immer wieder mit sich gerungen hat. So hat er sich zum Beispiel entschieden, im historischen Moment nach dem Super-GAU von Fukushima nicht zur (gef\u00fchlt) alles entscheidenden Menschenkette zu fahren, die er mit .ausgestrahlt organisiert hat und sich stattdessen um mich zu k\u00fcmmern \u2013 denn ich lag krank im Bett.<br \/>\nF\u00fcr mich bleibt das eine offene Frage: Wie k\u00f6nnen wir politische Arbeit und Aktivismus in unserem Leben verankern und trotzdem pr\u00e4sent sein f\u00fcr die Menschen, mit denen wir dieses Leben teilen?<\/p>\n<p><strong>GWR: Clara, in Deinem Buch schreibst Du, dass Geborgenheit kritisch hinterfragt werden muss, \u201eweil sie in Machtverh\u00e4ltnisse eingebettet ist und nicht selten auf Grenzziehungen und Ausschl\u00fcssen beruht\u201c. Wie k\u00f6nnen wir das transformative Potenzial von Geborgenheit im Aktivismus st\u00e4rken, ohne bestehende Machtverh\u00e4ltnisse zu reproduzieren?<\/strong><\/p>\n<p>Clara: Ich finde es wichtig, dass wir Geborgenheit nicht als etwas rein Privates verstehen, das vorm Kamin und unter Kuscheldecken stattfindet. Geborgenheit ist politisch! Wir k\u00f6nnen sie mitnehmen, zwischen die Polizeiketten, in die Kohlegruben und aufs Mittelmeer. Wir k\u00f6nnen unsere politischen Gruppen zu einem Zuhause machen. Dabei m\u00fcssen wir aber aufpassen, dass wir uns nicht einen sch\u00f6nen, warmen, geborgenen Raum basteln, der dann jedoch f\u00fcr weniger privilegierte Menschen nicht zug\u00e4nglich ist. Wir sollten uns immer wieder die Fragen stellen: Wer darf hinein, wer muss drau\u00dfen bleiben? Wer hat welchen Zugang zu geborgenen R\u00e4umen? Wer \u00fcbernimmt Verantwortung f\u00fcr die Herstellung von Geborgenheit? Au\u00dferdem kann Geborgenheit auch l\u00e4hmen. Wenn wir viel Zeit damit verbringen, unsere politischen Gruppen zu R\u00e4umen der Geborgenheit zu machen, kann das auch dazu f\u00fchren, dass wir die gro\u00dfen Probleme da drau\u00dfen in der Welt unangetastet lassen. Deshalb denke ich, dass unser Ziel immer auch sein sollte, Geborgenheit auszuweiten und sie f\u00fcr viele Menschen erlebbar zu machen. Daf\u00fcr sorgen, dass Menschen \u00fcberall ein w\u00fcrdevolles Leben haben und gehen und bleiben d\u00fcrfen, wenn sie wollen. Das sind die minimalen Voraussetzungen f\u00fcr Geborgenheit, und wir sollten daf\u00fcr k\u00e4mpfen, dass sie \u00fcberall gegeben sind. Wir brauchen also Geborgenheiten, die politisches Handeln nicht verhindern, sondern erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Angesichts von Militarisierung, Rechtsruck, Klimawandel und Artensterben, welche Perspektiven f\u00fcr eine solidarische Gesellschaft jenseits von Patriarchat, Herrschaft und Gewalt seht Ihr? Was tun?<\/strong><\/p>\n<p>Helga: Diese Frage f\u00fchrt mich an meine Grenzen. Ich teile nicht die Hoffnung, dass\u00a0die Abschaffung von nationalen Grenzen und bestehenden Regierungsformen wirklich m\u00f6glich sind und zu einem positiven Wandel beitragen w\u00fcrden. Ich bekenne mich nicht zur Anarchie. Ich hoffe darauf, dass sich die demokratische Regierungsform von unten her aktiv gewaltfrei gestalten l\u00e4sst durch mehr basisorientierte Strukturen (R\u00e4te??) und mitverantwortliche Teilhabe diverser gesellschaftlicher Gruppen. Ich vertraue also letztlich darauf, dass sich unser jetziges System mit all seinen Unvollkommenheiten und Gef\u00e4hrdungen transformieren lie\u00dfe, wenn wir uns nur anderen Formen \u00f6ffnen und entschieden massenhaft daf\u00fcr eintreten w\u00fcrden. Ich sehe hier eine wichtige Aufgabe f\u00fcr Frauen in unserer Gesellschaft. Es gibt Ans\u00e4tze f\u00fcr solche Art Transformation \u2013 aber sie sind zu wenig bekannt.<\/p>\n<p>Clara: Ich bin fest davon \u00fcberzeugt, dass die Abschaffung von Grenzen ein wichtiger Baustein f\u00fcr ein gutes Leben f\u00fcr alle ist. Genauso wie die \u00dcberwindung des Patriarchats, der Aufbau von gewaltfreien Strukturen und das Ende des fossilen Kapitalismus. Aber mir ist schon bewusst, dass das alles riesengro\u00dfe, sperrige Konzepte sind, die im Alltag abstrakt erscheinen. Als Transformationsforscherin sehe ich unterschiedliche Strategien, um mit kleinen und gro\u00dfen Schritten auf einen Wandel hinzuarbeiten. Aus meiner Perspektive braucht es einerseits Br\u00fcche mit dem bisherigen System, die zum Beispiel durch Aktionen Zivilen Ungehorsams herbeigef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Andererseits braucht es aber auch gelebte Alternativen, die in gesellschaftlichen Zwischenr\u00e4umen vorbereitet und ausprobiert werden. Wenn soziale Bewegungen in der Lage sind, Br\u00fcche im ungerechten System zu produzieren, und die entstandenen L\u00f6cher mit den einge\u00fcbten alternativen Handlungsweisen aus den Nischen zu f\u00fcllen, dann gibt es das Potenzial, dass der Wandel erfolgreich ist. Bin ich eine Tr\u00e4umerin, wenn ich daran glaube, dass das m\u00f6glich ist? Ist mir egal, irgendwie m\u00fcssen wir ja anfangen, weitermachen, in Bewegung bleiben.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was fehlt Euch? Was m\u00f6chtet Ihr den GWR-Leser*innen mit auf den Weg geben?<\/strong><\/p>\n<p>Helga: Ich denke, dass wir, die wir in Organisationen mitarbeiten, oft einen Tunnelblick entwickeln, der unsere eigenen Ans\u00e4tze im Denken und Handeln absolut setzt und uns hindert, \u201e\u00fcber den Tellerrand\u201c zu blicken. Was wollen andere, die eigentlich mit uns in der Analyse der Situation \u00fcbereinstimmen und \u201eam selben Strang\u201c ziehen? Was meint \u201eSicherheit neu denken\u201c, was will Soziale Verteidigung, wie steht Ihr zum Zivilen Friedensdienst (ZFD)? Wer nur die \u201ereine Lehre\u201c will und Maximalforderungen absolut setzt, verpasst entscheidende Chancen. Warum nicht ganz neu \u00fcber Sicherheit nachdenken, ohne gleich alles \u00fcber Bord zu werfen, was oft zu Recht Ansto\u00df erregt? Warum nicht das Bestehende gewaltfrei verteidigen, auch wenn das Gegenw\u00e4rtige keineswegs allen unseren Idealen entspricht? Warum blicken manche kritisch auf zivile Konfliktbearbeitung mit solidarischer Begleitung von Fachkr\u00e4ften, nur weil der ZFD auch von staatlichen Stellen finanziert wird?<br \/>\nLasst uns in vielf\u00e4ltiger, achtungsvoller Zusammenarbeit, wenn auch auf verschiedenen Wegen, das gemeinsame Ziel ansteuern: eine m\u00f6glichst herrschaftsfreie gewaltarme Politik in transparenten Strukturen und unter wirksamer Kontrolle von unten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Liebe Helga, liebe Katja, liebe Clara. Ihr alle seid ein Leben lang aktiv in den Sozialen Bewegungen. Was waren pr\u00e4gende Erlebnisse, die Euch inspiriert haben?\u00a0 Katja Tempel: Es gab f\u00fcr mich gar kein pr\u00e4gendes Ereignis. Es war die Stimmung in der ich aufgewachsen bin. 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