{"id":33738,"date":"2026-03-01T12:33:31","date_gmt":"2026-03-01T10:33:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/lieber-leben-wir-als-ausserirdische\/"},"modified":"2026-03-20T02:13:02","modified_gmt":"2026-03-20T00:13:02","slug":"lieber-leben-wir-als-ausserirdische","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/lieber-leben-wir-als-ausserirdische\/","title":{"rendered":"\u201eLieber leben wir als Au\u00dferirdische\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bevor ich auch nur ein Wort \u00fcber dieses Buch verliere, das Wichtigste vorab: Es ist die letzte Publikation des Syndikat A in Moers, im Fr\u00fchjahr 2026 ist der Verlag nach Aachen umgezogen. Deswegen ist es unumg\u00e4nglich, das lange Engagement des Syndikats A, der Barrikade in Moers und nat\u00fcrlich aller dort beteiligten Personen zu w\u00fcrdigen. Tausend und mehr Dank!<\/p>\n<p><strong>Zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p>Vor geraumer Zeit tobte in der Linken eine Debatte um eine \u201eneue Klassenpolitik\u201c: es ging darum, das Thema \u201eKlasse\u201c in der Linken wieder diskutierbar zu machen unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen \u2013 einerseits der Vielfachkrise und andererseits den Diskussionen um eine \u201eIdentit\u00e4tspolitik\u201c. Ausl\u00f6ser waren die Feuilleton-Debatten um Didier Eribons \u201eR\u00fcckkehr nach Reims\u201c, in denen dieses Buch so gelesen wurde, dass erstens die arbeitenden Klassen schuld am allgemeinen Rechtsruck seien und zweitens der Zustand linker Politik wiederum schuld an dieser Entwicklung. Diese Diskussion lief l\u00e4nger, als sie wahrgenommen wurde: \u201eKlasse\u201c fand zur\u00fcck in linke Diskussionen zuerst durch die Agenda 2010-Politik der rot-gr\u00fcnen Regierung unter Gerhard Schr\u00f6der und durch die Weltwirtschaftskrise ab 2007. Sie ging dann in den sp\u00e4ten 2010ern \u00fcber in eine Organisationsdebatte, aus der u.a. die \u201erevolution\u00e4re Stadtteilpolitik\u201c hervorging.<br \/>\nDiese Organisationsdebatte wurde global gef\u00fchrt. Vincent Bevins hat das in seinem Buch \u201eIf we burn\u201c analysiert und kommt zu dem Schluss, dass die meisten der gro\u00dfen sozialen Bewegungen (Arabellion, Occupy usw.) von ihren Teilnehmer*innen nachtr\u00e4glich als zu \u201espontan\u201c und deswegen relativ erfolglos interpretiert wurden. Die Konsequenz war eine Orientierung an leninistischen Organisationsmodellen, die aktuell auch in Deutschland deutlich sp\u00fcrbar wird (siehe etwa die Diskussion um das \u201eRheinmetall Entwaffnen!\u201c-Camp in GWR 503).<\/p>\n<p>Eine organisierte Stimme war in dieser Debatte erstaunlich ruhig: die der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiter*innen-Union (FAU). Das verwundert zum Ersten, weil \u201eKlasse\u201c das ureigenste Thema der FAU ist; zum Zweiten ist es in der aktuellen Phase der Organisations-Debatte bedauerlich, hat doch der Anarchosyndikalismus organisationstheoretisch eine plausible Alternative zum Leninismus parat. Zum Dritten ist es aber vielleicht kein Wunder, denn das, was sowohl in der \u201eNeuen Klassenpolitik\u201c wie auch in der daran anschlie\u00dfenden Organisationsdebatte diskutiert wurde, ist aus anarchosyndikalistischer Sicht ein alter Hut.<br \/>\nNun hat Franz Heuholz im Syndikat A aus FAU-Sicht ordentlich nachgelegt. Er holt die Debatte aus den H\u00f6hen der Theorie herunter in die betriebliche Praxis und weist damit auf eine ma\u00dfgebliche L\u00fccke in der \u201eNeuen Klassenpolitik\u201c hin: Es wurde nie \u00fcber den betrieblichen Alltag geredet, und wo doch mal (wie vom Autor dieser Rezension), wurde nur dar\u00fcber geredet, aber nicht gehandelt.<br \/>\nHeuholz nimmt die Funktionsweisen der FAU \u2013 am Beispiel seines eigenen Syndikats \u2013 dabei so weit auseinander, dass er zeigt, dass selbst in der FAU oft das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den betrieblichen Alltag fehlt. Dies zeige sich in einer Spaltung zwischen \u201eAktivist*innen\u201c \u2013 das sind die namengebenden \u201eAu\u00dferirdischen\u201c, gemeint sind \u201ePolitaktivist*innen\u201c \u2013 und einer betrieblichen Basis. Kurz: Das Problem der Differenz zwischen einer Funktion\u00e4rsebene und einer betrieblichen Basis stellt sich auch in einer Basisgewerkschaft. Vor den Fallstricken eines impliziten Leninismus ist nicht mal das syndikalistische Modell gefeit.<\/p>\n<p>Was das Buch dabei vor allem inhaltlich so gewinnbringend macht, ist ein weitgehend undogmatischer Umgang mit allem, was der Debatte nutzt: Da stehen anarchosyndikalistische Theorien von Klassikern wie Rudolf Rocker und aktuelle Ans\u00e4tze, wie die Beitr\u00e4ge Holger Marcks\u2018, neben Diskussionen aus dem DGB von Oskar Negt bis Peter Renneberg und Slave Cubela. Die Hauptinspiration sind aktuelle US-amerikanische Debatten aus den Reihen der Industrial Workers of the World (IWW).<br \/>\nAusgehend von einer eigenen Erfahrung bei einer Betriebsintervention als betrieblicher Organizer (in der US-amerikanischen Debatte als \u201eSalting\u201c bezeichnet) problematisiert Heuholz diesen Aktivismus \u2013 der Politaktivist geht von au\u00dfen in die Betriebe \u2013 und beschreibt Konsequenzen sowohl f\u00fcr origin\u00e4r anarchosyndikalistische Ideen wie die Direkte Aktion und die innergewerkschaftliche Demokratie, wie auch f\u00fcr das Organizing allgemein, also sowohl f\u00fcr revolution\u00e4re Stadtteilgruppen wie auch die Gewerkschaften des DGB. Heuholz korrigiert die Machtressourcentheorie aus dem Jenaer Soziolog*innen-Stall ma\u00dfgeblich, wenn er fr\u00fchere Analysen auch von FAU-Kampagnen, die die \u201ediskursive Macht\u201c unterstreichen, dahingehend analysiert, dass es eben gerade Idee einer direkt-aktionistischen Basisgewerkschaft sein m\u00fcsste, mit den prim\u00e4ren proletarischen Machtquellen \u2013 struktureller und Organisationsmacht \u2013 arbeiten zu k\u00f6nnen. Er verbindet seine Kritik mit einer Klassenanalyse, indem er die Politaktivist*innen in der von den Ehrenreichs in den 1970ern diagnostizierten Professional-Managerial Class (PMC) verortet: Die Aktivist*innen kommen nicht nur oft ihrer Herkunft nach aus einer akademisch gepr\u00e4gten Mittelschicht, in ihrem Aktivismus lernen sie auch die Kompetenzen, um sich in erster Linie genau in diesem Modell zu behaupten, \u201ein Linkspartei, NGO- und Organizing-Jobs, im akademischen Elfenbeinturm, der sozialarbeiterischen Passion\u201c.<\/p>\n<p>Heuholz\u2019 Analyse ist plausibel, allerdings w\u00fcrde ich zu bedenken geben, dass sie vielleicht einen Haken hat: Frei nach Pierre Bourdieu ist n\u00e4mlich die Entscheidung, wer als Basis und wer als Aktivist*in gilt, vielleicht letzten Endes eine Entscheidung im Kopf eines\u2026 nun ja, Aktivisten halt (bei Bourdieu \u201edes Wissenschaftlers\u201c). Hier geraten gewerkschaftliche Strategie und Selbstbestimmungs-Bed\u00fcrfnis in Widerstreit, denn es sind nicht immer die in der \u201ePMC\u201c Sozialisierten, die zu Aktivist*innen werden \u2013 auch die betriebliche Basis kehrt vielleicht dem Betrieb den R\u00fccken, weil sie keinen Bock auf diese Lohnarbeit hat. Sie wird dann vielleicht Hochschullehrer*in, Rockmusiker*in, Rapper*in, gr\u00fcndet einen anarchistischen Verlag oder wird Koordinationsredakteur*in einer anarchistischen Zeitung.<br \/>\nOhne auch nur ein Argument aus Heuholz\u2018 Buch geringzusch\u00e4tzen, sei skeptisch angemerkt: Die von Heuholz als \u201eAu\u00dferirdische\u201c Bezeichneten entpuppen sich als Menschen vom selben Planeten, m\u00f6glicherweise waren sie nur so lange mit ihrem Raumschiff unterwegs, dass sie das selber nicht mehr wissen.<br \/>\nFolglich treffen Heuholz\u2018 Analysen, Kritik und alternative Strategie- und Handlungsvorschl\u00e4ge auch dann noch, wenn dies so zutrifft. Nicht nur deswegen liegt mit seinem Buch ein Meilenstein anarchosyndikalistischer Praxis-Auseinandersetzung (und eben nicht reiner Schreibtischtheorie) vor!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Bevor ich auch nur ein Wort \u00fcber dieses Buch verliere, das Wichtigste vorab: Es ist die letzte Publikation des Syndikat A in Moers, im Fr\u00fchjahr 2026 ist der Verlag nach Aachen umgezogen. Deswegen ist es unumg\u00e4nglich, das lange Engagement des Syndikats A, der Barrikade in Moers und nat\u00fcrlich aller dort beteiligten Personen zu w\u00fcrdigen. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/lieber-leben-wir-als-ausserirdische\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\u201eLieber leben wir als Au\u00dferirdische\u201c - graswurzelrevolution","description":"&nbsp; Bevor ich auch nur ein Wort \u00fcber dieses Buch verliere, das Wichtigste vorab: Es ist die letzte Publikation des Syndikat A in Moers, im Fr\u00fchjahr 2026 ist"},"footnotes":""},"categories":[2119],"tags":[],"class_list":["post-33738","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-507-maerz-2026"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33738","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33738"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33738\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33844,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33738\/revisions\/33844"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33738"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33738"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33738"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}