{"id":33739,"date":"2026-03-01T12:33:31","date_gmt":"2026-03-01T10:33:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/erregender-frauenhass\/"},"modified":"2026-03-20T02:13:42","modified_gmt":"2026-03-20T00:13:42","slug":"erregender-frauenhass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/erregender-frauenhass\/","title":{"rendered":"Erregender Frauenhass"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Bezug auf den Diskurs \u00fcber das (vermeintliche) Potential von Pornografie zur Befreiung von Sexualit\u00e4t \u00fcberlege ich, ob Karl Marx Recht hatte, als er sagte, dass sich die Geschichte wiederholt \u2013 erst als Trag\u00f6die und ein zweites Mal als Farce. In der 1968er Bewegung wurde bereits diskutiert, inwieweit Pornografie ein Befreiungspotential besitzt \u2013 und im Nachhinein muss dies wohl als gering angesehen werden. Seit ein paar Jahren erleben wir eine Neuauflage dieser Diskussion unter dem Aspekt, dass es Ecopornos (z.B. das Projekt FuckforForest), feministische Pornografie (z.B. die Produktionen von Petra Joy oder den feministischen Pornopreis PoYes) und eine Zunahme \u201eselbstbestimmter\u201c und unkommerzieller, h\u00e4ufig auch queer-feministischer Amateurpornos gibt \u2013 inklusive deren Plattformen. Zu allen drei Genres g\u00e4be es hier viel zu schreiben \u2013 und zu sagen. Fakt d\u00fcrfte sein, dass diese im Gesamtbereich immer noch einen verschwindend geringen Anteil ausmachen \u2013 und das wohl meist gesuchte Begriffspaar im Bereich Internetpornografie nach wie vor \u2013 und mit gro\u00dfem Abstand gegen\u00fcber anderen \u2013 \u201eLolita sex\u201c ist; gefolgt von \u00e4hnlichen Suchbegriffen. Das muss man wohl nicht weiter diskutieren.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nlich glaube ich zwar nicht, dass eine strikte Anti-Porno-Position, wie sie im Rahmen der 1980er vom sogenannten sexnegativen Fl\u00fcgel der Frauenbewegung (Andrea Dworkin, Catherine MacKinnon) vertreten wurde, zielf\u00fchrend ist, aber die fast v\u00f6llig verschwundene kritische Auseinandersetzung in der jungen Generation von Feminist_innen und Anarchist_innen erscheint mir h\u00e4ufig zu optimistisch-naiv bzw. h\u00e4ufig die gesellschaftlichen Folgen und auch die daraus resultierenden Verschlechterungen der hauptberuflich in der Mainstreampornografie arbeitenden FLINTA+-Menschen v\u00f6llig zu ignorieren.<br \/>\nVor diesem Hintergrund finde ich den Sammelband \u201eErregender Frauenhass\u201c des Feministischen B\u00fcndnisses Heidelberg einen l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4lligen Beitrag zur gegenw\u00e4rtigen Diskussion zur Pornografie, der wichtige Kritikpunkte und Fakten in den Ring wirft. Bereits vor diesem Sammelband hat das B\u00fcndnis unter dem Titel \u201eWas kostet eine Frau? Eine Kritik der Prostitution\u201c (Alibri 2024) die Ergebnisse einer Tagung zum Thema Prostitution ver\u00f6ffentlicht. Das neue Buch beginnt mit einer lesenswerten Einleitung in die Thematik von Stefanie Schott. Es folgen weitere Beitr\u00e4ge u.a. \u00fcber und auch eine (solidarisch-)kritische Auseinandersetzung mit Teilen der sogenannten sexpositiven, feministischen Pornographieszene \u2013 sich stark an Paulita Pappel, dem derzeitigen Shootingstar der feministischen Pornografie, abarbeitend, \u00fcber die Verbindung von Rassismus und Pornografie, von Gail Dines oder auch \u00fcber die Emanzipationsl\u00fcge in Bezug auf die Selbstbestimmung bei OnlyFans, von Paula Th\u00f6ner.<\/p>\n<p>Erfrischend ist, dass f\u00fcr die Beitr\u00e4ge unterschiedliche Genres bedient werden. Neben analytischen Texten gibt es z.\u2009B. auch ein Interview mit der feministischen Aktivistin \u00fcber die Ver\u00e4nderung der Sichtweise \u201eder\u201c feministischen Bewegung zu Pornografie oder einen eher aktivistischen, manifestartigen Kampfaufruf. Der Band greift in f\u00fcnfzehn Beitr\u00e4gen viele wichtige Themen rund um den Komplex der Pornografie auf \u2013 und bietet dabei interessante Einblicke und Hintergrundinformationen. Auf dieser Basis kann dieses komplexe Thema nicht nur im feministischen Spektrum weiterdiskutiert und verhandelt werden. Abgesehen von ein paar Ausrei\u00dfern in akademische H\u00f6hen der Lacan-Rezeption im Falle von Hanna Vatter bzw. in anderer Richtung auf universit\u00e4rem Hausarbeitsniveau, ist der Band durchgehend auf hohem Niveau und lesenswert. Es ist ein wichtiger Sammelband, den ich w\u00e4rmstens zur Lekt\u00fcre empfehlen kann, auch wenn ich selber bez\u00fcglich einzelner Positionen und Einsch\u00e4tzungen anders denke. Einiges davon \u2013 z.B. der Fall von Linda Lovelace und ihrer sexuellen Ausbeutung f\u00fcr den, z.T. bis heute in feministischen Kreisen goutierten Porno \u201eDeep Throat\u201c sollten zwar l\u00e4ngst bekannt und Allgemeingut sein \u2013 oder die Herleitung des Begriffs Pornografie, wobei leider immer wieder franz\u00f6sische Wortursprung und Pr\u00e4gung durch den kommunistischen Erotikautor R\u00e9tif de la Bretonne (mit seiner Schrift \u201eLe Pornograph\u201c) ignoriert wird, w\u00e4re sicherlich als solidarische Kritik hieran anzubringen, aber das sind Nebens\u00e4chlichkeiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In Bezug auf den Diskurs \u00fcber das (vermeintliche) Potential von Pornografie zur Befreiung von Sexualit\u00e4t \u00fcberlege ich, ob Karl Marx Recht hatte, als er sagte, dass sich die Geschichte wiederholt \u2013 erst als Trag\u00f6die und ein zweites Mal als Farce. 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