{"id":33741,"date":"2026-03-01T12:33:32","date_gmt":"2026-03-01T10:33:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/kurt-hillers-revolutionaerer-pazifismus\/"},"modified":"2026-03-20T02:11:15","modified_gmt":"2026-03-20T00:11:15","slug":"kurt-hillers-revolutionaerer-pazifismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/kurt-hillers-revolutionaerer-pazifismus\/","title":{"rendered":"Kurt Hillers \u201eRevolution\u00e4rer Pazifismus\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Rosa Luxemburg Stiftung stellt Kurt Hiller (1885 in Berlin \u2013 1972 in Hamburg) als \u201eSchriftsteller und pazifistischen Publizisten\u201c vor, der \u201elebenslang f\u00fcr einen Sozialismus, f\u00fcr Frieden und sexuelle Minderheiten\u201c k\u00e4mpfte. 1933 kam Hiller ins KZ Oranienburg, wo er die Folter Erich M\u00fchsams miterlebte. 1934 konnte er zun\u00e4chst nach Prag, danach nach England emigrieren, bis 1955 blieb er in London, dann kehrte er nach Hamburg zur\u00fcck. Das klingt ausf\u00fchrlich und stringent.<br \/>\nGanz so passt es aber auf Kurt Hiller nicht, zumal er seine Ansichten h\u00e4ufig \u00e4nderte und sich auch mit potentiellen B\u00fcndnispartnerInnen gerne zerstritt. Was fehlt ist seine j\u00fcdische Herkunft, die ihn antisemitischem Hass aussetzte, sein Hang zur pers\u00f6nlich gef\u00e4rbten Polemik, der ihm viele Feindschaften einbrachte, und seine eher aristokratische Haltung gegen\u00fcber den ab 1918 revolution\u00e4ren Massen und sp\u00e4ter gegen\u00fcber dem gesellschaftlichen Mainstream, die ihn in den zeitgen\u00f6ssischen Bewegungen zum Au\u00dfenseiter stempelte. W\u00e4hrend sich Erich M\u00fchsam, Ernst Toller und Gustav Landauer 1919 an der M\u00fcnchner R\u00e4terepublik beteiligten, w\u00e4hrend sich viele ExpressionistInnen des Aktionskreises um Franz Pfemfert, den Hiller mitinitiiert hatte, sich dem R\u00e4tekommunismus verschrieben, gr\u00fcndete er den \u201ePolitischen Rat geistiger Arbeiter\u201c und entwarf sein Programm des \u201eAktivismus\u201c, das historische Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten ablehnte und den Willen der Menschen in politischen Auseinandersetzungen sch\u00e4tzte. Von 1916 bis 1924 gab er die \u201eJahrb\u00fccher f\u00fcr geistige Politik\u201c heraus. Wenn er deshalb als \u201eSozialist\u201c eine einflusslose Randfigur der revolution\u00e4ren Ereignisse von 1918 bis 1924 bleiben musste, war sein langj\u00e4hriger Einsatz f\u00fcr eine Anerkennung und Gleichberechtigung der Homosexualit\u00e4t ein wesentlicher Teil seiner Lebensleistung. Er war seit 1908 Mitarbeiter von Magnus Hirschfeld und dessen \u201eWissenschaftlich-humanit\u00e4rem Komitee\u201c und blieb aktiv bis zum Verbot 1933. In den 1920er Jahren war er zeitweise stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung. In den 1950er Jahren wurde er f\u00fcr die neue Homosexuellenbewegung eine Art Bindeglied zu den Vorg\u00e4ngerorganisationen. Als streitbarer Publizist in der Weltb\u00fchne versuchte Hiller in der Weimarer Republik auf die \u00f6ffentliche Meinung Einfluss zu nehmen, sein Eintreten f\u00fcr den Pazifismus wurde zum zweiten wichtigen Inhalt seiner Lebensleistung.<\/p>\n<p>1920 wurde Hiller in den Vorstand der \u201eDeutschen Friedensgesellschaft\u201c (DFG) gew\u00e4hlt. In dieser von Bertha von Suttner 1892 gegr\u00fcndeten Gesellschaft geh\u00f6rte Kurt Hiller mit der radikalen gewaltfreien Pazifistin Helene St\u00f6cker zum Fl\u00fcgel des \u201eradikalen Pazifismus\u201c. Helene St\u00f6cker, die die absolute \u201eUnantastbarkeit des menschlichen Lebens\u201c in den Mittelpunkt stellte, hatte Hiller bereits bei der Konzeption seines \u201eRats geistiger Arbeiter\u201c beeinflusst: \u201eLeitstern aller k\u00fcnftigen Politik muss die Unantastbarkeit des Lebens sein.\u201c (Weltb\u00fchne 1918). In der DFG arbeiteten St\u00f6cker und Hiller h\u00e4ufig zusammen, beide gerieten aber an den linken Rand der DFG. St\u00f6ckers kategorische Absage zu blutiger Gewaltanwendung geriet in Gegensatz zu den organisatorischen Pazifisten, die zwischen \u201egerechten\u201c und \u201eungerechten Kriegen\u201c unterschieden und bei \u201egerechten Kriegen\u201c Gewaltanwendung nicht ausschlossen. Die DFG unter Fritz K\u00fcster ver\u00e4nderte ihr Gesicht und verlor ihre Bereitschaft, unterschiedliche Positionen zuzulassen. Carl von Ossietzky stellte 1929 in der Weltb\u00fchne fest: \u201eFritz K\u00fcster (\u2026) ist siegreich, (\u2026) aber rechts und links ist nichts mehr da. (\u2026) Hier ist jedoch nicht nur die Rechte \u2013 Quidde, Gerlach, Graf Kessler, Oberst Lange \u2013 abgezogen, sondern auch die von Helene St\u00f6cker vertretene Linke. Das erinnert fatal genug an die ber\u00fchmten Reinigungen der KPD.\u201c<br \/>\nZu diesem Zeitpunkt geh\u00f6rte Hiller nicht mehr der DFG an, er radikalisierte sich nach der Wahl Hindenburgs zum Reichspr\u00e4sidenten 1925, fand in der DFG immer weniger Geh\u00f6r und gr\u00fcndete die \u201eGruppe revolution\u00e4rer Pazifisten\u201c mit.<br \/>\nRolf von Bockel hat die Geschichte der von Hiller zwischen 1926 und 1933 angef\u00fchrten Gruppe in dem Buch \u201eKurt Hiller und die Gruppe Revolution\u00e4rer Pazifisten\u201c aufgearbeitet. In seinem Verlag erschienen in Zusammenarbeit mit der Kurt Hiller Gesellschaft zahlreiche Ver\u00f6ffentlichungen zu verschiedenen Aspekten aus Hillers Leben. Mit dem Buch \u201eDer Sprung ins Helle\u201c aus dem Jahr 1932 erschien 2025 bereits der f\u00fcnfte Nachdruck von Hillers fr\u00fcheren Ver\u00f6ffentlichungen. Vorausgegangen sind \u201eDas Recht \u00fcber sich selbst\u201c (1908), \u201eDie Schmach des Jahrhunderts\u201c (1922), \u201eVerwirklichung des Geistes im Staat\u201c (1925) und \u201eThe Problem of Constitution\u201c (Das Problem der Verfassung) (1945).<br \/>\nMit der neugegr\u00fcndeten Organisation verband Hiller den Pazifismus mit dem Sturz des Kapitalismus. Mit einer \u201esozialistischen Durchorganisierung der Welt (\u2026) tritt die Gruppe revolution\u00e4rer Pazifisten aus der Enge des nur-pazifistischen Problemkreises und nimmt teil am Klassenkampf des Proletariats.\u201c Auch wenn diese Worte so klingen, meinte Hiller damit keineswegs den Klassenkampf seiner Zeit, den KommunistInnen, R\u00e4tekommunistInnen, SyndikalistInnen oder UnionistInnen propagierten und dessen revolution\u00e4re Aktionen nach 1924 zum Erliegen gekommen waren. Er griff vielmehr den ethischen Sozialismus auf, den er 1918 bereits im \u201ePolitischen Rat Geistiger Arbeiter\u201c mit dem Ziel einer \u201eHerrschaft der Geistigen\u201c formuliert hatte. 1933 las sich dies in seinem Artikel \u201eHeroismus und Pazifismus\u201c in der Weltb\u00fchne als \u201eHerrschaft der revolution\u00e4ren Aristokratie\u201c, die eine friedliche Welt gew\u00e4hrleisten sollte. \u201eDer Sprung ins Helle\u201c enth\u00e4lt Essays, die zum Teil vorher in der Weltb\u00fchne erschienen sind und Hillers Ansichten aus der zweiten H\u00e4lfte der 1920er Jahre wiedergeben, oft stehen sie im Gegensatz zu seinen Ver\u00f6ffentlichungen von 1908 bis 1924.<br \/>\nRolf von Bockel druckt eine Passage aus einem Brief Hillers an Hans Wehberg vom 5. Mai 1927 ab, die die Abkehr vom radikalen Pazifismus verdeutlicht: \u201eDer revolution\u00e4re Pazifismus (\u2026) geht nicht von der \u201aHeiligkeit des Menschenlebens\u2018, sondern von der Unantastbarkeit des Rechtes auf Leben aus.\u201c<\/p>\n<p>Der einzelne Mensch kann also freiwillig f\u00fcr ein erstrebenswertes Ideal sein Menschenleben einsetzen, um \u201erote wie wei\u00dfe Bluthunde\u201c mit einem Minimum an Gewaltanwendung zu stoppen. Deshalb kritisierte Hiller 1931 auch die Gru\u00dfbotschaft Albert Einsteins an die \u201eInternationale der Kriegsdienstgegner\u201c. Einstein hatte aufgefordert, den Gedanken der Kriegsdienstverweigerung weiter zu verbreiten. Hiller antwortete in der Weltb\u00fchne mit seinem Artikel \u201eEinen Schritt noch, Einstein!\u201c, der in \u201eSprung ins Helle\u201c im Original 1932 auf den Seiten 165\u2013171 aufgenommen wurde (im Nachdruck S.269\u2013275). Hiller lehnte die Kriegsdienstverweigerung oder den Kampf gegen die Wehrpflicht nicht ab, aber er sah diese Ma\u00dfnahmen nicht mehr als entscheidend gegen einen drohenden modernen Krieg, da es genug freiwillige Berufssoldaten geben werde, die mit den modernsten Waffen ausgestattet, den Krieg f\u00fchren werden, auch wenn alle Wehrdienstverpflichteten sich entziehen w\u00fcrden. Es sei eine Illusion \u201ezu glauben, durchgef\u00fchrt k\u00f6nne sie (die Kriegsdienstverweigerung) den Krieg verhindern. Sie allein jedenfalls kann es nicht. So wenig, wie Genf, den Haag und das V\u00f6lkerrecht allein es k\u00f6nnen. Es gibt, verehrter Herr Professor, ein einziges wirklich taugliches Mittel zur Verhinderung des gigantischen Verbrechens: die revolution\u00e4re Erhebung gegen die Verbrecher, die Eroberung der politischen Macht.\u201c<br \/>\nIm \u201eSprung ins Helle\u201c hatte Hiller sich zuvor die rhetorische Frage gestellt: \u201ekann man also das Ausbrechen eines neuen Krieges verhindern?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDer Krieg ist kein Naturereignis, sondern etwas von Menschen Gemachtes, kein \u201aSchicksal\u2018, sondern ein Verbrechen; ganz gewiss nicht das Verbrechen eines Einzelnen, aber das Komplott Vieler; ein Gegenkomplott Vieler kann verhindern, dass es zur Ausf\u00fchrung gelangt. Mit welchen Mitteln? Hier\u00fcber tobt der Streit! Die einen empfehlen Erziehung und V\u00f6lkerrecht, die anderen Generalstreik und Dienstverweigerung, wieder andere die Zersetzung des Heers und den bewaffneten Aufstand. W\u00e4hlt nun der revolution\u00e4re Pazifismus zwischen den Mitteln, oder empfiehlt er an ihrer Stelle ein neues? Er tut weder das eine noch das andre! Das Neue, was er zu diesem Streit beitr\u00e4gt, ist: der Hinweis auf die Grundlosigkeit des Streits; die empfohlenen Mittel schlie\u00dfen einander durchweg nicht aus!\u201c (Sprung: S.159)<br \/>\nDie Verlagsarbeit des Bockel Verlags versucht Hiller wieder ins Bewusstsein zu bringen. Diese Arbeit wurde nicht ohne einen professionellen Abstand ausgef\u00fchrt. Das wird deutlich, wenn der Verlag genauer unter die Lupe genommen wird, in dem \u201eDer Sprung ins Helle\u201c 1932 erschienen ist. Der Wolfgang Richard Lindner Verlag wurde erst im April 1931 ins Handelsregister eingetragen und brachte bis 1938 neue B\u00fccher heraus. Der Ulmer revolution\u00e4re Pazifist Eugen M. Brehm nahm f\u00fcr sich in Anspruch, Hiller auf den Verlag aufmerksam gemacht zu haben, weil er offen f\u00fcr neue Autoren gewesen sei. Das Profil des Verlags kann in gro\u00dfen Teilen dem v\u00f6lkischen Denken zugerechnet werden. Im gleichen Jahr wie Hillers Buch erschienen Kurt van Emsens (d.i. der v\u00f6lkisch-nationale Nervenarzt Karl Str\u00fcnckmann) Buch \u201eHitler und die Kommenden\u201c, in dem das \u201eVierte Reich\u201c vorgestellt wurde und von Richard Schapke \u201eDie schwarze Front. Von den Zielen und Aufgaben und vom Kampfe der deutschen Revolution\u201c, mit einem Vorwort von Otto Strasser. Sowie Otto Strassers Brosch\u00fcre \u201eSozialistische Einheitsfront! Her mit dem Revolutionskabinett Gregor Strasser, Graf Reventlow, Severing, H\u00f6ltermann, Scheringer. Eine Forderung der schwarzen Front.\u201c Der Lindner Verlag vertrieb Hillers Buch nachweislich noch 1934, w\u00e4hrend der Autor im Juli 1933 verhaftet und im Columbia-Haus misshandelt worden war, im Oktober ins KZ Brandenburg und im Februar 1934 ins KZ Oranienburg kam. Unerwartet freigelassen, gelang Kurt Hiller am 2. Oktober 1934 seine Flucht nach Prag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Rosa Luxemburg Stiftung stellt Kurt Hiller (1885 in Berlin \u2013 1972 in Hamburg) als \u201eSchriftsteller und pazifistischen Publizisten\u201c vor, der \u201elebenslang f\u00fcr einen Sozialismus, f\u00fcr Frieden und sexuelle Minderheiten\u201c k\u00e4mpfte. 1933 kam Hiller ins KZ Oranienburg, wo er die Folter Erich M\u00fchsams miterlebte. 1934 konnte er zun\u00e4chst nach Prag, danach nach England emigrieren, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/kurt-hillers-revolutionaerer-pazifismus\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Kurt Hillers \u201eRevolution\u00e4rer Pazifismus\u201c - graswurzelrevolution","description":"&nbsp; Die Rosa Luxemburg Stiftung stellt Kurt Hiller (1885 in Berlin \u2013 1972 in Hamburg) als \u201eSchriftsteller und pazifistischen Publizisten\u201c vor, der \u201elebenslan"},"footnotes":""},"categories":[2119],"tags":[],"class_list":["post-33741","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-507-maerz-2026"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33741","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33741"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33741\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33838,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33741\/revisions\/33838"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33741"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33741"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33741"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}