{"id":33742,"date":"2026-03-01T12:33:32","date_gmt":"2026-03-01T10:33:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/das-revolutionaerste-mitglied-der-frankfurter-schule\/"},"modified":"2026-03-20T02:11:54","modified_gmt":"2026-03-20T00:11:54","slug":"das-revolutionaerste-mitglied-der-frankfurter-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/das-revolutionaerste-mitglied-der-frankfurter-schule\/","title":{"rendered":"Das revolution\u00e4rste Mitglied der Frankfurter Schule"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nick Thorkelson skizziert das Leben und Werk des ber\u00fchmten deutsch-amerikanischen Soziologen, Philosphen und Politikwissenschaftlers Herbert Marcuse. Acht wichtige B\u00fccher Marcuses werden vorgestellt, am ausf\u00fchrlichsten davon \u201eTriebstruktur und Gesellschaft\u201c und \u201eDer eindimensionale Mensch\u201c. Zudem zeigt der Comic einen \u00dcberblick \u00fcber die neuere Zeitgeschichte ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Aus dem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Peter-Erwin Jansen geht hervor, dass diese Graphic Novel im Kontext der Internationalen Herbert Marcuse Society entstanden ist und bereits bei deren Marcuse-Konferenz 2019 vorgestellt wurde.<br \/>\nNach einer kurzen Einleitung beginnt die Story mit dem jungen, assimilierten Juden Herbert Marcuse (geboren 1898) im Berlin der Jahrhundertwende. Bereits in jungen Jahren bekommt er den Nationalismus, den Antisemitismus, den Klassenkampf, den Krieg und das Aufkommen des Nationalsozialismus mit. Er studiert Literatur und politische Philosophie. 1928 st\u00f6\u00dft er auf Martin Heidegger und wechselt deshalb von der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin nach Freiburg. Marcuse: \u201eEs kam uns so vor, als erm\u00f6gliche Heidegger, eine gro\u00dfe Kluft zu \u00fcberwinden.\u201c (S.\u00a018)<br \/>\nErz\u00e4hlt wird auch die Geschichte der Frankfurter Schule, die durch die Gr\u00fcndung des Instituts f\u00fcr Sozialforschung 1924 entstand. Aufgrund der Macht\u00fcbernahme der Nazis ging sie 1933 ins Exil nach Genf, wo Marcuse dazustie\u00df. Bald migrierte die Frankfurter Schule nach New York, 1942 weiter nach Kalifornien. Da Marcuse nicht weiter von Adorno und Horkheimer am Institut f\u00fcr Sozialforschung besch\u00e4ftigt wurde, arbeitete er, sowie weitere seiner Kollegen, daraufhin beim OSS, dem Nachrichtendienst des US-Kriegsministeriums (der Vorg\u00e4nger des CIA). Nach dem Zweiten Weltkrieg besuchte Marcuse in seiner Uniform als OSS-Mitarbeiter Heidegger in seiner Bergh\u00fctte in Deutschland, konnte ihn aber nicht von seinem nationalsozialistischen Irrweg abbringen.<br \/>\nDie Frankfurter Schule kehrte nach Frankfurt zur\u00fcck. Marcuse blieb dagegen in den USA. Er war an verschiedenen Universit\u00e4ten t\u00e4tig und zog 1965 an die University California San Diego (UCSD). Seine wohl bekannteste Studentin war die Afroamerikanerin Angela Davis. W\u00e4hrend der 1968er-Bewegung war er als Aktivist bei den StudentInnen. Sein 1964 zuerst auf Englisch erschienenes Buch \u201eDer eindimensionale Mensch\u201c machte Marcuse zu einem Campus-Superstar. (S. 64)<br \/>\nMit seiner Popularit\u00e4t im linken Milieu wurde er zum Ziel der Rechten: \u201eMarcuse \u2013 Sie sind ein sehr dreckiger Kommunistenhund. Wir geben Ihnen 72 Stunden, um in den Vereinigten Staaten zu leben. 72 Stunden, Marcuse, dann werden wir Sie umbringen. \u2013 Ku Klux Klan.\u201c (S. 71) Auch der sp\u00e4tere US-Pr\u00e4sident Reagan mischte mit: \u201eDer kalifornische Gouverneur Ronald Reagan verlangte (&amp; erreichte letztlich auch) Marcuses Entlassung aus der philosophischen Fakult\u00e4t der UCSD.\u201c (S.\u00a070)<br \/>\nWegen seines Engagements fiel Marcuse aber auch in Ungnade bei seinen Kollegen der Frankfurter Schule, es kam zum Streit mit Adorno und Horkheimer. Sie blieben lieber bei ihrer Kritischen Theorie und meinten zu ihm, dem \u201erevolution\u00e4rsten Mitglied der Frankfurter Schule\u201c (S.\u00a0111): \u201eDieser unfruchtbare &amp; brutale Aktionismus der Neuen Linken hat nichts mit Theorie zu tun.\u201c (S. 82)<br \/>\nDer Briefverkehr mit Adorno hielt an bis zu dessem fr\u00fchen Tod 1969.<br \/>\nNicht nur Angela Davis stellt in ihrem Vorwort die Aktualit\u00e4t von Marcuse und seinen Schriften heraus: \u201e[D]enke ich, dass Marcuses Ideen heute so wertvoll sein k\u00f6nnen wie vor f\u00fcnfzig Jahren.\u201c (S. vii) Sondern auch der Autor Thorkelson hebt sie immer wieder in seinem Comic hervor. Auf Seite 24 stellt er z.\u2009B. den Plutokraten Anfang der 1930er Jahre das Jahr 2016 (\u201eMake America Great Again\u201c) gegen\u00fcber. Und: \u201eAllerdings blieben ihre [der Frankfurter, also auch Marcuses, beim OSS] Empfehlungen f\u00fcr den Nachkriegsaufbau unbeachtet.\u201c Gegen\u00fcber \u201eMerkel an Griechenland: Unterwerft euch oder sterbt.\u201c (S. 43) Sowie: \u201eDer eindimensionale Mensch\u201c gegen\u00fcber \u201eDie Menschheit wandert auf der Erde umher, dazu verdammt, von der Arbeit ihrer Daumen zu leben.\u201c (S. 64) Eine Anspielung auf unsere heutigen Smartphones!<br \/>\nNicht zuletzt aufgrund dieser Aktualit\u00e4t ist die vorliegende Graphic Novel (als Einstimmung) sehr zu empfehlen. Aber auch all denjenigen, die sich einen \u00dcberblick bez\u00fcglich Marcuse und seinem Wirken in der j\u00fcngeren Zeitgeschichte der (studentischen) Bewegungen verschaffen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nick Thorkelson skizziert das Leben und Werk des ber\u00fchmten deutsch-amerikanischen Soziologen, Philosphen und Politikwissenschaftlers Herbert Marcuse. 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