{"id":33743,"date":"2026-03-01T12:33:32","date_gmt":"2026-03-01T10:33:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/unsichtbar-war-gestern-feministische-impulse-in-der-systemik\/"},"modified":"2026-03-19T13:31:57","modified_gmt":"2026-03-19T11:31:57","slug":"unsichtbar-war-gestern-feministische-impulse-in-der-systemik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/unsichtbar-war-gestern-feministische-impulse-in-der-systemik\/","title":{"rendered":"Unsichtbar war gestern: Feministische Impulse in der Systemik"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWelche Frauen benennst du, wenn du in der Weiterbildung \u00fcber die systemische Historie erz\u00e4hlst?\u201c \u2013 gleich zu Beginn dieses Buches wird eine zentrale Frage gestellt. Eine Frage, die in der Systemik oft schnell mit gro\u00dfen und zurecht bekannten Namen wie Virginia Satir, Insoo Kim Berg oder Mara Selvini Palazzoli beantwortet ist. Doch \u201eSystemik, die\u201c zeigt uns eindrucksvoll, wie viel mehr die Geschichte der systemischen Theorie und Praxis bereith\u00e4lt: zahlreiche Frauen, deren Wirken bisher zu oft im Schatten ihrer m\u00e4nnlichen Kollegen stand. Systemik betrachtet Probleme, Ph\u00e4nomene oder Menschen nicht isoliert, sondern als Teil eines dynamischen Netzwerks aus Beziehungen, Wechselwirkungen und Kontexten. Das Buch von Tanja Kuhnert und Nikola Siller wirft einen frischen und l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4lligen feministischen Blick auf die Systemik.<br \/>\nAuf fast 500 Seiten entfalten die insgesamt 33 Autor:innen eine Landkarte der systemischen Geschichte und Gegenwart und nehmen uns so mit auf eine spannende Reise vom Ursprung der Systemik bis in die heutige Praxis. Sie beleuchten, warum so viele weibliche Beitr\u00e4ge aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis verschwunden sind \u2013 und machen sie endlich sichtbar. Sie benennen beispielhaft die Familientherapie, die lange Zeit als ausschlie\u00dflich weibliches Arbeitsfeld galt und doch bis heute h\u00e4ufig m\u00e4nnlichen \u201eErfindern\u201c zugesprochen wird. Sie bieten vielf\u00e4ltige Sichtweisen, lassen durch ihre Beitr\u00e4ge Ambivalenzen und Spannungsfelder entstehen und geben somit Raum f\u00fcr Entwicklung.<br \/>\nIm Laufe der Lekt\u00fcre begegnen wir beeindruckenden Pers\u00f6nlichkeiten, deren Namen in der systemischen Szene viel mehr Beachtung verdient h\u00e4tten \u2013 von Margarete Hecker \u00fcber Brigitte Pfefferkorn und Satuila Stierlin bis zu Gisal Wnuk-Gette, Lynn Hoffman, Carmel Flaskas und vielen mehr. Es werden Forschungsans\u00e4tze, Theorien und bahnbrechende Erkenntnisse vorgestellt, die inspirieren und Mut machen. Die erg\u00e4nzende Liste \u201eSay her name\u201c macht deutlich, wie umfangreich und vielf\u00e4ltig die Geschichte weiblicher Beitr\u00e4ge in der Systemik eigentlich ist.<br \/>\nDer gro\u00dfe Mehrwert dieses Werkes? Es regt nicht nur zum Nach- und Weiterdenken an, sondern inspiriert dazu, bestehende Narrative der Systemik kritisch zu hinterfragen. Die Art der Beitr\u00e4ge ist mit theoretischen Abhandlungen, Interviews und pers\u00f6nlichen Berichten bewusst sehr vielf\u00e4ltig gehalten. Die Lesenden werden auf diese Weise eingeladen, selbst nachzudenken, zu hinterfragen und ihren Blick auf die Rolle von Frauen in der Systemik zu sch\u00e4rfen. Und ganz nebenbei werden sie auch empowert und ermutigt, selbst laut(er) \u00fcber Machtstrukturen und die Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen zu sprechen. Denn das Paradoxon, dass die Systemik vieles dekonstruiert, das Patriarchat jedoch oft unangetastet l\u00e4sst, l\u00e4dt zu kontroversen Diskussionen ein. Konsequent bricht das Buch sowohl im Titel als auch im Inhalt mit alten Begriffen der Systemtheorie und ersetzt sie durch die Systemik.<br \/>\nWas das Buch auszeichnet, ist sein selbstkritischer und intersektionaler Ansatz. Die Mitwirkenden reflektieren offen ihre eigenen Erfahrungen als weiblich gelesene Personen und nehmen bin\u00e4re Denkmuster unter die Lupe. Dabei scheuen sie keine Komplexit\u00e4t, erm\u00f6glichen es den Lesenden aber durch zahlreiche Erkl\u00e4rungen und zus\u00e4tzliche Download-Materialien, sich diese Komplexit\u00e4t zu erschlie\u00dfen.<br \/>\nAm Ende steht fest: Das Buch ist bei weitem keines, was man wie einen guten Roman im Urlaub am St\u00fcck verschlingt. Es ist ein bisweilen brutal ehrliches Fachbuch, welches die Br\u00fccke zwischen Vergangenheit und Gegenwart der Systemik schl\u00e4gt und ihre transformative Kraft erlebbar macht. Eines, das das feministische Herz und den Kopf gleicherma\u00dfen anspricht und den Wunsch weckt, die Werke der vorgestellten Frauen selbst zu entdecken. \u201eSystemik, die\u201c sollten all diejenigen lesen, die neugierig geblieben sind: Lehrende und Lernende aus der systemischen Theorie und Praxis, feministisch Interessierte, P\u00e4dagog:innen und alle drum herum. Es h\u00e4lt, was der Untertitel verspricht \u2013 es vermittelt feministische Perspektiven systemischer Theorie und Praxis, die Lust machen auf Anwendung und Vertiefung. Ein fast schon revolution\u00e4res Werk, was in jede gut ausgestattete Fachbibliothek, in systemische Weiterbildungsinstitute und Universit\u00e4ten geh\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eWelche Frauen benennst du, wenn du in der Weiterbildung \u00fcber die systemische Historie erz\u00e4hlst?\u201c \u2013 gleich zu Beginn dieses Buches wird eine zentrale Frage gestellt. 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