{"id":33745,"date":"2026-03-01T12:33:33","date_gmt":"2026-03-01T10:33:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/guter-rat-vom-raetekommunisten-otto-ruehle-folgt-keinen-autoritaeten\/"},"modified":"2026-03-20T02:07:13","modified_gmt":"2026-03-20T00:07:13","slug":"guter-rat-vom-raetekommunisten-otto-ruehle-folgt-keinen-autoritaeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/guter-rat-vom-raetekommunisten-otto-ruehle-folgt-keinen-autoritaeten\/","title":{"rendered":"Guter Rat vom R\u00e4tekommunisten Otto R\u00fchle: Folgt keinen Autorit\u00e4ten!"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weltweit sind autorit\u00e4r ausgerichtete Parteien auf dem Vormarsch. Der progressive Aufbruch der 68er-Bewegung mit ihrer Hinterfragung von Autorit\u00e4ten ist mittlerweile Geschichte. Inzwischen haben in mehreren L\u00e4ndern autokratische Herrscher die Macht an sich gerissen, bedr\u00e4ngen linke und demokratische Bewegungen massiv und stellen selbst b\u00fcrgerlich-demokratische Errungenschaften infrage. Doch nicht nur Trump und die AfD haben starke autokratische Ambitionen, sondern auch in ehemals linken Bewegungen und Parteien breiten sich Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit und autorit\u00e4res Verhalten zunehmend aus. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang das B\u00fcndnis Sahra Wagenknecht (BSW) und mehrere neu entstandene kommunistische Kleinparteien im Stil der alten K-Gruppen, die wieder Zulauf bekommen.<br \/>\nIn dieser Situation erscheint das von Wolfgang Haug herausgegebene Buch \u201eOtto R\u00fchle. Sein Kampf gegen das autorit\u00e4re Denken und Handeln\u201c genau zum richtigen Zeitpunkt. Im ersten Teil wird ein informativer und sorgf\u00e4ltig recherchierter \u00dcberblick \u00fcber das Leben R\u00fchles (1874\u20131943) gegeben. Die politischen Entwicklungen und Auseinandersetzungen im Umfeld des R\u00e4terevolution\u00e4rs werden nachgezeichnet. Auf weiteren 250 Seiten zeigen ausgew\u00e4hlte Texte von R\u00fchle aus mehreren Jahrzehnten, wie er sich vom aufm\u00fcpfigen Sozialdemokraten zum R\u00e4tekommunisten entwickelt und Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit und Hierarchien kritisiert hat.<\/p>\n<p><strong>Die Revolution ist keine Parteisache!<\/strong><\/p>\n<p>Am Anfang des Ersten Weltkrieges lehnte er als Reichstagsabgeordneter zusammen mit Liebknecht die Kriegskredite ab, trat aus der SPD aus, unterst\u00fctzte f\u00fcr eine kurze Zeit die KPD, um 1918 den Vorsitz des Revolution\u00e4ren Arbeiter- und Soldatenrates zu \u00fcbernehmen und sich der Kommunistischen Arbeiterpartei (KAPD) anzuschlie\u00dfen, die damals viele Mitglieder hatte. Als begabter \u201eWanderredner\u201c entfaltete er eine gro\u00dfe Wirkung, insbesondere in Sachsen. R\u00fchle agitierte in der der KAPD nahestehenden Gewerkschaft Allgemeine Arbeiter Union Deutschlands (AAUD), die sehr unter staatlicher Repression zu leiden hatte. Ihr Statut wurde 1920 von den 68 festgenommenen Delegierten im Saal des Polizeipr\u00e4sidiums von Hannover beschlossen.<br \/>\nIm selben Jahr fasste R\u00fchle seine Erfahrungen mit dem Parlamentarismus und der Parteipolitik bei SPD und KPD in der von Franz Pfemfert herausgegebenen Zeitschrift \u201eAktion\u201c zusammen und formulierte dort seinen sp\u00e4ter vielzitierten Leitsatz \u201eDie Revolution ist keine Parteisache!\u201c Desillusioniert kam er als Delegierter aus Moskau zur\u00fcck, wo die KAPD wegen einer Mitgliedschaft in der Kommunistischen Internationale angefragt hatte, allerdings unannehmbare Bedingungen erf\u00fcllen musste. Wegen seiner Parteikritik wurde er 1920 sogar aus der KAPD ausgeschlossen. Allerdings hatte er in Sachsen immer noch eine beachtliche Anh\u00e4ngerInnenschaft.<\/p>\n<p><strong>Individualpsychologie<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 1921 begegnete R\u00fchle seiner zuk\u00fcnftigen Frau Alice Gerstel aus Prag, die ihn in seiner Autorit\u00e4tskritik nicht nur best\u00e4rkte, sondern ebenfalls mit der Individualpsychologie von Alfred Adler bekanntmachte. Wolfgang Haug betont in den vorangestellten 120seitigen profunden \u201ebiographischen Notizen\u201c, wie wichtig diese Impulse f\u00fcr R\u00fchle waren: \u201eDie intensive Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit seiner Frau Alice R\u00fchle-Gerstel f\u00fchrte bis 1932 zu \u00fcber 20 p\u00e4dagogischen und politischen Schriften zur Frauenemanzipation, zu sexualwissenschaftlichen Fragen und zum Erziehungswesen. (&#8230;) In der Aktion ver\u00f6ffentlichte R\u00fchle seine neuen Thesen \u00fcber die Autorit\u00e4tsfixiertheit der Arbeiterklasse, die als Ansto\u00df f\u00fcr die sich bildenden heftigen Auseinandersetzungen im folgenden Jahr mit seinen bisherigen Mitstreitern Franz Pfemfert, Oskar Kanehl und James Broh gelten k\u00f6nnen.\u201c (S. 68)<br \/>\nIn seinem 1925 geschriebenen Artikel geht R\u00fchle darauf ein, dass \u201edas gereizte Streben nach Geltung und \u00dcberlegenheit\u201c nicht nur in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft eine gro\u00dfe Rolle spielt, sondern auch in den linken Parteien anzutreffen ist. R\u00fchle versuchte in seinen Artikeln, mit Hilfe der Individualpsychologie die individuelle mit der kollektiven M\u00fcndigkeit zu verbinden. Er besch\u00e4ftigte sich intensiv mit Erziehungsfragen bei Kindern und Jugendlichen und prangerte das vorherrschende hierarchische und autorit\u00e4re Schulsystem an.<br \/>\nAn B\u00fcrgerlichen wie Sozialdemokraten bem\u00e4ngelte er gleicherma\u00dfen, dass sie bei der Durchsetzung ihrer \u00f6konomischen Klasseninteressen die Menschen lassen, wie sie sind und sich nicht auf pers\u00f6nlicher Ebene in solidarischer und r\u00fccksichtsvoller Weise begegnen. Als genauer Beobachter stellte er fest, dass die Masse der Anh\u00e4ngerInnen der linken Parteien im \u201einnern noch ganz konservativ und traditionell\u201c in b\u00fcrgerlichen Vorstellungen gefangen waren: \u201e\u00dcberall verpfuschte B\u00fcrger, sitzengebliebene Spie\u00dfer, vergessene Anw\u00e4rter auf das Kanapee des behaglich-sorglosen Rentnertums.\u201c (S. 88)<br \/>\nEr rechnete schonungslos mit der parteigebundenen Linken ab: \u201eSie war und blieb eine kleinb\u00fcrgerliche Reformpartei der Entt\u00e4uschten, Zukurzgekommenen, am kapitalistischen Aufstieg Verhinderten. Keine revolution\u00e4re Bewegung, sondern nur eine Revolte wildgewordener M\u00f6chtegern-Kapitalisten.\u201c (S. 297)<br \/>\nHaug betont, dass R\u00fchles emanzipatorische Ideen sogar bei der AAUD nicht sonderlich erfreut aufgenommen wurden und sie zu einer solidarischen Diskussion seiner Thesen nicht in der Lage war. Diese ab 1925 sich im Niedergang befindliche Gewerkschaft w\u00e4hnte den Kapitalismus irrigerweise kurz vor dem Zusammenbruch. Obwohl R\u00fchle diese Ansicht damals teilte, wies er darauf hin, dass eine emanzipatorisch ausgerichtete Erziehung erst l\u00e4ngerfristig Fr\u00fcchte tragen kann. Ein Widerspruch.<\/p>\n<p><strong>Kritik der totalen Herrschaft<\/strong><\/p>\n<p>Einen breiten Raum nimmt im Buch die Auseinandersetzung mit den Herrschaftsmechanismen in ideologisch gegens\u00e4tzlich ausgerichteten Lagern statt. Haug weist darauf hin, dass die ideologischen Begr\u00fcndungen f\u00fcr die Durchsetzung autorit\u00e4rer Ma\u00dfnahmen in verschiedenen Gesellschaftsordnungen sehr unterschiedlich sein k\u00f6nnen. Der im Buch befindliche Artikel R\u00fchles \u201eBrauner und roter Faschismus\u201c analysiert die totale Herrschaft in unterschiedlichen Staaten. Den Bogen zur heutigen Situation spannt Haug in seinem Vorwort, indem er u. a. auf die Ambitionen des US-amerikanischen Tech-Milliard\u00e4rs Peter Thiel ((1)) hinweist, mit dem Datenauswertungssystem Palantir eine immer vollst\u00e4ndigere Kontrolle \u00fcber die Bev\u00f6lkerung auszu\u00fcben, um sie auszubeuten und zu unterdr\u00fccken. Da diese Software in mehreren Bundesl\u00e4ndern der BRD zur Verf\u00fcgung steht, ist dieses Thema auch hier aktuell.<br \/>\nWolfgang Haug hat bereits B\u00fccher zu R\u00fchles Wegbegleitern Franz Pfemfert\u00a0((2)) und Oskar Kanehl ((3)) geschrieben. Er kann deshalb bemerkenswerte Bez\u00fcge und Querverbindungen herstellen, die kaum bekannt sind und zu einem zus\u00e4tzlichen Erkenntnisgewinn f\u00fchren. Es ist zu hoffen, dass R\u00fchles Werk nach der nur kurzzeitigen Wiederentdeckung durch die fr\u00fche 68er-Bewegung mit diesem Buch wieder verst\u00e4rkt rezipiert und den aktuellen autokratischen Tendenzen Paroli geboten wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Weltweit sind autorit\u00e4r ausgerichtete Parteien auf dem Vormarsch. Der progressive Aufbruch der 68er-Bewegung mit ihrer Hinterfragung von Autorit\u00e4ten ist mittlerweile Geschichte. Inzwischen haben in mehreren L\u00e4ndern autokratische Herrscher die Macht an sich gerissen, bedr\u00e4ngen linke und demokratische Bewegungen massiv und stellen selbst b\u00fcrgerlich-demokratische Errungenschaften infrage. 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