{"id":33747,"date":"2026-03-01T12:33:33","date_gmt":"2026-03-01T10:33:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/mehr-als-eine-rechtsschutzversicherung\/"},"modified":"2026-03-01T12:33:33","modified_gmt":"2026-03-01T10:33:33","slug":"mehr-als-eine-rechtsschutzversicherung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/mehr-als-eine-rechtsschutzversicherung\/","title":{"rendered":"Mehr als eine Rechtsschutzversicherung"},"content":{"rendered":"<p>Die Rote Hilfe wird in linken Kreisen oft als blo\u00dfe Rechtsschutzversicherung verkannt. Dabei ist sie eine politische Organisation mit einer \u00fcber hundertj\u00e4hrigen Geschichte. Diese Geschichte hat Silke Makowski recherchiert und in ihrem Buch \u201eGeschichte der Roten Hilfe\u201c zusammengefasst. Sie skizziert die Urspr\u00fcnge der Antirepressionsgruppierung in der KPD, ihr Verbot, die Zerschlagung in Nazideutschland und den Neuaufbau zu einer der gr\u00f6\u00dften linken Strukturen des Landes. Dabei verschweigt sie nicht die vielen Str\u00f6mungsk\u00e4mpfe, welche die Rote Hilfe \u00fcberstanden hat und die sie heute mit einem str\u00f6mungs\u00fcbergreifenden Selbstverst\u00e4ndnis ausstatten.<\/p>\n<p>Str\u00f6mungs\u00fcbergreifender Charakter<\/p>\n<p>Der Name der Roten Hilfe ist auf ihren kommunistischen Ursprung zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die Unterst\u00fctzung trifft allerdings keinesfalls nur Kommunist*innen und ist erst recht nicht von Parteib\u00fcchern abh\u00e4ngig. In der Lekt\u00fcre wird neben Clara Zetkins wichtigem Einsatz auch die Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Anarchisten Erich M\u00fchsam erw\u00e4hnt.<br \/>\nAuch aktuelle b\u00fcrgerliche wie linke Vertreter*innen werden nicht ausgespart: Seien es Jusos, Mitglieder der Gr\u00fcnen Jugend oder der Linkspartei, die wegen ihrer Mitgliedschaft in der Roten Hilfe durch die Presse gejagt wurden. Dass die Rote Hilfe neben den vielen kommunistischen und anarchistischen Str\u00f6mungen auch den Spagat von linker bis linksradikaler Politik in sich vereint, ist alles andere als selbstverst\u00e4ndlich. Auch in den vergangenen Jahrzehnten sorgten unterschiedliche Analysen immer wieder f\u00fcr Konflikte. Doch gerade hier liegt eine der gro\u00dfen St\u00e4rken der Organisation. W\u00e4hrend sich Splittergruppen h\u00e4ufig in sich selbst verlieren, verlangen die Gr\u00f6\u00dfe und Erfahrung der Roten Hilfe einen anderen Umgang. So haben die Entscheidungen, die sie in der Vergangenheit getroffen hat und in Zukunft treffen wird, immer auch einen Einfluss auf die gesamte linke Bewegung. Umso wichtiger ist die historische Auseinandersetzung, die das Buch bietet. So l\u00e4sst sich aus den vergangenen Fehlern lernen; zugleich erinnert der R\u00fcckblick daran, dass auch andere, trotz augenscheinlich unl\u00f6sbaren Problemen, einen Weg gefunden haben, um weiterzumachen. Den Roten Helfer*innen wird dabei vermutlich immer die Sicherheit der eigenen Genoss*innen vor Augen gestanden haben. Die Priorit\u00e4ten zu kennen, kann helfen, beim Wesentlichen zu bleiben.<\/p>\n<p>Zwischen juristischer Expertise und ungebrochener Solidarit\u00e4tsarbeit<\/p>\n<p>Staatliche Repressionen in Deutschland sind vor allem rechtlicher Natur. Der Verein wird deshalb in der linken Bewegung verst\u00e4ndlicherweise prim\u00e4r als juristische Unterst\u00fctzung wahrgenommen. Silke Makowski zeigt in ihrer Zusammenfassung aber deutlich auf, dass es weder aktuell noch historisch nur um die Vermittlung von Anw\u00e4lt*innen ging. Antirepression reicht bis in die Gef\u00e4ngnisse hinein. Sie unterst\u00fctzt die Familien und bietet politischen Halt. Die Autorin weist dazu auch immer wieder auf die politische Arbeit der Frauen hin, die in der Roten Hilfe schon vor hundert Jahren wesentliche S\u00e4ulen der Antirepressionsarbeit waren.<br \/>\nLinke K\u00e4mpfe sind international. So geht es wie selbstverst\u00e4ndlich auch um den gefangenen US-Aktivisten Mumia Abu-Jamal, den kurdischen Unabh\u00e4ngigkeitskampf, die Repressionen gegen pal\u00e4stinasolidarische Aktivist*innen oder den Budapest-Komplex. Die Themen sind vielf\u00e4ltig und umfassen Antifaschismus, Kriegsdienstverweigerung, die Unterst\u00fctzung Gefl\u00fcchteter und politischer Gefangener, Antikapitalismus, Anti-AKW-Proteste, Klimaaktivismus und vieles mehr. Ein linker Aktivismus, der nicht unter den Aufgabenbereich der Roten Hilfe f\u00e4llt, ist schwer denkbar. Und so wird die Ver\u00f6ffentlichung vermutlich viele ihrer Leser*innen zum Eintritt in den Verein bewegen.<\/p>\n<p>Ein Blick in die Zukunft<\/p>\n<p>Silke Makowski ist mit ihrer Ver\u00f6ffentlichung in der Basiswissen-Reihe des PapyRossa-Verlags ein informativer \u00dcberblick gelungen, der sich bereits auf einer l\u00e4ngeren Zugfahrt gut durchlesen l\u00e4sst. Trotz der K\u00fcrze trifft sie die wesentlichen Punkte und schlie\u00dft damit viele Bildungsl\u00fccken.<br \/>\nDie Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Roten Hilfe kann auf die Zukunft vorbereiten. Verbote hat sie bereits mehrfach \u00fcberstehen m\u00fcssen und ihre Arbeit in den Untergrund verlagert. Die aktuelle Debatte um das \u201eDebanking\u201c (die K\u00fcndigung von Bankkonten) der Organisation und die gewaltige Normalisierung der extremen Rechten k\u00f6nnten ein solches Verbot erneut wahrscheinlicher machen (vgl. Artikel in GWR 506). Das Buch erschien genau zur rechten Zeit und k\u00f6nnte trotz des 100j\u00e4hrigen R\u00fcckblicks aktueller nicht sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rote Hilfe wird in linken Kreisen oft als blo\u00dfe Rechtsschutzversicherung verkannt. Dabei ist sie eine politische Organisation mit einer \u00fcber hundertj\u00e4hrigen Geschichte. Diese Geschichte hat Silke Makowski recherchiert und in ihrem Buch \u201eGeschichte der Roten Hilfe\u201c zusammengefasst. 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