{"id":33749,"date":"2026-03-01T12:33:34","date_gmt":"2026-03-01T10:33:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/neoanarchismus-2\/"},"modified":"2026-03-19T13:17:59","modified_gmt":"2026-03-19T11:17:59","slug":"neoanarchismus-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/neoanarchismus-2\/","title":{"rendered":"Neoanarchismus"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie habe ich mir das gew\u00fcnscht, dass endlich, im Alter angekommen, jemand beginnt \u201eunsere\u201c Geschichten zu dokumentieren. Der Nachkriegsanarchismus in Deutschland hatte durch den elementaren historischen Einschnitt der zw\u00f6lf Jahre Nazi-Diktatur seine Kontinuit\u00e4t verloren. Die damaligen \u201eAlt-Anarchist*innen\u201c aus der Vorkriegszeit und die \u201eNeoan-archist*innen\u201c, die Teil der antiautorit\u00e4ren (Student*innen-)Bewegung waren, konnten unterschiedlicher kaum sein. W\u00e4hrend die einen den Mythos der revolution\u00e4ren Arbeiter*innen-Bewegung aufrecht hielten, waren die anderen durch das \u201eWirtschaftswunder\u201c zu individualistischen Konsumverweiger*innen geworden. Sonntagsstaat gegen selbstgebatikte T-Shirts und abgeranzte Jeans, so ziemlich in allem so unterschiedlich wie Tag und Nacht, aber das Eine bedingt das Andere und Beide geh\u00f6ren zum Tag mit 24 Stunden.<\/p>\n<p><strong>Bildet Banden!<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten Aktivist*innen, die jetzt das Rentenalter erreicht haben, stammen aus den 1950er Jahren. Die Studierendenbewegung, mit ihrer Orientierungslosigkeit nach dem Attentat auf Rudi Dutschke und der Menge an kommunistischen Splittergruppen, separierte auch die anarchistische Bewegung, die nun hungrig auf Theorie war. Eifrige Antiquare, wie Hansj\u00f6rg Viesel, oder \u201eAltanarchisten\u201c, wie Fritz Scherer, Uwe Timm oder Willy Huppertz, waren bereit, ihre wohlgeh\u00fcteten Sch\u00e4tze, die sie durch die Nazizeit gerettet hatten, uns Freaks zum Nachdruck zu \u00fcberlassen. Tats\u00e4chlich hatten wir bis dahin von Michail Bakunin, Emma Goldmann, Erich M\u00fchsam, Errico Malatesta und anderen \u201eklassischen Anarchist*innen\u201c nur wenig Ahnung.<br \/>\nDas Wissen um die Geschichte von unten und die Publikationen der anarchistischen Bewegungen wurden in diesen verheerenden zw\u00f6lf Hitler-Jahren unterbrochen und zum Teil vernichtet. Verlage wie der Karin Kramer Verlag aus West-Berlin, der Impuls Verlag aus Bremen, der Trotzdem Verlag aus Reutlingen, die Edition Nautilus aus Hamburg, der Verlag Die Freie Gesellschaft aus Frankfurt\/M. und andere versorgten jetzt ein hungriges, antiautorit\u00e4rres Publikum mit geistiger Nahrung. Auflagen von zwei bis f\u00fcnftausend Exemplaren waren keine Seltenheit. Selbst wenn die \u201eObjekte der Revolution\u201c, der Arbeiter und die Arbeiterin, inzwischen eben nicht mehr so geschlossen dastanden, weil angepasste Gewerkschaften und angestellte Manager hier l\u00e4ngst die Fronten aufgeweicht haben, der \u201eArbeiter-Anarchismus\u201c dadurch etwas abhanden gekommen ist, galt es, neue Arten von K\u00e4mpfen auszufechten.<br \/>\nIn den 1970er Jahren war es wichtig, mit dem grundlegendem Wissen der Klassiker*innen und den neuen Herausforderungen, wie \u00d6kologie, Alternativbewegung, Drogen und Rockmusik (aber auch Folk etc.), die Hippies und andere Utopist*innen, zu verbinden. Es war angesagt, Banden zu bilden, Gemeinschaften, Gruppen, die subversiv gegen das kapitalistische System ank\u00e4mpfen k\u00f6nnten. Wir waren in unserer Zeit zahlreich und vielf\u00e4ltig. Aber unsere Geschichten m\u00fcssen noch geschrieben werden.<\/p>\n<p><strong>Unsere Geschichte ist wichtig<\/strong><\/p>\n<p>Der Autor Rolf Raasch (Jahrgang 1953) f\u00e4ngt nun mit einer Textsammlung an, diese Jahrzehnte der Nach-68er darzustellen. Mit diversen Rezensionen, Nachrufen, Sachtexten etc., die eine individuelle Sichtweise beschreiben, aber auch das Memento seiner Zeit und jener Erfahrung. Vom West-Berliner \u201eAnarchistischen Arbeiter Bund\u201c \u00fcber die Begegung mit Alt-Anarchisten, zu den j\u00fcngeren Anarchist*innen, zu seiner Leidenschaft, den Reisen nach Mittel- und S\u00fcdamerika und der Spurensuche zu B. Traven, Ricardo Flores Margon oder Mario Vargas Llosa. Immer auf den Spuren eines ungebrochenen Freiheitswillens, der \u00fcber die Generationen hinweg seine Bedeutung nicht verloren hat.<br \/>\nDie Biographie von Rolf Raasch ist ein Teilaspekt f\u00fcr eine Szene, die vielf\u00e4ltig war und ist. Sein durchgehendes Engagement in der Westberliner Anarcho-Szene zeigt die enge Verkn\u00fcpfung von Arbeit und sozialem Engagement. Seine hier zusammengestellten Texte liefern Schlaglichter auf ein vielf\u00e4ltiges f\u00fcr die Sache gelebtes Leben.<br \/>\nMeine Erinnerungen an Arbeits- und Wohnexperimente, und eine ausgesprochen kleinkriminelle Biographie kommen hier nicht so recht vor, aber warum auch.<br \/>\nWir brauchen mehr Geschichten aus den 1970er und 80er Jahren, nicht etwa, weil die Zeiten so \u201etoll\u201c waren, auf die wir Rentner*innen heute zur\u00fcckblicken k\u00f6nnen, sondern weil sie so vielf\u00e4ltitig und bunt waren, wie es heute anscheinend nicht mehr zu sein scheint. In der H&amp;M-Individualit\u00e4t unserer Jetztzeit passt es sehr gut, dass der Opa nicht mehr vom Krieg erz\u00e4hlt, sondern von Jux und Dollerei, von Abenteuer und mutigen K\u00e4mpfen, selbst wenn letztere mitunter verloren gingen. Die Diskussionen, die seit den 1990er Jahren toben, wo anarchistische Klassiker*innen verteufelt wurden, sollten wir hinter uns lassen. Immerhin haben die Klassiker*innen die Grundsteine f\u00fcr die anarchistische Theorie gelegt. Ihre Schriften sollten wir mit Toleranz und dem heutigen Wissen um den historischen Kontext lesen. Geschichten aus den Anf\u00e4ngen des Neoanarchismus k\u00f6nnen und sollen unsere Diskussionen befl\u00fcgeln und uns zu neuen Zielen tragen.<br \/>\nM\u00f6gen die Texte zum Neoanarchismus von Rolf Raasch den Auftakt bilden zu einer ganzen Reihe von Texten und Erfahrungsberichten aus den letzten 50 Jahren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wie habe ich mir das gew\u00fcnscht, dass endlich, im Alter angekommen, jemand beginnt \u201eunsere\u201c Geschichten zu dokumentieren. Der Nachkriegsanarchismus in Deutschland hatte durch den elementaren historischen Einschnitt der zw\u00f6lf Jahre Nazi-Diktatur seine Kontinuit\u00e4t verloren. 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