{"id":33750,"date":"2026-03-01T12:33:34","date_gmt":"2026-03-01T10:33:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/der-bruch-mit-weissen-rettungsphantasien\/"},"modified":"2026-03-19T13:14:40","modified_gmt":"2026-03-19T11:14:40","slug":"der-bruch-mit-weissen-rettungsphantasien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/der-bruch-mit-weissen-rettungsphantasien\/","title":{"rendered":"Der Bruch mit wei\u00dfen Rettungsphantasien"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sophia Boddenberg arbeitet seit 2014 als Journalistin in ihrer Wahlheimat S\u00fcdamerika, meist in Chile und Argentinien. Sie ist teilnehmende Beobachterin sozialer Bewegungen und positioniert sich als Feministin solidarisch an der Seite der K\u00e4mpfe um Rechte von Frauen und LGBTQI*. Aus dieser involvierten Perspektive hat die Autorin ihr aktuelles Buch \u201eRevolution der Frauen\u201c geschrieben, mit dem sie die Leser*innen \u00fcber zehn kurzweilige Kapitel an ihren teils sehr pers\u00f6nlichen Erfahrungen teilhaben l\u00e4sst. Es ist eine Reise durch ein vielschichtiges Amerika von unten, in der Boddenberg auch ihre Position und Rolle als wei\u00dfe Europ\u00e4erin reflektiert. F\u00fcnfzig Kurzbiografien lateinamerikanischer Akti-vist*innen runden das Buch ab.<\/p>\n<p>Boddenberg erz\u00e4hlt Geschichten von konkreten Personen, Begegnungen und Situationen. Durch die Auswahl entsteht ein Mosaik unterschiedlicher Lebenswirklichkeiten, Widerst\u00e4nde und K\u00e4mpfe. Es kommen Frauen zu Wort, die seit Jahrzehnten in der chilenischen W\u00fcste nach den Knochen ihrer verschwundenen Angeh\u00f6rigen suchen und somit an die brutalen Verbrechen der Pinochet-Diktatur erinnern. Sie besucht Frauen, die tote Kinder geb\u00e4ren, weil profitorientierte Bergbau-Unternehmen die Erde, Felder, Luft und Wasser nachweisbar mit Schwermetallen vergiften. Wir erfahren, wie es Aktivist*innen gelingt, gegen Feminizide und Straflosigkeit zu mobilisieren und lernen von Chilen*innen, wie sich ein Volk auf den Weg macht, sich eine neue Verfassung zu geben. Afrofeminist*innen, Schwarze Frauen und afrokolumbianische Frauen kommen ebenso zu Wort, wie Indigene Frauen. Mit ihren K\u00e4mpfen f\u00fcr die Wieder-Vergemeinschaftung von Land und Wasser stellen sie koloniale Vorstellungssysteme und Besitzverh\u00e4ltnisse grunds\u00e4tzlich in Frage.<\/p>\n<p>\u201eRevolution der Frauen\u201c macht Mut und zeigt die Kraft, die in der sozialen und politischen Organisierung und im Kollektiv steckt. Die F\u00fclle und Diversit\u00e4t der vorgestellten K\u00e4mpfe sind ebenso beeindruckend, wie die entschlossene und selbstbewusste Haltung der portraitierten Aktivist*innen. Der antifeministische und rechte Backlash wird hellsichtig als Reaktion auf feministische St\u00e4rke analysiert: \u201eWas wir als Feministinnen geleistet haben, war so wichtig, dass wir jetzt das Feindbild der Ultrarechten sind.\u201c (S. 139) Die \u201eRolle des Feminismus als transformative soziale Kraft\u201c stellt sich Alondra Carrillo als \u201eein Feuer vor, das auch bei starkem Wind weiterbrennt. Eine kleine Flamme, die wir sch\u00fctzen m\u00fcssen vor dem starken Wind, der gerade weht.\u201c (S. 124)<\/p>\n<p>Boddenberg benennt Kolonialismus, die imperiale und kapitalistische Lebensweise, Raubbau an der Umwelt sowie strukturellen Rassismus und Patriarchat als relevante Kontext- und Einflussfaktoren. Mit diesen F\u00e4den verbindet sie die einzelnen Geschichten zu einem Gesamtbild. Eine St\u00e4rke des Buchs ist der klare Bruch mit wei\u00dfen Rettungsphantasien: \u201eIch werde mich meinem Vater, der Mapuche ist \u2013 auch wenn er vielleicht manchmal ein Macho ist \u2013 immer n\u00e4her f\u00fchlen als einer wei\u00dfen Feministin, die uns retten will.\u201c (Danilea Catrileo, S.\u00a071) Und weiter: \u201eWir sind es so leid, dass wei\u00dfe Frauen uns aus der K\u00fcche befreien wollen.\u201c<br \/>\nUnter Bezugnahme auf L\u00e9lia Gonzalez benennt Boddenberg ignorante Flecken im wei\u00dfen Feminismus: \u201eAuch der lateinamerikanische Feminismus ist von wei\u00dfen, europ\u00e4ischen Perspektiven gepr\u00e4gt, der die Erfahrungen Schwarzer und Indigener Frauen ausblendet. Ein Feminismus, der Rassendimensionen nicht mitdenkt, reproduziert koloniale Machtverh\u00e4ltnisse.\u201c (S. 54)<\/p>\n<p>Boddenberg fragt sich, ob sie als wei\u00dfe Europ\u00e4erin \u00fcberhaupt das Recht habe, ein solches Buch zu schreiben. Die Frage ist berechtigt. Die Verwertung von Erfahrungen Subalterner \u2013 und ist sie noch so gut und solidarisch gemeint \u2013 bleibt vor dem Hintergrund kolonialgeschichtlicher Machtunterschiede und Wohlstandsprivilegien ein Spannungsfeld. Boddenberg gl\u00e4ttet dieses Spannungsfeld zum Gl\u00fcck nicht, sondern zeigt Unsicherheit und Auseinandersetzung mit eigenem Schmerz \u00fcber das ungewollte koloniale Erbe. Wei\u00dfe Feminist*innen sind herausgefordert, den Konflikt divergenter sozialer Positionierungen und Privilegien innerhalb der Feminismen und Frauenk\u00e4mpfe anzuerkennen und auszuhalten. Das im Titel des Buchs angek\u00fcndigte \u201eLernen von Feministinnen aus Lateinamerika\u201c ersch\u00f6pft sich so nicht in Ermutigung oder dem Kopieren von Widerstandspraxen, sondern mahnt in erster Linie, Verantwortung f\u00fcr das koloniale Erbe zu \u00fcbernehmen und dominante wei\u00dfe Vorstellungen von Feminismus zu hinterfragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sophia Boddenberg arbeitet seit 2014 als Journalistin in ihrer Wahlheimat S\u00fcdamerika, meist in Chile und Argentinien. Sie ist teilnehmende Beobachterin sozialer Bewegungen und positioniert sich als Feministin solidarisch an der Seite der K\u00e4mpfe um Rechte von Frauen und LGBTQI*. 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