{"id":33761,"date":"2026-03-01T12:33:37","date_gmt":"2026-03-01T10:33:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/das-ende-der-autonomen-selbstverwaltung-in-rojava\/"},"modified":"2026-04-15T11:19:55","modified_gmt":"2026-04-15T09:19:55","slug":"das-ende-der-autonomen-selbstverwaltung-in-rojava","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/das-ende-der-autonomen-selbstverwaltung-in-rojava\/","title":{"rendered":"Das Ende der autonomen Selbstverwaltung in Rojava?"},"content":{"rendered":"<p>Die Schl\u00fcsselrolle hatten dabei arabische St\u00e4mme \u00fcbernommen, die bis dahin mit der Daanes und deren Selbstverteidigungseinheiten, bekannt unter dem Namen \u201eSyrian Democratic Forces\u201c (SDF), verb\u00fcndet waren. \u00dcber Nacht wechselten sie die Seiten. Was im Fall des Shammar-Stammes \u2013 der gr\u00f6\u00dften arabischen Stammesgruppe in der Provinz Hasaka \u2013 besonders schwerwiegend ist, denn die kooperativen Beziehungen zwischen den syrischen Kurd:innen und dem Shammar Stamm reichen bis in das 18. Jahrhundert zur\u00fcck. Deren Al Sanadid Miliz war explizit prokurdisch orientiert. Sie wurde Teil der SDF und half, den IS zu vertreiben. Am 18. November 2025 traf sich Manaa Hamidi al-Jarba, der Anf\u00fchrer des Shammar-Stammes mit Ahmad al-Sharaa, Syriens neuem Staatschef. Diesem Treffen war eine heftige Konfrontation zwischen Shammar und kurdischen SDF-Einheiten vorausgegangen, bei der ein Shammar-Notabler get\u00f6tet wurde. \u201eUm die unterschiedlichen Sichtweisen der \u00fcberwiegend kurdischen F\u00fchrung der SDF und arabischer Stammeseliten wie Shammar zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass arabische St\u00e4mme \u00fcber langj\u00e4hrige soziale und famili\u00e4re Netzwerke verf\u00fcgen, die tief in den \u201aKern\u2019 Syriens hineinreichen. Al-Jarbas eigene Bewegungen unterstreichen dies: Bevor er in Damaskus ankam, war er in Homs, wo er sich mit Stammesf\u00fchrern traf und von Abdullah al-Muhaysini, einem engen Verb\u00fcndeten von al-Sharaa und saudischen Staatsangeh\u00f6rigen, empfangen wurde. Dies spricht f\u00fcr zwei sehr unterschiedliche historische Erfahrungen \u2013 und zwei unterschiedliche Visionen davon, wie man sich in den syrischen Staat integrieren kann.\u201c ((1))<\/p>\n<p>In Deir ez Zor berichteten arabische \u00dcberl\u00e4ufer der franz\u00f6sischen Journalistin Helene Salon, dass die arabischen K\u00e4mpfer innerhalb der SDF nicht gleichberechtigt behandelt worden waren. ((2))<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick war es meines Erachtens ein Fehler, dem Dr\u00e4ngen der USA nachzugeben und die vom IS befreiten, \u00fcberwiegend arabisch besiedelten Gebiete unter der Kontrolle der SDF zu behalten und sie damit in die sich damals entwickelnde Struktur der Daanes zu integrieren, auch wenn sicherheitspolitische Gr\u00fcnde daf\u00fcr gesprochen haben m\u00f6gen. Das gilt besonders f\u00fcr die beiden syrischen Gouvernorate Raqqa und Deir ez Zor. Die arabische Bev\u00f6lkerung war zum gro\u00dfen Teil nicht bereit f\u00fcr das basisdemokratische Projekt, deren Kernpunkt die gesellschaftliche Gleichstellung der Frauen ist. Sie hatte an der Entwicklung dieser weitreichenden, gesellschaftlichen Emanzipation nicht aktiv mitgearbeitet und musste es als ein Diktat empfinden, das den traditionellen patriarchalischen Strukturen widerspricht.<br \/>\nBei unseren Dreharbeiten zu TEV\u00ce HER TI\u015eT\u00ce \/ TROTZ ALLEDEM in Raqqa, im Oktober 2023, war das Misstrauen sp\u00fcrbar. Die arabischen Frauen, mit denen wir dort drehten, rieten uns, bestimmte Stadtteile zu meiden.<\/p>\n<p>In Deir ez Zor befinden sich der gr\u00f6\u00dfte Teil der Erd\u00f6lfelder Syriens, mit deren Einnahmen die Daanes ca. 70 Prozent ihres Haushalts finanziert hatten. Es ist nicht verwunderlich, dass die Besetzung dieser Erd\u00f6lfelder ein zentrales strategisches Ziel der selbsternannten Regierung in Damaskus war. In den Diskussionen \u00fcber die wirtschaftliche Erholung Syriens spielte die Vertreibung der SDF aus den Erd\u00f6lfeldern eine zentrale Rolle:<br \/>\n\u201eDer Gouverneur der Zentralbank von Syrien, Abdelkader Husrieh, erkl\u00e4rte, dass die Wiederherstellung der staatlichen Aufsicht \u00fcber alle nat\u00fcrlichen Ressourcen es der Zentralbank erm\u00f6glichen w\u00fcrde, ihre Rolle als alleiniger Finanzagent der Regierung wieder aufzunehmen und Kredite, Importe und Finanzierungen \u00fcber offizielle Kan\u00e4le zu \u00fcberwachen.\u201c ((3))<br \/>\n\u201eBei der Wiederherstellung der \u00d6lfelder im Osten geht es nicht nur um die Wiedergewinnung von Produktionsst\u00e4tten\u201c, erkl\u00e4rte Ahmed Suleiman, Direktor f\u00fcr internationale Zusammenarbeit im Energieministerium, gegen\u00fcber \u201eThe New Arab\u201c: \u201eEs handelt sich um einen strategischen, souver\u00e4nen Schritt, der die F\u00e4higkeit des Staates widerspiegelt, die Kontrolle \u00fcber seine lebenswichtigen Ressourcen zur\u00fcckzugewinnen.\u201c<br \/>\nAm 2. Dezember 2025 traf sich Ahmad al-Sharaa mit dem US-Unternehmen Chevron. An dem Treffen nahm auch die Syrian Petroleum Company (SPC) teil, die im November 2025 ein Memorandum mit dem US-Unternehmen ConocoPhillips unterzeichnet hatte. Die Einnahmen aus den Energiequellen auf syrischem Boden m\u00fcssen allen Bewohner:innen des syrischen Staatsgebiets zugute kommen. Das darf nicht davon abh\u00e4ngen, wer diese Energiequellen gerade besetzt h\u00e4lt. \u00dcber ihre Verf\u00fcgbarkeit darf nur eine demokratisch autorisierte Regierung entscheiden und nicht das Gewaltregime in Damaskus, das inzwischen vom Westen als Ansprechpartner akzeptiert ist.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Die arabische Bev\u00f6lkerung war zum gro\u00dfen Teil nicht bereit f\u00fcr das basisdemokratische Projekt, deren Kernpunkt die gesellschaftliche Gleichstellung der Frauen ist. Sie hatte an der Entwicklung dieser weitreichenden, gesellschaftlichen Emanzipation nicht aktiv mitgearbeitet und musste es als ein Diktat empfinden, das den traditionellen patriarchalischen Strukturen widerspricht.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ein Regime anzuerkennen, dessen neue Armee \u00fcberwiegend aus fr\u00fcheren IS-Mitgliedern, dschihadistischen S\u00f6ldnern und islamistischen Kriegsverbrechern besteht, ist absurd. \u201eW\u00fcrden wir einem Bundeskanzler Friedrich Merz Vertrauen schenken, wenn wir w\u00fcssten, er ist verantwortlich f\u00fcr Verbrechen gegen die Menschlichkeit? W\u00fcrden wir keinen Anspruch daran haben, dass er in einem Prozess daf\u00fcr zur Rechenschaft gezogen wird? Warum haben wir diesen Anspruch hier aber woanders nicht und schauen weg?\u201c, fragt die auf Menschenrechte spezialisierte Juristin und Politologin Raze Baziani. ((4))<br \/>\nBei dem Versuch, die demokratische Selbstverwaltung zu zerschlagen, geht es entscheidend um den Sieg \u00fcber die Frauen, die es gewagt haben, dem Patriarchat und dem Islamismus, die den Nahen Osten beherrschen, erfolgreich die Stirn zu bieten. Daher wird der pragmatische Versuch, die erk\u00e4mpften Frauenrechte mit den Abgesandten aus Damaskus zu verhandeln, im Ergebnis auf Null hinauslaufen. Ein ern\u00fcchterndes Beispiel daf\u00fcr erz\u00e4hlte Ciwana Aras, die Sprecherin des \u201eForeign Relations Bureau of Rojava University\u201c. Sie verhandelte mit dem neuen syrischen Bildungsministerium die Integration der kurdischen Universit\u00e4ten und deren Lehrinhalte in das zuk\u00fcnftige syrische Bildungssystem: \u201eSie haben das Papier zum Jineologie Studium (\u201eWissenschaft der Frauen\u201c, die an den kurdischen Universit\u00e4ten gelehrt wird, R.K.) genommen und in kleine St\u00fccke gerissen. Das ist das, was davon \u00fcbrigbleiben wird, \u2013 war ihr Kommentar dazu.\u201c Trotzdem geht Ciwana Aras selbstbewusst den eingeschlagenen Weg weiter: \u201eWir bereiten uns auf alle Szenarien vor\u201c, sagt sie. ((5))<\/p>\n<p>Mittlerweile, wo es fast zu sp\u00e4t ist, werden die zivilen Strukturen der Selbstverwaltung und ihre Erfolge zumindest von progressiven Medien gew\u00fcrdigt. Viel zu lange war die \u00f6ffentliche Wahrnehmung des zukunftsweisenden Projekts Rojava reduziert auf die Selbstverteidigungskr\u00e4fte SDF und ihren Kommandanten Mazloum Abdi. Um so mehr muss es jetzt darum gehen, die zivilgesellschaftlichen Errungenschaften hervorzuheben, und hier besonders die Gleichberechtigung der Frauen auf allen gesellschaftlichen Ebenen, ihre Freiheit im Beruf und in der Familie, ihr Schutz gegen Gewalt und erzwungene Abh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schl\u00fcsselrolle hatten dabei arabische St\u00e4mme \u00fcbernommen, die bis dahin mit der Daanes und deren Selbstverteidigungseinheiten, bekannt unter dem Namen \u201eSyrian Democratic Forces\u201c (SDF), verb\u00fcndet waren. \u00dcber Nacht wechselten sie die Seiten. 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