{"id":33762,"date":"2026-03-01T12:33:38","date_gmt":"2026-03-01T10:33:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/vorprogrammierter-alptraum\/"},"modified":"2026-03-03T01:30:23","modified_gmt":"2026-03-02T23:30:23","slug":"vorprogrammierter-alptraum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/vorprogrammierter-alptraum\/","title":{"rendered":"Vorprogrammierter Alptraum"},"content":{"rendered":"<p>Alle, die den Fall nicht n\u00e4her mitverfolgt haben, fragen sich: Warum acht Jahre Kerker? Oder gar die Forderung nach m\u00f6rderischen 24 Jahren? Daf\u00fcr gibt es keine rationale Erkl\u00e4rung, die irgendwie menschlicher Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit oder auch nur einer \u2013 ohnehin schon an sich fragw\u00fcrdigen \u2013 rechtsstaatlichen Strafverfolgungspraxis entspricht.<\/p>\n<p><strong>Deutsch-ungarisches Halali auf Antifas<\/strong><\/p>\n<p>Hintergrund sind die antifaschistischen Proteste gegen die allj\u00e4hrlich zelebrierte NS-Verherrlichung in der ungarischen Hauptstadt. Jeden Februar geben sich Tausende organisierte Nazis aus allen L\u00e4ndern beim \u201eTag der Ehre\u201c ein Stelldichein und vernetzen sich f\u00fcr k\u00fcnftige braune Umtriebe. H\u00f6hepunkt ist ein faschistisches Reenactment, bei dem die Nazis in Wehrmachts- und SS-Uniformen durch Budapest und das Umland wandern \u2013 wohlwollend geduldet vom rechtsautorit\u00e4ren ungarischen Regime unter Viktor Orb\u00e1n. 2023 kam es am Rand des neofaschistischen Gro\u00dfevents zu k\u00f6rperlichen Auseinandersetzungen, bei denen mehrere Nazis verletzt wurden. Ungarn blies daraufhin zur Treibjagd auf Antifaschist*innen \u2013 und die deutschen Beh\u00f6rden leisten seither eifrig Sch\u00fctzenhilfe. Viele Beschuldigte sahen keine andere M\u00f6glichkeit, als unterzutauchen.<br \/>\nSchon fr\u00fch geriet Maja prominent ins Visier, und die Repressionsorgane begannen mit vereinten Kr\u00e4ften, ein abschreckendes Exempel zu statuieren: Nach der brutalen Verhaftung im Dezember 2023 in Berlin begann ein mehrmonatiger Kampf gegen die drohende Auslieferung. Sind ungarische Haft und Gerichtsverfahren ohnehin menschenverachtend, sind Trans*personen in einem explizit queerfeindlichen Staat doppelt gef\u00e4hrdet. Ende Juni 2024 begingen die deutschen Beh\u00f6rden einen offenen Rechtsbruch, indem sie Maja in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Budapest verschleppten \u2013 obwohl oder eigentlich gerade weil f\u00fcr den n\u00e4chsten Morgen der Beschluss des Bundesverfassungsgerichts erwartet wurde, das wie erwartet die Auslieferung untersagte. Das h\u00f6chste Gericht verpflichtete die deutschen Beh\u00f6rden dazu, die unrechtm\u00e4\u00dfige Auslieferung r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen \u2013 was ebenso folgenlos blieb wie die Solidarit\u00e4tskampagnen und politischen Petitionen breiter gesellschaftlicher Kreise. Rechtsbr\u00fcche und Tatenlosigkeit sollen klar signalisieren: Antifaschismus ist ein so schweres Kapitalverbrechen, dass Grund- und Menschenrechte und juristische Standards nicht mehr greifen. Und weil Folter in Deutschland doch allzu problematisch ist, kann die deutsch-ungarische Zusammenarbeit das Weitere \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p><strong>Kapitalverbrechen Antifaschismus<\/strong><\/p>\n<p>Was in Budapest unter dem Namen \u201eUntersuchungsgef\u00e4ngnis\u201c l\u00e4uft, entspricht eher dem Konzept eines mittelalterlichen Kerkers: Schimmliges Essen, Heerscharen von Ungeziefer, mangelhafte Dusch- und Gesundheitsversorgung, st\u00fcndliche Kontrollen in der Nacht und dem\u00fctigende Intimdurchsuchungen sollen die Gefangenen brechen. Vor allem aber die Isolationsfolter trieb Maja dazu, in einen mehrw\u00f6chigen Hungerstreik zu treten \u2013 ohne Erfolg.<br \/>\nEbenso ist das, was in Ungarn \u201eJustiz\u201c genannt wird, sogar nach b\u00fcrgerlichen Minimalma\u00dfst\u00e4ben eine Farce. Und wenn es gegen Antifaschist*innen geht, l\u00e4uft das institutionalisierte Unrechtswesen zu H\u00f6chstform auf: Angemessene M\u00f6glichkeiten zur Vorbereitung auf den Prozess? Fehlanzeige. \u00dcbersetzung aller Prozessakten und Abl\u00e4ufe? Fehlanzeige. Unbehinderte \u00f6ffentliche Prozessbegleitung? Fehlanzeige. Die Liste lie\u00dfe sich endlos fortsetzen.<br \/>\nStattdessen: Vorab das \u201eDeal\u201c-Angebot an Maja, ein Gest\u00e4ndnis abzulegen, auf Beweiserhebung zu verzichten und im Gegenzug \u201enur\u201c 18 Jahre unter besonders schweren Bedingungen zu bekommen. Bei jedem Prozesstag Vorf\u00fchrung von Maja in Ketten und an einer Hundeleine, um die \u00f6ffentliche Dem\u00fctigung auf die Spitze zu treiben. St\u00e4ndige Vorverurteilungen und Diffamierungen \u2013 nicht nur durch die Presse oder durch als Zeug*innen geladene oder im Saal versammelte Nazis, sondern auch durch den Richter. Verbote von Solidarit\u00e4tskundgebungen und Nichtzulassung von politisch unliebsamen Beobachter*innen. Auch diese Liste lie\u00dfe sich endlos fortsetzen. Dass mitten im Prozess noch die Verfahren gegen zwei weitere Antifaschist*innen hinzugezogen wurden, gegen die in Abwesenheit verhandelt wurde, ist verglichen mit all den anderen Rechtsbeugungen noch harmlos.<\/p>\n<p><strong>Paradebeispiel eines politischen Prozesses<\/strong><\/p>\n<p>Ob Maja an den beiden Auseinandersetzungen beteiligt war, wurde nie ernsthaft gepr\u00fcft. F\u00fcr einen der beiden Vorf\u00e4lle fanden sich weder Zeug*innen noch Filmaufnahmen oder auch nur Indizien. Beim anderen Vorfall zeigten Videos eine Person, die m\u00f6glicherweise von der Statur \u00c4hnlichkeit aufweist \u2013 aber sie ist nicht aktiv am Geschehen beteiligt.<br \/>\nEs ging aber nicht darum, K\u00f6rperverletzungen aufzukl\u00e4ren und konkrete Handlungen nachzuweisen. Es ging von Anfang an um eine Generalabrechnung mit Antifaschismus als Haltung. Solidarit\u00e4tsaktivit\u00e4ten im In- und Ausland und politische Prozesserkl\u00e4rungen wertete der Richter ebenso als \u201eBeweise\u201c f\u00fcr Majas als \u201eterroristisch\u201c eingestufte \u00dcberzeugung wie den Hungerstreik, der die \u201eMissachtung des Gerichts\u201c zum Ausdruck bringe.<br \/>\n\u201eNicht nur in der Anklage, immer wieder wurde jedoch auch \u00fcber den Prozess hinaus die emanzipatorische, antifaschistische Lehre, wie sie uns nach Krieg, Faschismus und Kolonialismus blieb, als Terror dargestellt\u201c, erkl\u00e4rte Maja im Schlusswort vor der Urteilsverk\u00fcndung. \u201eIn mir sehnt sich nichts nach Gewalt. Da ist kein Wunsch, zu verletzen oder zu t\u00f6ten, ja mein Verstand str\u00e4ubt sich dagegen. Ich will weder Tyrann*in noch Held*in sein.\u201c ((1))<br \/>\nDas alles spielte in diesem Verfahren aber keine Rolle. Vor Gericht stand Antifaschismus \u2013 und noch weit mehr: Maja ist f\u00fcr das rechtsautorit\u00e4re Regime das Feindbild schlechthin. Eine ausl\u00e4ndische, antifaschistische, queere Person ist die perfekte Projektionsfl\u00e4che und kann f\u00fcr den laufenden Wahlkampf ebenso genutzt werden wie f\u00fcr die sonstige Hetzpropaganda.<\/p>\n<p><strong>Bring Maja back!<\/strong><\/p>\n<p>Im Urteil am 4. Februar 2026 waren bis zu 24 Jahre m\u00f6glich, und viele Beobachter*innen waren erleichtert, als es \u201enur\u201c acht Jahre Zuchthaus waren. Dabei ging die Frage unter: Acht Jahre wof\u00fcr? Daf\u00fcr, von deutschen Beh\u00f6rden unrechtm\u00e4\u00dfig ausgeliefert worden zu sein und eine antifaschistische \u00dcberzeugung zu vertreten? Von einem individuellen Tatnachweis ist ja keine Spur.<br \/>\nStattdessen lehnen sich die internationale Presse und deutsche Politiker*innen entspannt zur\u00fcck: So schlimm ist es ja gar nicht. Sogar neun Jahre hatte die Staatsanwaltschaft vor dem Oberlandesgericht M\u00fcnchen gegen die ebenfalls im Budapest-Komplex angeklagte Hanna gefordert (vgl. GWR 505). Die Antifaschistin bekam im September 2025 f\u00fcnf Jahre, ebenfalls ohne Beweise, ob sie auch nur anwesend war, und vor deutschen Gerichten geht ja alles rechtsstaatlich zu. Nun gut, dann eben acht Jahre in Budapest. \u2013 Auch wenn das nicht so offen formuliert wird, schwingt es unterschwellig in vielen Stellungnahmen mit. Um nur ein prominentes Beispiel von vielen zu nennen: Au\u00dfenminister Johann Wadephul, der sich vor einigen Monaten noch (nicht zuletzt aufgrund des Urteils des Bundesverfassungsgerichts) f\u00fcr eine R\u00fcck\u00fcberstellung ausgesprochen hatte, erkennt jetzt das ungarische Unrechtsurteil ebenso an wie die bevorstehende Revision. Gr\u00fcnes Licht f\u00fcr anhaltende Folter und systematische Zerst\u00f6rung von Maja in Ungarn also. Denn \u2013 so die unausgesprochene Logik \u2013 Antifaschismus ist ja irgendwie Terrorismus. Sagt ja auch Donald Trump, und die USA sind Profi in Sachen Krieg gegen Terror.<br \/>\nDiese Selbstzufriedenheit, Ignoranz, Passivit\u00e4t und Duldung von Menschenrechtsverletzungen im Fall von Antifaschist*innen sind ein Skandal: Acht Jahre unter erschwerten Bedingungen sind lebensbedrohlich \u2013 und das wird billigend in Kauf genommen, denn der gesamte Budapest-Komplex ist ein staatlicher Frontalangriff auf antifaschistische Ideen und Strukturen. Er soll einsch\u00fcchtern und abschrecken.<br \/>\nBis zum rechtskr\u00e4ftigen Urteil bleibt Maja in Untersuchungshaft, muss also noch viele Monate oder Jahre unter zerst\u00f6rerischen Isolationshaftbedingungen im ungarischen Verlies ausharren. Um Maja zu retten, sind jetzt vereinte Kampagnen notwendig. \u201eIch fordere, dass Maja f\u00fcr ein faires Verfahren in Deutschland jetzt zur\u00fcckgebracht wird. Wie die Auslieferung ist auch die R\u00fcck\u00fcberstellung eine politische Frage. Maja m\u00fcssen endlich Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit gew\u00e4hrt werden\u201c,\u00a0((2)) forderte Majas Vater Wolfgang Jarosch nach dem Urteil.<br \/>\nErste Protestdemonstrationen gab es schon nach der Urteilsverk\u00fcndung, unter anderem in Jena. Das kann aber nur ein minimaler Anfang sein. Es gibt viele M\u00f6glichkeiten, Maja und den Kampf f\u00fcr Freiheit zu unterst\u00fctzen: Ermutigende Solidarit\u00e4tspostkarten helfen ebenso wie Spenden f\u00fcr die hohen Prozesskosten, die Verbreitung von Informationen zur Lage von Maja und die Teilnahme an Vortr\u00e4gen und Kundgebungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle, die den Fall nicht n\u00e4her mitverfolgt haben, fragen sich: Warum acht Jahre Kerker? Oder gar die Forderung nach m\u00f6rderischen 24 Jahren? Daf\u00fcr gibt es keine rationale Erkl\u00e4rung, die irgendwie menschlicher Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit oder auch nur einer \u2013 ohnehin schon an sich fragw\u00fcrdigen \u2013 rechtsstaatlichen Strafverfolgungspraxis entspricht. Deutsch-ungarisches Halali auf Antifas Hintergrund sind die antifaschistischen Proteste &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/vorprogrammierter-alptraum\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":33769,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Vorprogrammierter Alptraum - graswurzelrevolution","description":"Alle, die den Fall nicht n\u00e4her mitverfolgt haben, fragen sich: Warum acht Jahre Kerker? Oder gar die Forderung nach m\u00f6rderischen 24 Jahren? Daf\u00fcr gibt es keine"},"footnotes":""},"categories":[2119],"tags":[],"class_list":["post-33762","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-507-maerz-2026"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33762","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33762"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33762\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33770,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33762\/revisions\/33770"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/33769"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33762"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33762"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33762"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}