{"id":3383,"date":"2000-06-01T00:00:25","date_gmt":"2000-05-31T22:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3383"},"modified":"2022-07-26T14:26:24","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:24","slug":"ein-wochenende-in-paris","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/06\/ein-wochenende-in-paris\/","title":{"rendered":"Ein Wochenende in Paris"},"content":{"rendered":"<p>So lautete das Motto der Gro\u00dfveranstaltung, die die anarcho-syndikalistische CNT vom 25. April bis 2. Mai in Paris ausrichtete. &#8222;Alle Facetten des Syndikalismus der direkten Aktion&#8220; verspricht in gro\u00dfen roten Lettern die Festivalzeitung, die stapelweise in der Rue des Vignoles 33, dem Pariser Sitz der CNT, ausliegt. Zu meiner \u00dcberraschung ist von der Hektik, die solche Gro\u00dfereignisse normalerweise begleitet, wenig zu sp\u00fcren. Einige GenossInnen von der neugegr\u00fcndeten schweizer FAU sind am Fr\u00fchst\u00fccken, daneben unterhalten sich Leute in englisch und spanisch. Ein gem\u00fctliches polyglottes Beisammensein. Auch ein Schlafplatz ist in aller Ruhe und innerhalb k\u00fcrzester Zeit organisiert. Nur wenige Stra\u00dfenz\u00fcge bzw. Gehminuten entfernt, was meiner Bequemlichkeit entgegenkommt. Trotzdem wird mir die Marschroute bis ins kleinste Detail erkl\u00e4rt, so da\u00df ich den Weg schon auswendig kenne, bevor ich losgegangen bin. Aber zuerst nutze ich die Gelegenheit, mich \u00fcber das zu informieren, was mich in den kommenden Tagen erwartet. Leichter gesagt, als getan, denn nicht nur das Programm ist gigantisch, sondern auch der Werbeaufwand, den die CNT betrieben hat, um die &#8222;Woche&#8220; zu einem Erfolg werden zu lassen. Poster und Kataloge zu den Ausstellungen, B\u00fccher und Brosch\u00fcren zu den politischen und literarischen Veranstaltungen, jede Menge Flugis, Info-Bl\u00e4tter, Zeitungen, teilweise in mehrere Sprachen \u00fcbersetzt. Zu jedem Veranstaltungsblock gibt es ein eigenes Faltblatt. Und das sind nicht wenige. Vielleicht nicht &#8222;alle Facetten&#8220; des revolution\u00e4ren Syndikalismus von heute, aber viel fehlt nicht. Debatten \u00fcber die Pariser Commune, die Militarisierung der Gesellschaft, die Sans-Papiers, den &#8222;radikalen und autonomen Antifaschismus&#8220;, &#8222;f\u00fcr eine egalit\u00e4re Erziehung&#8220;, &#8222;Ist Homosexualit\u00e4t noch revolution\u00e4r?&#8220;, Bauernk\u00e4mpfe, zwei \u00fcber die j\u00fcdische libert\u00e4re Arbeiterbewegung und das restliche Dutzend spare ich mir.<\/p>\n<p>Vor allem das Kulturprogramm ist beeindruckend und beweist, da\u00df libert\u00e4re Ideen in der franz\u00f6sischen Kulturszene offenbar eine beachtliche Zahl von SympathisantInnen haben. Allein das Kinoprogramm umfa\u00dft 76 Filme in 10 S\u00e4len. Ein Hintergrundartikel in der Festivalzeitung berichtet \u00fcber die schwei\u00dftreibende M\u00fche, sowohl die Filme als auch die Kinos aufzutreiben. Das glaube ich gern! Ein &#8222;Festival des anderen Theaters&#8220; ist nur ein Teil des Theaterprogramms; Lesungen und Diskussionen \u00fcber Krimis, proletarische Literatur, Surrealismus oder allgemein &#8222;Kunst und Politik&#8220; in einem halben Dutzend politisch-literarischer Buchhandlungen; ein Haufen Konzerte, zehn Ausstellungen mit dem einen oder anderen Namen, der durchaus vertraut klingt (nicht nur f\u00fcr mich): Bilder von Jacques Tardi, der auch in Deutschland als Comic-Zeichner bekannt ist. Oder: &#8222;Ein libert\u00e4rer Blick&#8220;, unver\u00f6ffentlichte Fotografien von Henri Cartier-Bresson. Als Fotograf ist Cartier-Bresson ja eine Legende, aber da\u00df er auch libert\u00e4re Sympathien hat, war mir neu. 91 Jahre ist er inzwischen, aber offenbar noch nicht alt genug, um an solchen Veranstaltungen teilzunehmen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich decke ich mich noch mit einer &#8222;Carte de soutien&#8220; ein, die kostenlosen oder verbilligten Eintritt zu vielen dieser Veranstaltungen gew\u00e4hrt und ein paar zusammengeheftete Bl\u00e4tter mit Adressen, Metrostationen und Lagepl\u00e4nen der meisten Veranstaltungsorte. Durchaus brauchbar f\u00fcr einen Ortsunkundigen, zumal die Veranstaltungen \u00fcber das ganze Stadtgebiet verstreut sind.<\/p>\n<p>Endlich mache ich mich auf den Weg und stehe kaum eine Viertelstunde sp\u00e4ter bei meinen Gastgebern in der T\u00fcr. Verst\u00e4ndigungsprobleme gibt es keine, weder sprachlich, noch pers\u00f6nlich. Jedenfalls ist es ein Vorteil, ein wenig die Landessprache zu beherrschen. Man ist sich sympathisch und das nicht erst nach dem zweiten Glas Wein. &#8222;Los, ich zeig dir das Viertel!&#8220; Ade, du sch\u00f6ner Plan, beim Auftakt eines hochkar\u00e4tig besetzten internationalen Kolloquiums \u00fcber die &#8222;Geschichte der revolution\u00e4ren Arbeiterbewegung&#8220; dabei zu sein. Stattdessen lerne ich einen Teil des Pariser S\u00fcdostens kennen, der bisher vom planerischen Gr\u00f6\u00dfenwahn der &#8222;Stadtv\u00e4ter&#8220; wie von den TouristInnenstr\u00f6men noch weitgehend verschont geblieben ist. Es ist wie im Klischee: ein st\u00e4ndiges &#8222;Hallo&#8220; und &#8222;Wie gehts&#8220;, ein Schw\u00e4tzchen mit dem tunesischen Lebensmittelh\u00e4ndler, ein kurzer Abstecher zu einem Freund, der eine kleine Buchhandlung f\u00fchrt, ein Gl\u00e4schen in der Stammkneipe, eigentlich: mehrere Gl\u00e4schen in mehreren Stammkneipen, pers\u00f6nliche Anekdoten und Stadtgeschichte, die mit H\u00e4usern, Stra\u00dfen, Pl\u00e4tzen verkn\u00fcpft ist, Komites, Initiativen, Bewegungen, Streiks, Besetzungen, Stra\u00dfenschlachten&#8230; Ein lehrreicher und zunehmend wackliger Spaziergang durch den sozialen Widerstand der letzten 30 Jahre. Kurzum, der Tag ist gelaufen.<\/p>\n<p>Samstag morgen. Nach einer langen Metrofahrt durch ganz Paris bin ich schlie\u00dflich in der &#8222;Bourse du travail&#8220; von Saint-Denis, einem n\u00f6rdlichen Vorort, angekommen, um den zweiten Teil des erw\u00e4hnten &#8222;Kolloquiums&#8220; mitzuverfolgen. Aber keine Chance! Zuviele bekannte Gesichter, die auf einmal auftauchen und etliche unbekannte dazu. Und au\u00dferdem gibt es viele interessante B\u00fcchertische zu begutachten. Am Ende ist es zu sp\u00e4t, den Diskussionen noch folgen zu wollen. Gelegenheit f\u00fcr ein informelles Treffen der angereisten Delegationen und G\u00e4ste. Und zur\u00fcck in die Rue des Vignoles, die sich w\u00e4hrend dieser Tage als angenehmer Anlauf- und Ruhepunkt herausstellt, wo man immer jemand Interessantes trifft, Eindr\u00fccke und Informationen austauscht, \u00fcber das, was jedeR gemacht oder gesehen hat, da jedeR einzelne bei der Vielzahl der parallel laufenden Aktionen sowieso nur einen Bruchteil des Ganzen mitbekommt.<\/p>\n<p>\u00dcber die Abendgestaltung scheiden sich die Geschm\u00e4cker entlang der Altersgruppen. W\u00e4hrend die &#8222;J\u00fcngeren&#8220; ein Konzert bevorzugen, auf dem angeblich eine Ska-Band spielen soll, argw\u00f6hnen die &#8222;\u00c4lteren&#8220;, da\u00df dort eher Krach als Musik geboten werde. Ich mu\u00df gestehen, ich geh\u00f6rte zu denen, die auf einem Chanson-Abend im &#8222;Trianon&#8220; landeten, einer gro\u00dfen Konzertb\u00fchne mitten auf der TouristInnenrennstrecke Boulevard Rochechouard, die mit ihren Stukkaturen, der muffigen Atmosph\u00e4re von wurmstichigem Holz und ihrem offenbar f\u00fcr sehr kleinw\u00fcchsige BesucherInnen ausgelegten Gest\u00fchl einen gewissen altert\u00fcmlichen Charme verstr\u00f6mte. Ich habe es nicht bereut: das Konzert war gro\u00dfartig, das Publikum (und der Saal war voll, ca. 1000-1500 Leute) zu Recht begeistert. Aufgrund seiner langen, stark libert\u00e4r beeinflu\u00dften Tradition (man denke an Brassens oder Ferr\u00e9), hat das franz\u00f6sische Chanson einen solchen Qualit\u00e4tsstandard erreicht, da\u00df man hierzulande schon die absolute Cr\u00e8me der &#8222;LiedermacherInnen&#8220; zusammenkratzen m\u00fc\u00dfte, um auf ein ann\u00e4hernd vergleichbares Niveau zu kommen.<\/p>\n<p>Das &#8222;Trianon&#8220; war auch der Schauplatz des zentralen &#8222;Meetings&#8220; am n\u00e4chsten Tag, auf dem sich die angereisten Organisationen vorstellten. Ingesamt 15 Delegationen, von Sibirien bis Marokko, von den USA bis Schweden (leider niemand aus Lateinamerika, Asien oder Schwarzafrika), sehr unterschiedlicher Art, sowohl was Gr\u00f6\u00dfe und Aufbau, als auch politische Ausrichtung betrifft. Von kleinen Propagandagruppen bis zu Organisationen, die in bestimmten Bereichen &#8211; wie die CGT in der spanischen Autoindustrie oder die CNT beim Reinigungspersonal im Pariser Raum &#8211; eine solide gewerkschaftliche Verankerung haben. Zweifellos nicht alles lupenreine Libert\u00e4re. Allerdings hat der Anarcho-Syndikalismus auch nie den Anspruch erhoben, nur &#8222;\u00dcberzeugte&#8220; zu organisieren. Viele Anwesende sind ihrem eigenen Selbstverst\u00e4ndnis nach eher k\u00e4mpferische GewerkschaftlerInnen oder einfach Menschen, die es satt haben, sich von Staat, &#8222;Arbeitgebern&#8220; oder Apparaten \u00e0 la DGB an der Nase herumf\u00fchren zu lassen.<\/p>\n<p>Sicherlich h\u00e4tte ich \u00fcber den einen oder anderen Punkt gerne mehr erfahren, aber Zeit und Verst\u00e4ndigungsprobleme setzten dem Grenzen. Gl\u00fccklicherweise aber hat sich meine Bef\u00fcrchtung nicht bewahrheitet, der &#8222;internationale Erfahrungsaustausch&#8220; st\u00fcnde nur auf dem Papier, w\u00e4hrend in der Praxis nicht einmal die elementaren Voraussetzungen daf\u00fcr vorhanden w\u00e4ren. Gerade bei Treffen in Frankreich hatte ich schon die leidvolle Erfahrung gemacht, da\u00df ausl\u00e4ndische G\u00e4ste zwar willkommen sind, faktisch aber wenig R\u00fccksicht auf sie genommen wird. Ganz anders hier: die VeranstalterInnen haben sich alle erdenkliche M\u00fche gegeben, die &#8222;technischen&#8220; Probleme zu l\u00f6sen. Die zentralen Veranstaltungen werden in franz\u00f6sisch, englisch, spanisch und deutsch simultan \u00fcbersetzt, bei kleineren Treffen ist englisch Diskussionssprache, bzw. wird nach Bedarf adhoc in andere Sprachen gedolmetscht. Auch einiges an Informationsmaterial ist mehrsprachig erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p>Sogar die franz\u00f6sischen Demo-Parolen gibt es in englischer und spanischer \u00dcbersetzung, wie ich am n\u00e4chsten Morgen feststelle. Es ist der 1. Mai und eine Art Familientreffen oder Wiedersehensparty f\u00fcr alle, die sich in den vergangenen Tagen verpa\u00dft haben. Es ist an alles gedacht, sogar an ein &#8222;Liederbuch f\u00fcr den schwarzroten Militanten&#8220; als Ged\u00e4chtnisst\u00fctze f\u00fcr diejenigen, die nicht mehr alle sechs Strophen der &#8222;Internationale&#8220; (im Original!) parat haben oder nicht mehr wissen, wie gleich noch &#8222;A las barricadas&#8220; auf spanisch ging. Dazu spielt die &#8222;Welsh miners&#8216; brass band from Tower Collery&#8220; auf, die Blaskapelle einer selbstverwalteten Zeche in Wales, die bereits am Abend zuvor ein Konzert vor ausverkauftem Haus im &#8222;Trianon&#8220; gegeben hatte. Den musikalischen Kontrapunkt bildet eine brasilianische Trommlergruppe, die rhythmisch m\u00e4chtig einheizt. Unwiderstehlich!<\/p>\n<p>F\u00fcr manche ist die Demo eine Gelegenheit, ein paar lautstarke Sprech\u00fcbungen in franz\u00f6sisch zu machen oder zur allgemeinen Polyphonie einige landestypische Ges\u00e4nge und Sprechch\u00f6re beizusteuern. Das Hoch auf die internationale (vielmehr antinationale) Solidarit\u00e4t ist zwar nicht unbedingt originell, aber in diesem Augenblick immerhin Realit\u00e4t und nicht nur gegr\u00f6lter Anspruch. Nach einem eigenen Zug durch die Pariser Stra\u00dfen sto\u00dfen wir schlie\u00dflich zur allgemeinen Maidemo. Die Stalin-Transparente, hinter denen diverse marxistisch-leninistische Kleinst-Dinosaurier vollz\u00e4hlig in Deckung gehen, sind zwar nicht gerade ein erhebender Anblick, aber das Wetter ist sch\u00f6n, die Sonne scheint und die gl\u00e4nzende Stimmung ist durch dergleichen nicht zu beeintr\u00e4chtigen. Selbst die ansonsten \u00e4u\u00dferst aggressiv auftretenden kommunistischen Ordner halten sich lieber zur\u00fcck. Auch ihnen ist nicht entgangen, da\u00df die &#8222;Schwarzroten&#8220; den st\u00e4rksten Block auf der gesamten Demo bilden. Das ist zwar auch nicht weltbewegend, aber gut f\u00fcr die Moral und schmeichelt ein wenig der Eitelkeit.<\/p>\n<p>An der &#8222;Bastille&#8220; ist Schlu\u00df, f\u00fcr die Demo und auch f\u00fcr mich. Es zerrei\u00dft mir das Herz, aber das freie Essen und Trinken, zu dem &#8211; als kr\u00f6nenden Abschlu\u00df des Tages &#8211; eine Szenekneipe eingeladen hat, kann ich leider nicht mehr wahrnehmen. Schnell meine Sachen geholt, mich von meinen Gastgebern verabschiedet und ab zum Nachtzug. Am n\u00e4chsten Morgen erwartet mich bereits wieder der gew\u00f6hnliche bundesdeutsche Alltag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So lautete das Motto der Gro\u00dfveranstaltung, die die anarcho-syndikalistische CNT vom 25. April bis 2. 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