{"id":33908,"date":"2026-03-27T14:20:31","date_gmt":"2026-03-27T12:20:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/mitten-in-der-stadt\/"},"modified":"2026-04-26T23:33:51","modified_gmt":"2026-04-26T21:33:51","slug":"mitten-in-der-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/mitten-in-der-stadt\/","title":{"rendered":"Mitten in der Stadt"},"content":{"rendered":"<p>Die k\u00fcnftigen Informationsstelen werden zentrale Themen des Ortes aufgreifen: Die Entstehung eines der ersten Konzentrationslager, die Rolle der Stadt, das Schicksal der H\u00e4ftlinge, die Haftbedingungen, den \u00dcbergang zum KZ Sachsenhausen, Erich M\u00fchsam sowie die wechselvolle Erinnerungsgeschichte seit 1945. Wir laden Euch zu einem Rundgang entlang der 14 Stelen durch den Gedenkort ein.<\/p>\n<p><strong>Die Geschichte eines der ersten Konzentrationslager<\/strong><\/p>\n<p>Am 21. M\u00e4rz 1933 richtete die SA in einer leerstehenden Brauerei im Zentrum Oranienburgs das erste Konzentrationslager Preu\u00dfens ein. Es war eine der vielen fr\u00fchen Haftst\u00e4tten, die unmittelbar nach der nationalsozialistischen Macht\u00fcbernahme im Deutschen Reich entstanden. Bis zur Aufl\u00f6sung im Juli 1934 verschleppte das Regime rund 3.000 politische Gegner*innen nach Oranienburg. Sie waren dem Terror und der Willk\u00fcr ihrer Bewacher ausgesetzt, wurden misshandelt, gedem\u00fctigt und zur Zwangsarbeit gen\u00f6tigt. Mindestens sechs Menschen starben, darunter der Schriftsteller Erich M\u00fchsam. Das Lager diente der propagandistischen Festigung der NS-Herrschaft und der Einsch\u00fcchterung der Bev\u00f6lkerung. Im Juli 1934 \u00fcbernahm die Schutzstaffel (SS) das Lager und lie\u00df die H\u00e4ftlinge in das Konzentrationslager Lichtenburg \u00fcberstellen. 1939 zog die Oranienburger Polizei in die Geb\u00e4ude ein, die 1945 durch einen Bombenangriff v\u00f6llig zerst\u00f6rt wurden. Nach 1945 geriet die Geschichte des KZ Oranienburg in den Hintergrund, \u00fcberlagert von der Erinnerung an das sp\u00e4tere KZ Sachsenhausen.<br \/>\n\u201eOranienburg \u2013 welch ein Wort! Einst blo\u00df der Name einer Stadt vor den Toren Berlins, einer Stadt mit sch\u00f6nem Schloss und Park, mit gut gehenden Fabriken [\u2026] \u2013 heute der Name eines Ortes, der immer, immer wieder nur mit einem verzweifelten Fluch auf den Lippen genannt wird, dessen Mauern tausendf\u00e4ltige Qual umschlie\u00dfen [\u2026]. Oranienburg!\u201c ((3))<\/p>\n<p><strong>Das Lager und die Stadt<\/strong><\/p>\n<p>Die Stadt Oranienburg unterst\u00fctzte die Einrichtung des Konzentrationslagers und profitierte davon. F\u00fcr die Finanzierung des Auf- und Ausbaus sicherte sie ein st\u00e4dtisches Darlehen bei der Stadtsparkasse Oranienburg ab. Um R\u00fcckzahlungen zu erm\u00f6glichen, wurde ein \u201eArbeitsbeschaffungsprogramm\u201c entwickelt, das H\u00e4ftlinge zu kommunalen Arbeiten zwang. Oranienburger Gesch\u00e4ftsleute erhofften sich Auftr\u00e4ge und Lieferungen an das Lager. Doch mit der Einrichtung eigener Lagerwerkst\u00e4tten und wegen unbezahlter Rechnungen verschlechterte sich das Verh\u00e4ltnis zwischen Stadt und Lager.<br \/>\nDas Konzentrationslager Oranienburg war von au\u00dfen einsehbar. Passantinnen und Passanten konnten Appelle und Zwangssport auf dem vorderen oder hinteren Hof ohne Weiteres beobachten. Um den Ger\u00fcchten in der Stadt und im Ausland entgegenzuwirken, entstanden Mitte April 1933 Aufnahmen, die kurz darauf in \u00fcber 5.000 Kinos, auch in Oranienburg, zu sehen waren.<\/p>\n<p><strong>Die H\u00e4ftlinge<\/strong><\/p>\n<p>Die H\u00e4ftlinge des Konzentrationslagers waren vor allem politische Gegner des Nationalsozialismus, insbesondere aus KPD, SPD, SAP und Gewerkschaften. Anfangs handelte es sich um regionale Funktion\u00e4re und einfache Mitglieder, ab dem Fr\u00fchsommer 1933 kamen sie aus ganz Preu\u00dfen und Berlin, darunter auch einige bekannte Pers\u00f6nlichkeiten. Trotz Spannungen zwischen den politischen Lagern pr\u00e4gte das gemeinsame Schicksal der politischen Verfolgung die Hafterfahrung.<br \/>\nAnfang August 1933 setzte das NS-Regime mit der Inhaftierung hochrangiger SPD-Politiker seine angek\u00fcndigte \u201eAbrechnung\u201c mit dem demokratischen System fort. Parallel dazu inhaftierte die Gestapo hochrangige Mitarbeiter des Rundfunks als Teil einer Kampagne gegen den \u201eSystemrundfunk\u201c, den sie als korrupt diffamierte und dessen Gleichschaltung sie \u2013 wie die aller anderen Medien \u2013 forcierte.<br \/>\nUnter den H\u00e4ftlingen bildeten Juden eine kleine, aber besonders brutal misshandelte Gruppe. In der sogenannten \u201eJudenkompanie\u201c \u2013 sp\u00f6ttisch \u201eDesinfektionskolonne\u201c genannt \u2013 mussten sie die Reinigung der Latrinen oft mit blo\u00dfen H\u00e4nden verrichten.<br \/>\nZu den H\u00e4ftlingen geh\u00f6rten auch regimekritische Schriftsteller und Pazifisten, Angeh\u00f6rige b\u00fcrgerlicher Parteien sowie Vertreter von Justiz und Verwaltung.<\/p>\n<p><strong>Die Haftbedingungen<\/strong><\/p>\n<p>Schikanen, Strafen und Qu\u00e4lereien durch die SA waren Alltag im H\u00e4ftlingsleben. Dazu geh\u00f6rten \u201eStrafsport\u201c auf einer eigens errichteten Hindernisstrecke, endloses Marschieren und sinnlose Arbeiten. Gefangene wurden in Dunkelzellen oder enge Stehbunker gesperrt, in denen sie weder sitzen noch liegen konnten. Besonders grausam waren die Misshandlungen bei Festnahmen und Verh\u00f6ren im ber\u00fcchtigten \u201eZimmer 16\u201c unter den SA-M\u00e4nnern Hans Kr\u00fcger und Hans Stahlkopf.<br \/>\nDer H\u00e4ftlingsalltag war streng geregelt. Er begann mit Wecken, Waschen, Fr\u00fchsport und Appell. Anschlie\u00dfend herrschte Arbeitszwang in den Innen- oder Au\u00dfenkommandos. Die Gefangenen mussten in feuchten, schlecht bel\u00fcfteten K\u00fchlkellern der ehemaligen Brauerei schlafen. Die Verpflegung war knapp, die hygienischen Bedingungen mangelhaft. Jede Form von \u201eFreizeit\u201c war durch \u00dcbergriffe der SA-Wachen bedroht.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Oranienburg \u2013 welch ein Wort! Einst blo\u00df der Name einer Stadt vor den Toren Berlins, einer Stadt mit sch\u00f6nem Schloss und Park, mit gut gehenden Fabriken \u2013 heute der Name eines Ortes, der immer, immer wieder nur mit einem verzweifelten Fluch auf den Lippen genannt wird, dessen Mauern tausendf\u00e4ltige Qual umschlie\u00dfen. Oranienburg!<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Im Konzentrationslager Oranienburg war die physische Vernichtung der Insassen nicht prinzipiell intendiert. Wer aber den besonderen Hass der SA auf sich zog, konnte ihren Pr\u00fcgelexzessen zum Opfer fallen. Die Bewacher ermordeten mindestens sechs H\u00e4ftlinge, die Lagerleitung versuchte jeweils, die Todesursache zu verschleiern. Zudem gibt es Hinweise auf neun weitere Todesopfer. In keinem Fall kam es zu einer Verurteilung gegen das Personal des Lagers.<\/p>\n<p><strong>Vom KZ Oranienburg zum KZ Sachsenhausen<\/strong><\/p>\n<p>Im Zuge der \u201eR\u00f6hm-Krise\u201c \u00fcbernahm eine rund 150 Mann starke SS-Einheit am 4. Juli 1934 das Lager. Nach der Ermordung des Schriftstellers Erich M\u00fchsam lie\u00df sie am 13. Juli die letzten H\u00e4ftlinge in das KZ Lichtenburg verlegen. Verantwortlich war Theodor Eicke, der von SS-Reichsf\u00fchrer Heinrich Himmler zum Inspekteur der Konzentrationslager ernannt worden war. In seiner neuen Funktion l\u00f6ste er kleinere Lager auf und organisierte die \u00fcbrigen neu. Mit dem Bau des KZ Sachsenhausen \u2013 dem ersten durchgeplanten Lagerkomplex mit H\u00e4ftlingslager und SS-Ausbildungsst\u00e4tte \u2013 begann die systematische Entwicklung des nationalsozialistischen Konzentrationslagersystems.<\/p>\n<p><strong>Erich M\u00fchsam (1878\u20131934)<\/strong><\/p>\n<p>Einer der bekanntesten H\u00e4ftlinge des KZ Oranienburg war Erich M\u00fchsam. Er bekannte sich schon in jungen Jahren zum Anarchismus und trat als Antimilitarist und scharfer Kritiker der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft auf. Er gr\u00fcndete als Redakteur die anarchistischen Zeitschriften \u201eKain\u201c und \u201eFanal\u201c, war Autor u. a. der \u201eWeltb\u00fchne\u201c und ein wortgewaltiger Redner. Viele seiner Gedichte wurden popul\u00e4r und vertont. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte M\u00fchsam Hoffnungen in eine soziale Revolte des Subproletariats und engagierte sich in M\u00fcnchen in der \u201eR\u00e4terepublik Baiern\u201c. In der \u201eRoten Hilfe Deutschland\u201c k\u00e4mpfte er f\u00fcr die Freilassung aller politischen Gefangenen. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand wurde M\u00fchsam am 28. Februar 1933 verhaftet. Nach 16 Monaten in verschiedenen Haftst\u00e4tten unter unmenschlichen Bedingungen ermordeten ihn SS-M\u00e4nner in der Nacht zum 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg.<\/p>\n<p><strong>Erinnern und Gedenken nach 1945<\/strong><\/p>\n<p>Zur Erinnerung an das KZ Oranienburg errichtete die Stadt Oranienburg im September 1948 eine Gedenktafel und einen Gedenkstein f\u00fcr Erich M\u00fchsam. Nach der Schuttabr\u00e4umung 1949 stand dieser Gedenkstein zwei Jahrzehnte lang im Zentrum eines gro\u00dfen Gedenkhains. Mit dem Bau des Volkspolizeikreisamts Anfang der 1970er-Jahre und im Schatten der Erinnerung an das KZ Sachsenhausen geriet die Geschichte des fr\u00fchen Lagers zunehmend in Vergessenheit. Bis heute wird es oft mit dem 1936 errichteten KZ Sachsenhausen verwechselt. Als 2022 Planungen f\u00fcr ein Wohnheim der Hochschule der Polizei Brandenburg bekannt wurden, regte zeitgleich eine B\u00fcrgerinitiative, unterst\u00fctzt von der Oranienburger SPD und Linken, den \u201eErinnerungsort Konzentrationslager Oranienburg\u201c an.<br \/>\nSeit 1948 finden in Oranienburg Gedenkveranstaltungen f\u00fcr Erich M\u00fchsam statt, darunter in den 1980er-Jahren auch inoffizielle Gedenkaktionen der jungen Berliner Untergrundmusik- und -literaturszene, die von der Staatssicherheit der DDR observiert wurde. Seit den 2000er-Jahren richten sich Gedenkdemonstrationen gegen den aufkeimenden Rechtsextremismus.<\/p>\n<p><strong>Ort f\u00fcr politische Bildung<\/strong><\/p>\n<p>Zuk\u00fcnftig wird die museums-p\u00e4dagogische Abteilung der Gedenkst\u00e4tte Sachsenhausen den neu angelegten Gedenkort in ihre Bildungsarbeit einbinden. Die Inhalte der Informationsstelen werden auf einer eigenen Homepage zu finden sein. Dort sollen auch die Ergebnisse von Schul-Projekten eingestellt werden.<br \/>\nAuf der Webseite wird auch der bereits vorliegende Audiowalk \u201eUnd gegen\u00fcber spielt die Blaskapelle\u201c ((4)) implementiert, den Menschen, die sich f\u00fcr die Neugestaltung des Erinnerungsortes einsetzten, initiierten. Mit der Neugestaltung dieses Gedenkortes wird eine substantielle Verbesserung f\u00fcr das zuk\u00fcnftige Gedenken an Erich M\u00fchsam und die antifaschistische Aufkl\u00e4rungsarbeit kommender Generationen geschaffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die k\u00fcnftigen Informationsstelen werden zentrale Themen des Ortes aufgreifen: Die Entstehung eines der ersten Konzentrationslager, die Rolle der Stadt, das Schicksal der H\u00e4ftlinge, die Haftbedingungen, den \u00dcbergang zum KZ Sachsenhausen, Erich M\u00fchsam sowie die wechselvolle Erinnerungsgeschichte seit 1945. Wir laden Euch zu einem Rundgang entlang der 14 Stelen durch den Gedenkort ein. 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