{"id":33909,"date":"2026-03-27T14:20:31","date_gmt":"2026-03-27T12:20:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/antifeminismus-als-normalitaet\/"},"modified":"2026-03-27T14:20:31","modified_gmt":"2026-03-27T12:20:31","slug":"antifeminismus-als-normalitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/antifeminismus-als-normalitaet\/","title":{"rendered":"Antifeminismus als Normalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Chomsky sind (bislang) keine Verwicklungen in sexuelle Straftaten nachgesagt oder gar nachgewiesen worden. Er und seine Frau Valeria haben seit 2015 mit Epstein Kontakt gehabt, sich mehrmals getroffen, freundschaftliche Mails ausgetauscht und sich in Finanzdingen beraten lassen. Auch Chomsky hat sich beratend an Epstein gewandt. Ein Zeichen daf\u00fcr, wie Richard Pinner im \u201eFreitag\u201c herausgestellt hat, wie elit\u00e4re Zirkel funktionieren, in denen die M\u00e4chtigen aus Finanzwelt, Politik und Kultur miteinander verkehren. ((1))<br \/>\nEs gibt Netzwerke, in denen bestimmte Dynamiken entstehen, die den Tipp hier und die Einladung dort zu selbstverst\u00e4ndlichen Gegenseitigkeiten machen, die von den Einzelnen kaum hinterfragt werden. Netzwerke sind Tauschgemeinschaften, in denen viele auf unterschiedlichen Ebenen profitieren. Aber diese strukturelle Sichtweise, so wichtig sie ist, abstrahiert auch von Inhalten. Mit der rein funktionalistischen Erkl\u00e4rung l\u00e4sst sich nicht fassen, warum Chomsky auf Bildern neben Epstein in dessen Privatflugzeug sitzt und in den Files auftaucht, andere Star-Intellektuelle aber nicht. Erscheinen beispielsweise Siri Hustvedt oder Judith Butler in den Files? Soweit bislang bekannt, nein. Und dies nicht, weil sie Frauen sind, das ist die norwegische Prinzessin Mette-Marit auch, sondern weil sie feministische Haltungen vertreten.<\/p>\n<p>Es geht also um Inhalte. Es verbindet die einen (Chomsky &#038; Epstein) inhaltlich etwas, was sie von den anderen trennt. Was hat Chomsky Epstein geraten? Epstein hatte Chomsky 2019 gefragt, ob er auf erneute Vorw\u00fcrfe hinsichtlich seiner sexuellen Gewalttaten sich eher verteidigen oder sie eher ignorieren sollte. Chomsky r\u00e4t zu letzterem, nicht ohne \u00fcber die \u201efurchtbare Art und Weise\u201c zu klagen, in der Epstein behandelt w\u00fcrde und schlie\u00dflich die \u201eHysterie\u201c anzuprangern, die sich angesichts des Missbrauchs von Frauen entwickelt habe: \u201ehysteria that has developed about abuse of women\u201c ((2)).<br \/>\nChomsky, mittlerweile 97 Jahre alt und seit einem Schlaganfall 2023 nicht mehr f\u00e4hig zu sprechen, kann zu all dem nicht mehr Stellung beziehen. Seine Frau Valeria hat die Haltung ihres Mannes in einem \u00f6ffentlichen Statement Anfang 2026 heruntergespielt und als Effekt von Epsteins kluger Manipulation dargestellt. Noam Chomsky habe letztlich nicht gewusst, was Epstein wirklich getan habe.<br \/>\nBereits 2008 war Epstein wegen Prostitution einer Minderj\u00e4hrigen verurteilt worden, was ihn vor der Verurteilung wegen sexueller Gewalt bewahrt hatte. Im Zuge des Verfahrens, das einer Anzeige gegen ihn diesbez\u00fcglich 2005 gefolgt war, meldeten sich f\u00fcnfzig weitere mutma\u00dfliche Opfer. Dass Chomsky von all dem nichts mitbekommen haben soll, ist ziemlich ausgeschlossen. Schlie\u00dflich bemitleidet Chomsky den verurteilten Sexualstraft\u00e4ter ja, der mutma\u00dflich Hunderte von Minderj\u00e4hrigen vergewaltigt hat, \u201efurchtbar\u201c behandelt worden zu sein. Es ist kaum zu fassen, wie der Linke und selbst erkl\u00e4rte Anarchist die Vergewaltigung (\u201eabuse of women\u201c) derma\u00dfen herunterspielt und ganz im Stil des rechten Kampfes gegen Woke und #metoo eine T\u00e4ter-Opfer-Umkehr betreibt. Er beklagt nicht nur die Skandalisierung (\u201eHysterie\u201c) dieser sexistischen Gewalt an sich, sondern dar\u00fcber hinaus auch noch, dass bereits die Infragestellung von Anschuldigungen inzwischen als \u201eVerbrechen schlimmer als Mord\u201c gewertet w\u00fcrden (\u201ethat even questioning a charge is a crime worse than murder\u201c). Wie kann das alles sein? Wieso betreibt Chomsky, der gro\u00dfe Aufdecker von Machtstrukturen, die Bagatellisierung von sexueller Gewalt und Menschenhandel? Offenbar, weil sie ihm weder als Frage der Macht noch als politisch relevant erscheinen.<\/p>\n<p>Die Verf\u00fcgbarkeit weiblicher, insbesondere junger weiblicher K\u00f6rper, erscheint als v\u00f6llig normal. Nicht nur so normal, dass auch all die liberalen Freundinnen und Freunde Epsteins offenbar keinen Ansto\u00df daran nahmen, dass sie in seinem Flugzeug (\u00fcbrigens auch schon um 2008 verharmlosend als \u201eLolita Express\u201c bezeichnet) oder auf seiner Insel zum Gebrauch angeboten wurden. (Die menschenverachtende Sprache in den \u201eEpstein Files\u201c hat die Journalistin Beate Hausbichler in der \u00f6sterreichischen Tageszeitung \u201eDer Standard\u201c analysiert). ((3))<br \/>\nDie Verf\u00fcgbarkeit erscheint so normal, dass sie sogar zu einem der Grundprinzipien der westlichen Popkultur wurde. Die Musikjournalistin Sonja Eismann hat k\u00fcrzlich in ihrem Buch \u201eCandy Girls. Sexismus in der Musikindustrie\u201c (Hamburg 2025) aufgezeigt, dass und inwiefern die Ausbeutung von M\u00e4dchen und jungen Frauen zum Pop dazugeh\u00f6rt wie Drugs und Rock`n`Roll. Candy Girls sind junge M\u00e4dchen, besungen nicht nur von Iggy Pop im gleichnamigen Song, sondern als reale Menschen sexualisiert und zum Objekt patriarchaler Obsessionen gemacht. Von Scorpions bis John Peel geht das durch alle Genres hindurch und, das muss auch \u201eJacobin\u201c entgegengehalten werden, es ist \u2013 sonst w\u00e4re es nicht Pop \u2013 nicht allein den Herrschenden eigen: \u201eSexualisierte Gewalt\u201c, schreibt Eismann, \u201ekennt kein Milieu oder keine Klasse\u201c.<\/p>\n<p>Minderj\u00e4hrige sexy zu finden oder Gewaltorgien und Menschenhandel zu betreiben, sind verschiedene Dinge, und dennoch h\u00e4ngen sie zusammen. Die Popgeschichte sei auch deshalb hier angef\u00fchrt, weil in ihr wie kaum sonst Systematik und Allt\u00e4glichkeit dieses Zusammenhangs gelebt wird. Im Pop ist weibliche Jugendlichkeit eine zentrale Ressource, die von den Frauen geliefert werden muss (um Erfolg zu haben bzw. um \u00fcberhaupt bestehen zu k\u00f6nnen) und die M\u00e4nner ausbeuten, um ihre sexuellen und\/oder emotionalen Bed\u00fcrfnisse zu stillen. Das wird von Feministinnen seit Jahrzehnten zum Politikum gemacht: der m\u00e4nnliche Blick, die Aus\u00fcbung von Macht durch die Sexualisierung Minderj\u00e4hriger, die patriarchale Gewalt. Und nicht nur die moralische Verdorbenheit der Herrschenden. Das sollte uns, insbesondere wenn wir als M\u00e4nner sozialisiert wurden, dazu animieren, unsere Positionen in Netzwerken ebenso zu hinterfragen wie die eigenen Blicke und unsere Plattensammlungen.<\/p>\n<p>Aber dass die Vergewaltigung von M\u00e4dchen und der Menschenhandel selbst bei vielen Linken und Liberalen nicht den politischen Stellenwert haben, der den Finanzmarkt- und Medienanalysen oder der Au\u00dfenpolitik der USA zukommt, daran l\u00e4sst auch Chomsky selbst keinen Zweifel. Nicht nur implizit. Das macht seine antifeministische Haltung so besonders emp\u00f6rend. Man stelle sich vor, ein Linker h\u00e4tte einem Industriellen geraten, die Vorw\u00fcrfe wegen der Ausbeutung von Arbeiter*innen zu ignorieren und dann, von der Presse nach seiner eigenen Haltung zu dem Industriellen befragt, geantwortet: \u201eDas geht Sie nichts an.\u201c Das \u201eWall Street Journal\u201c hatte Chomsky noch vor seinem Schlaganfall 2023 nach seiner Beziehung zu Epstein gefragt, woraufhin dieser genau das erwidert hat: \u201eis none of your business\u201c. Als sei es seine Privatsache, wie er seine Freunde ber\u00e4t.<\/p>\n<p>Aber damit lag Chomsky fundamental falsch. Es geht uns etwas an. Denn wer als Intellektueller und Anarchist f\u00fcr die Abschaffung von Herrschaft eintritt und gleichzeitig die Vergewaltigung von M\u00e4dchen und Menschenhandel bagatellisiert, hat ein Glaubw\u00fcrdigkeitsproblem.<br \/>\nDie in den letzten Jahren anhand einer ganzen Reihe von K\u00fcnstlern wie Woody Allen, Michael Jackson und Otto M\u00fchl diskutierte Frage, ob Person und Werk nicht zu trennen w\u00e4ren, ist auch im Fall Chomsky mit Nein zu beantworten. Sicherlich, das linguistische Konzept der \u201egenerativen Grammatik\u201c, f\u00fcr das Chomsky so ber\u00fchmt wurde, mag noch als relativ eigenst\u00e4ndige Wissensform durchgehen, die von den Haltungen zu Geschlechterfragen wenig tangiert wird. F\u00fcr Analyse und Kritik der US-Au\u00dfenpolitik gilt das schon weniger, Chomskys Anarchismus schlie\u00dflich l\u00e4sst sich \u00fcberhaupt nicht unabh\u00e4ngig lesen. Denn auch Geschlechterverh\u00e4ltnisse sind Herrschaftsverh\u00e4ltnisse.<br \/>\nAber selbst die Texte zu sprachwissenschaftlichen oder geopolitischen Fragen bleiben letztlich in ihrer Rezeption nicht unber\u00fchrt von dem, was ihr Autor an Freundschaften gepflegt und an sonstigen Haltungen ge\u00e4u\u00dfert hat. Wie soll man je wieder ein Lied von P. Diddy (Sean Combs) h\u00f6ren oder ein Bild von Otto M\u00fchl angucken, ohne an die Ausbeutung von M\u00e4dchen zu denken? Das ist unm\u00f6glich. Auch wenn Chomsky, anders als Combs und M\u00fchl, keine Sexualstraftaten begangen, sondern sie nur verharmlost hat, ist er als K\u00e4mpfer f\u00fcr Herrschaftsfreiheit k\u00fcnftig kaum mehr ernst zu nehmen. Insofern ist es gut, dass der Unrast Verlag seine B\u00fccher von Chomsky aus dem Programm nimmt. Auch der Verlag Graswurzelrevolution verzichtet auf die dritte Auflage von Chomskys Buch \u201e\u00dcber Anarchismus\u201c und f\u00fchrt es fortan nicht mehr. \u00dcber Anarchismus lesen wir k\u00fcnftig lieber von anderen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chomsky sind (bislang) keine Verwicklungen in sexuelle Straftaten nachgesagt oder gar nachgewiesen worden. Er und seine Frau Valeria haben seit 2015 mit Epstein Kontakt gehabt, sich mehrmals getroffen, freundschaftliche Mails ausgetauscht und sich in Finanzdingen beraten lassen. Auch Chomsky hat sich beratend an Epstein gewandt. 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