{"id":33920,"date":"2026-03-27T14:20:35","date_gmt":"2026-03-27T12:20:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/die-franzoesische-revolution-und-die-kriegsdienstpflicht\/"},"modified":"2026-04-13T11:04:21","modified_gmt":"2026-04-13T09:04:21","slug":"die-franzoesische-revolution-und-die-kriegsdienstpflicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/die-franzoesische-revolution-und-die-kriegsdienstpflicht\/","title":{"rendered":"Die Franz\u00f6sische Revolution und die Kriegsdienstpflicht"},"content":{"rendered":"<p>Begr\u00fcndet wird die Milit\u00e4rdienstpflicht, mit der die B\u00fcr-ger*innen zu Untertanen des Staates werden, immer wieder mit dem Verweis auf die Franz\u00f6sische Revolution. Darum ist es sinnvoll, sich damit zu befassen.<\/p>\n<p>Unter einer Revolution versteht man eine tiefgreifende Umgestaltung der politischen und gesellschaftlichen Struktur durch unterdr\u00fcckte Klassen. Die Franz\u00f6sische Revolution (1789 \u2013 1799) ist daf\u00fcr das wohl bekannteste Beispiel der Neuzeit. Das alte Gesellschaftsmodell (Aristokratie, Feudalismus) beruhte auf den drei St\u00e4nden: K\u00f6nig, Adel und Volk. Der K\u00f6nig, unterst\u00fctzt von der katholischen Kirche, galt als der von Gott gesandte Alleinherrscher, der z. B. durch Handauflegen Kranke heilte. (Reichardt, 25) Tats\u00e4chlich war er ein Zauderer, der unter der Fuchtel seiner dem Prunk verfallenen, aus dem \u00f6sterreichischen Herrscherhaus stammenden Frau, Marie-Antoinette, stand. Die eigentliche Herrscherschicht war der Adel, vom K\u00f6nig abh\u00e4ngig und ihm zugetan. Er besa\u00df neben den Kirchen einen Gro\u00dfteil des Landes. Der Dritte Stand, H\u00e4ndler, Handwerker und vor allem die Bauern wurden durch immer h\u00f6here Abgaben gezwungen, die immer h\u00f6heren Ausgaben f\u00fcr das K\u00f6nigshaus und den Adel zu finanzieren. Dagegen regte sich schon seit langem Unruhe. Gegen dieses ungerechte und \u00fcberkommene Gesellschaftsmodell propagierten Philosophen wie z. B. Voltaire und Rousseau neue Ideen der Aufkl\u00e4rung, zu denen sich dann sogar einige Priester und Adlige bekannten.<br \/>\nEinen nicht zu untersch\u00e4tzenden Einfluss auf die Entwicklung in Frankreich hatte auch der nordamerikanische Unabh\u00e4ngigkeitskrieg, den Frankreich finanziell und mit Soldaten gegen England unterst\u00fctzte. Die R\u00fcckkehrenden brachten die Menschenrechte als Idee von dort mit. Die Kriegsbeteiligung f\u00fchrte zu leeren Staatskassen. Frankreich war praktisch pleite.<br \/>\nDas Ganze wurde versch\u00e4rft durch ein weiteres Problem. Die Elite Frankreichs war der Adel. Reiche B\u00fcrger konnten sich in den Adelsstand einkaufen. Dieses Verfahren war zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. 40.000 nutzten in den Jahren vor der Revolution diese M\u00f6glichkeit. So wurde der eigentlich unproduktive Adel immer gr\u00f6\u00dfer, und um der finanziellen Misere zu entkommen, erh\u00f6hte man die daf\u00fcr geforderten Summen, was dann allerdings dazu f\u00fchrte, dass das Interesse daran abnahm, so dass diese Staatseinnahme praktisch ausfiel.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Mit der schrittweisen Einf\u00fchrung der Milit\u00e4rdienstpflicht konnte die an die Wand gefahrene Revolution gegen innere und \u00e4u\u00dfere Feinde verteidigt werden. Allerdings wurde damit auch die Freiheit, die wichtigste Errungenschaft der Revolution, beendet<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Schlie\u00dflich kam es, wohl auch aufgrund eines Vulkanausbruchs in Island in Europa 1787\/89 zu Unwettern und Missernten. Der Getreidepreis verdoppelte sich. H\u00e4ndler wollten daraus Gewinn ziehen, indem sie Getreide horteten. Mit dem Ergebnis, dass weite Teile der Bev\u00f6lkerung nichts mehr zu essen hatten. Es kam zu Hungerrevolten, zum \u201eMehlkrieg\u201c.<\/p>\n<p>Aufgrund all dieser Ursachen kam es schlie\u00dflich 1789 zum Aufstand, wobei sich die Soldaten zur\u00fcckhielten oder sich gar den Rebell*innen anschlossen. Hannah Arendt in \u201e\u00dcber die Revolution\u201c, S. 46: \u201eDie Soldaten hatten nicht geschossen, die Instrumente der Autorit\u00e4t funktionierten nicht mehr.\u201c 200.000 k\u00f6nigliche Soldaten schlossen sich den Aufst\u00e4ndischen an. (vgl. Reichardt, 56) An Waffen kam man \u00fcber die Einnahme von k\u00f6niglichen Arsenalen (Invaliden-Kaserne) und am 17. Juli 1789 durch den Sturm auf die Bastille, ein Staatsgef\u00e4ngnis, wobei es auf eigener Seite zu 98 Toten und 73 Verwundeten kam, aber man erschlug auch sieben Garnisonsleute und lynchte den Kommandanten. Damit bewaffnete man 13.000 B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Frauen haben sich in allen Stadien der Revolution beteiligt, manchmal waren sie sogar die \u201eVorhut\u201c. So schrieb ein deutscher Beobachter des Geschehens: \u201eWeiber ersannen Entsetzlichkeiten und \u00fcbten sie aus, ermunterten M\u00e4nner zu frischen Qualen und Mordtaten.\u201c (Schulin, 128) Einige Frauen forderten auch das Recht, sich zu bewaffnen und eigene weibliche Nationalgarden bilden zu d\u00fcrfen. Im M\u00e4rz 1792 forderten 300 Frauen in einer Petition ihre Bewaffnung. Als sie im Pariser Vorort Saint-Antoine begannen, eine weibliche Legion aufzustellen, vertrieb sie die Menge. Die meisten M\u00e4nner waren nicht gewillt, bewaffnete Frauen zu dulden. Einige Frauen verkleideten sich als M\u00e4nner, um mitk\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen, andere begleiteten ihre Lebensgef\u00e4hrten an die Front. Manche bewaffneten sich auch, um Heim und Kinder zu sch\u00fctzen. (Reichhardt, 200) Andererseits sah der Revolution\u00e4r Robespierre \u201edie Aufgabe der Frau darin, Kinder zu geb\u00e4ren und ihre S\u00f6hne und M\u00e4nner f\u00fcr die Republik zu opfern.\u201c (Reichardt, 194)<\/p>\n<p>Der urspr\u00fcngliche Aufstand des Dritten Standes entwickelte sich auch deshalb zur Revolution, bei der man schlie\u00dflich K\u00f6nig und Adel hinwegfegte, weil man von Seiten der Obrigkeit die Aufst\u00e4ndischen gnadenlos niedermetzelte.<br \/>\nDabei war die Revolution in ihrem ersten Stadium durchaus erfolgreich: Es gab am 25. Juli 1789 eine neue Verfassung, die Menschenrechte wurden erkl\u00e4rt, auch die Abschaffung der Sklaverei, die allgemeine Schulpflicht. Alle, nicht nur die Besitzenden, sollten an Wahlen teilnehmen d\u00fcrfen usw.<br \/>\nAll das wurde zwar beschlossen, war aber \u201ebis zum Frieden\u201c ausgesetzt. Trat also nie in Kraft. (Reichardt, 84)<\/p>\n<p>Die in sich zerstrittenen europ\u00e4ischen Herrscher sahen in der Franz\u00f6sischen Revolution anfangs keine Gefahr, sondern eine durchaus gelegene Schw\u00e4chung Frankreichs. Gleichzeitig waren die Parolen der Revolution \u201eFreiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit\u201c, \u201eFriede den H\u00fctten, Krieg den Pal\u00e4sten\u201c, die Trennung von Staat und Kirche, ansteckend. An vielen Orten bildeten sich zuerst kleine Zirkel, die schon bald Zulauf bekamen. Sie forderten Unterst\u00fctzung aus Frankreich \u2013 und bekamen sie auch. Die Revolution wurde exportiert. Man sah sich berufen, mit revolution\u00e4rem Elan in ganz Europa die Freiheit zu verbreiten. Franz\u00f6sische Truppen fielen im heutigen Belgien, Holland, Deutschland, der Schweiz und in Italien ein. Aber die dortigen Revolution\u00e4re mussten bald feststellen, dass die franz\u00f6sischen Soldaten sich aus den L\u00e4ndern versorgten (\u201ehemmungslose Pl\u00fcnderungssucht\u201c) und alles, was sie erbeuten konnten, zur Unterst\u00fctzung der Revolution, oder auch privat, nach Frankreich abtransportierten. Auch die Befreiung wandelt sich schon bald zur Annexion, die eroberten L\u00e4nder wurden Frankreich angegliedert. So kam es, dass nicht mehr die Bev\u00f6lkerung, sondern die Armee zur m\u00e4chtigsten St\u00fctze der Revolution wurde.<\/p>\n<p>1793 stand die Revolution ernsthaft auf der Kippe. Weite Teile der Bev\u00f6lkerung wollten auch aufgrund der immer brutaleren Machtk\u00e4mpfe der Revolutionsfraktionen, die sich auch gegen die restliche Bev\u00f6lkerung richteten (\u201eGrande Terreur\u201c, \u201eDie Revolution frisst ihre Kinder\u201c), damit nichts mehr zu tun haben. Die B\u00e4uerinnen und Bauern wollen ihrer Arbeit nachgehen, die Kirchen ihre Vorrechte wieder haben, manche auch wieder einen K\u00f6nig. Ganze Regionen wollten nun \u201eRuhe und Ordnung\u201c.<br \/>\nW\u00e4hrend sich die verschiedenen Revolutionsfraktionen aufs Heftigste bek\u00e4mpften, kamen die \u00e4u\u00dferen Gegner bedrohlich n\u00e4her; sie waren schon vor Paris. Sie hatten nun die Gefahr erkannt. Hurtig bildeten die Europ\u00e4ischen Herrscher B\u00fcndnisse und griffen wiederum Frankreich an. Ihnen kam es gelegen, dass sich von 1789 bis 1793 von den 9.000 Offizieren des alten Regimes 6.000 nach Worms, Speyer, Trier und Turin abgesetzt hatten. Mit Unterst\u00fctzung (Geld, Waffen, Ausbildung) u. a. aus England, Preu\u00dfen und \u00d6sterreich bildeten sie konterrevolution\u00e4re Einheiten. Alle diese Offiziere waren Adlige. Offizier konnte seit 1781 unter dem alten Regime nur werden, wer seit mindestens vier Generationen dem Adel angeh\u00f6rt hatte. Sie waren an den f\u00fcr sie sicheren Schaltstellen der Kriege, gaben die Befehle, und scheuten pers\u00f6nlich am Geschehen teilzunehmen. Sie sahen mit der Revolution ihre Privilegien in Gefahr.<\/p>\n<p>Ein Feldherr, der sich bei den Feldz\u00fcgen besonders hervorgetan hatte, war Napoleon Bonaparte. Er wollte in \u00c4gypten Frankreichs damaligen Erzfeind England besiegen, was allerdings nicht gelang. Er putschte sich schlie\u00dflich am 9. November 1799 an die Macht, erkl\u00e4rte die Revolution f\u00fcr beendet, machte die meisten der \u201eErrungenschaften\u201c r\u00fcckg\u00e4ngig und errichtete eine Diktatur, gegen die sich sp\u00e4tere Generationen auflehnten (z. B. Pariser Kommune).<\/p>\n<p><strong>In drei Schritten wird aus der \u201eFreiwilligkeit\u201c Zwang: die \u201eLev\u00e9e en masse\u201c<\/strong><\/p>\n<p>In dieser existentiellen Bedrohung der revolution\u00e4ren Republik sah der Milit\u00e4rverantwortliche Carnot die L\u00f6sung in einer starken revolution\u00e4ren Armee. Zwar hatte die Nationalversammlung schon 1792 zu Freiwilligenmeldungen aufgerufen, aber lediglich 60.000, wovon die H\u00e4lfte untauglich war, folgten. Diese Anzahl reichte bei weitem nicht aus.<\/p>\n<p>So kam es am 24. Februar 1793 zu dem Beschluss 300.000 \u201eFreiwillige\u201c zu rekrutieren. Jedes Departement sollte ein bestimmtes Kontingent stellen. Alle Franzosen von 18 bis 40, unverheiratet oder Witwer ohne Kinder konnten nun einberufen werden. Es gab vom Gesetz her einige Befreiungen: Wer Geld hatte, konnte einen Stellvertreter schicken, zudem warb man im Ausland S\u00f6ldner. In der Praxis vor Ort wurde die Vorgabe der Freiwilligkeit nur bedingt umgesetzt. W\u00e4hrend in manchen Gegenden das Los entschied, wer zur Armee musste, wurde in anderen erheblicher Druck ausge\u00fcbt, was wiederum den Widerstand anfachte. Im Fr\u00fchjahr 1793 war man mit 600.000 Soldaten an f\u00fcnf Kriegsschaupl\u00e4tzen aktiv.<br \/>\nInsbesondere Bauern gingen nach erfolgtem Einsatz wieder zur\u00fcck. Tote, Verwundete, Milit\u00e4rdienstentzieher und Deserteure nahmen \u00fcberhand: Kurz, die Truppen mussten nun auch offiziell per Zwang aufgef\u00fcllt werden.<\/p>\n<p>Um das \u201eVaterland\u201c zu retten, wurde am 23. August 1793 das Dekret \u201eLev\u00e9e en masse\u201c (Lev\u00e9e = Aushebung, Rekrutierung) erlassen, die allgemeine Milit\u00e4rdienstpflicht. 1,2 Millionen M\u00e4nner im Alter von 18 bis 25 konnten nun einberufen werden. Man nahm aber auch \u00c4ltere und J\u00fcngere. Das Volk sollte die Revolution verteidigen. Den B\u00fcrgern wurde der Zwang zum Kriegsdienst schmackhaft gemacht, indem man nun auch Soldaten das Wahlrecht gew\u00e4hrte. Von der urspr\u00fcnglichen Idee, dass die Soldaten die Offiziere w\u00e4hlen k\u00f6nnten, kam man aber schon bald wieder ab. W\u00e4hrend die Nationalversammlung 1790 noch den \u201eVerzicht auf jeden Eroberungskrieg\u201c beschlossen hatte, sollte das nunmehrige Dekret nur \u201ebis zur Vertreibung der Feinde\u201c gelten, was allgemein als defensiv und gerecht empfunden wurde. Aber andererseits nahm mit der gr\u00f6\u00dferen Armee die behauptete \u201eBedrohung\u201c ja gerade nicht ab, so hatte diese vermeintliche Einschr\u00e4nkung im Endeffekt lediglich mobilisierende Wirkung. Trotzdem: Zwar wurde die M\u00f6glichkeit, einen Stellvertreter zu schicken, abgeschafft, aber man nahm schon R\u00fccksicht auf gebildete und einflussreiche B\u00fcrger. Unklar bleibt f\u00fcr mich, ob es die in der Literatur manchmal angef\u00fchrte Praxis, sogenannte unerw\u00fcnschte \u201eElemente\u201c (= Konterrevolution\u00e4re) bevorzugt zu rekrutieren, und sie an die Front zu schicken, wirklich gegeben hat. Sie h\u00e4tten wohl die \u201eKampfmoral\u201c geschw\u00e4cht \u2013 und w\u00e4ren bei der erstbesten Gelegenheit \u00fcbergelaufen.<br \/>\nSo wurde die franz\u00f6sische Armee zur weitaus gr\u00f6\u00dften und schlagkr\u00e4ftigsten Europas. Je nach Quelle soll sie bis eine Million Soldaten gro\u00df gewesen sein.<\/p>\n<p><strong>Der Widerstand gegen die Milit\u00e4rdienstpflicht<\/strong><\/p>\n<p>Die Milit\u00e4rdienstpflicht war kein Ziel der Franz\u00f6sischen Revolution. Die damit verbundenen Ideen setzten generell nicht auf Zwang, sondern wollten gerade ihn minimieren, wenn nicht ganz abschaffen. Das B\u00fcrgertum lehnte noch am 16.12.1789 per Dekret eine Pflicht zum Milit\u00e4rdienst ab, sie sei ein Ausdruck der Despotie. Einzig der freiwillige Dienst sei f\u00fcr ein freies Volk akzeptabel.<\/p>\n<figure id=\"attachment_33986\" aria-describedby=\"caption-attachment-33986\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-33986\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Jacques_Bertaux_-_La_Journee_du_10_aout_1792-300x207.jpg\" alt=\"Jacques Bertaux La Journ\u00e9e du 10 ao\u00fbt (1792)\" width=\"300\" height=\"207\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Jacques_Bertaux_-_La_Journee_du_10_aout_1792-300x207.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Jacques_Bertaux_-_La_Journee_du_10_aout_1792-768x529.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Jacques_Bertaux_-_La_Journee_du_10_aout_1792-600x413.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Jacques_Bertaux_-_La_Journee_du_10_aout_1792.jpg 813w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-33986\" class=\"wp-caption-text\">Jacques Bertaux &#8211; Prise du palais des Tuileries<\/figcaption><\/figure>\n<p>Um eine Milit\u00e4rdienstpflicht einf\u00fchren zu k\u00f6nnen, muss man wissen, wieviele Menschen man \u00fcberhaupt rekrutieren kann. Aber ein daf\u00fcr notwendiges Melde- und \u00dcberwachungssystem gab es (noch) nicht. Auch wenn weite Teile der Bev\u00f6lkerung die Revolution unterst\u00fctzten, so war doch das Rekrutierungsvorhaben f\u00fcr viele ein Anlass zum Umdenken. Schon gegen das erste Rekrutierungsgesetz vom 20. Februar 1793 gab es Protest und Unruhen in Lyon, Marseille, Bordeaux, Toulouse, Nimes, Grenoble, Limoges und Toulon. In mehr als 60 von insgesamt 83 Departements gab es z.T. heftigen Widerstand. Statt der Vorgabe von 300.000 konnten schlie\u00dflich nur 180.000 M\u00e4nner rekrutiert werden. Wer nicht rekrutiert werden wollte, wer desertierte, konnte auf breite Unterst\u00fctzung hoffen. Es waren ja die eigenen Leute. Tats\u00e4chlich rekrutierte man, wen man bekommen konnte. Viele verlie\u00dfen sogleich ihre D\u00f6rfer und flohen in St\u00e4dte oder W\u00e4lder.<br \/>\nDie Anzahl der Milit\u00e4rdienstentzieher und Deserteure wuchs mit den Einberufungen und den zunehmenden milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen. Darauf reagierte die revolution\u00e4re Regierung mit immer drastischeren Verfolgungsma\u00dfnahmen. Ab 1792 wurden Familienangeh\u00f6rige schikaniert, bestraft und als Geiseln festgenommen. 1795 schuf man eine extra Polizeitruppe, um sie einkassieren zu k\u00f6nnen. \u00dcber sie wurde im ganzen Land ein regelrechtes Spitzelsystem aufgebaut, um Verweigerern habhaft zu werden. Deserteure bedrohte man mit der Hinrichtung durch die Guillotine.<\/p>\n<p>In der Vend\u00e9e, einer Region an der Atlantikk\u00fcste, s\u00fcdlich der Loire-M\u00fcndung, hatten sich ab 1791 zuerst Bauern gegen die Rekrutierung erhoben. Schon bald bekamen sie Unterst\u00fctzung von K\u00f6nigstreuen und Katholiken, aber auch Milit\u00e4rdienstentziehern und Deserteuren, die sie bei ihrem (konterrevolution\u00e4ren) Aufstand unterst\u00fctzten. Sie waren insgesamt wohl an die 150.000. Die erhoffte milit\u00e4rische Hilfe aus England blieb aus, es kamen nur Waffen. So hatten sie keine Chance. Bis Dezember 1793 wurden Zehntausende durch die Revolution\u00e4re massakriert, die Gegend dem Erdboden gleich gemacht.<\/p>\n<p><strong>Die Truppendisziplin war auf allen Seiten desolat<\/strong><\/p>\n<p>Die neuen, revolution\u00e4ren Soldaten trauten vielfach den 3.000 aus dem alten Regime \u00fcbriggebliebenen Offizieren nicht, die ihre einstigen Privilegien nicht aufgeben wollten und sich vielfach weigerten, nun gem\u00e4\u00df der neuen Doktrin, mit den Soldaten zusammen zu k\u00e4mpfen. Sie mussten ersetzt und dem Offiziersmangel abgeholfen werden. So bef\u00f6rderte man hastig mehr oder minder bef\u00e4higte Soldaten zu Offizieren, sodass es zu einem gewissen Zeitpunkt mehr Offiziere als Soldaten gab.<br \/>\nAuch wenn es viele Revolution\u00e4re gab, die ihre \u201eErrungenschaften\u201c auch milit\u00e4risch verteidigen wollten und den Auslandseinsatz, also den \u201eRevolutionsexport\u201c begr\u00fc\u00dften, so war doch der Kriegsdienst risikoreich. Die Revolutionsarmee war im Prinzip eine Armee der Armen. Wurden sie get\u00f6tet, verletzt, gab es keine Entsch\u00e4digung, sie hatten die Folgen zu tragen, sie hatten die \u201eBlutsteuer\u201c zu bezahlen.<\/p>\n<p><strong>Die Widerstandsmethoden waren vielf\u00e4ltig<\/strong><\/p>\n<p>An manchen Orten wurden einfach keine Einwohnerlisten mehr erstellt. Auch gef\u00e4lschte Geburts- und Sterbeurkunden konnte man erhalten, worauf die Regierung das Gemeindepersonal austauschte. In etlichen St\u00e4dten gab es Anschl\u00e4ge auf Verwaltungen und Gef\u00e4ngnisse, aus denen man inhaftierte Deserteure befreite. Rekrutenausheber wurden get\u00f6tet.<br \/>\nDa Verheiratete per Gesetz von der Rekrutierung ausgenommen waren, kam es zu regelrechten Heiratswellen. Selbst 70- bis 80-j\u00e4hrige Frauen boten sich als Br\u00e4ute an. Worauf die Revolutionsregierung nur noch Ehen als g\u00fcltigen Grund ansah, wenn sie mindestens drei Monate vor der Rekrutierung geschlossen worden waren. Was wiederum zu vordatierten Heiratsurkunden f\u00fchrte. Es entstanden regelrechte F\u00e4lscherwerkst\u00e4tten, die die entsprechenden Papiere gegen Geld zur Verf\u00fcgung stellten.<br \/>\n\u00c4rzte schrieben Unf\u00e4higkeitsbescheinigungen, besorgten Medikamente f\u00fcr Simulanten. Auch Selbstverst\u00fcmmelungen nahmen zu, um nicht einberufen zu werden.<br \/>\nBauern und Industrielle stellten (unterbezahlt) Deserteure ein.<br \/>\nDie Desertionszahlen stiegen besonders ab 1793 stark an. Da man \u00fcberall versuchte, sie wieder einzufangen, waren sie zur Illegalit\u00e4t gezwungen. Vor allem auf dem Land, im Rh\u00f4netal und am S\u00fcdrand des Zentralmassivs bildeten sie Banden, welche die Bev\u00f6lkerung \u00fcber Jahre auch mit Morden und \u00dcberf\u00e4llen terrorisierten.<br \/>\nJe mehr Kriege es gab, desto mehr nahm das Ph\u00e4nomen der Desertion zu. Napoleon, als erfolgreicher Feldherr, konnte 1799 die Macht im Staat \u00fcbernehmen. Unter ihm waren 1,9 Mio. M\u00e4nner milit\u00e4rdienstpflichtig, es kamen aber nur 563.000. 1799 sollten 400.000 rekrutiert werden, es kamen aber nur 250.000. 1811 gab es 60.000 Deserteure. 1813, beim Russlandfeldzug, desertierten ein Viertel (250.000).<br \/>\nMan sch\u00e4tzt, dass von Beginn der Franz\u00f6sischen Revolution bis zum Ende Napoleons mehrere Hunderttausend desertiert sind.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Mit der schrittweisen Einf\u00fchrung der Milit\u00e4rdienstpflicht konnte die an die Wand gefahrene Revolution gegen innere und \u00e4u\u00dfere Feinde verteidigt werden. Allerdings wurde damit auch die Freiheit, die wichtigste Errungenschaft der Revolution, beendet. Der kommunistische Gedanken \u00e4u\u00dfernde Gracchus Babeuf fasste das in den Worten zusammen: \u201eDie Grausamkeiten jeder Art \u2026 haben unsere Sitten \u2026. so verdorben. Statt uns zu zivilisieren, haben die Heere uns zu Barbaren gemacht.\u201c (Schulin, 73)<br \/>\nDie Milit\u00e4rdienstpflicht \u201ewar eine der wichtigsten Quellen, aus denen sich vor allem in West- und S\u00fcdost-Frankreich die Konterrevolution speiste\u201c. (Reichhardt, 148) Durch die vielen Kriege wurde das Milit\u00e4r immer mehr zum bestimmenden politischen Faktor. Und so war es kein Wunder, dass die Revolution 1799 in einer Milit\u00e4rdiktatur unter Napoleon endete, die ganz Europa mit Krieg \u00fcberzog. Damit waren die Revolutionsideale zwar erstmals beerdigt, sie waren aber virulent immer noch vorhanden und wurden sp\u00e4ter immer wieder aufgegriffen.<\/p>\n<p><strong>Nachtrag<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Erarbeitung dieses Beitrags war ich selbst immer wieder \u00fcberrascht, wie aktuell die Situation im damaligen Frankreich f\u00fcr heute ist. F\u00fcr die Einberufung mussten Meldelisten erstellt werden. Gerade wurde in Deutschland die M\u00f6glichkeit, die Datenweitergabe zu untersagen, wieder abgeschafft. Auch in Frankreich setzte man zuerst auf \u201eFreiwilligkeit\u201c, die mit dem Spruch Goethes \u201eBist du nicht willig, so brauch\u00b4 ich Gewalt\u201c endete. Und schlie\u00dflich zeigt das franz\u00f6sische Beispiel, dass man mit der Milit\u00e4rdienstpflicht Kriege gerade nicht verhindert, sondern erm\u00f6glicht.<\/p>\n<style> #Kasten {color: #ffffff; background-color: #007F4E; border-radius: .5em; padding: 15px; }<\/style>\n<h5 id=\"Kasten\" style=\"text-align: center;\">Beschluss des Konvents \u201eLev\u00e9e en masse\u201c vom 23. August 1793<\/h5>\n<div id=\"Kasten\" style=\"text-align: justify;\">\u201eDie jungen M\u00e4nner werden in den Kampf ziehen, die verheirateten werden Waffen schmieden, das Heer versorgen und den Unterhalt der Nation sichern. Die Frauen werden Uniformen und Zelte n\u00e4hen und in den Krankenh\u00e4usern Dienst tun. Die Kinder werden Leinen zupfen und ihre reinen H\u00e4nde zum Himmel erheben, die Greise werden das Beispiel der alten V\u00f6lker nachahmen, sich auf die \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze tragen lassen, um den Kriegern Mut und Hass gegen die K\u00f6nige zu predigen. Die Republik ist nur noch die belagerte Festung. Frankreich darf nur noch ein einziges Zeltlager sein.\u201c Schulin, 223<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Begr\u00fcndet wird die Milit\u00e4rdienstpflicht, mit der die B\u00fcr-ger*innen zu Untertanen des Staates werden, immer wieder mit dem Verweis auf die Franz\u00f6sische Revolution. Darum ist es sinnvoll, sich damit zu befassen. Unter einer Revolution versteht man eine tiefgreifende Umgestaltung der politischen und gesellschaftlichen Struktur durch unterdr\u00fcckte Klassen. Die Franz\u00f6sische Revolution (1789 \u2013 1799) ist daf\u00fcr das &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/die-franzoesische-revolution-und-die-kriegsdienstpflicht\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":33984,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die Franz\u00f6sische Revolution und die Kriegsdienstpflicht - graswurzelrevolution","description":"Begr\u00fcndet wird die Milit\u00e4rdienstpflicht, mit der die B\u00fcr-ger*innen zu Untertanen des Staates werden, immer wieder mit dem Verweis auf die Franz\u00f6sische Revolutio"},"footnotes":""},"categories":[2120],"tags":[994],"class_list":["post-33920","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-508-april-2026","tag-leitartikel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33920","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33920"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33920\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33988,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33920\/revisions\/33988"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/33984"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33920"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33920"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33920"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}