{"id":33922,"date":"2026-03-27T14:20:36","date_gmt":"2026-03-27T12:20:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/was-bleibt-von-rojava\/"},"modified":"2026-04-15T11:15:45","modified_gmt":"2026-04-15T09:15:45","slug":"was-bleibt-von-rojava","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/03\/was-bleibt-von-rojava\/","title":{"rendered":"Was bleibt von Rojava?"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend ich dies schreibe, ist Koban\u00ea immer noch belagert. Die kurdische Stadt im Norden Syriens, an der Grenze zur T\u00fcrkei, wurde ber\u00fchmt, weil sich ihre Menschen 2014 dem anst\u00fcrmenden IS entgegenstellten und ihm 2015 \u2013 mit Hilfe amerikanischer Luftunterst\u00fctzung \u2013 jene entscheidende Niederlage beibrachten, die den Anfang vom Ende des islamistischen Terrorstaats einleitete.<br \/>\nNun steht Koban\u00ea \u2013 und damit mehrere Hunderttausend Menschen \u2013 seit \u00fcber einem Monat erneut unter milit\u00e4rischem Druck. Im S\u00fcden bedr\u00e4ngen syrische Regierungstruppen und Milizen der neuen Zentralregierung die Stadt, im Norden blockieren t\u00fcrkische Grenzbefestigungen und die Armee des Erdo?an-Regimes den Zugang. Die Lage vor Ort ist prek\u00e4r. Es gibt nicht gen\u00fcgend Lebensmittel, keinen Brennstoff, keinen Strom. Die Menschen leiden unter der K\u00e4lte, weil Heizmaterial fehlt. B\u00e4ckereien sind geschlossen, da der Treibstoff zum Backen von Brot nicht verf\u00fcgbar ist. Medikamente und medizinische Hilfsg\u00fcter werden zunehmend knapp. Mindestens sechs Kinder sind in Folge der durch die Blockade verursachten Mangelsituation gestorben. Schon vor der Belagerung hatte die t\u00fcrkische Bombardierung von Pumpstationen die Wasserversorgung der Stadt unzureichend gemacht. In der Folge breiten sich Krankheiten aufgrund fehlenden Zugangs zu sauberem Wasser aus. Viele Menschen flohen vor den t\u00fcrkisch gesteuerten SNA-Milizen aus anderen Regionen und dem Umland von Koban\u00ea in die Stadt. Schulen mussten zu Notunterk\u00fcnften umfunktioniert werden. Etwa 72.000 Sch\u00fcler*innen k\u00f6nnen derzeit nicht zur Schule gehen. Vereinzelte Hilfskonvois des UNHCR k\u00f6nnen das Problem nicht l\u00f6sen. Die Einrichtung eines dauerhaft offenen humanit\u00e4ren Hilfskorridors ist unerl\u00e4sslich.<\/p>\n<p>Durch die Belagerung von Koban\u00ea werden Hunderttausende Menschen zu Geiseln \u2013 ein Faustpfand in den Verhandlungen \u00fcber die Zukunft Rojavas zwischen der neuen islamistischen Zentralregierung in Damaskus und der SDF.<\/p>\n<p>Die Verhandlungen standen von Anfang an unter dem Druck einer milit\u00e4rischen Auseinandersetzung und es bestanden kaum Zweifel an der hegemonialen Absicht der neuen \u00dcbergangsregierung in Damaskus. Wenn etwas unklar war, dann die Frage, ob al-Sharaa \u2013 der sich weichgesp\u00fclt gebende \u00dcbergangspr\u00e4sident mit al-Qaida-Geschichte \u2013 als starker Mann der HTS-Miliz die zentrale Befehlsgewalt \u00fcber die verschiedenen anderen islamistischen Milizen wirklich w\u00fcrde erlangen k\u00f6nnen. F\u00f6derative Freir\u00e4ume f\u00fcr andere nicht-arabische Ethnien mit regionalen, autonomen, zivilen oder gar milit\u00e4rischen Strukturen au\u00dferhalb der islamistischen Milizen standen nie zur Disposition. Entgegen den Lippenbekenntnissen al-Sharaas und der neuen \u201e\u00dcbergangsregierung\u201c waren nicht Verhandlungen und g\u00fcltige Absprachen das bestimmende Element der gesellschaftlichen Umgestaltung, sondern der Einsatz milit\u00e4rischer Gewalt.<br \/>\nDie Erdo?an-gesteuerte SNA-Miliz griff noch w\u00e4hrend der K\u00e4mpfe gegen die Reste der Assad-Armee unter Kontrolle der Selbstverwaltung stehende Gebiete (Sheba und Minbic) an, die unter der Wucht der Angriffe aufgegeben werden mussten. Im weiteren Verlauf zeichnete sich der zu erwartende Umgang mit Minderheiten ab. Islamistische Milizen ermordeten im M\u00e4rz 2025 gesch\u00e4tzt 1.300\u20131.700 (SOHR) alawitische Menschen in der K\u00fcstenregion, brandschatzten und pl\u00fcnderten. Es folgten im Juli 2025 Angriffe auf die drusische Region im S\u00fcden \u2013 auch unter Einsatz schwerer Waffen \u2013, mit Exekutionen, Pl\u00fcnderungen, Brandstiftungen, Vergewaltigungen, Entf\u00fchrungen und Versklavungen. Die Opferzahlen bewegen sich je nach Quelle zwischen 1.000 und 3.000 get\u00f6teten Menschen. Vor dieser Drohkulisse erfolgten die Verhandlungen zwischen der Zentralregierung und der SDF\/Selbstverwaltung. Mehrfach wurden die Ergebnisse von t\u00fcrkischer Seite wegen Unzufriedenheit \u00fcber Zugest\u00e4ndnisse an die kurdische Seite torpediert. Gleichzeitig zeigte sich immer klarer, dass mit einer weiteren Unterst\u00fctzung der SDF durch die USA nicht mehr zu rechnen ist. Nach alawitischen und drusischen Menschen r\u00fcckten Anfang 2026 die Gebiete der multiethnischen Region Nordostsyriens in den milit\u00e4rischen Fokus der syrischen Armee.<br \/>\nIslamistisches Hegemoniestreben zeichnet sich nicht durch Akzeptanz emanzipatorischer Gesellschaftsmodelle aus. Angegriffen wurden nunmehr nicht nur Menschen anderer Religionen, \u201eUngl\u00e4ubige\u201c, kurdische, assyrisch-aram\u00e4ische oder jesidische Menschen. Attackiert wurde eine Gesellschaft, die sich bem\u00fcht, Ziele wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau umzusetzen und die Basisdemokratie, Minderheitenschutz und Religionsfreiheit zu erstrebenswerten Prinzipien erkl\u00e4rt.<br \/>\nDie Angriffe begannen am 6. Januar 2026 mit einer Offensive gegen die kurdischen Stadtteile (\u015e\u00eaxmeqs\u00fbd und E\u015frefiy\u00ea) in Aleppo (vgl. GWR 506). Im Verlauf dehnte sich die Aggression auf weite Teile der unter Kontrolle der Selbstverwaltung stehenden Gebiete aus. Bei den Angriffen von Truppen und Milizen der syrischen \u00dcbergangsregierung und des t\u00fcrkischen Staates auf die Bev\u00f6lkerung in Nordostsyrien sind nach Angaben des NRLS (Zentrum f\u00fcr strategische Studien Rojava \/ Navenda Rojava a L\u00eakol\u00een\u00ean Stratej\u00eek) mindestens 1.200 Zivilist*innen get\u00f6tet worden. Die meisten Opfer waren Frauen und Kinder (ANF v. 24.2.2026). Der Bericht des Zentrums verweist neben den Get\u00f6teten auf ca. 2.000 Entf\u00fchrte sowie rund 1.000 Gefangene. In Folge der Angriffe kam es zur erneuten Vertreibung von Hunderttausenden. Allein aus Aleppo seien mehr als 160.000 Menschen vertrieben worden. Aus den Regionen Raqqa und Tabqa h\u00e4tten \u00fcber 100.000 Personen Zuflucht in Gebieten unter Kontrolle der Autonomieverwaltung AANES gesucht.<br \/>\nNeben der pers\u00f6nlichen Katastrophe der Vertreibung \u2013 ich kenne Menschen, die schon drei-, ja viermal fliehen mussten \u2013 bedeutet die notwendige Unterbringung in den jeweiligen St\u00e4dten und Gebieten eine enorme Belastung der Selbstverwaltungs- und Hilfsstrukturen. Die Errichtung von Camps, die zwangsl\u00e4ufige Zweckentfremdung von Schulen und die Versorgung Tausender Menschen ist ein bewusster Angriff auf die schon belastete soziale Infrastruktur. Geflohene werden zur Waffe gemacht, eingesetzt mit dem Ziel einer zivilgesellschaftlichen Destabilisierung. Eine Strategie, die vor allem von Seiten des Erdo?an-Regimes seit Jahren zum Einsatz kommt. 2016, 2018 und 2019 erfolgten weitr\u00e4umige Invasionen der t\u00fcrkischen Armee und ihrer SNA-Hilfstruppen, bei denen jeweils Hunderttausende Menschen vertrieben wurden. Viele Menschen starben oder wurden schwer verletzt. Die aktuellen Angriffe zwangen Menschen aufs Neue in Regionen zu fliehen, deren Versorgungsm\u00f6glichkeiten schon zuvor ersch\u00f6pft waren.<\/p>\n<p>Die milit\u00e4rische Auseinandersetzung zwischen der syrischen Armee und der SDF kam mit dem am 30. Januar 2026 verk\u00fcndeten Abkommen vorerst zum Stillstand.<\/p>\n<p>Da der Belagerungszustand von Koban\u00ea nie aufgehoben wurde, erfolgten die getroffenen Vereinbarungen quasi mit vorgehaltener Waffe.<br \/>\nDie Vertreter*innen der AANES und der SDF agierten mit dem R\u00fccken zur Wand und drohten die verbliebenen Gebiete Rojavas, die sich letztlich auf die kurdischen Kerngebiete beschr\u00e4nken, erbittert zu verteidigen.<br \/>\nAuch wenn die offensiven Kampfhandlungen ihr vorl\u00e4ufiges Ende fanden, sind die Verh\u00e4ltnisse weiter fragil. Die Zugest\u00e4ndnisse, die der neuen Regierung in Damaskus unter Androhung heftigen Widerstands abgerungen werden konnten, umfassen drei weiterbestehende Brigaden der SDF in der Region Haseke und eine weitere Brigade in Koban\u00ea. Sie sollen als geschlossene Verb\u00e4nde Bestand haben, unterstehen jedoch dem Oberkommando der Regierung in Damaskus. Auch die Polizeikr\u00e4fte der Asayis bleiben in den verbliebenen Gebieten der AANES bestehen. Der Weiterbestand der YPJ \u2013 der Fraueneinheiten, die einen Sicherheitsfaktor zum Schutz der Frauen darstellen \u2013 wird von kurdischer Seite als unverzichtbar erkl\u00e4rt. Damaskus lehnt dies bisher ab. Am 2. Februar 2026 r\u00fcckten einige Einheiten des syrischen Innenministeriums in Haseke und Qamishlo ein \u2013 Symbol f\u00fcr die k\u00fcnftige Pr\u00e4senz der Zentralregierung in der Region. Die lokale Verwaltung, inklusive der etablierten Doppelspitze aus je einem Mann und einer Frau, soll erhalten bleiben. Die Position des Gouverneurs in der Region Haseke soll kurdisch besetzt werden, die des wichtigen Sicherheitschefs wurde jedoch von Damaskus in Person von Marwan al-Ali (ehemals Direktor der Kriminalpolizei) bestimmt. Die geplante Anerkennung von Universit\u00e4ts- und Schulabschl\u00fcssen sowie Unterricht in Kurdisch und Arabisch w\u00e4re ein positiver Schritt. Die R\u00fcckkehr Vertriebener aus Afrin und Aleppo soll erm\u00f6glicht werden. Grenz\u00fcberg\u00e4nge, auch der provisorische in Semalka zur Grenze des Irak, sollen k\u00fcnftig unter gemeinsamer Kontrolle mit Damaskus betrieben werden. Letzteres mit unklaren Konsequenzen f\u00fcr z. B. internationale NGOs, die damit u. U. auf ein Damaskus-Visum bzw. das Wohlwollen der Zentralregierung angewiesen w\u00e4ren. Vieles sind Absichtserkl\u00e4rungen; die reale praktische Umsetzung ist an vielen Punkten unklar, internationale Garantien gibt es nicht. Unklar ist die Perspektive von christlichen Minderheiten wie aram\u00e4ischen Menschen oder der jesidischen Bev\u00f6lkerung. Insbesondere letztere haben unter dem IS und fanatischen Islamisten gelitten und f\u00fcrchten in dieser Situation Schlimmes.<br \/>\nUrs\u00e4chlich f\u00fcr das erneute Sterben, das Leid und Elend der Menschen ist die neue islamistische Regierung, die ihren Herrschaftsanspruch mit Waffengewalt durchsetzt. Nicht verleugnet werden k\u00f6nnen jedoch wichtige Faktoren, die urs\u00e4chlich mitverantwortlich f\u00fcr die Schnelligkeit und das Ausma\u00df des Zusammenbruchs von weiten Teilen der Autonomiezone n\u00f6rdlich des Euphrat sind.<\/p>\n<figure id=\"attachment_33991\" aria-describedby=\"caption-attachment-33991\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-33991\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/2856-2142-max-1-300x225.jpg\" alt=\"2856 2142 max (1)\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/2856-2142-max-1-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/2856-2142-max-1-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/2856-2142-max-1.jpg 747w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-33991\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Michael Wilk<\/figcaption><\/figure>\n<p>In den mehrheitlich von arabischst\u00e4mmigen Menschen bewohnten Gebieten \u2013 in Raqqa, der vormaligen Hochburg des IS, und Deir ez-Zor \u2013 wechselten Mitte Januar 2026 die meisten arabischst\u00e4mmigen K\u00e4mpfer der SDF die Seiten und versagten der Selbstverwaltung die weitere Unterst\u00fctzung. Die F\u00fchrung des arabischen Shammar-Stammes,<br \/>\naber auch der Bagara und Al-Mashahda bezogen Partei f\u00fcr die neue Regierung. Sie sahen ihre Interessen ab sofort besser \u00fcber Damaskus gesichert. Der Loyalit\u00e4tsverlust gegen\u00fcber dem multiethnischen Modell in Form der AANES, das an diesem Punkt klar gescheitert ist, erfolgte nicht \u00fcberraschend. Das Verh\u00e4ltnis zwischen kurdischst\u00e4mmigen und arabischen Menschen ist vorbelastet. Unter Bashar al-Assad und seinem Vater Hafiz al-Assad wurden Kurd*innen und andere Minderheiten unterdr\u00fcckt und als nicht-arabisch diskriminiert. Zeitweise nicht staatlich anerkannt, bekamen sie keine P\u00e4sse. Andererseits wurden arabische Familien in kurdische Gebiete umgesiedelt, um deren soziale Strukturen gezielt zu brechen. Ein mit solchen Erfahrungen gewachsenes und gesch\u00fcrtes Misstrauen l\u00f6st sich nicht per Beschluss auf. Die AANES bem\u00fchte sich um einen Ausgleich zwischen den verschiedenen Ethnien. Trotzdem wurde ihr von arabischer Seite vorgeworfen, dass es eine kurdische Dominanzkultur nach der Vertreibung des IS gab. Letztlich sprengte die Gr\u00f6\u00dfe der in der Phase der Bek\u00e4mpfung des IS dazu eroberten arabischen Gebiete \u2013 die aus kontroll-strategischen Gr\u00fcnden und auf Verlangen der Anti-IS-Koalition unter Verwaltung der AANES blieben \u2013 die integrativen F\u00e4higkeiten des multiethnischen Anspruchs. Ein elementarer Faktor mit katastrophalen Folgen.<br \/>\nVor ziemlich genau einem Jahr, in der GWR 496, hatte ich genau jene Bef\u00fcrchtungen geschildert, die nun bittere Realit\u00e4t geworden sind: \u201eEs ist davon auszugehen, dass es zu einer starken sozialen Auseinandersetzung kommt (\u2026), die besonders in den Regionen und St\u00e4dten mit arabischer Mehrheit zu einem Loyalit\u00e4tsverlust gegen\u00fcber der Selbstverwaltung AANES und der SDF f\u00fchren wird. Die Einbindung der arabischen Bev\u00f6lkerung in den s\u00fcdlichen Euphrat-Regionen war, nachdem z. B. in der Stadt Raqqa viele mit dem IS sympathisiert und von ihm profitiert hatten, eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen. Die \u00dcberwindung alter Feindschaften und dem Misstrauen zwischen Teilen der kurdischen und der arabischen Bev\u00f6lkerung ist ein m\u00fchseliges Projekt, das erst am Beginn stand. Hier w\u00e4re mehr Zeit n\u00f6tig gewesen. Es gilt als offenes Geheimnis, dass gro\u00dfe Anteile der arabischst\u00e4mmigen Menschen dem Selbstverwaltungsmodell Nordostsyriens nur notgedrungen folgten, weil der IS besiegt und strukturell weitgehend zerst\u00f6rt war. Hier die bestehenden Ressentiments anzufeuern, d\u00fcrfte der HTS leichtfallen, weil viele arabische Menschen einem Modell IS-light zuneigen. Mit propagandistischen Versprechungen kann die Erosion Rojavas forciert werden.\u201c Vor dem Hintergrund tief verwurzelter gegenseitiger (ja z. T. rassistischer) Vorurteile und andererseits nur mangelhaft entwickelter belastbar-solidarischer Strukturen, gerieten Selbstverwaltung und SDF in den am Euphrat gelegenen mehrheitlich arabischen Gebieten zunehmend unter Druck. Dazu kamen forcierte Kampagnen und Demonstrationen gegen AANES, denen zum Teil polizeilich begegnet wurde, was das gegenseitige Misstrauen noch vertiefte. Mit dem Seitenwechsel und dem Aufstand arabischer K\u00e4mpfer sowie dem milit\u00e4rischen Druck der syrischen Armee kollabierte die vormals autonome Zone der AANES. Das unter Kontrolle der Selbstverwaltung stehende Gebiet musste zu gro\u00dfen Teilen aufgegeben werden und schrumpfte auf wenige kurdische Kerngebiete: Cisire (Qamishlo, Derik, Haseke) im Nordosten und das westlicher gelegene Koban\u00ea.<br \/>\nEin weiterer wesentlicher Faktor, der zum weitgehenden Zusammenbruch der Selbstverteidigungs- und Selbstverwaltungsstrukturen f\u00fchrte, war die Verweigerung logistischer und milit\u00e4rischer Unterst\u00fctzung durch die USA und die westlichen Verb\u00fcndeten sowie das ambivalente Verh\u00e4ltnis der Selbstverwaltung zum Assad-Regime.<br \/>\nDie kurdischen Verteidigungseinheiten YPG\/YPJ (sp\u00e4ter unter Mitbeteiligung anderer Ethnien und ihrer Milizen als SDF bezeichnet) hatten seit 2014 mit hohem Einsatz und gesch\u00e4tzt \u00fcber 20.000 Toten sowie unz\u00e4hligen Schwerverletzten und Verst\u00fcmmelten den IS zerschlagen und dann niedergehalten. Mit der Vertreibung des IS wuchs \u00fcber die Zeit die von der Selbstverwaltung kontrollierte Zone und mit ihr die Chance, emanzipative gesellschaftliche Ver\u00e4nderung in immer gr\u00f6\u00dferem Rahmen umzusetzen. Das Verh\u00e4ltnis zum Assad-Regime, das sich mit Hilfe Russlands wieder etabliert hatte, gestaltete sich ambivalent. Nach langen Jahren der Unterdr\u00fcckung und Diskriminierung wurde diesem einerseits distanziert und durchaus konfliktbereit begegnet, andererseits zeigte man sich \u2013 besonders unter dem zunehmenden Druck des Erdo?an-Regimes \u2013 gezwungenerma\u00dfen zur Kooperation bereit. Diejenigen, die im Zuge des Arabischen Fr\u00fchlings Anfang der 2010er Jahre gegen das Assad-Regime gek\u00e4mpft haben, haben der AANES gerne vorgehalten, sie h\u00e4tte einen Pakt mit Assad geschlossen, statt ihn entschlossen zu bek\u00e4mpfen. Tats\u00e4chlich k\u00e4mpften die SDF in erster Linie gegen den IS und nutzten das Machtvakuum, das Assad in Nordostsyrien hinterlassen hatte, um ihr Gesellschaftsmodell aufzubauen. Die AANES ging dabei pragmatisch vor und brach nicht komplett mit dem Assad-Regime. Zum Beispiel konnte man in weiterbestehenden Enklaven des Assad-Staats wie z. B. in Haseke seinen syrischen Pass verl\u00e4ngern und Dokumente anerkennen lassen \u2013 f\u00fcr viele Menschen mit ins Ausland geflohenen Familienangeh\u00f6rigen eine existenzielle Angelegenheit. Und im Kampf gegen das attackierende Erdo?an-Regime gab es eine Zeit, in der die SDF Assad-Truppen und russischen Einheiten erlaubten, als Puffer in die Grenzregion zur T\u00fcrkei einzumarschieren. Andererseits habe ich auch mehr als einmal Schie\u00dfereien zwischen Assad-Truppen und SDF erlebt, bei denen Ersteren die Grenze ihres Machtbereichs aufgezeigt wurde.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Die gesellschaftliche Situation in Rojava war nie ein paradiesischer Zustand revolution\u00e4rer Gl\u00fcckseligkeit, sondern vielmehr der Versuch eines anderen Lebens, im Ringen um Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Kein Ist-Zustand, sondern ein dynamischer Prozess unter schwierigsten Bedingungen.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Mit der Vertreibung des Assad-Regimes im Dezember 2024 durch die islamistische HTS \u00e4nderten sich das Machtgef\u00fcge und die Partnerschaftsbeziehungen Syriens fundamental \u2013 und damit auch die f\u00fcr die USA und ihren B\u00fcndnispartner Israel entscheidenden Rahmenbedingungen im Nahen Osten.<\/p>\n<p>Die wichtige politische und milit\u00e4risch-logistische Achse des totalit\u00e4ren iranischen Mullah-Regimes \u2013 die \u00fcber Gebiete im Nordirak (Sindschar), \u00fcber die syrischen des Assad-Regimes bis zu den vom Iran unterst\u00fctzten Hisbollah-Einheiten im Libanon reichte \u2013 war durch den Kollaps des Assad-Regimes unterbrochen. Zudem war die Position Russlands massiv geschw\u00e4cht. Damit war ein entscheidendes Ziel US-amerikanischer Machtpolitik erreicht.<br \/>\nVor diesem Hintergrund lie\u00dfen die USA und Europa ihre kurdischen Verb\u00fcndeten fallen; sie hatten mit der jahrelangen Bek\u00e4mpfung des IS ihren Zweck erf\u00fcllt. Ein letztes Angebot bezogen auf die M\u00f6glichkeit einer weiteren n\u00fctzlichen Verwendung kurdischer K\u00e4mpfer*innen zu Diensten der USA machte der US-Sondergesandte f\u00fcr Syrien Tom Barrack. Als Gegenleistung f\u00fcr weitere Unterst\u00fctzung wurde unverbl\u00fcmt der Kampfeinsatz gegen pro-iranische Milizen im Irak gefordert. Eine Forderung, die trotz der prek\u00e4ren Gesamtsituation von Mazloum Abdi eindeutig abgelehnt wurde. Es w\u00fcrde f\u00fcr die SDF keine Proxy-Verwendung au\u00dferhalb von Syrien geben. Damit hatte sich das taktische B\u00fcndnis zwischen der Imperialmacht USA und revolution\u00e4ren kurdischen Menschen in Syrien erledigt. Die von den USA unterst\u00fctzte Teilnahme von Mazloum Abdi und Ilham Ahmed an der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz im Februar 2026 erscheint in diesem Zusammenhang wie ein nachtr\u00e4gliches propagandistisches Trostpflaster.<br \/>\nDie aktuelle Situation \u2013 der Angriff der USA und Israels auf den Iran \u2013 hatte seinen Schatten vorausgeworfen. In den folgenden Wochen w\u00fcrden US-Truppen fast vollst\u00e4ndig Syrien verlassen und sich zunehmend auf den Angriff auf das Mullah-Regime konzentrieren. Die St\u00fctzpunkte al-Tanf und Shaddadi sind bereits ger\u00e4umt, der St\u00fctzpunkt Qasrik bei Haseke wird folgen. Die syrische Regierung sei nun bereit und in der Lage, die \u201eBek\u00e4mpfung von Terroristen im eigenen Land\u201c zu \u00fcbernehmen, so die Darstellung der USA. Dass die Verantwortlichen nicht mal selbst ihren Worten Glauben schenken, beweist sich in der Verlegung einiger Tausend IS-Terroristen in den Irak, wo sie offensichtlich sicherer verwahrt werden k\u00f6nnen. Entgegen dem Narrativ der US-Regierung w\u00e4chst die Gefahr eines erstarkenden IS rapide. Die offizielle Position al-Sharaas gegen den IS erweist sich, vor bestehendem islamistischem Hintergrund, vielerorts als Makulatur. Es h\u00e4ufen sich Berichte \u00fcber die Freilassung von IS-K\u00e4mpfern nach der Eroberung von Gef\u00e4ngnissen, die zuvor \u00fcber Jahre unter kurdischer Kontrolle standen. Vor allem f\u00fcr jene, die den Terror des Religionsfaschismus bek\u00e4mpften, ist die Vorstellung einer Reorganisierung des IS ein Horror. Ich habe selbst viele Opfer des IS gesehen und den kaum zu fassenden Fanatismus von IS-Terroristen erlebt, die lieber sterben wollten, als sich von einer Sanit\u00e4terin anfassen zu lassen.<br \/>\nDie SDF und ihr Kern \u2013 bestehend aus den kurdischen YPG\/YPJ \u2013 war \u00fcber zehn Jahre von Seiten der USA unterst\u00fctzt worden. Auch nach der Zerschlagung des m\u00f6rderischen IS erfolgte weiter Beistand und Finanzierung. Die Situation zeigte sich lange nicht stabil genug \u2013 vor allem bezogen auf den im Untergrund weiter agierenden IS \u2013, um auf kurdische Hilfe verzichten zu k\u00f6nnen. Unter dem (begrenzten) Schutz durch die USA erfuhr die autonome multiethnische Region Nordostsyrien eine gewisse Stabilisierung. \u00dcber lange Zeit bildete der Euphrat die Demarkationslinie zwischen dem Folterregime des Diktators Assad und jener Zone im Norden Syriens, wo im Kampf gegen den IS nicht nur Gebiete vom islamistischen Terror befreit wurden, sondern emanzipative Ideen Raum griffen. Die von der Region ausgehenden Impulse \u2013 das Streben nach Selbstverwaltung, nach basisdemokratischen Strukturen und vor allem die in weiten Bereichen gelebte Gleichberechtigung der Geschlechter \u2013 waren f\u00fcr die USA und die westlichen Verb\u00fcndeten jedoch nie unterst\u00fctzungsw\u00fcrdig. Im Gegenteil, sie waren und sind vielmehr unbequem und st\u00f6rend. F\u00fcr autokratische<br \/>\nAnrainer wie den t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Erdo?an waren sie nichts weniger als ein Albtraum kurdischer Selbstbestimmung, den es auszumerzen galt.<\/p>\n<p>USA, NATO und EU unterst\u00fctzen nun \u2013 gem\u00e4\u00df dem Motto \u201eWas interessiert mich mein Geschw\u00e4tz von gestern\u201c \u2013 mit dem \u00dcbergangspr\u00e4sidenten al-Sharaa (vormals Abu Muhammad al-Dscholani) einen bis vor anderthalb Jahren international gesuchten islamistischen Terroristen mit al-Qaida-Wurzeln.<\/p>\n<p>Als starker Mann der HTS avancierte er in kurzer Zeit zum Hoffnungstr\u00e4ger westlicher Machtinteressen. Er scheint am ehesten geeignet, die mehrheitlich arabische Bev\u00f6lkerung auf ein von Damaskus aus zentralistisch gef\u00fchrtes Staatsmodell auszurichten. Dass seine Macht nicht ausreichte, \u00dcbergriffe und Massaker auf religi\u00f6se Minderheiten zu verhindern \u2013 wie sich an den \u00dcberf\u00e4llen auf alawitische und drusische Menschen blutig zeigte \u2013, ist kein Hinderungsgrund. Hier wird auf Zeit und die zunehmende Stabilisierung seines Regimes gesetzt. Nicht zuletzt auch mangels personeller Alternativen wird \u00fcber die al-Qaida-Vergangenheit hinweggesehen. Al-Sharaa wird international aufgewertet \u2013 durch Einladung auf Kongresse, H\u00e4ndesch\u00fctteln mit Staatschefs, auch durch Trump pers\u00f6nlich. Dass die Regierung al-Sharaas islamistisch orientierte, frauenfeindliche, antiemanzipative und patriarchal-machistische Z\u00fcge tr\u00e4gt, st\u00f6rt hierbei nicht. Im Gegenteil, sie bietet Vorteile: Al-Sharaas Regierung ist zentralistisch, erscheint durchsetzungsstark gegen\u00fcber der Bev\u00f6lkerung und zeigt Kooperationsbereitschaft. Sie zeigt sich gef\u00fcgig gegen\u00fcber dem Autokraten Erdo?an, der seit Jahren Rojava mit Terror und Luftangriffen \u00fcberzieht, sowie gegen\u00fcber den USA und Europa, die mit Geld winken, aber auch Profite und strategisch-milit\u00e4risches Wohlverhalten erwarten.<\/p>\n<p>Einmal mehr steht Politik f\u00fcr skrupellosen machtpolitischen Zweckpragmatismus.<\/p>\n<p>Auf das in der Vergangenheit umgeh\u00e4ngte \u201edemokratische und menschenrechtliche M\u00e4ntelchen\u201c wird zunehmend genauso verzichtet wie auf die Einhaltung v\u00f6lkerrechtlicher Grunds\u00e4tze. Unterst\u00fctzt werden Regime und Autokratien, die machtstrategisch und pragmatisch kooperieren. Das entscheidende Kriterium ist die Funktionalisierbarkeit einer Machtstruktur. Im Falle fraglicher Kooperation geht es nicht mehr um einen kompletten Regime Change, sondern nur um die Eliminierung der st\u00f6renden K\u00f6pfe. Diese werden beseitigt. Unwesentlich ob durch Entf\u00fchrung oder Tod. Der Rumpf der alten Struktur wird gerne \u00fcbernommen, vorausgesetzt sie zeigt sich kooperativ und effizient. Autorit\u00e4r-menschenfeindliche Politik wird an dieser Stelle als Ausdruck einer herrschenden Favorisierung von Autoritarismus akzeptiert, ja sogar gern gesehen. Das Fallenlassen der SDF und das Umschwenken auf al-Sharaa setzt auf die nationale Hegemonie einer islamistischen syrischen Zentralregierung. Damit verbunden ist die fast vollst\u00e4ndige Absage gegen\u00fcber einem f\u00f6derativen System, in dem unterschiedliche Ethnien und Religionen gleichberechtigt an der Neuorganisierung der Gesellschaft h\u00e4tten beteiligt sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir erleben die gewaltsame und nach islamistischen Maximen ausgerichtete \u201eNeuordnung\u201c Syriens. F\u00fcr Rojava bedeutet dies nicht nur den Verlust des gr\u00f6\u00dften Teils seines vorherigen Territoriums, sondern vor allem die Bedrohung der emanzipativen Ans\u00e4tze der Autonomie.<\/p>\n<figure id=\"attachment_33993\" aria-describedby=\"caption-attachment-33993\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-33993\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/2016-1512-max-300x225.jpg\" alt=\"2016 1512 max\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/2016-1512-max-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/2016-1512-max-600x450.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/2016-1512-max.jpg 747w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-33993\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Michael Wilk<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der aktuelle Durchmarsch syrischer Truppen, die Belagerung Koban\u00eas, der erzwungene territoriale Verlust verbunden mit einem Diktatfrieden, ist bittere Realit\u00e4t. Inwiefern die Selbstverwaltung Rest-Rojavas im vereinbarten \u201eProzess der Integration der Institutionen der Autonomen Verwaltung in die staatlichen Institutionen\u201c noch weiteren Schaden nimmt oder bestehen bleibt, ist nicht zuletzt von der Resilienz der Menschen abh\u00e4ngig. Auch wenn h\u00e4ufig ungebrochene Widerstandskraft beteuert wird \u2013 viele Menschen sind ersch\u00f6pft, nach zum Teil mehrfacher Vertreibung und Flucht und dem Tod von Familienangeh\u00f6rigen. Sie sehnen sich nach Frieden, nach Sicherheit und einer Perspektive f\u00fcr ihre Kinder.<br \/>\nIn einer solch unsicheren Situation Entfremdungs-, Macht- und Herrschaftsbedingungen konstruktiv in Frage zu stellen, sie nach M\u00f6glichkeit durch Kooperation, Eigen- und Mitverantwortung zu ersetzen, bleibt f\u00fcr viele Menschen eine kaum zu bew\u00e4ltigende Herausforderung. Trotzdem konnte in Rojava vieles davon umgesetzt werden:\u00a0 Die Befreiung der Frau ist nicht nur Anspruch, sondern in weiten Bereichen der Gesellschaft umgesetzt: eine gro\u00dfe Menge von Frauen bestimmter Strukturen und Projekte, kooperative Arbeitsformen (ohne jedoch dazu gezwungen zu werden) und auch Versuche, mit gesellschaftlichem Reichtum und Ressourcen anders als profitorientiert umzugehen. Dies alles unter der Herausforderung, m\u00f6glichst gleichberechtigt, w\u00fcrde- und respektvoll mit den unterschiedlichen Ethnien und Religionen der Menschen zu agieren.<br \/>\nDabei war das System in Rojava nat\u00fcrlich immer weit entfernt von dem idealisierten Bild, das sich viele mitteleurop\u00e4ische Linke von Rojava machen. Die gesellschaftliche Situation in Rojava war nie ein paradiesischer Zustand revolution\u00e4rer Gl\u00fcckseligkeit, sondern vielmehr der Versuch eines anderen Lebens, im Ringen um Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung. Kein Ist-Zustand, sondern ein dynamischer Prozess unter schwierigsten Bedingungen. Der Kampf gegen den IS, die Auseinandersetzung mit dem Assad-Regime, die Angriffe der T\u00fcrkei mit Mord an Menschen und Zerst\u00f6rung von Infrastruktur, die reaktion\u00e4re Beharrlichkeit tief verwurzelter patriarchaler Strukturen. Dazu die Bedingungen des Krieges und des Embargos. Krieg bedeutet, dass t\u00e4glich Menschen sterben, dass alle Ressourcen knapp sind, dass man zahllose Vertriebene und Versehrte versorgen muss, dass Entscheidungen ohne Zeit f\u00fcr lange Diskussionen oft schnell getroffen werden m\u00fcssen und harte Konsequenzen haben. Dazu Alltagsbedingungen, die mit individueller Freiheit und Spontanit\u00e4t wenig zu tun haben.<br \/>\nNehmen wir den Umstand, dass man nicht einfach nach Belieben verreisen konnte. Oder dass es lange Jahre einen Pflichtdienst gab, den man beim Milit\u00e4r oder der Polizei abzuleisten hatte. Zudem gab es immer auch eine gewisse \u201erevolution\u00e4re\u201c Dominanzkultur, die durchaus Wucht entfalten konnte gegen Leute, die nicht auf Linie waren. Dazu tradierte Kader, ein Korrektiv mit viel Gewicht. Eine f\u00fcr Anarchist*innen ungewohnte Instanz, durchaus schwer verdaulich, wie auch der F\u00fchrerkult um Apo \u00d6calan.<br \/>\nWichtig aber: All das konnte und kann diskutiert und auch in Frage gestellt werden. Das emanzipatorische Moment der Selbsterm\u00e4chtigung, der Autonomie, der Befreiung von patriarchal-machistischen Strukturen ist weiter sp\u00fcrbar und lebendig. Die Rolle der Frau hat in Rojava einen solch tiefgreifenden Wandel erfahren, dass auch ein islamistisches Regime aus Damaskus sich die Z\u00e4hne daran ausbei\u00dfen wird. Das z\u00e4hlt. Die Menschen, die dies tragen, gilt es weiter zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend ich dies schreibe, ist Koban\u00ea immer noch belagert. 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