{"id":3401,"date":"2000-06-01T00:00:18","date_gmt":"2000-05-31T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3401"},"modified":"2022-07-26T14:16:58","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:58","slug":"anarchafeminismus-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/06\/anarchafeminismus-2\/","title":{"rendered":"Anarchafeminismus"},"content":{"rendered":"<p>Der Anarchismus umfa\u00dft von seinem Anspruch her die Befreiung der Frau ebenso wie die des Mannes. Wie die Analyse klassischer anarchistischer Theorie gezeigt hat, bedeutet das jedoch nicht automatisch die Ber\u00fccksichtigung eines frauenspezifischen Blickwinkels; im Gegenteil: die anarchistische Theorie des 19. Jahrhunderts geht davon aus, da\u00df die Frauenbefreiung automatisch aus der Befreiung des Volkes folgen werde. Weder Bakunin noch Kropotkin ist es gelungen, den von ihnen formulierten Anspruch konsequent umzusetzen, obwohl die Ansatzpunkte dazu bei ihnen durchaus zu finden sind.<\/p>\n<p>Mit ihrer Analyse, die autorit\u00e4r-patriarchalen Kleinfamilienstrukturen bildeten den Kern der Frauenunterdr\u00fcckung, befinden sie sich in \u00dcbereinstimmung mit der feministischen Theorie. Jedoch gelingt es ihnen nicht, aus ihrer Sozialisation so weit auszubrechen, da\u00df sie sich eine Gleichberechtigung von Frauen auf allen Gebieten vorstellen k\u00f6nnen. Aus diesem Grund bleiben sie in ihren konkreten Entw\u00fcrfen traditionellen Geschlechterbildern verhaftet. Besonders deutlich wird das bei Kropotkin: Die Ans\u00e4tze seines Gesellschaftsentwurfs sind f\u00fcr seine Zeit sehr fortschrittlich &#8211; die Zust\u00e4ndigkeit der Frauen f\u00fcr den Reproduktionsbereich ist f\u00fcr ihn aber scheinbar ein Naturgesetz.<\/p>\n<p>In Bakunins Theorie sind patriarchale Denkstrukturen in dieser Form nicht nachzuweisen &#8211; seine Utopie beruht auf einer faktischen Gleichstellung der Geschlechter. Dennoch: Die Notwendigkeit, Frauenrechte in seiner gesellschaftlichen Realit\u00e4t zu erk\u00e4mpfen, sieht er nicht &#8211; er spricht sich sogar dagegen aus, die Frauenfrage in seine politische Praxis einzubeziehen und l\u00e4\u00dft damit seine revolution\u00e4re Konsequenz auf diesem Gebiet vermissen. Insofern hat sich meine Eingangsthese, der Anarchismus blende die Formen sexistischer Herrschaft in seiner Analyse aus, best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Es bedurfte erst des Kampfes anarchistischer Frauen, um den Anarchismus auf der theoretischen wie der praktischen Ebene um einen weiblichen Blickwinkel zu erweitern. Das ist das Verdienst von Frauen wie Louise Michel, Emma Goldman oder den Mujeres Libres. Obwohl sie innerhalb der libert\u00e4ren Bewegung ihrer Zeit mit ihren feministischen Positionen alleine standen, haben sie &#8211; durch ihre pers\u00f6nlichen Beispiele ebenso, wie durch ihre theoretischen Analysen &#8211; den Anarchismus mit seinen patriarchalen Strukturen konfrontiert und damit die Grundlage f\u00fcr seine feministische Weiterentwicklung geschaffen. Mit ihrer Weigerung, frauenspezifische Forderungen von einer umfassenden linken Theorie zu trennen, isolierten sie sich dabei auch von den politisch aktiven Frauen ihrer Zeit. Die dahinterstehende \u00dcberzeugung trifft sich jedoch mit Erkenntnissen, die Str\u00f6mungen innerhalb der neuen Frauenbewegung formulieren: Die Konzentration auf reformistische Forderungen kann zwar eine Gleichstellung der Frauen innerhalb bestehender Strukturen erreichen, f\u00fcr deren Befreiung sind aber weiter reichende Konzepte erforderlich.<\/p>\n<p>Solche Konzepte liefern die feministischen Beitr\u00e4ge zum Anarchismus. Sie gehen von zwei Pr\u00e4missen aus: der konkreten Ver\u00e4nderung der Lebenssituation von Frauen durch ihre eigenen, direkten und selbstbestimmten Aktionsformen, und von der Vision einer Gesellschaft ohne Hierarchie und Herrschaft. Die Unterdr\u00fcckung der Frau wird als Bestandteil der allgemeinen Unterdr\u00fcckung gesehen und kann deshalb nicht isoliert angegangen werden. Damit beziehen sich die anarchafeministischen Ans\u00e4tze direkt auf die Analysen der vorgestellten Anarchistinnen.<\/p>\n<p>Anarchafeministinnen verbinden feministische Analysen mit einer linken Herrschaftsanalyse. Sie erg\u00e4nzen den Anarchismus, indem sie ihm eine Komponente hinzuf\u00fcgen, die bisher in der Theorie und Praxis nur am Rande ber\u00fccksichtigt wurde. Durch ihre Verwurzelung im Feminismus gehen sie auch \u00fcber die Vorstellungen Goldmans und der Mujeres Libres hinaus.<\/p>\n<p>Der \u00f6kologische Aspekt, den der soziale \u00d6kofeminismus betont, f\u00fcgt der Analyse des Beziehungsgeflechts aller Herrschaftsstrukturen einen weiteren Baustein hinzu. Er ist zudem unerl\u00e4\u00dflich f\u00fcr die konkretere Ausgestaltung einer gesellschaftlichen Utopie, weil ein verantwortungsvoller Umgang mit den nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen erst die Basis f\u00fcr ein Fortbestehen der Menschheit auf der Erde schafft.<\/p>\n<p>Meiner \u00dcberzeugung nach ist der Anarchismus Bakunins und Kropotkins geeignet, das Ger\u00fcst f\u00fcr eine feministische Utopie zu bilden. Eine Einordnung feministischer Theorie in einen weiter gefa\u00dften politischen Zusammenhang ist sogar notwendig. Feministische Forderungen, die sich nicht in einer gleichberechtigten Teilhabe von Frauen an kapitalistischen Unterdr\u00fcckungsstrukturen ersch\u00f6pfen, m\u00fcssen das Ziel einer Abschaffung jeglicher Herrschaft umfassen, wie es der Anarchismus beschreibt. Die dargestellten anarchafeministischen Ans\u00e4tze bieten eine Grundlage daf\u00fcr. Ihre Zielrichtung mu\u00df aber ebenso eine Orientierung auf die feministische wie die anarchistische Bewegung beinhalten.<\/p>\n<p>So, wie Feministinnen \u00fcberpr\u00fcfen m\u00fcssen, inwieweit ihre Forderungen tats\u00e4chlich die Lebensrealit\u00e4ten und Bed\u00fcrfnisse aller Frauen repr\u00e4sentieren, mu\u00df die anarchistische Bewegung permanent damit konfrontiert werden, da\u00df ein Anspruch der Frauenbefreiung einer st\u00e4ndigen Reflexion verinnerlichter patriarchaler Strukturen und Unterdr\u00fcckungsmechanismen bedarf, also auch eine Ver\u00e4nderung der M\u00e4nner zur Voraussetzung hat. In diesem Sinne halte ich eine Erweiterung anarchistischer Theorie in Bezug auf eine fundierte Analyse sexistischer Herrschaft f\u00fcr unverzichtbar.<\/p>\n<p>Die Voraussetzung ist jedoch, da\u00df Feminismus und Anarchismus als gleichwertige Theorien betrachtet werden, die sich gegenseitig erg\u00e4nzen k\u00f6nnen, und der Feminismus nicht als nat\u00fcrlicher Bestandteil des Anarchismus gesehen wird. Diese Sichtweise entl\u00e4\u00dft Anarchisten aus der beschriebenen Verantwortung und birgt die Gefahr in sich, Sexismus doch wieder als Nebenwiderspruch abzutun, der mit der sozialen Revolution automatisch verschwunden sein werde.<\/p>\n<p>Die feministische Erweiterung des Anarchismus darf sich aber nicht in der Theorie ersch\u00f6pfen. Eine anarchafeministische Praxis (vergleichbar der, wie sie Michel, Goldman und die Mujeres Libres in ihren Zusammenh\u00e4ngen vorgelebt haben), setzt sich notwendigerweise von der anarchistischen Revolutionstheorie ab. Denn obwohl die Befreiung der Frauen einer grundlegenden Neustrukturierung gesellschaftlicher Zusammenh\u00e4nge bedarf, darf patriarchale Herrschaft nicht solange hingenommen werden, bis sich die strukturellen Ursachen daf\u00fcr durch eine Revolution ver\u00e4ndert haben. Ein konsequent verstandener Anarchismus mu\u00df diese Analyse in seine Praxis integrieren.<\/p>\n<p>Ein linker feministischer Kampf mu\u00df sich aus den hier ausgef\u00fchrten Gr\u00fcnden immer auf mehreren Ebenen abspielen: Er mu\u00df die Orientierung auf M\u00e4nner als Teil der Gesellschaft genauso einschlie\u00dfen wie autonome Frauenzusammenh\u00e4nge. Gleichzeitig mu\u00df er an gesellschaftlichen Realit\u00e4ten ebenso ansetzen wie an der Umsetzung von Utopien. Das beinhaltet nicht zuletzt ein Angreifen geschlechtsspezifisch sozialisierter, psychischer Strukturen, die in der Gegenwart bestehen und relevant sind. In diesem Sinn sehe ich den Anarchafeminismus als eine guten Ansatzpunkt, um einen linken, emanzipatorischen Feminismus im Zusammenspiel theoretischer und praktischer Arbeit st\u00e4ndig weiter zu entwickeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Anarchismus umfa\u00dft von seinem Anspruch her die Befreiung der Frau ebenso wie die des Mannes. Wie die Analyse klassischer anarchistischer Theorie gezeigt hat, bedeutet das jedoch nicht automatisch die Ber\u00fccksichtigung eines frauenspezifischen Blickwinkels; im Gegenteil: die anarchistische Theorie des 19. Jahrhunderts geht davon aus, da\u00df die Frauenbefreiung automatisch aus der Befreiung des Volkes folgen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/06\/anarchafeminismus-2\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Anarchafeminismus - graswurzelrevolution","description":"Der Anarchismus umfa\u00dft von seinem Anspruch her die Befreiung der Frau ebenso wie die des Mannes. Wie die Analyse klassischer anarchistischer Theorie gezeigt hat"},"footnotes":""},"categories":[220,1038,1042],"tags":[],"class_list":["post-3401","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-250-sommer-2000","category-kleine-unterschiede","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3401","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3401"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3401\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3401"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3401"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}