{"id":34057,"date":"2026-05-06T13:43:01","date_gmt":"2026-05-06T11:43:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/05\/renaissance-der-kriegsdienstpflicht\/"},"modified":"2026-05-17T12:15:55","modified_gmt":"2026-05-17T10:15:55","slug":"renaissance-der-kriegsdienstpflicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/05\/renaissance-der-kriegsdienstpflicht\/","title":{"rendered":"Renaissance der Kriegsdienstpflicht?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kroatien \u2013 Milit\u00e4rdienstpflicht wieder eingef\u00fchrt<\/strong><\/p>\n<p>Kroatien hatte 2008 die Milit\u00e4rdienstpflicht ausgesetzt, trat 2009 der NATO bei und 2013 der EU.<br \/>\nDas kroatische Parlament hat im Oktober 2025 als erster der Nachfolgestaaten der fr\u00fcheren Bundesrepublik Jugoslawien die Wiedereinf\u00fchrung einer zweimonatigen Milit\u00e4rdienstpflicht f\u00fcr 18- bis 29-j\u00e4hrige M\u00e4nner beschlossen. Nun haben die ersten 800 ihren Dienst begonnen. Die Mehrheit hatte sich freiwillig gemeldet, darunter waren auch 82 Frauen. Jetzt sollen pro Jahr bis zu 4.000 rekrutiert werden. Das angepeilte Ziel sind j\u00e4hrlich 19.000 Rekruten. Alle M\u00e4nner, wenn sie 18 werden, werden in das Milit\u00e4rregister aufgenommen und dann f\u00fcr zwei Monate in dem Kalenderjahr eingezogen, in dem sie 19 werden. Es gibt das Recht auf Kriegsdienstverweigerung, die Ausf\u00fchrungsbestimmungen sind aber nicht bekannt.<br \/>\nDen Widerstand gegen die Milit\u00e4rdienstpflicht organisiert das kroatische Jugendnetzwerk.<\/p>\n<p>Serbien m\u00f6chte in naher Zukunft nachziehen. Die kroatische Entscheidung k\u00f6nnte den Prozess beschleunigen. ((1))<\/p>\n<p><strong>Polen \u2013 Mit Freiwilligkeit wird die Milit\u00e4rdienstpflicht vorbereitet<\/strong><\/p>\n<p>In Polen gilt die Armee als unumstrittene nationale Einrichtung mit einer ehrenwerten Tradition.In Polen, das in der Geschichte immer wieder von den m\u00e4chtigeren Nachbarn \u00fcberfallen und geschluckt wurde, ist man stolz auf die Armee. Auch die Kriegsdienstverweigerer, die sich vor 1990 in nicht unwesentlicher Zahl in Gruppen wie WiP gebildet hatten, unterlagen diesem Diskurs. Heute werden sie als Teil der antisowjetischen Bewegung und als K\u00e4mpfer f\u00fcr die nationale Unabh\u00e4ngigkeit geehrt. Auch als es die Milit\u00e4rdienstpflicht noch gab, sie wurde 2009 abgeschafft, beriefen sich nur wenige Einzelne auf das ihnen zustehende Recht auf Kriegsdientverweigerung.<br \/>\nDer antirussische Diskurs ist allgegenw\u00e4rtig. Nach der Ukraine wird als n\u00e4chstes Polen angegriffen, davon sind viele Menschen in Polen \u00fcberzeugt. Die Milit\u00e4rausgaben sind prozentual die h\u00f6chsten aller NATO-Staaten. Weil der Schutz durch die USA, mit denen man sich lange Zeit enger als mit der EU verbunden f\u00fchlte, seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump unsicher geworden ist, gibt es gerade die Diskussion, ob man nicht eigene Atombomben br\u00e4uchte.<br \/>\nTrotz nach wie vor enormer Freiwilligenmeldungen, ist man auch in Polen gerade dabei die Wiedereinf\u00fchrung der Milit\u00e4rdienstpflicht vorzubereiten. Ein Schritt dazu ist das freiwillige Milit\u00e4rtraining f\u00fcr 18- bis 60-j\u00e4hrige M\u00e4nner. Derzeit sind es noch 35.000, die sich j\u00e4hrlich daran beteiligen, 2027 sollen es bereits 100.000 sein.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>\u201eDie anderen Soldaten haben mir b\u00f6se Dinge angetan, und die<\/strong><\/em><br \/>\n<em><strong>h\u00f6heren R\u00e4nge haben das gebilligt und manchmal sogar mitgemacht.<\/strong><\/em><br \/>\n<em><strong>Irgendwann habe ich an Selbstmord gedacht\u201c, so ein 20-J\u00e4hriger<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dann gibt es das Programm \u201eSommerferien bei der Armee\u201c, mit Schie\u00dfausbildung, Granaten werfen, Taktik-Untericht usw. Fast 10.000 Polen und Polinnen nehmen allj\u00e4hrlich daran teil. Im Anschluss erhalten sie einen milit\u00e4rischen Rang und k\u00f6nnen sich f\u00fcr einen weiteren Milit\u00e4rdienst entscheiden. Wer das einen Monat durchh\u00e4lt, bekommt einen Sold von 1.400 Euro.<br \/>\nTats\u00e4chlich gibt es heute in Polen nur wenige Leute, die die immer st\u00e4rkere Militarisierung des Landes als Problem erkennen. ((2))<\/p>\n<p><strong>Ghana \u2013 Bezahlen, um zum Milit\u00e4r zu kommen<\/strong><\/p>\n<p>Bei Connection e.\u2009V., dem Verein mit Sitz in Offenbach am Main, der Deserteure unterst\u00fctzt, gibt es eine kleine Arbeitsgruppe afrikanischer Leute, die sich daf\u00fcr einsetzen, dass es das Recht auf Kriegsdienstverweigerung auch in ihren L\u00e4ndern gibt. Man einigte sich erstmals auf eine Bestandsaufnahme, wie die Rekrutierung in den einzelnen L\u00e4ndern funktioniert. EinReport aus Ghana berichtet \u00fcber Bestechung und Korruption, die an der Tagesordnung sei. Allerdings beklagt man sich darin nicht \u00fcber hohe Summen f\u00fcr das Freikaufen vom Milit\u00e4rdienst, sondern dass der Zutritt zum Milit\u00e4r so teuer ist. Das Milit\u00e4r ist dort eine der wenigen angesehenen Einrichtungen, wo man einen relativ sicheren und gut bezahlten Job bekommen kann. Das Milit\u00e4r nutzt das. Man muss zahlen, damit ein Antrag \u00fcberhaupt angenommen wird; man muss zahlen, damit die Musterung positiv ausf\u00e4llt und schlie\u00dflich beim Einstellungsgespr\u00e4ch. Unter solchen Umst\u00e4nden d\u00fcrfte es schwierig werden, ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung durchzusetzen. ((3))<\/p>\n<p><strong>Armenien \u2013 Mit Geld l\u00e4sst sich so manches regeln<\/strong><\/p>\n<p>Krieg ist in Armenien seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 nichts Ungew\u00f6hnliches. Hatte man Bergkarbach 1994 wieder erobert, wurde dieses mehrheitlich von Armenier*innen bewohnte Gebiet 2023 von Aserbaidschan wieder eingenommen. In Armenien machen viele die \u201ezu schwache\u201c armenische Armee f\u00fcr die Niederlage verantwortlich.<\/p>\n<p>Die zwei Jahre dauernde Milit\u00e4rdienstpflicht, die im Alter von 18 bis vorher 27, nun bis 37 Jahre, abzuleisten ist, ist allgemein nicht beliebt. Neben den \u00fcblichen Schikanen und der Korruption ist die Bezahlung ein wesentlicher Grund. Wer nicht der g\u00e4ngigen Geschlechternorm entspricht, hat es schwer. Beleidigungen und Schl\u00e4ge sind \u00fcblich. \u201eDie anderen Soldaten haben mir b\u00f6se Dinge angetan, und die h\u00f6heren R\u00e4nge haben das gebilligt und manchmal sogar mitgemacht. Irgendwann habe ich an Selbstmord gedacht\u201c, so ein 20-J\u00e4hriger. (Der Freitag, 11.12.25) Derzeit betr\u00e4gt der Sold 3.400 Drams pro Monat (7,71\u00a0Euro). Es dr\u00fcckt sich, wer kann. W\u00e4hrend der letzten 20 Jahre haben jeweils nur 30 bis 40 Prozent der Milit\u00e4rdienstpflichtigen den Dienst auch angetreten. Gegen diese Milit\u00e4rdienstentzieher wurden von 2010 bis 2024 etwa 2.500 Strafverfahren eingeleitet. Zehntausende, vor allem aus den finanzkr\u00e4ftigen Oberschichten, haben deswegen das Land verlassen. Nun will man f\u00fcr diese Gruppen die Situation erleichtern. Man kann sich weitgehend freikaufen und wer bezahlt, muss mit keiner strafrechtlichen Verfolgung mehr rechnen.<br \/>\nEs gibt traditionell auch viele im Ausland lebende Armenier, die zur\u00fcckkehren wollen. Von 2020 bis 2024 haben 42.000 die Staatsb\u00fcrgerschaft beantragt. Davon waren nur sieben Prozent, etwa 3.000, unter 27, also milit\u00e4rdienstpflichtig. Deshalb hat man jetzt das Einberufungsh\u00f6chstalter auf 37 Jahre erh\u00f6ht \u2013 und bietet ihnen, \u00e4hnlich der T\u00fcrkei, die nachfolgenden Regelungen f\u00fcr den Milit\u00e4rdienst an:<br \/>\nF\u00fcr die Neub\u00fcrger und die 27- bis 37-j\u00e4hrigen Milit\u00e4rdienstentzieher gibt es ein gestaffeltes Angebot (zwei Jahre Dienst, zw\u00f6lf Monate, sechs Monate, ein Monat oder gar null): Wer sich nun freiwillig zum Dienst bereit erkl\u00e4rt, dem verspricht man einen h\u00f6herem Sold und Einstellung der Strafverfolgung. Wer \u00fcberhaupt nicht dienen will, muss f\u00fcr die Dienstbefreiung 37.500 $ bezahlen. (All diese Betr\u00e4ge werden laufend angepasst. 2025 betrug die Summe f\u00fcr den einmonatigen Milit\u00e4rdienst bereits 52.000 $.)<\/p>\n<p>Die Befreiung von der Milit\u00e4rdienstpflicht ist ein gro\u00dfes Gesch\u00e4ft. Selbst f\u00fcr f\u00fcr jene, die lieber die armenische Staatsb\u00fcrgerschaft loswerden wollen, als den Milit\u00e4rdienst zu leisten, hat man ein Angebot: Die Entlassung aus der Staatsb\u00fcrgerschaft kostet 39.000 $. Von 2020 bis 2024 haben 8.721 M\u00e4nner unter 18 Jahren dieses Angebot angenommen. ((4))<\/p>\n<p><strong>Gro\u00dfbritannien \u2013 Milit\u00e4rdienstpflicht gerade noch mal verhindert<\/strong><\/p>\n<p>Wie in den USA und Kanada, so ist auch Gro\u00dfbritannien traditionsgem\u00e4\u00df ein Land, das die Milit\u00e4rdienstpflicht nur im Krieg kennt. Sie wurde 1960 ausgesetzt. Als der ehemalige Tory-Premier Rishy Sunak im Wahlkampf davon sprach, ab 2025 eine allgemeine Dienstpflicht einf\u00fchren zu wollen, die \u00fcber ein Jahr oder entsprechende Zeit an Wochenenden, entweder im Milit\u00e4r oder bei Feuerwehr, Polizei oder im Gesundheitsdienst abzuleisten sei, wurde er f\u00fcr dieses Vorhaben mit \u201eHohn und Spott\u201c bedacht und nicht erneut wiedergew\u00e4hlt. (Lmd, Juli 24)<\/p>\n<p>Der Vorschlag kam, auch weil die 184.860 aktive Soldaten z\u00e4hlende Armee nicht mehr genug Freiwillige gewinnen kann \u2013 und trotz Solderh\u00f6hung und besseren Unterk\u00fcnften schrumpft.<br \/>\nDer im Wahlkampf siegreiche Labour-Chef Starmer kritisierte Sunaks Vorhaben aber lediglich taktisch: Eine allgemeine Dienstpflicht sei \u201enicht finanzierbar\u201c. Die Labour-Regierung will aber gerne \u201eeine Mitteilung an Moskau senden\u201c: \u201eWir sind, falls n\u00f6tig, zum Kampf bereit\u201c, so Verteidigungsminister John Healey. Neue Munitionsfabriken und Atombomben sind gesetzt. Zus\u00e4tzlich ist man dabei, eine neue Zivilschutztruppe (\u201eHome Guard\u201c) aufstellen. Unter dem Vorwand, die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen zu bek\u00e4mpfen und ihnen eine Perspektive anzubieten, gibt es jetzt auch das \u201eAngebot\u201c, ein \u201e\u00dcberbr\u00fcckungsjahr\u201c bei der Armee abzuleisten, das bis zu zwei Jahre dauert. Rund 150 junge Erwachsene werden seit M\u00e4rz 2026 rekrutiert. Die Bezahlung ist zwar noch nicht geregelt, aber falls sich das Programm bew\u00e4hrt, soll es auf bis zu 1.000 j\u00e4hrlich aufgestockt werden.<br \/>\nNach dem Meinungsforschungsinstitut YouGov sind lediglich 27 Prozent bereit \u201ef\u00fcr ihr Land zu k\u00e4mpfen\u201c und 41 Prozent \u201eunter keinen Umst\u00e4nden\u201c. Im Ersten Weltkrieg wurden 20.000 britische Kriegsdienstverweigerer inhaftiert, im Zweiten gar 60.000. Die pazifistische Organisation Peace Pledge Union ruft vorsorglich zur Verweigerung aller Kriegsdienste auf. ((5))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kroatien \u2013 Milit\u00e4rdienstpflicht wieder eingef\u00fchrt Kroatien hatte 2008 die Milit\u00e4rdienstpflicht ausgesetzt, trat 2009 der NATO bei und 2013 der EU. Das kroatische Parlament hat im Oktober 2025 als erster der Nachfolgestaaten der fr\u00fcheren Bundesrepublik Jugoslawien die Wiedereinf\u00fchrung einer zweimonatigen Milit\u00e4rdienstpflicht f\u00fcr 18- bis 29-j\u00e4hrige M\u00e4nner beschlossen. Nun haben die ersten 800 ihren Dienst begonnen. Die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/05\/renaissance-der-kriegsdienstpflicht\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":34092,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Renaissance der Kriegsdienstpflicht? - graswurzelrevolution","description":"Kroatien \u2013 Milit\u00e4rdienstpflicht wieder eingef\u00fchrt Kroatien hatte 2008 die Milit\u00e4rdienstpflicht ausgesetzt, trat 2009 der NATO bei und 2013 der EU. Das kroatisch"},"footnotes":""},"categories":[2123],"tags":[994],"class_list":["post-34057","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-509-mai-2026","tag-leitartikel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34057","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34057"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34057\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34094,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34057\/revisions\/34094"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/34092"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34057"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34057"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34057"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}