{"id":34143,"date":"2026-06-02T13:46:29","date_gmt":"2026-06-02T11:46:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/06\/den-status-quo-durchloechern\/"},"modified":"2026-06-03T10:11:59","modified_gmt":"2026-06-03T08:11:59","slug":"den-status-quo-durchloechern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/06\/den-status-quo-durchloechern\/","title":{"rendered":"Den Status quo durchl\u00f6chern"},"content":{"rendered":"<p>Das Buch ist eine Einladung zur Diskussion dar\u00fcber, wie der Mangel \u201ean utopischen Zielen, Sehnsuchtsorten und politischer Fantasie\u201c mit beispielhaften radikal anderen Lebensweisen \u00fcberwunden werden kann. Angesichts von Klimakatastrophe und Rechtsruck solle \u00d6kologie nicht mit Sparen und Verzicht gleichgesetzt werden, sondern es m\u00fcssten \u201efreud- und hoffnungsvollere Alternativen\u201c in die \u00d6ffentlichkeit gebracht werden, damit \u201eMenschen in Ans\u00e4tzen erfahren k\u00f6nnen, wie man auch anders und besser leben kann\u201c. Das k\u00f6nne auch der Verzweiflung etwas entgegensetzen, die \u201eder T\u00fcr\u00f6ffner zum Faschismus\u201c sei.<br \/>\nMit ihren Suchbewegungen begeben sich die Autoren in das Spannungsfeld zwischen ihren unterschiedlichen Positionen: \u201eW\u00e4hrend sich Kilian J\u00f6rg der anarchistischen Bewegungslinken verbunden f\u00fchlt, steht Michael Hirsch einem eher linksb\u00fcrgerlichen Projekt eines radikalen Reformismus oder progressiven Etatismus nahe.\u201c<\/p>\n<p>ZAD als Modellprojekt<\/p>\n<p>Als Beispiel f\u00fcr eine modellhaft gelebte Utopie beziehen sie sich auf die ZAD \u2013 Zone \u00e0 d\u00e9fendre, die \u201ezu verteidigende Zone\u201c als \u201eVersuch, ein konkretes Territorium zu besetzen, progressiv ein- bzw. zur\u00fcckzufordern (\u201eReclaiming\u201c) und somit von der staatlichen-kapitalistischen Ordnung zu befreien\u201c.<br \/>\nIn Frankreich ist die ZAD als konkretes Projekt in Notre-Dame-des-Landes bekannt, wo im Rahmen jahrzehntelanger K\u00e4mpfe gegen den Bau eines Flughafens dieser nach 15 Jahren Besetzung des Gel\u00e4ndes verhindert werden konnte.\u00a0((1)) Die Autoren berichten von mehr als zwanzig Versuchen, weitere ZADs in Frankreich zu etablieren. Auch Les Soul\u00e8vements de la Terre (Die Aufst\u00e4nde der Erde) ruft bei ihren Massenprotestaktionen \u201eimmer wieder neue ZADs aus\u201c. So sei der Begriff ZAD dort nicht nur bekannt, sondern erfahre auch \u201egro\u00dfen, \u00fcber die traditionellen anarchistischen Milieus weit hinausgehenden Zuspruch\u201c. Es g\u00e4be sogar ein Verb \u201ezadisier\u201c (zadisieren), beispielsweise im Zusammenhang mit den Gelbwesten und den Rentenprotesten. Einige ZAD-Versuche habe es auch in Spanien und der Schweiz gegeben. In Deutschland sei der Versuch einer ZAD-Realisierung \u201emit der brutalen R\u00e4umung des Dorfes L\u00fctzerath \u2026 vorerst gescheitert\u201c.<br \/>\nDie Autoren sehen in der ZAD ein \u201epotenziell revolution\u00e4res Projekt\u201c. Es sei \u201eeinmalig in Europa (und weckt am ehesten Assoziationen an Rojava und Chiapas)\u201c. Durch Vielfalt gekennzeichnet k\u00f6nne es \u201eeinen neuen linken Patchwork-Utopismus skizzieren\u201c. Im Zusammenhang damit sprechen sie auch von einer \u201eBolo\u2019boloisierung der Politik\u201c, in Anlehnung an das Buch \u201ebolo\u2019bolo\u201c von P.M.\u00a0((2)) Auch Longo ma\u00ef \u2013 eine \u201eAssoziation von zehn anarchistisch gef\u00e4rbten Landkommunen in sechs europ\u00e4ischen Nationen\u201c nennen sie als modellhaftes bolo\u2019bolo.<br \/>\nIn einer ZAD seien sozial und \u00f6kologisch zukunftsf\u00e4hige Lebensweisen pr\u00e4figuriert, und die dort gelebte Praxis sei ein Versuch, \u201edie Bedingungen f\u00fcr einen anderen kosmologischen Bezug zur Welt zu erk\u00e4mpfen\u201c und den Anthropozentrismus zu \u00fcberwinden. Darin sehe ich Verbindungen zu den Ans\u00e4tzen eines Pluriversum, wie es beispielsweise von Wissenschaftler*innen und Akti-vist*innen im gleichnamigen Buch dargelegt wird ((3)), das sich leider nicht in den \u2013 insgesamt sehr inspirierenden \u2013 Quellenangaben der Autoren findet.<br \/>\nMit ihrem \u201estrategischen Optimismus\u201c fragen sie, wie auf der Grundlage solcher Erfahrungen ein gr\u00f6\u00dferer Wandel m\u00f6glich w\u00e4re. Da sie den Staat nicht als monolithisches Gebilde sehen, sondern in dessen Strukturen auch progressive Akteur*innen ausmachen, \u00fcberlegen sie, ob diese nicht zu gewinnen seien: \u201eK\u00f6nnte die ZAD eine Art politisches Programm f\u00fcr einen Staat werden\u201c, der bereit w\u00e4re, Auswege aus seiner L\u00e4hmung zu suchen? Was w\u00e4re, \u201ewenn progressive Akteur*innen mit politischer Macht innerhalb des Staates das ungeheure Potential der ZADs erkennen und f\u00f6rdern w\u00fcrden?\u201c<br \/>\nKonkret schlagen sie vor, dass der Staat solche Projekte, \u201edie das System von innen her durchl\u00f6chern k\u00f6nnen\u201c, mit einem rechtlichen Status absichern und sie finanziell f\u00f6rdern sollte. Dabei ginge es um eine \u201ePluralisierung von Lebensformen und Wertregimen\u201c.<\/p>\n<p>K\u00e4mpfen und verhandeln?<\/p>\n<p>Mit der ZAD in Notre-Dame-des-Landes, und den Konflikten und Spaltungen um die Legalisierung setzen sie sich in dem Kapitel \u201eSieg oder Verrat?\u201c auseinander. Sie \u00e4u\u00dfern Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die radikalen Positionen der Verhandlungsgegner*innen, stimmen jedoch eher den Verhandler*innen zu, auch wenn sie behaupten, als Au\u00dfenstehende keine Position beziehen zu wollen.<br \/>\nW\u00e4hrend die Kollektive, die nicht auf die erpresserischen \u201eAngebote\u201c der Regierung eingingen, \u00fcberwiegend mit brutaler Polizeigewalt ger\u00e4umt wurden, versuchten die anderen, vordergr\u00fcndig auf die Bedingungen einzugehen \u2013 nur Vertr\u00e4ge mit Individuen, nicht mit Kollektiven, und ausschlie\u00dflich landwirtschaftliche Nutzung \u2013 diese jedoch zu hacken und trotz allem in ihrem Sinne umzusetzen. Diese Kollektive bestehen weiterhin.<br \/>\nKonflikte \u201ezwischen Hardlinern und Pragmatiker*innen\u201c sind verbreitet, und es ist anregend zu lesen, wie die Autoren die Frage der \u201eReinheit\u201c diskutieren: \u201eWie viel Unreinheit, Kompromiss und Pragmatismus sind zul\u00e4ssig, um das erw\u00fcnschte politische Ziel zu erreichen \u2013 also eine autonome Zone des Commoning, in der neue und radikal nachhaltige Lebensweisen im Sinne einer langfristigen revolution\u00e4ren Perspektive erprobt werden k\u00f6nnen?\u201c.<br \/>\nSie empfehlen, \u201edas romantische Bild der heroischen K\u00e4mpfer-*innen\u201c aufzugeben \u201ezugunsten einer \u201aschmutzigen\u2018 (\u201amessy\u2018) Vermengung mit der bestehenden Ordnung\u201c, und auch diese damit zu ver\u00e4ndern.<br \/>\nSie weisen darauf hin, dass es darum geht, alle mitzunehmen, nicht nur gegen, sondern auch f\u00fcr etwas zu sein. In der \u00d6ffentlichkeit sei der \u201eKampf um die Commons\u201c immer mit der Frage verbunden, \u201ewessen Interessen die allgemeinen Interessen sind\u201c. Erst wenn es nicht nur ums Erk\u00e4mpfen geht, sondern \u201eums Landen, ums Dauern und Bleiben\u201c, k\u00f6nnen eigene Strukturen aufgebaut werden, wie \u201enichtstaatliche Gegeninstitutionen der Altersvorsorge, der materiellen Umverteilung, der Sichtbarmachung von Care-Arbeit etc.\u201c. Anarchist*innen w\u00fcrden h\u00e4ufig dem Missverst\u00e4ndnis aufsitzen, \u201edass Institutionen per se staatlicher Natur sind\u201c. Jedoch gehe es darum, \u201eeigene und bessere Institutionen\u201c zu schaffen. So sei Commoning \u201eeine Art radikaldemokratischer Institutionalisierung in sich selbst\u201c. Statt sich also spalten zu lassen, empfehlen die Autoren \u201eeine solidarische Arbeitsteilung zwischen eher bewegungsorientierter und eher institutioneller Politik\u201c.<\/p>\n<p>Das Diskussionsangebot<br \/>\naufgreifen<\/p>\n<p>So viele interessante Gedanken \u2026 Den Autoren geht es ersichtlich nicht um F\u00f6rdermittel f\u00fcr irgendwelche schicken Start-ups, die sich mit fragw\u00fcrdiger Kollektivanmutung vermarkten, sondern um die staatliche F\u00f6rderung widerst\u00e4ndiger Projekte, die aus sozialen oder \u00f6kologischen K\u00e4mpfen hervorgegangen sind. Es f\u00e4llt schwer, sich vorzustellen, wie so etwas gelingen sollte durchzusetzen, ohne dass letztlich doch das Widerst\u00e4ndige unter den F\u00f6rderbedingungen weichgesp\u00fclt wird. Aber es gibt nicht nur \u201erichtig\u201c oder \u201efalsch\u201c, das ist eine wesentliche Botschaft des Buches, sondern es geht darum, sich unter den jeweiligen Bedingungen f\u00fcr das zu entscheiden, was den eigenen Anliegen am besten gerecht wird.<br \/>\nDarum sollten die spekulativen Fragestellungen der Autoren nicht vorschnell vom Tisch gewischt werden. Sie formulieren eine Reihe \u00fcberzeugender Argumente zur Begr\u00fcndung ihres strategischen Optimismus. Dabei gehen sie auch auf den Umgang mit Geld und Eigentum ein, und geben Diskussionsanregungen zur Frage der Demokratie. In eine kritische Auseinandersetzung mit ihren Vorschl\u00e4gen sollten auch die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte mit \u00f6ffentlichen Projektf\u00f6rderungen einbezogen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch ist eine Einladung zur Diskussion dar\u00fcber, wie der Mangel \u201ean utopischen Zielen, Sehnsuchtsorten und politischer Fantasie\u201c mit beispielhaften radikal anderen Lebensweisen \u00fcberwunden werden kann. 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