{"id":34153,"date":"2026-06-02T13:46:33","date_gmt":"2026-06-02T11:46:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/06\/kolossal-fuer-gleichheit-und-freiheit\/"},"modified":"2026-06-18T11:39:23","modified_gmt":"2026-06-18T09:39:23","slug":"kolossal-fuer-gleichheit-und-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/06\/kolossal-fuer-gleichheit-und-freiheit\/","title":{"rendered":"Kolossal f\u00fcr Gleichheit und Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>Es liest sich immer noch wie eine jener sprichw\u00f6rtlich weisen Voraussichten, was Michail Bakunin 1871 in seinem Artikel \u201eSozialismus und Freiheit\u201c notierte: \u201eWir sind \u00fcberzeugt\u201c, proklamierte der revolution\u00e4re Sozialist darin, \u201eda\u00df Freiheit ohne Sozialismus Privilegienwirtschaft und Ungerechtigkeit, und Sozialismus ohne Freiheit Sklaverei und Brutalit\u00e4t bedeutet\u201c ((1)). Den Neoliberalismus mit seinem r\u00fccksichtslosen Freiheitsverst\u00e4ndnis konnte er unm\u00f6glich vorausahnen. Den Staatskommunismus allerdings hat er f\u00f6rmlich kommen sehen: Geschrieben nach dem Aufstand der Pariser Kommune 1871 und vor der Spaltung der Internationalen Arbeiterassoziation, sp\u00e4ter Erste Internationale genannt, im Folgejahr, betonte Bakunin in dem Text auch die Gegens\u00e4tze zwischen revolution\u00e4ren libert\u00e4ren Sozialist*innen auf der einen und Kommunist*innen auf der anderen Seite. W\u00e4hrend Karl Marx und Friedrich Engels die Internationale zu einer zentralistisch gef\u00fchrten Organisation mit dem Ziel machen wollten, die Staatsmacht zu erobern, lehnten die damals f\u00f6deralistisch genannten Teile der Arbeiter*innenbewegung, die Bakunin als revolution\u00e4re Sozialisten bezeichnete, beides ab: Sie pl\u00e4dierten in der Organisationsfrage f\u00fcr dezentrale Strukturen, um die Ziele der Bewegung im Hier und Jetzt schon vorwegzunehmen. Dementsprechend glaubten sie auch nicht daran, dass der Staat sich f\u00fcr die Zwecke der Befreiung umfunktionieren lie\u00dfe. Bakunin wurde zur lautstarken Stimme dieser antiautorit\u00e4ren Str\u00f6mung innerhalb der Arbeiter*innenbewegung. So war er schlie\u00dflich auch weit mehr als der gescheiterte Gegenspieler von Marx und Engels.<\/p>\n<p><strong>\u201eAlles an ihm war kolossal\u201c. Der Sozialrevolution\u00e4r<\/strong><\/p>\n<p>Als Person muss der 1814 im russischen Prjamuchino geborene Bakunin eine beeindruckende Erscheinung gewesen sein. \u201eAlles an ihm war kolossal\u201c, schrieb etwa der Komponist Richard Wagner, \u201emit einer auf primitive Frische deutenden Wucht\u201c. Wagner und Bakunin hatten sich 1849 in Dresden kennengelernt, wenige Jahre nachdem Bakunin und Marx sich um 1844 in Paris erstmals begegnet waren. Bakunin war der Prototyp des Sozialrevolution\u00e4rs: \u00dcberall in Europa, wo es Aufst\u00e4nde gegen Adel und Ungerechtigkeit, gegen Monarchie und Kapital gab, mischte er mit. Er wuchs zun\u00e4chst als Sohn einer Adelsfamilie auf deren Landsitz auf und absolvierte auf Druck seines Vaters eine Milit\u00e4rausbildung in der zaristischen Armee. Anstatt sich dann aber in den Staatsdienst zu begeben, wandte er sich vom Vater und dem Herkunftsmilieu ab, um sich fortan der sozialen Revolution zu widmen. Bevor er von Aufstand zu Revolte in ganz Europa reiste, studierte er ab 1840 in Berlin Philosophie bei Ludwig Feuerbach (1804\u20131872) und bewegte sich in den Kreisen der Junghegelianer. Hegel \u00fcbersetzte er ins Russische. Als Filmskript f\u00fcr ein im 19. Jahrhundert spielendes Biopic erschiene diese Story wahrscheinlich etwas zu dick aufgetragen: Nach Berlin zieht es den mittlerweile als Journalist arbeitenden Bakunin in die Schweiz, er nimmt an Aufst\u00e4nden in Paris, Prag und schlie\u00dflich Dresden teil, wird daf\u00fcr zwei Mal zum Tode verurteilt und zu Kerkerhaft begnadigt, verbringt in den 1850er Jahren mehrere Jahre in russischen Gef\u00e4ngnissen, verliert dort alle Z\u00e4hne, flieht schlie\u00dflich \u00fcber die USA und London nach Florenz, lebt zwei Jahre in Neapel, dann in Genf, Locarno und Bologna, wo er, wie zuvor in Lyon, wieder mal einen Aufstand mitorganisiert. Er verkehrt in Kreisen revolution\u00e4rer Arbeiter*innen, ist aber auch mit Intellektuellen wie dem Schriftsteller Alexander Herzen (1812\u20131970) und der Schriftstellerin George Sand (1804\u20131876) befreundet. Dabei schreibt er, der mehrere Sprachen spricht, Artikel, B\u00fccher und Pamphlete, agitiert und nimmt an Konferenzen sowie Revolten teil. Nach dem Streit um die Internationale, der schlie\u00dflich 1872 auf Druck von Marx und Engels mit seinem Ausschluss endet, zieht er sich langsam aus der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcck. Nachvollziehbar ersch\u00f6pft stirbt Bakunin am 1. Juli 1876 in Bern, wo bis heute sein Grabstein steht.<\/p>\n<p><strong>\u201eTheoretisch Null\u201c. Freiheit und Gleichheit<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ein Vorurteil, dass Bakunin blo\u00df ein rastloser Rebell, leidenschaftlich in der Tat, aber \u201etheoretisch Null\u201c (Marx) war, also zur Theorie der Arbeiter*innenbewegung und des Anarchismus so gut wie nichts beigetragen h\u00e4tte. Widerlegt hat es zuletzt Philippe Kellermann in seiner kenntnisreichen, knapp 250seitigen (!) Einleitung zu verschiedenen Texten Bakunins. ((2)) Darin stellt er unterschiedliche theoretische Eins\u00e4tze Bakunins heraus, die sowohl sozialtheoretische als auch strategisch-politische Aspekte aufweisen.<br \/>\nBakunin lehnte es nicht nur ab, die Staatsmacht zu erobern, er setzte diesem Konzept auch die Kooperation freier Assoziationen entgegen. \u201eKein Staat, wie demokratisch auch immer seine Formen sein m\u00f6gen, und sei es die r\u00f6teste politische Republik [\u2026] kann dem Volk das geben, was es braucht, n\u00e4mlich die freie Organisation der eigenen Interessen von unten nach oben\u201c ((3)), schreibt er in Staatlichkeit und Anarchie. Der Staat stelle letztlich nicht anderes dar \u201eals die Beherrschung der Massen von oben nach unten, durch eine intellektuelle und eben dadurch privilegierte Minderheit\u201c ((4)).<\/p>\n<p>Auch bei der Gestaltung der bewegungseigenen Organisierung pl\u00e4dierte er daf\u00fcr, die antihierarchischen Prinzipien walten zu lassen, die dann die sp\u00e4ter befreite Gesellschaft kennzeichnen sollten. \u201eW\u00e4hrend aber nun Marx de facto sein Hauptaugenmerk auf die Bildung von Arbeiterparteien legte\u201c, schreibt Kellermann, \u201estellte Bakunin dagegen den gewerkschaftlichen Kampf (mit) ins Zentrum seines ganzen Ansatzes\u201c ((5)).<br \/>\nAber nicht nur das. Bakunin sah zwar im Streik ein wichtiges Mittel des Kampfes, wollte zugleich die Streikenden aber nicht auf das lohnabh\u00e4ngige Industrieproletariat beschr\u00e4nkt sehen. Bakunin hatte also nicht nur andere Antworten als Marx und Engels auf die Fragen nach der Staatsmacht und der proletarischen Organisierung, er beantwortet auch, wie der Herausgeber seiner gesammelten Schriften, Wolfgang Eckhardt, betont, die Frage \u201edes Subjekts der revolution\u00e4ren Ver\u00e4nderung\u201c ((6)) anders als im Marxismus \u00fcblich. Er setzte auch auf die B\u00e4uerinnen und Bauern und nicht zuletzt auf das von Marx und Engels immer wieder so ver\u00e4chtlich beschriebene, sogenannte Lumpenproletariat.<\/p>\n<figure id=\"attachment_34200\" aria-describedby=\"caption-attachment-34200\" style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-34200\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/1024-1488-206x300.jpg\" alt=\"1024\" width=\"206\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/1024-1488-206x300.jpg 206w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/1024-1488-688x1000.jpg 688w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/1024-1488-768x1116.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/1024-1488-300x436.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/1024-1488-600x872.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/1024-1488.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 206px) 100vw, 206px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-34200\" class=\"wp-caption-text\">Bakunin-Grafiken von Andreas Siekmann<\/figcaption><\/figure>\n<p>Hinsichtlich der Mittel revolution\u00e4rer Ver\u00e4nderung setzte Bakunin auf verschiedene Strategien, zu denen neben Basisdemokratie auch kaderm\u00e4\u00dfig organisierte Geheimb\u00fcnde und Gewalt geh\u00f6rten. Den vielleicht am meisten zitierten Satz seiner mehrere Tausend Seiten umfassenden, aus h\u00e4ufig unvollendet gebliebenen Texten bestehenden Schriften, notiert Bakunin schon fr\u00fch. In seinem unter Pseudonym auf Deutsch verfassten Artikel \u201eDie Reaktion in Deutschland\u201c von 1842 schreibt er am Schluss: \u201eDie Lust der Zerst\u00f6rung ist zugleich eine schaffende Lust\u201c ((7)). Aber ein Gewaltverherrlicher war Bakunin nicht: Seine Zerst\u00f6rungslust war kein Selbstzweck und zielte auf die bestehenden Institutionen, nicht auf Menschen. Das machte er u.a. in Auseinandersetzung mit dem russischen Revolution\u00e4r Sergei Netschajew (1847\u2013182) deutlich, mit dem er einige Zeit kooperiert hatte. In einem langen Brief von 1870 k\u00fcndigt er Netschajew, dem alle Mittel inklusive Intrigen und Mord im Dienste der Sache legitim erschienen, die Zusammenarbeit auf. Netschajews Haltungen und Taten \u201eersticke[n] systematisch jedes menschliche Gef\u00fchl und jeden pers\u00f6nlichen Sinn f\u00fcr Gerechtigkeit\u201c ((8)), beschwert sich Bakunin und h\u00e4lt ihm entgegen, man m\u00fcsse die Menschen \u201ewirklich organisieren und moralisch aufrichten\u201c ((9)). Diese positive Bezugnahme auf Moral als entscheidend f\u00fcr die revolution\u00e4re Ver\u00e4nderungen f\u00fchrt schlie\u00dflich noch zu einem dritten Punkt, der f\u00fcr die Theorie Bakunins zentral war.<\/p>\n<p>Die Revolution, schreibt er 1869 in einem kurzen Text \u201eWorte an die Jugend\u201c, m\u00fcsse \u201emit der v\u00f6lligen Ver\u00e4nderung aller sozialen Lebensbedingungen beginnen\u201c ((10)). Dass es mit der Umw\u00e4lzung der \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse nicht getan sein w\u00fcrde, sondern die \u00f6konomische von einer sozialen Revolution begleitet sein m\u00fcsse, war der vielleicht einflussreichste Gedanke Bakunins. Denn er pr\u00e4gte nicht nur die libert\u00e4r-sozialistischen Str\u00f6mungen der Arbeiter*innenbewegung, die vor allem in den romanischen L\u00e4ndern weitaus einflussreicher waren als die sozialdemokratischen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, hatte der Historiker Benedict Anderson betont, war der internationale Anarchismus \u2013 und nicht der Marxismus \u2013, Hauptakteur der \u201eglobalen Opposition gegen den industriellen Kapitalismus, Autokratie, Gro\u00dfgrundbesitz und Imperialismus\u201c\u00a0((11)).<br \/>\nAuch die k\u00fcnstlerischen Avantgarden und Subkulturen im 20. Jahrhundert kn\u00fcpften an den Gedanken der ver\u00e4nderten Lebensf\u00fchrung an und zielten h\u00e4ufig auf soziale, nicht nur \u00f6konomische Revolution. Nicht zuf\u00e4llig findet sich Walter Benjamins viel zitiertes Lob der Radikalit\u00e4t von Bakunins Freiheitsbegriff in seinem Aufsatz \u00fcber den \u201eS\u00fcrrealismus\u201c ((12)). Individuelle Freiheit ist Freiheit von Unterdr\u00fcckung und Freiheit zu pers\u00f6nlicher Entfaltung. Freiheit auf Kosten anderer wird aber von Bakunin, anders als im Liberalismus, nicht geduldet.: \u201eDie menschliche Freiheit\u201c, schreibt Silke Lohschelder, \u201eist f\u00fcr Bakunin nur auf der Basis von Gleichheit und Solidarit\u00e4t innerhalb der Gesellschaft denkbar\u201c ((13)).<\/p>\n<p><strong>\u201eUmfassende Sozialrevolution\u201c. Die Internationale<\/strong><\/p>\n<p>Die konzeptuellen Differenzen zwischen den Anh\u00e4nger*innen von Marx und Engels auf der einen und von Bakunin gepr\u00e4gten den F\u00f6deralist*innen auf der anderen Seite kulminierten im Rahmen der 1864 gegr\u00fcndeten Internationalen Arbeiterassoziation. Bakunin, der der Internationale 1868 beitrat, bekannte sich explizit zu ihren ma\u00dfgeblich von Marx verfassten Statuten, sie enthielten alle<br \/>\nAns\u00e4tze \u201eeiner umfassenden Sozialrevolution\u201c\u00a0((14)). Allerdings bemerkt Bakunin in demselben Text auch, dass die Internationale nicht das Ziel habe, neue Staaten oder Despotien zu schaffen, sondern alle Herrschaftsformen radikal zu beseitigen, weshalb sie \u201esich von der Organisation der Staaten grundlegend unterscheiden\u201c ((15)) m\u00fcsse. Das sahen Marx und Engels bekanntlich anders. Ihnen gelang es, ihre Linie der parteif\u00f6rmigen Organisierung mit dem Ziel der Eroberung der Staatsmacht gegen die Vielzahl an organisatorischen und strategischen Vorstellungen in der Internationale durchzusetzen. Schlie\u00dflich erwirkten sie in deren Generalrat 1872 den Ausschluss Bakunins und des Schweizer Anarchisten James Guillaume. Obwohl sie formal noch vier weitere Jahre existierte, bedeutete dieser Schritt das Ende der Ersten Internationale.<br \/>\nDie Debatte wurde erbittert gef\u00fchrt. Schlie\u00dflich ging es um nichts weniger als die Zukunft der Arbeiter*innenbewegung und damit auch um die Zukunft der Menschheit. \u201eDer internationale Geist\u201c, schrieb der Anarchismusforscher Max Nettlau im R\u00fcckblick, \u201eist damals tief verwundet worden\u201c ((16)). In der Diskussion blieben auch pers\u00f6nliche Beleidigungen nicht aus. W\u00e4hrend Bakunin anfangs noch die theoretischen Errungenschaften von Marx w\u00fcrdigte, stimmte er schlie\u00dflich in den polemischen Stil ein, den sein Kontrahent von Beginn an angeschlagen hatte. W\u00e4hrend Marx Bakunin nicht nur als \u201eIntrigant\u201c, sondern auch als \u201eVieh\u201c beschimpfte, lie\u00df sich Bakunin zu antisemitischen Tiraden hinrei\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>\u201eEine ausbeuterische Sekte\u201c. Antisemitismus<\/strong><\/p>\n<p>Als der Historiker G\u00f6tz Aly in seinem Abrechnungsbuch \u201eUnser Kampf\u201c (2008) zur Revolte von 1968 geschrieben hatte, manche der Studierenden h\u00e4tten \u201edie anarchistischen Ideen des obsessiven Antisemiten Michail Bakunin\u201c ((17)) bevorzugt, war das sicherlich unredlich. Denn es unterstellt, die Revoltierenden h\u00e4tten sich wegen des Antisemitismus und nicht trotzdem an Bakunin orientiert. In der anarchistischen Fanliteratur h\u00e4ufig ausgeblendet, ist der Vorwurf des Antisemitismus dennoch nicht ganz von der Hand zu weisen. Vor allem in seinen sp\u00e4teren Polemiken gegen Marx tritt er deutlich zu Tage: In dem Text \u201ePers\u00f6nliche Beziehungen zu Marx\u201c von 1876 hei\u00dft es etwa: \u201eNun, diese ganze j\u00fcdische Welt, die eine ausbeuterische Sekte, ein Blutegelvolk, einen einzigen fressenden Parasiten bildet, eng und intim nicht nur \u00fcber die Staatsgrenzen hin, sondern auch \u00fcber alle Verschiedenheiten der politischen Meinungen hinweg, \u2013 diese j\u00fcdische Welt steht heute zum gro\u00dfen Teil einerseits Marx, andererseits Rothschild zur Verf\u00fcgung\u201c ((18)).<br \/>\nSein Antisemitismus, erkennt auch die Bakunin-Biographin Madeleine Grawitz in Bezug auf die Auseinandersetzung mit Marx, war \u201erecht offensiv\u201c ((19)). Und er blieb leider nicht auf pers\u00f6nliches Ressentiment beschr\u00e4nkt. In einem Brief an die Pariser Zeitung \u201eLe R\u00e9veil\u201c bedient sich Bakunin unverkennbar antisemitischer Mythen: \u201eIch wei\u00df wohl, dass ich mich einer ungeheuren Gefahr aussetze, wenn ich so offen meine intimen Gedanken \u00fcber die Juden ausspreche. Viele Leute teilen dieselben, aber sehr wenige wagen es, sie \u00f6ffentlich auszusprechen, denn die j\u00fcdische Sekte, wie furchtbarer als die der katholischen und protestantischen Jesuiten, bildet heute in Europa eine wahre Macht. Sie herrscht despotisch im Handel, in der Bank, und sie ist in drei Viertel des deutschen Journalismus und einen sehr betr\u00e4chtlichen Teil des Journalismus der \u00fcbrigen L\u00e4nder eingedrungen\u201c ((20)).<br \/>\nWie sich solche Ausf\u00e4lle in die Haltungen des Sozialrevolution\u00e4rs integrieren lie\u00dfen, der sich selbst als \u201e\u00fcberzeugter Anh\u00e4nger \u00f6konomischer und sozialer Gleichheit\u201c ((21)) beschrieb, bleibt letztlich schleierhaft.<\/p>\n<p><strong>\u201eSich die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche geben\u201c. Ein Ende<\/strong><\/p>\n<p>Trotz alledem blieb die Ausstrahlungskraft Bakunins gro\u00df. Seine Ideen pr\u00e4gten nicht nur die Arbeiter*innenbewegungen in<br \/>\nL\u00e4ndern wie Italien, Spanien und Argentinien im sp\u00e4ten 19. und der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. Auch in den k\u00fcnstlerischen Avantgarden wie Dada und der Surrealismus sowie in den 68er-Bewegungen wurde sein sozialrevolution\u00e4rer Impuls reaktiviert, das ganze Leben ver\u00e4ndern zu wollen. Die an die Freiheitsidee gekoppelte Gleichheitsvorstellung bezog Bakunin auch auf die Geschlechterverh\u00e4ltnisse. Anders als der ebenfalls als Gr\u00fcndervater des modernen Anarchismus gehandelte Frauenhasser Pierre-Joseph Proudhon trat Bakunin, wie Silke Lohschelder heraushebt, explizit f\u00fcr \u201edie rechtliche, soziale und wirtschaftliche Gleichstellung von Mann und Frau\u201c ((22)) ein.<\/p>\n<p>Ersch\u00f6pft und ausgebrannt, schreibt Bakunin 1875 an seinen Freund und Genossen \u00c9lis\u00e9e Reclus, was sich schlie\u00dflich als Einsicht in die Haltungen vieler radikaler Linker des 20. und 21. Jahrhunderts einschreibt: Dass die Stunde der Revolution vorbei sei und zwar \u201enicht wegen des schrecklichen Unheils, dessen Zeugen wir waren, und der furchtbaren Niederlagen, deren mehr oder weniger schuldige Opfer wir waren, sondern weil ich zu meiner gro\u00dfen Verzweiflung konstatiert habe und t\u00e4glich von neuem konstatiere, da\u00df der revolution\u00e4re Gedanke, die revolution\u00e4re Hoffnung und Leidenschaft in den Massen sich absolut nicht vorfinden, und wenn sie fehlen, kann man sich die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche geben, man wird nichts ausrichten\u201c ((23)).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es liest sich immer noch wie eine jener sprichw\u00f6rtlich weisen Voraussichten, was Michail Bakunin 1871 in seinem Artikel \u201eSozialismus und Freiheit\u201c notierte: \u201eWir sind \u00fcberzeugt\u201c, proklamierte der revolution\u00e4re Sozialist darin, \u201eda\u00df Freiheit ohne Sozialismus Privilegienwirtschaft und Ungerechtigkeit, und Sozialismus ohne Freiheit Sklaverei und Brutalit\u00e4t bedeutet\u201c ((1)). 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