{"id":34164,"date":"2026-06-02T13:46:38","date_gmt":"2026-06-02T11:46:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/06\/kriegsvorbereitungen-in-frankreich\/"},"modified":"2026-07-21T12:47:28","modified_gmt":"2026-07-21T10:47:28","slug":"kriegsvorbereitungen-in-frankreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/06\/kriegsvorbereitungen-in-frankreich\/","title":{"rendered":"Kriegsvorbereitungen in Frankreich"},"content":{"rendered":"<p>Vorweg: Die in diesem Artikel verwendeten Informationen haben mir dankenswerterweise Aktive der Union Pacifiste de France (UPF) ((1)) zur Verf\u00fcgung gestellt. Die UPF ist die franz\u00f6sische Sektion der War Resisters\u2018 International (WRI), der u.a. auch die Graswurzelrevolution, die IdK und DFG-VK angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>In Frankreich steht ein gro\u00dfer Teil der Jugend dem Milit\u00e4r generell skeptisch gegen\u00fcber. Die Gewinnung von neuen Rekruten und Rekrutinnen erweist sich als schwierig. Mit 15 Prozent Frauen geh\u00f6rt Frankreich zu den Armeen mit dem verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig h\u00f6chsten Anteil an Soldatinnen. Auch Frankreich ist ein alterndes Land. Das trifft in besonderem Ma\u00dfe auf die Armee zu, wo der Ruhestand bereits mit 54 Jahren beginnt. 40 Prozent der \u00fcber 200.000 aktiven Soldat*innen der franz\u00f6sischen Armee (Forces arm\u00e9es fran\u00e7aises) werden in den n\u00e4chsten Jahren dieses Alter erreichen.<\/p>\n<p><strong>Der freiwillige Universaldienst (SNU)<\/strong><\/p>\n<p>In Frankreich wurde die Milit\u00e4rdienstpflicht 1997 ausgesetzt. Um mehr junge Leute f\u00fcr den Milit\u00e4rdienst zu gewinnen, begann die Regierung unter Emmanuel Macron 2017 mit \u00dcberlegungen, einen freiwilligen Nationalen Universaldienst (SNU, Service Nationale Universelle) einzuf\u00fchren. 2018 wird der Vorsitzende der Macron-Partei R\u00e9naissance, Gabriel Attal, Staatssekret\u00e4r im Bildungsministerium und erh\u00e4lt den Auftrag, den SNU vorzubereiten.<br \/>\nIm selben Jahr bildete sich auf Initiative der UPF das B\u00fcndnis \u201eNein zum SNU!\u201c. Die Argumente der Regierung (Vielfalt, Zusammenhalt, regionale Entwicklung, Berufsf\u00f6rderung) seien unglaubw\u00fcrdig; tats\u00e4chlich sei es ein Missbrauch von Minderj\u00e4hrigen zur Rekrutierung von Berufssoldat*innen.<br \/>\nEs stellte sich aber schon in der Planungsphase heraus, dass die Armee kein Interesse an einer Kinderbespa\u00dfung hatte; deshalb \u00fcbernahm das Bildungsministerium die Federf\u00fchrung und die Finanzierung des Projekts. 2024 betrug das Budget 160 Millionen Euro.<br \/>\n2020 wollte man sogar den Artikel 34 der Verfassung \u00e4ndern und den SNU als generelle Pflicht durchsetzen, was dann aber wieder aufgegeben wurde.<br \/>\nDer SNU, den es dann ab 2019 gab, wurde zuerst versuchsweise in 13 D\u00e9partements eingef\u00fchrt. Er war ein Angebot f\u00fcr 15- bis 17-J\u00e4hrige, dauerte 14 Tage und wurde in den Sommerferien in der Armee abgeleistet.<br \/>\nIn Frankreich gibt es mehrere Millionen Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren. Man plante zuerst, dass 30.000 an dem Programm teilnehmen. Dann reduzierte man die Anzahl 2021 auf 18.000. Schlie\u00dflich gab es insgesamt 143 Einsatzstellen der Armee und der Polizei, auch in den \u00dcberseegebieten. So verteilten sie sich pro Ort auf jeweils einige Hundert, die zu diesem paramilit\u00e4rischen Sommerlagern kamen. Es waren vor allem Kinder, darunter auffallend viele M\u00e4dchen, von Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen, anderen uniformierten Diensten (Polizei, Gendarmerie, Feuerwehr, Zoll, Gef\u00e4ngniswesen usw.) und Familien mit starker patriotischer Gesinnung bzw. ausgepr\u00e4gtem \u201ePflichtbewu\u00dftsein\u201c.<\/p>\n<p>Das vorgeschriebene Programm: Morgendlicher Appell in Uniform, Strammstehen beim Hissen der Flagge unter dem Gesang der Marseillaise, Marschieren im Gleichschritt, dann die Aktivit\u00e4ten: Hindernisparcours, \u00dcbungen, Reinigungsarbeiten. Die Ausbildung an Waffen stand zwar nicht auf dem Programm, es kam aber schon vor, dass Jugendliche damit auf Zielscheiben an den Schie\u00dfst\u00e4nden \u00fcben durften.<br \/>\nEine Bezahlung gab es nicht, wohl aber Uniformen (Unterw\u00e4sche, Hosen, Hemden, Pullover, Socken, Schuhe usw.), diverse Werbeartikel (Kappen, Aufkleber, Abzeichen usw.), Unterkunft, Verpflegung und ein kostenloses F\u00fchrerscheinprogramm, wo man den theoretischen Teil der Fahrpr\u00fcfung ablegen konnte.<\/p>\n<p><strong>Es gab einige bekannt gewordene Skandale:<\/strong><\/p>\n<p>Am 18. Juni 2019 erlitten in \u00c9vereux 29 von 100 \u201eFreiwilligen\u201c, die in der prallen Sonne ausharren mussten, einen Hitzschlag.<br \/>\nIm Juli 2022 wurden rund hundert \u201eFreiwillige\u201c kollektiv bestraft (sie mussten inmitten der Nacht Liegest\u00fctze machen), weil M\u00e4dchen im Jungenschlafsaal angetroffen wurden.<br \/>\nAuch \u00fcber die oft unzureichend qualifizierten Betreuer gab es immer wieder Beschwerden: Mobbing, m\u00fchselige Plackereien, Schikanen und unangemessenes Verhalten waren an der Tagesordnung. F\u00fcr Hitzschlag und f\u00fcr die diversen Unf\u00e4lle standen die Milit\u00e4rkrankenh\u00e4user zur Verf\u00fcgung.<br \/>\nZwar gab es eine intensive Kampagne des Kollektivs \u201eNein zum SNU!\u201c, an der sich auch die UPF beteiligte, aber dann war es doch ein Bericht des Rechnungshofs, der mit einem vernichtenden Bericht \u00fcber die verschwenderischen Ausgaben f\u00fcr den SNU und einem Resultat von praktisch Null (\u201esehr geringe Rekrutierungszahlen\u201c), daf\u00fcr sorgte, dass das Projekt beendet werden musste.<br \/>\nIn Frankreich gibt es noch mehr prestigetr\u00e4chtige Vorzeigeprojekte als in Deutschland, die daf\u00fcr sorgten, dass die gravierende Staatsverschuldung zu einem ernsthaften gesellschaftlichen Problem anwuchs. So kam es bei allen Ministerien zu Budgetk\u00fcrzungen, mit einer Ausnahme: Milit\u00e4r.<br \/>\nDer SNU war eines der zentralen Projekte der Regierung unter Emmanuel Macron w\u00e4hrend seiner ersten f\u00fcnfj\u00e4hrigen Amtszeit, mit dem sie den Aufwuchs der Armee f\u00f6rdern wollte. Es wurde im September 2025 eingestellt.<\/p>\n<p><strong>Der freiwillige Milit\u00e4rdienst (SMV)<\/strong><\/p>\n<p>Auch Frankreich sieht sich durch Russland bedroht. So erkl\u00e4rte Fabien Mandon, Chef des Verteidigungsstabes, im November 2025: \u201eRussland bereitet sich auf eine Konfrontation mit unseren L\u00e4ndern bis 2030 vor. Wenn unser Land wankt, weil es nicht bereit ist, den Verlust seiner Kinder zu akzeptieren\u2026 Wenn wir darauf nicht vorbereitet sind, dann sind wir gef\u00e4hrdet.\u201c Macron erg\u00e4nzte: \u201eIn dieser unsicheren Welt, in der das Recht des St\u00e4rkeren gilt und Krieg zur Realit\u00e4t geworden ist, hat unsere Nation kein Recht, Angst zu haben.\u201c<br \/>\nDeshalb hat die Regierung am 27. November 2025 ein neues Projekt beschlossen: Ein freiwilliger Milit\u00e4rdienst (SMV, Service Militaire Volontaire), der eigentlich am 1. Juli 2026 beginnen sollte. Nun ist aber der Start auf September 2026 verschoben worden. Ziel ist es, 3.000 junge Menschen \u00fcber 18 zu rekrutieren. Die Armee war begeistert und lobte diesen nun \u201erein milit\u00e4rischen\u201c Dienst auf ihren Webseiten. Es gingen auch gleich einige Dutzend Bewerbungen von 18\/19-J\u00e4hrigen ein.<br \/>\nMan denkt dabei vor allem an solche Freiwilligen, die ihr Studium abgebrochen haben und nicht wissen, wie es weitergeht, oder an die, die aufgrund von Armut gezwungen sind, schnell ein kleines Einkommen zu ergattern. Ihnen bietet man eine Aufwandsentsch\u00e4digung an, eine minimale Grundausbildung (Disziplin, Gehorsam, Patriotismus\u2026) und begrenzte berufliche Bildung (Zertifikat f\u00fcr berufliche Eignung, kostenloser F\u00fchrerschein). Die Gratifikation soll f\u00fcr jene, die noch keine Ausbildung haben, 345 Euro im Monat betragen. Jene, die bereits einen beruflichen Eignungsabschluss haben, sollen 745 Euro pro Monat bekommen. Die Dienstdauer soll vier Jahre betragen. Die Kampagne \u201eNein zum SNU!\u201c, so wurde beschlossen, wird jetzt \u201eNein zum SMV!\u201c hei\u00dfen.<\/p>\n<p><strong>Kriegsdienstverweigerung<\/strong><\/p>\n<p>2019 plante die Kampagne \u201eNein zum SNU!\u201c, an die Gewissensfreiheit zu appellieren. Dies erwies sich aber als unm\u00f6glich, da die Jugendlichen nicht an Waffen ausgebildet wurden und sie sich f\u00fcr den Dienst freiwillig gemeldet hatten.<br \/>\nWie es um die \u201eFreiwilligkeit\u201c bestellt ist, machte Macron am 27. November 2025 deutlich: \u201eIm Falle einer schweren Krise kann das Parlament neben Freiwilligen auch diejenigen einberufen, deren Eignung am Tag der Mobilmachung festgestellt wurde. Dann wird der nationale Dienst verpflichtend. Abgesehen von diesem Ausnahmefall ist der Dienst freiwillig.\u201c<br \/>\nDie \u201eschwere Krise\u201c k\u00f6nnte sich sowohl im Ausland, als auch im Inneren ereignen. In diesen F\u00e4llen k\u00f6nnte das Recht auf Kriegsdienstverweigerung in Anwendung kommen.<br \/>\nIn Frankreich gibt es zus\u00e4tzlich auch noch f\u00fcr 16- bis 25-J\u00e4hrige die verpflichtende Teilnahme am \u201eTag der Staatsb\u00fcrgerschaft und Verteidigung\/JDC\u201c. Dieser Dienst dauerte bislang einen halben Tag, jetzt wurde die Dauer auf sieben Stunden ausgeweitet. Es gibt dabei \u00dcbungen, auch mit Lasergewehren, Milit\u00e4rverpflegung u.a. (Spiegel, 26.9.2025).<br \/>\nAuch dagegen richtete sich ein Aufruf von (fr\u00fcheren) Kriegsdienstverweigerern, ver\u00f6ffentlicht am 23. Mai 2024 in L\u2018Humanit\u00e9.<\/p>\n<p><strong>Auszug<\/strong>:<\/p>\n<p>\u201eDer Wehrdienst wurde lediglich ausgesetzt, und die Wehrpflicht kann \u201ejederzeit per Gesetz wieder eingef\u00fchrt werden, wenn die Erfordernisse der Landesverteidigung dies erfordern oder wenn die den Streitkr\u00e4ften zugewiesenen Ziele dies notwendig machen.\u201c (Gesetz zur Reform des Wehrdienstes vom 28. Oktober 1997)<br \/>\nUnter solchen Umst\u00e4nden k\u00f6nnte es f\u00fcr die zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden schwierig sein, eine gro\u00dfe Anzahl von Antr\u00e4gen auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgr\u00fcnden schnell zu bearbeiten. Deshalb erscheint es uns am Tag der Verteidigung und Staatsb\u00fcrgerschaft mit demokratischen Prinzipien durchaus vereinbar, dass ein junger Mann oder eine junge Frau erkl\u00e4ren kann: \u201eIch verweigere hiermit aus Gewissensgr\u00fcnden den bewaffneten Milit\u00e4rdienst und beantrage, von diesem international anerkannten Recht Gebrauch zu machen. Meine \u00dcberzeugungen, die auf dem Streben nach kollektivem Frieden beruhen, f\u00fchren mich zu anderen Formen des Engagements f\u00fcr die Nation und ihr Volk als zum Gebrauch von Waffen.\u201c<br \/>\nErstunterzeichnende Kriegsdienstverweiger: Herv\u00e9 Belin (verweigerte 1977), Jos\u00e9 Bov\u00e9 (1975), Jean-Yves Carlen (1988), Paul Fabre (1973), Patrice Coulon (1975), Jean Kopp (1991), Denis Langlois (1966 inhaftiert), Fran\u00e7ois Marchand (1974), Dominique Morel (1979), Yves Morel (1975), Alain Refalo (1985), Christian Richard (1974), Pierre Sommermeyer (1963), Michel Sourrouille (1971).<\/p>\n<p>Nach Macron soll der verpflichtende \u201eTag der Verteidigung und Staatsb\u00fcrgerschaft\u201c zuk\u00fcnftig ausschlie\u00dflich im milit\u00e4rischen Rahmen stattfinden, insofern erscheint dieser Vorschlag der Kriegsdienstverweigerer besonders interessant. Die UPF wird alles daran setzen, junge Menschen vor der institutionalisierten Kriminalit\u00e4t zu bewahren.<\/p>\n<p><strong>Res\u00fcmee<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00c4u\u00dferungen des Milit\u00e4rs, der Politik und der meisten Medien zielen auch in Frankreich darauf, die Bev\u00f6lkerung und insbesondere junge Menschen auf einen Krieg vorzubereiten. Die militaristisch Angehauchten, die sich \u201efreiwillig\u201c daf\u00fcr melden, reichen nicht aus, um die Militarisierungspl\u00e4ne der Regierung im gew\u00fcnschten Ausma\u00df zu realisieren. Wie auch in Deutschland, mit \u201eboot-camps\u201c, war das Projekt SNU ein erster Versuch, Kinder und Jugendliche f\u00fcr den Milit\u00e4rdienst zu gewinnen. Es musste aufgrund der bekannt gewordenen Skandale und schlie\u00dflich auch an der damit verbundenen Geldverschwendung, finanziert aus dem Bildungsministerium, eingestellt werden.<br \/>\nJetzt versucht man, arme und arbeitslose Jugendliche mit einem wirklich k\u00e4rglichen Sold daf\u00fcr zu gewinnen. Aber es d\u00fcrfte klar sein: W\u00e4hrend der SNU noch als paramilit\u00e4rische \u201eKinderbespa\u00dfung\u201c galt, ist der SMV bereits ein klarer Milit\u00e4rdienst. Der SNU war noch freiwillig, der SMV ist pro forma auch freiwillig. Da er sich vor allem an Jugendliche mit schwieriger finanzieller und beruflicher Situation richtet, ist die Armutsrekrutierung offensichtlich. Auch hier zeigt sich, dass sich hinter der Freiwilligkeit der Zwang, also die Perspektive der Wiedereinf\u00fchrung der Milit\u00e4rdienstpflicht verbirgt.<br \/>\nIm Gegensatz zu Deutschland ist das Milit\u00e4r in Frankreich, trotz der verheerenden kriegerischen Bilanz der Kriege in Vietnam, Algerien und den afrikanischen Staaten, relativ gut angesehen, was es f\u00fcr die Kriegsdienstverweigerung schwer macht, Breitenwirkung zu entfalten. Ein weiterer Grund findet sich im erheblich l\u00e4ngeren Ersatzdienst (zuletzt zwanzig Monate, bei zehn Monaten Milit\u00e4rdienst).<\/p>\n<p>Aber: Am vorsichtigen Vorgehen der Regierung sieht man schon, dass die Wiedereinf\u00fchrung der Milit\u00e4rdienstpflicht vehementen Widerstand hervorrufen wird. Einer meiner franz\u00f6sischen Freunde: \u201eDas sollen sie ruhig mal versuchen.\u201c<br \/>\nLeider kann ich diese optimistische Beurteilung f\u00fcr Deutschland derzeit noch nicht abgeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorweg: Die in diesem Artikel verwendeten Informationen haben mir dankenswerterweise Aktive der Union Pacifiste de France (UPF) ((1)) zur Verf\u00fcgung gestellt. Die UPF ist die franz\u00f6sische Sektion der War Resisters\u2018 International (WRI), der u.a. auch die Graswurzelrevolution, die IdK und DFG-VK angeh\u00f6ren. 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