{"id":34165,"date":"2026-06-02T13:46:38","date_gmt":"2026-06-02T11:46:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/06\/statt-krieg-und-staatsterror-frau-leben-freiheit\/"},"modified":"2026-08-01T12:46:35","modified_gmt":"2026-08-01T10:46:35","slug":"statt-krieg-und-staatsterror-frau-leben-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2026\/06\/statt-krieg-und-staatsterror-frau-leben-freiheit\/","title":{"rendered":"Statt Krieg und Staatsterror: Frau, Leben, Freiheit!"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend sich die Lage im Iran durch den Krieg mit Israel und den USA und die Repression des Islamischen Regimes zuspitzt, bleiben die Stimmen der Menschen im Iran von der Au\u00dfenwelt abgeschottet und auch die Solidarit\u00e4tsbewegung im Ausland befindet sich in einer Krise. Eine Krise, die aus der Ohnmacht der Menschen entspringt, mit der Frage \u201eWie kann dieses brutale Regime schnellstm\u00f6glich enden?, und deren Antworten sich um die zentrale Frage drehen: \u201eWo wollen wir gemeinsam hin?\u201c<\/p>\n<p>Im Iran werden diese Fragen vor dem Hintergrund der Lebensrealit\u00e4t der Menschen ausgehandelt. In Europa dr\u00fccken wir unsere Solidarit\u00e4t oft symbolisch aus. Gerade weil hier eine L\u00fccke klafft, sollten wir uns diese Verbindung genauer anschauen. Bei Friedenskundgebungen und den Osterm\u00e4rschen im April 2026 kam es in verschiedenen Orten zu Konflikten, weil Teilnehmer*innen die Flagge des Islamischen Regimes zeigten. In der iranischen Diaspora fragt man sich, wie das nach \u00fcber drei Jahren \u201eFrau, Leben, Freiheit\u201c-Bewegung m\u00f6glich ist.<br \/>\nIraner*innen protestierten oder blieben den Veranstaltungen fern, selbst wenn sie eine Position gegen den Krieg im Iran vertraten.<br \/>\nAuch die Autor*innen dieses Artikels sehen sich unter Druck. Einerseits k\u00e4mpfen wir gegen das Islamische Regime und seinen Einfluss in Europa. Zum anderen wollen viele iranische Monarchist*innen jede oppositionelle demokratische Stimme unterdr\u00fccken, so dass nur eine einzige Alternative bleibt. Zudem fehlt es an der Solidarit\u00e4t aus dem linken Spektrum und der Friedensbewegung, die sich zwar gegen Krieg und Monarchie aussprechen, aber auf Stabilit\u00e4t oder gar antiimperialistischen Widerstand des Regimes hoffen. Wir stehen gegen alle drei Positionen \u2013 und das kostet Nerven!<\/p>\n<p><strong>Die politische Bedeutung von Symbolen in einer konkreten historischen Situation<\/strong><\/p>\n<p>In Zeiten gesellschaftlicher Umbr\u00fcche, insbesondere im Prozess einer sozialen Revolution, sind Fahnen nicht einfach \u201enationale Symbole\u201c, sondern Ausdruck politischer Projekte und von Machtanspr\u00fcchen. Hinter jedem Symbol steht eine bestimmte Vorstellung von einer m\u00f6glichen Zukunft.<\/p>\n<p>Die derzeitige offizielle Fahne des Iran ist kein neutrales Symbol. Sie steht f\u00fcr eine Machtverschiebung im Jahr 1979 \u2013 eine Verschiebung, die sich im Verlauf einer sozialen Revolution und durch das Erstarken einer bestimmten Kraft herausgebildet hat. Sie spiegelt weder damals noch heute den freien Willen der gesamten Gesellschaft wider.<\/p>\n<p>Die Bilanz der Islamischen Republik wird in der Praxis durch breite gesellschaftliche und politische Boykotte \u2013 unter anderem durch die massive Nichtteilnahme an Wahlen \u2013 von einem gro\u00dfen Teil der Gesellschaft im Iran als gescheitert betrachtet.<br \/>\nAuch wenn diese Realit\u00e4t von globalen Machtakteuren ignoriert wird, besitzt dieses (Regierungs-)System innerhalb der Gesellschaft weder echte Legitimit\u00e4t noch breite Akzeptanz. Sein Fortbestand beruht vor allem auf Repression, organisierter Gewalt und internationalen Machtkonstellationen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>W\u00e4hrend sich die Lage im Iran durch den Krieg mit Israel und den USA<\/strong><\/em><br \/>\n<em><strong>und die Repression des Islamischen Regimes zuspitzt, bleiben<\/strong><\/em><br \/>\n<em><strong>die Stimmen der Menschen im Iran von der Au\u00dfenwelt abgeschottet<\/strong><\/em><br \/>\n<em><strong>und auch die Solidarit\u00e4tsbewegung im Ausland befindet sich in einer Krise<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Auch die Fahne mit L\u00f6we, Sonne und Krone ist kein neutrales Symbol, sondern verweist klar auf das Projekt einer R\u00fcckkehr der Monarchie \u2013 einer Monarchie, die durch eine breite gesellschaftliche Erhebung gest\u00fcrzt und historisch \u00fcberwunden wurde, um ihre Wiederkehr zu verhindern. Das Folter-Regime des Schah wurde 1979 durch die Revolution beseitigt. Wir wollen weder eine Neuauflage des Schah-Regimes noch den Erhalt des iranischen Folter-Regimes. Eine Demokratie ist keine Monarchie.<\/p>\n<p>Bei den meisten Menschen im Iran hat das Regime seine Legitimation verloren. Diese Einsch\u00e4tzung beruht nicht auf einer einzelnen Quelle, sondern auf Jahrzehnten von Protesten, Streiks, Aufst\u00e4nden und deren gewaltsamer Unterdr\u00fcckung.<br \/>\nGleichzeitig ist die Gesellschaft nicht einheitlich \u2013 und genau deshalb ist die Frage nach Alternativen von zentraler Bedeutung. Heute existieren unterschiedliche Alternativen, sowohl innerhalb als auch au\u00dferhalb des Landes.<\/p>\n<p>Die iranische Gesellschaft strebt nicht nach einer R\u00fcckkehr in die Vergangenheit und hat sich weitgehend von den beiden historischen Machtformen \u2013 Monarchie und religi\u00f6ser Herrschaft \u2013 entfernt, auch wenn deren \u00dcberreste weiterhin politisch und wirtschaftlich pr\u00e4sent sind und benannt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-34293 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Screenshot-2026-07-31-170734-254x300.jpg\" alt=\"Screenshot 2026 07 31\" width=\"254\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Screenshot-2026-07-31-170734-254x300.jpg 254w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Screenshot-2026-07-31-170734-300x355.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Screenshot-2026-07-31-170734-600x710.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Screenshot-2026-07-31-170734.jpg 677w\" sizes=\"auto, (max-width: 254px) 100vw, 254px\" \/><br \/>\nNeben den Basisbewegungen haben sich in den vergangenen Monaten auch andere Organisationsformen entwickelt. Sechs kurdische iranische Parteien vereinten sich im Februar 2026 zu einer gemeinsamen Koalition.<br \/>\nDie republikanischen Kr\u00e4fte aus demokratisch orientierten Parteien und Organisationen wiederum bildeten einen 35-k\u00f6pfigen Rat (plus Stellvertreter*innen), bestehend einzig aus im Iran lebenden Mitgliedern verschiedener Fraktionen und Str\u00f6mungen, von denen einige aktuell auch im Gef\u00e4ngnis inhaftiert sind. Der Rat, bestehend aus verschiedenen Ethnien, Konfessionen und Weltanschauungen, sei unter Geheimhaltung gegen\u00fcber der EU und den USA bekannt gemacht worden.<br \/>\nEs kommt daher darauf an, nicht in erster Linie die jeweils andere Gruppierung zu diffamieren, sondern sich zu positionieren und Perspektiven f\u00fcr die Zukunft aufzuzeigen.<br \/>\nEine solche Initiative starteten Anh\u00e4nger*innen der Frau, Leben, Freiheit-Bewegung unter dem Motto \u201eSprich von Demokratie\u201c (Az democracy begu), bei der die Menschen ihre Vorstellung und Grundlagen von Demokratie \u00f6ffentlich teilen. Hierf\u00fcr w\u00fcnschen sich die Iraner*innen konkrete Unterst\u00fctzung. Sie machen auf die schwierige Situation der politischen Gefangenen aufmerksam. Zehntausende bleiben im Iran seit Januar 2026 oft unter Folter und unmenschlichen Bedingungen in Haft. Seit Kriegsbeginn wurden \u00fcber 4.000 weitere Menschen unter vorgegebenen Gr\u00fcnden der \u201enationalen Sicherheit\u201c verhaftet, darunter auch Kinder. Die Zahl der Hinrichtungen hat sich dramatisch auf politische Gefangene verschoben, die im M\u00e4rz 70 Prozent all dieser Staatsmorde ausmachten.<\/p>\n<p><strong>Frauensrechtsaktivistinnen in Lebensgefahr<\/strong><\/p>\n<p>Zwei Frauen z\u00e4hlen zu den bekanntesten Oppositionellen im Land. Friedensnobelpreistr\u00e4gerin Narges Mohammadi und Frauenrechtsaktivistin Fatemeh Sepehri sind seit vielen Jahren gegen das Islamische Regime politisch aktiv, wurden immer wieder inhaftiert und befinden sich auch aktuell als Politische Gefangene mit schweren gesundheitlichen Herzleiden in Lebensgefahr. Mohammadi erlitt aktuell einen Herzinfarkt, nachdem ihr medizinische Hilfe verweigert wurde. \u00dcber zehn Jahre ihres Lebens sa\u00df sie im Gef\u00e4ngnis, unter anderem f\u00fcr ihre Arbeit im \u201eDefenders for Human Rights Center\u201c, f\u00fcr die Kampagne gegen die Todesstrafe und die ver\u00f6ffentlichten Berichte zu Folter und sexuellen Missbrauchs in Gef\u00e4ngnissen. Sie weigert sich, ein Kopftuch zu tragen. Im Gegensatz zu Fatemeh Sepehri. Die zumeist tiefschwarz verschleierte Muslimin k\u00e4mpft ebenfalls f\u00fcr Frauenrechte. Sie setzt sich seit 2009 f\u00fcr einen s\u00e4kularen Iran ein und ein Ende der Gender-Apartheid. Sie forderte mehrfach den R\u00fccktritt Ali Khameneis und das Ende des Regimes. Zuletzt wurde sie w\u00e4hrend der \u201eFrau, Leben, Freiheit\u201c-Bewegung 2022 zu 18 Jahren Haft verurteilt. \u00d6ffentlich kritisierte sie die Angriffe der Hamas und Hizbollah auf Israel. Sie wird von Pahlavi-Anh\u00e4n-ger*innen stark unterst\u00fctzt.<br \/>\nIhre pers\u00f6nlichen und politischen Ausrichtungen m\u00f6gen unterschiedlich sein, sie k\u00e4mpfen aber doch gemeinsam gegen ein brutales Regime. Im Jahr 2020 bekr\u00e4ftigten sie ihre gegenseitige Solidarit\u00e4t mit einem gemeinsamen Foto. Es ist nicht unsere Aufgabe, von hier politische Lager zu spalten, sondern zu verlangen, dass diese in einem freien, demokratischen Iran zum Tragen kommen k\u00f6nnen.<br \/>\nVerhandlungen und Sanktionen darf es daher nicht nur \u00fcber internationale Konflikte wie das Atomprogramm oder \u00fcber wirtschaftliche Interessen in der Stra\u00dfe von Hormuz geben. Menschen- und B\u00fcrgerrechte wie die freie Kommunikation \u00fcber Internet mit der Au\u00dfenwelt m\u00fcssen zentrale Bausteine sein. Die Sanktionen treffen h\u00e4ufig die Bev\u00f6lkerung. Die Realit\u00e4t ist komplex: Die Menschen stehen gleichzeitig unter \u00e4u\u00dferem Druck und innerer Repression. Das eine gegen das andere auszuspielen, f\u00fchrt nicht zu einem besseren Verst\u00e4ndnis. Beide wirken zerst\u00f6rerisch. Welches Regime k\u00e4me sonst auf die Idee, in h\u00f6chster Not \u2013 mitten in einem Krieg und einem wirtschaftlichen Niedergang \u2013 den Menschen die M\u00f6glichkeit der Kommunikation und damit Unterst\u00fctzung untereinander zu entziehen? Seit \u00fcber 70 Tagen und einem Gro\u00dfteil des Jahres 2026 bleibt das Internet im Iran blockiert. Das Islamische Regime schottet die Menschen ab und strebt anstelle freien Zugangs nun ein Zwei-Klassen-System an.<br \/>\nEs ist wichtig, gemeinsam gegen die von den USA und Israel gef\u00fchrten Kriege zu protestieren. Grunds\u00e4tzlich lehnen wir Krieg, Militarisierung und hegemoniale Politik ab. Doch die Rolle der Machtstrukturen im Iran bei der Entstehung und Fortsetzung dieser Situation darf nicht ausgeblendet werden. Die Islamische Republik ist auf Krisen und Spannungen angewiesen und tr\u00e4gt im Zusammenspiel mit ihren Gegnern zur Reproduktion dieser Lage in hohem Ma\u00dfe bei.<br \/>\nF\u00fcr uns gibt es nicht nur \u201eeinen\u201c Feind. Es geht um das Zusammenwirken globaler und lokaler Machtstrukturen. Beide m\u00fcssen kritisiert und beiden muss entgegengetreten werden. Wenn wir nur eine Seite sehen und die andere ausblenden, tragen wir ungewollt zur Stabilisierung der bestehenden Verh\u00e4ltnisse bei.<br \/>\nEin Blick auf Pal\u00e4stina, den Libanon, Syrien, Irak, Afghanistan, Libyen, Jemen, Sudan und die Ukraine zeigt, wie Jahrzehnte von Interventionen, Konkurrenz und Kriegen diese Gesellschaften zerst\u00f6rt haben. So unterschiedlich die gesellschaftlichen Bedingungen vor Ort sind, so wirken doch globale, regionale und interne Kr\u00e4fte immer gleichzeitig.<br \/>\nZugleich m\u00fcssen wir ehrlich sein: Unsere eigenen Bem\u00fchungen als solidarische und protestierende Kr\u00e4fte haben bislang keine entscheidende Wirkung entfaltet. Das zeigt die Tiefe des Problems und die Notwendigkeit, unsere Ans\u00e4tze zu \u00fcberdenken.<\/p>\n<p><strong>Solidarit\u00e4t ohne Klarheit ist nicht dauerhaft tragf\u00e4hig<\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir nicht offen \u00fcber unterschiedliche politische Projekte sprechen \u2013 sowohl global als auch innerhalb unserer Gesellschaften \u2013, wenn wir uns auf vereinfachende Gegens\u00e4tze zur\u00fcckziehen, wenn wir bei Kritik stehen bleiben, ohne Alternativen zu entwickeln, dann bleibt diese \u201eEinheit\u201c oberfl\u00e4chlich.<br \/>\nF\u00fcr uns ist die zentrale Frage nicht nur, wogegen wir sind, sondern auch, wof\u00fcr wir stehen:<br \/>\nWelche Art von Freiheit? Welche Form von Demokratie? Welche soziale Gerechtigkeit? Und mit welchen Mitteln wollen wir deren Verwirklichung erm\u00f6glichen?<br \/>\nOhne Antworten auf diese Fragen kann jede kollektive Bewegung in Krisenzeiten in Richtungen abdriften, die ganz andere Ziele verfolgen. Gerade in einer so komplexen Situation brauchen wir mehr Differenzierung und Genauigkeit \u2013 nicht weniger.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend sich die Lage im Iran durch den Krieg mit Israel und den USA und die Repression des Islamischen Regimes zuspitzt, bleiben die Stimmen der Menschen im Iran von der Au\u00dfenwelt abgeschottet und auch die Solidarit\u00e4tsbewegung im Ausland befindet sich in einer Krise. 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