{"id":3500,"date":"2000-10-01T00:00:11","date_gmt":"2000-09-30T22:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3500"},"modified":"2022-07-26T14:16:57","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:57","slug":"rocker-nationalismus-und-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/10\/rocker-nationalismus-und-kultur\/","title":{"rendered":"Rocker: Nationalismus und Kultur"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder ein befreiendes Buch! Eine sch\u00f6ne Ausgabe! Neu gesetzt, in einem Band statt der fr\u00fcheren zweib\u00e4ndigen Ausgaben, mit dem Vorwort zur italienischen \u00dcbersetzung von 1958, das sich f\u00fcr die f\u00f6derative Vereinigung Europas stark macht (und in dem leider nochmals die zeittypische Hoffnung ausgedr\u00fcckt wird, die Atomkraft k\u00f6nne &#8222;ein Werkzeug f\u00fcr die Zwecke des Friedens und der allgemeinen Wohlfahrt werden&#8220; (S. 572). Heiner Becker hat die Bibliographie erg\u00e4nzt und ein instruktives Nachwort \u00fcber Autor und Werk verfasst, geholfen haben bei der sicherlich teuren Realisierung des Projekts das Libert\u00e4re Kultur- und Aktionszentrum Hamburg und die FAU Hamburg. Da k\u00f6nnen wir gratulieren und dem Buch eine weite Verbreitung w\u00fcnschen!<\/p>\n<p>Die Auswahl-Bibliographie der Schriften von und \u00fcber Rocker ist sehr n\u00fctzlich und zeigt den Internationalisten Rocker, auch wenn sich \u00fcber die zweckm\u00e4\u00dfige Ordnung der Titel streiten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Was nun vielleicht fehlt, kann und sollte durch die \u00f6ffentliche Diskussion der LeserInnen erarbeitet und erg\u00e4nzt werden. Dazu w\u00fcrde vor allem der inhaltliche Vergleich mit anderen Kritiken des Nationalismus geh\u00f6ren, etwa mit Hobsbawm.<\/p>\n<p>Mir scheint der Vergleich mit Ernest Gellners \u00dcberlegungen zum Nationalismus interessant. Gellner geht wie Rocker davon aus, dass nicht Nationen Staaten bilden, sondern eher Staaten und M\u00f6chtegern-Staaten Nationen. Gellner verwendet aber nicht wie Rocker einen emphatisch-normativen Kultur-Begriff, die Begrifflichkeit von &#8222;Kultur&#8220; kann nat\u00fcrlich kritisch betrachtet werden ((2)).<\/p>\n<p>Was Zygmunt Bauman \u00fcber die vereinheitlichende Gewalt der Moderne geschrieben hat, seine Soziologie des Fremden, geh\u00f6rt auch unbedingt in eine Diskussion von Rockers \u00e4lteren Ans\u00e4tzen. Denn die zwanghafte Einheit, Disziplin, Gewalt der Nationalstaaten und damit der Ausschluss der Nicht-Dazugeh\u00f6rigen und ihre Verfolgung, auch die Bestimmung des Feindes als Wesen der Politik (Carl Schmitt) sind mit nationalistischen Bewegungen und Weltanschauungen immer verbunden.<\/p>\n<p>In Rockers Buch gibt es auch Aussagen, die zun\u00e4chst nicht in die neoliberale Welt zu passen scheinen, er hat die Drohung umfassender Verstaatlichung vor Augen, was angesichts seiner Erfahrungen und der Entstehungszeit des Buches nicht verwundert. Das Buch ist m.E. aber gerade deshalb geeignet, auf die Gefahren hinzuweisen, die \u00fcberall da drohen, wo der sch\u00f6ne Schein \u00f6konomischer Prosperit\u00e4t zerbricht. Es bietet eine umfassende Kritik aller Rechtfertigungen f\u00fcr Machtpolitik, aller Staatsphilosophie. Dabei sind aber auch die Differenzen, etwa zwischen Liberalismus und Demokratie, die Rocker nachdr\u00fccklich herausarbeitet (S.137ff) f\u00fcr konkrete Politiken sehr wichtig: Der Liberalismus geht vom Einzelnen aus, die Demokratie von Rousseaus &#8222;Volont\u00e9 g\u00e9n\u00e9rale&#8220;, dem allgemeinen Willen, der nicht identisch ist mit dem Willen der einzelnen, von einem Kollektivbegriff, dem die konkreten Freiheiten Einzelner und ganzer Gruppen geopfert werden (S. 154ff). Insofern schlie\u00dft in Rockers Konzeption der Anarchismus an den Liberalismus an, ist dessen konsequente Verwirklichung. Rocker entwickelt seine Thesen an einem reichen historischen Material (sehr gut ist das Kapitel \u00fcber die Reformation, das deutlich die freiheitlichen und die autorit\u00e4ren Tendenzen gegen\u00fcberstellt; hier wurden f\u00fcr die deutsche Trag\u00f6die in der Niederlage der aufst\u00e4ndischen Bauern und ketzerischen Christen Vorentscheidungen getroffen). Die deutsche Philosophie und Literatur wird auf ihre etatistischen und nationalistischen Gehalte kritisch gemustert.<\/p>\n<p>Die (traurige) Aktualit\u00e4t des Buches ((3)) steht au\u00dfer Zweifel, denn die Renaissance der Nationalismen ist sicher eine der bedr\u00fcckendsten Erfahrungen der letzten Jahre, und das weltweit.<\/p>\n<p>Viele von uns werden sich erinnern, wie 1977 die Ausgabe, die im Bremer Impuls-Verlag herauskam, diskutiert wurde. Dass das Format der beiden B\u00e4nde nicht ganz \u00fcbereinstimmte und der erste Band auf grauem Umweltschutzpapier, der zweite auf wei\u00dfem gedruckt war, machte alles nichts, es kam ja auf den Inhalt an.<\/p>\n<p>Schnell f\u00fcllten sich die Seitenr\u00e4nder mit Ausrufezeichen!!! &#8222;Genau, genau!&#8220; Das Rocker-Buch wurde schnell als Munition gebraucht und etwa in unserer Schrift zur G\u00f6ttinger Mescalero-Aff\u00e4re &#8222;Feldz\u00fcge f\u00fcr ein sauberes Deutschland&#8220; zitiert (S. 32): &#8222;Schon damals [n\u00e4mlich w\u00e4hrend der Hussitenkriege S.M.] zeigte es sich, dass eine revolution\u00e4re Volksbewegung, wenn sie durch fremde oder eigene Schuld in einen l\u00e4ngeren Krieg verwickelt wird, durch die Verh\u00e4ltnisse selbst dazu kommen mu\u00df, ihre urspr\u00fcnglichen Bestrebungen aufzugeben, weil die milit\u00e4rischen Anforderungen alle gesellschaftlichen Kr\u00e4fte restlos f\u00fcr sich verbrauchen und damit jede sch\u00f6pferische Bet\u00e4tigung f\u00fcr die Entwicklung neuer Gesellschaftsformen zunichte machen. Nicht blo\u00df, dass der Krieg im allgemeinen verheerend auf die Natur des Menschen wirkt, indem er fortgesetzt an seine brutalsten und grausamsten Triebe appelliert, die milit\u00e4rische Disziplin, die er erfordert, erstickt auch jede freiheitliche Regung &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Wir suchten und fanden vor allem eine Best\u00e4tigung unserer Sozialismus-Auffassung, eine antiautorit\u00e4re, antimilitaristische und f\u00f6deralistische Konzeption ((4)), die sich damals ununterbrochen in Rechtfertigungszwang gegen\u00fcber marxistisch-leninistischen und reformistischen Parteien sah. Wir waren permanent mit der &#8222;\u00f6konomischen Geschichtsauffassung&#8220; konfrontiert und dementsprechend begeistert von einer anderen Konzeption, die mit einem weiten historischen Horizont argumentierte, viele Motive und Gestalten einer Geschichte von unten (die Leveller, La Boetie, Thomas M\u00fcnzer &#8230;) und zudem Motive, die uns von Bakunin oder Landauer her vertraut waren, aufnahm. Die Anspielungen an beide sind deutlich; die Grundkonzeption, dass die politische Macht im Religi\u00f6sen wurzelt, ist bakunistisch, das Aufblicken zu einer \u00fcberlegenen Gewalt der Kern der Misere &#8222;nur dass die heutigen Tr\u00e4ger der Macht vielfach bestrebt sind, den religi\u00f6sen Verehrungsdrang ihrer B\u00fcrger ausschlie\u00dflich auf den Staat zu konzentrieren&#8230;&#8220; (S. 47). Und im kleinsten Machtgebilde ist latent der Wille zur Weltherrschaft verborgen (S. 54), das paraphrasiert Bakunin. Rocker geht jedoch in seiner Kritik des Nationalismus wesentlich weiter als die \u00e4lteren anarchistischen Theoretiker, und meiner Ansicht nach hat das einen Grund, der mir heute klarer ist als damals: Der erste Weltkrieg hatte die katastrophal-barbarischen Konsequenzen des Nationalismus auf den Schlachtfeldern bewiesen. Rockers Buch ist gegen die &#8222;Ideen von 1914&#8220; geschrieben, die fast die gesamte deutsche Intelligenz chauvinistisch produzierte (denken wir an Thomas Manns &#8222;Betrachtungen eines Unpolitischen&#8220;) ((5)). Die Entscheidung zwischen Autorit\u00e4t und Freiheit, Zentralismus und F\u00f6deralismus stellt sich nach den &#8222;letzten Tagen der Menschheit&#8220; wesentlich sch\u00e4rfer. Diesen Zusammenhang konnten wir in den siebziger Jahren nicht so ganz erfassen, weil uns die Erfahrung fehlte, dass S\u00e4tze wie Rocker sie etwa von Ernst Moritz Arndt oder Heinrich von Kleist (um hier nicht von den Nazis und ihren unmittelbaren Vorl\u00e4ufern zu reden) zitiert ernst genommen und handlungsleitend werden k\u00f6nnten. Rocker war w\u00e4hrend seiner ganzen Zeit in Deutschland 1919 bis 1933 ununterbrochen mit jenen Korpsstudenten und Femem\u00f6rdern, Saalschlachthelden und Antisemiten konfrontiert, die sich als Tr\u00e4ger einer h\u00f6heren Kultur gegen die welsche Zivilisation, gegen &#8222;entartete&#8220; Kunst und &#8222;undeutsche&#8220; Literatur sahen. Deren Ideologien aber waren f\u00fcr viele erst nach einem zweiten Weltkrieg nicht mehr glaubw\u00fcrdig. Die Gefahr besteht, dass eine neue Generation ohne Erinnerung an den Bombenkrieg, aber durch Leistungsideologie auf Durchsetzung eigener Interessen ohne R\u00fccksicht gedrillt, den soldatischen Mann und den nationalen Opfergang ihrem durchindustrialisierten Geh\u00e4use der H\u00f6rigkeit vorziehen k\u00f6nnte, etwa wie die Generation, die 1914 ihren &#8222;Aufbruch&#8220; erlebte.<\/p>\n<p>Die politische Macht der Minderheiten, die Mehrheiten durch nationalistische Ideologie und Praxis f\u00fcr sich mobil machen, kann durch gegenseitige Hilfe und individuelle Verantwortlichkeit, die sich in transnationaler Solidarit\u00e4t entwickelt, gebrochen werden. Letztlich ist der Sozialismus eine Kulturfrage, und Rockers Buch macht, trotz alledem, Hoffnung. Zugleich entstehen aber auch Gedanken der Trauer: Was h\u00e4tte aus dem Sozialismus seit seinen Anf\u00e4ngen werden k\u00f6nnen, wenn er antiautorit\u00e4r, f\u00f6deralistisch und gro\u00dfz\u00fcgig begonnen worden w\u00e4re. Auch das Ende des b\u00fcrokratischen Sozialismus best\u00e4tigt Rocker: er ging zugrunde an seiner Erstickung individueller Initiative, an seiner Unf\u00e4higkeit zu einer Kultur, die menschliche Bed\u00fcrfnisse sich selbst organisieren l\u00e4sst. Am Ende des &#8222;real existierenden&#8220; Staatskapitalismus blieb den herrschenden Klassen der B\u00fcrokratie nur eine Entscheidung: An den Nationalismus zu appellieren, um ihre Macht zu sichern (wie es Milosevic machte) oder von anderen Nationalisten ersetzt zu werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder ein befreiendes Buch! Eine sch\u00f6ne Ausgabe! 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