{"id":3505,"date":"2000-10-01T00:00:08","date_gmt":"2000-09-30T22:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3505"},"modified":"2022-07-26T14:16:58","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:58","slug":"ein-buch-fur-schatzsuchende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/10\/ein-buch-fur-schatzsuchende\/","title":{"rendered":"Ein Buch f\u00fcr Schatzsuchende"},"content":{"rendered":"<p>Die in &#8218;Gewaltfreier Anarchismus&#8216; versammelten Beitr&auml;ge                 sind im Zusammenhang mit der K&ouml;lner Tagung &#8218;Anarchistischer                 Herbst&#8216; im Oktober 1997 entstanden. Eingeladen hatte damals die                 Redaktion der &#8218;Graswurzelrevolution&#8216;, um das 25j&auml;hrige Bestehen                 ihrer Zeitung zu feiern und &uuml;ber Perspektiven des gewaltfreien                 Anarchismus zu diskutieren.<\/p>\n<p>Die Frustration &uuml;ber den Staat und die herrschende Politik                 hat dem Anarchismus bisher keinen Aufschwung beschert. Die vielf&auml;ltigen                 und unterschiedlichen Aufs&auml;tze des Buches kreisen um die                 Frage, wie anarchistische Analysen und L&ouml;sungskonzepte auf                 die aktuellen Probleme bezogen werden k&ouml;nnen. So gro&szlig;                 das Thema, so vielf&auml;ltig die Themen, bei denen die AutorInnen                 versuchen den Anarchismus zu aktualisieren und zu erneuern: &uuml;ber                 den NATO-Krieg gegen Jugoslawien, &uuml;ber die Frauenbewegung                 und den Staat, &uuml;ber libert&auml;ren Kommunalismus und die                 Agenda 21, &uuml;ber B&uuml;rokratie und Globalisierung, bis hin                 zur Beziehung von moderner Kunst und Anarchismus.<\/p>\n<p>Leider gef&auml;llt mir das Buch insgesamt nicht. Beeindruckend                 ist schon das umfangreiche Wissen um Theorien und Geschichte und                 das intellektuelle Niveau, was sich in manchen der Beitr&auml;ge                 findet. Aber schwer theoriebelastet stellt sich ein Vergn&uuml;gen                 am Lesen selten ein. Das liegt nun allerdings nicht nur an der                 literarischen Qualit&auml;t der Texte. Uns gewaltfreien AnarchistInnen                 fehlen Ideen und Entw&uuml;rfe, mit denen wir unsere Isolation                 und Erstarrung im guten Gewissen (Rudolf de Jong, S. 179) durchbrechen                 und NachbarInnen und KollegInnen neugierig auf uns machen k&ouml;nnten.                 Ich nehme mich von dieser Kritik nicht aus, bin ich doch von den                 HerausgeberInnen vergeblich um einen Artikel f&uuml;r dieses Buch                 gebeten worden und h&auml;tte es nicht besser gekonnt.<\/p>\n<p>&Auml;rgerlich wird es allerdings, wenn theoretisch geleitetes                 Schreiben uns noch weiter von &#8222;Naivit&auml;t und Realismus&#8220; (de                 Jong) wegbringt. Beispielhaft veranschaulichen will ich dies an                 dem einleitenden Beitrag des Buches, der der Frage nachgeht, warum                 der Widerstand gegen den NATO-Kriegseinsatz im Kosovo so klein                 war. Der Autor leitet aus einer Analyse der &#8218;postmodernen Bedingungen                 westlicher Kriegsf&uuml;hrung'(S. 10) ab, dass Aufrufe zur Desertion                 ins Leere gingen. Die einfache Wahrheit, wie wertvoll in dieser                 bedr&uuml;ckenden Situation jedes &#8218;Nein&#8216; gegen den Krieg war und                 wie wichtig die &ouml;ffentliche Auseinandersetzung um die Legitimation                 von Kriegsverweigerung ist, ist dem Verfasser in seinen Analysen                 verloren gegangen.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit der wichtigen Frage, wie wir durch die Medien                 in unserer Emp&ouml;rung &uuml;ber Menschenrechtsverletzungen                 manipuliert werden, stolperte ich &uuml;ber den verungl&uuml;ckten                 Satz, dass &#8222;mittels Greueln und Massakern wie &#8218;Sarajevo&#8216;, &#8218;Srebrenica&#8216;                 usw. Betroffenheit erzeugt (und) gesteuert &#8230; werden.&#8220; (S. 13).                 Mir scheint der Verfasser verbaut sich hier durch ein Denken in                 strategischen Kategorien sein eigenes Mitf&uuml;hlen und -leiden                 mit den Opfern der Gewalt.<\/p>\n<h3>Lohnt sich das Buch trotzdem?<\/h3>\n<p>Ja, empfehlen m&ouml;chte ich die Lekt&uuml;re von &#8218;Gewaltfreier                 Anarchismus&#8216; f&uuml;r SchatzsucherInnen. Denn wer die M&uuml;he                 der Lesearbeit nicht scheut, wird manche versteckte Sch&auml;tze                 anarchistischen Denkens heben k&ouml;nnen. Meine ganz pers&ouml;nlichen                 Fingerzeige weisen etwa auf a) die Kritik der kollektiven Identit&auml;t,                 mit der unterdr&uuml;ckte Gruppen sich selbst behaupten, die aber                 dem Ziel einer befreiten Individualit&auml;t entgegensteht. (S.                 42ff); b) das Nachdenken dar&uuml;ber, was wir vom &#8218;freien Menschen&#8216;                 noch erwarten k&ouml;nnen, wenn wir anerkennen, dass es Menschen                 mit freiem Willen waren, die sich daf&uuml;r entschieden haben,                 die Greuel des Holocaust zu begehen. (S. 83ff); c) die kritische                 Nachfrage, ob Gesetze, Geldbu&szlig;en und Freiheitsstrafen gegen&uuml;ber                 der in staatenlosen Gesellschaften praktizierten &Auml;chtung                 oder gar Vertreibung vielleicht die menschlichere Alternative                 sind, um vereinbarte Regeln durchzusetzen. (S. 165); d) die sch&ouml;ne                 Aufforderung: &#8222;K&uuml;mmern wir uns um die alten Menschen, die                 wir lieben, nicht nur um AnarchistInnen, sondern auch um NachbarInnen,                 Omas und Opas.&#8220; (S. 161)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die in &#8218;Gewaltfreier Anarchismus&#8216; versammelten Beitr&auml;ge sind im Zusammenhang mit der K&ouml;lner Tagung &#8218;Anarchistischer Herbst&#8216; im Oktober 1997 entstanden. Eingeladen hatte damals die Redaktion der &#8218;Graswurzelrevolution&#8216;, um das 25j&auml;hrige Bestehen ihrer Zeitung zu feiern und &uuml;ber Perspektiven des gewaltfreien Anarchismus zu diskutieren. 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