{"id":3512,"date":"2000-10-01T00:00:02","date_gmt":"2000-09-30T22:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3512"},"modified":"2022-07-26T14:16:58","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:58","slug":"wo-der-staat-beginnt-endet-die-freiheit-des-individuums-und-umgekehrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/10\/wo-der-staat-beginnt-endet-die-freiheit-des-individuums-und-umgekehrt\/","title":{"rendered":"&#8220; &#8230; wo der Staat beginnt, endet die Freiheit des Individuums, und umgekehrt.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der im September 2000 erschienene Band 6 aus der Reihe &#8222;Klassiker der Sozialrevolte&#8220; pr\u00e4sentiert zwei Texte Michael Bakunins (1814-1876), die f\u00fcr heutige Diskussionen gleich in mehrfacher Hinsicht Neues und Inspirierendes zu bieten haben: Bakunins Rede auf dem Gr\u00fcndungskongress der Friedens- und Freiheitsliga in Genf vom 10. September 1867 (S. 17-21) und seine zu derselben Zeit und aus gleichem Anlass entstandene Abhandlung &#8222;Die revolution\u00e4re Frage. F\u00f6deralismus, Sozialismus, Antitheologismus&#8220; (S. 23-164).<\/p>\n<p>F\u00fcr die editorische Betreuung zeichnet in Wolfgang Eckhardt verantwortlich. ((2)) Mit seiner informativen Einleitung (S. 7-15) und dem detaillierten Anmerkungsapparat liefert er eine f\u00fcr das tiefergehende Verst\u00e4ndnis unentbehrliche Einordnung in die historischen Zusammenh\u00e4nge wie in die Werkgeschichte Bakunins. Das Gelingen des anspruchsvollen Projektes verdankt sich weiterhin der Mitarbeit von Michael Halfbrodt, der mit einer kongenialen \u00dcbertragung aus den franz\u00f6sischen Originalen einmal mehr eine sprachliche Kompetenz an den Tag legt, die nicht nur im Kontext der libert\u00e4ren Publizistik ihresgleichen sucht. ((3))<\/p>\n<p>Im Ergebnis ihrer Kooperation ist es Herausgeber und \u00dcbersetzer mit dieser deutschen Erstausgabe gelungen, einen in unserem Sprachraum noch ungehobenen Schatz anarchistischer Theoriebildung zu bergen. Mit Bakunins erstmaligem Versuch, seiner Vision von einer internationalen sozialen Revolution eine abschlie\u00dfende Form zu geben, k\u00f6nnen wir hier einer Sternstunde in der Ideengeschichte des Anarchismus beiwohnen. Gerade, da\u00df er mit der europ\u00e4ischen &#8222;Friedens- und Freiheitsliga&#8220; einen politisch keineswegs homogenen und schon gar nicht mehrheitlich sozialrevolution\u00e4ren Adressaten vor sich hat, f\u00fchrt Bakunin bei der Fundierung seiner freiheitlichen Anschauungen bis an deren argumentative Wurzeln heran. Damit erreichen seine Ausf\u00fchrungen \u00fcber weite Strecken ein politiktheoretisches Niveau von einmaliger Qualit\u00e4t und inhaltlicher Systematik.<\/p>\n<p>Im Laufe seiner brillanten Demontage autorit\u00e4rer Gesellschaftskonzepte &#8211; ob sie nun vom Prinzip des Zentralismus ausgehen, sich auf die Staatstheorie vom sog. &#8222;Gesellschaftsvertrag&#8220; berufen oder religi\u00f6s motiviert sind &#8211; st\u00f6\u00dft Bakunin zielbewusst bis an die auch heute noch wirksamen Legitimationsversuche f\u00fcr die Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen vor. In analytischer Treffsicherheit sch\u00e4lt er als deren ideologisches Credo letzter Instanz &#8222;das Prinzip der <em>Autorit\u00e4t<\/em>&#8220; heraus, &#8222;das hei\u00dft, jene im h\u00f6chsten Ma\u00dfe theologische, metaphysische, politische Idee, da\u00df die Massen <em>immer<\/em> unf\u00e4hig sein werden, sich selbst zu regieren, und deshalb auf ewig das wohlt\u00e4tige Joch einer Weisheit und einer Gerechtigkeit werden tragen m\u00fcssen, das ihnen auf die eine oder andere Weise von oben auferlegt wird&#8220; (S. 140). Diesen nur allzuoft uneingestandenen Ausgangspunkt aller politologischen Diskurse in den Blickpunkt der kritischen Reflektion ger\u00fcckt zu haben, ist von bleibendem Verdienst. Zumal Bakunin genau an dieser Stelle die Weiche umstellt und ebenso leidenschaftlich wie wohlbegr\u00fcndet sein antiautorit\u00e4res Konzept einer umfassenden individuellen Befreiung und gesellschaftlichen Selbstorganisation entfaltet.<\/p>\n<p>Dem Prinzip der Staatlichkeit mit ihren zentralistischen und b\u00fcrokratischen Gewaltstrukturen setzt er das Modell eines konsequent zu Ende gedachten F\u00f6deralismus entgegen: &#8222;Das Recht auf freie Vereinigung und ebenso freie Abspaltung ist das erste, das wichtigste aller politischen Rechte&#8220; (S. 34). Interessanterweise hat Bakunins Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen vollst\u00e4ndigen Abbau aller sozialen Zwangsverh\u00e4ltnisse in diesem Zusammenhang eine ausgesprochen antimilitaristische Note. Allein in einer lebendig vielgestaltigen, ebenso spontanen wie offenen Neustrukturierung des gesellschaftlichen Lebens von &#8222;unten&#8220;, von der Basis autonomer Initiativen, freier Kommunen und Gemeinden her, mit einem Wort: allein in der Anarchie, k\u00f6nnen sich nach Bakunin die dauerhaften Bedingungen eines internationalen Friedens verwirklichen. Seine diesbez\u00fcglichen Einsichten in den fatalen Teufelskreis von staatlicher Gewalt nach innen, Nationalismus und milit\u00e4rischer Expansion nach au\u00dfen geh\u00f6ren zum St\u00e4rksten, was von anarchistischer Seite bisher zur Dialektik von Staat, Militarismus und Krieg gesagt wurde.<\/p>\n<p>Einen weiteren Schwerpunkt bildet Bakunins eingehende Auseinandersetzung sowohl mit den sozialen Verheerungen kapitalistisch strukturierter \u00d6konomie als auch mit den in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Schulen des Staatssozialismus. Sein Fazit, &#8222;da\u00df Freiheit ohne Sozialismus Privilegienwirtschaft und Ungerechtigkeit bedeutet; und da\u00df Sozialismus ohne Freiheit Sklaverei und Brutalit\u00e4t ist&#8220; (S. 62) hat auch 133 Jahre sp\u00e4ter nichts von seiner Aktualit\u00e4t verloren. Mit seiner Kritik an der Staatsfixiertheit und &#8222;Reglementierungswut&#8220; (S. 48) der autorit\u00e4ren Sozialisten nimmt Bakunin den kurze Zeit sp\u00e4ter eskalierenden und in seinen Folgen f\u00fcr die internationale Arbeiterbewegung epochalen Zusammensto\u00df mit Karl Marx und dessen J\u00fcngern inhaltlich bereits vorweg: &#8222;Sie hatten nicht begriffen, da\u00df wir zwar die grundlegenden Prinzipien der zuk\u00fcnftigen Entwicklung darlegen k\u00f6nnen, da\u00df wir aber die praktische Umsetzung dieser Prinzipien den Erfahrungen der Zukunft \u00fcberlassen m\u00fcssen&#8220; (S. 47f.).<\/p>\n<p>Hier bricht sich eine undogmatische Haltung Bahn, die aus dem Rohstoff des spontan sich entfaltenden Lebens zehrt und auf wohltuende Weise die starren Raster ideologischer Verengungen sprengt. In diesem Sinne ist in dem bemerkenswerten Buch noch viel f\u00fcr unsere Tage zu entdecken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der im September 2000 erschienene Band 6 aus der Reihe &#8222;Klassiker der Sozialrevolte&#8220; pr\u00e4sentiert zwei Texte Michael Bakunins (1814-1876), die f\u00fcr heutige Diskussionen gleich in mehrfacher Hinsicht Neues und Inspirierendes zu bieten haben: Bakunins Rede auf dem Gr\u00fcndungskongress der Friedens- und Freiheitsliga in Genf vom 10. 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