{"id":3514,"date":"2000-10-01T00:00:46","date_gmt":"2000-09-30T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3514"},"modified":"2022-07-26T13:45:09","modified_gmt":"2022-07-26T11:45:09","slug":"anarchistische-poesie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/10\/anarchistische-poesie\/","title":{"rendered":"Anarchistische Poesie"},"content":{"rendered":"<p>Hach, ist das sch\u00f6n!<\/p>\n<p>Und dabei ist es mit Lyrik gemeinhin so eine Sache. Hans Magnus Enzensberger hat einmal geschrieben, lesen wolle Gedichte niemand. Nur schreiben. Und so fehlt es auf dem deutschen Buchmarkt nicht an fremd &#8211; und selbstverlegten Peinlichkeiten: Hier ruft die Seele eines \u00e4sthetischen Pflegefalles mit lyrischer Inkontinenz nach Zuwendung, dort werden drei, vier Worte auf den R\u00fccken gedreht und strampeln hilflos durch seitenweise <em>literarische Avantgarde<\/em>, und wer in einem sanierungsbed\u00fcrftigen Haus wohnt und eine Ratte in der Klosch\u00fcssel findet, tr\u00e4gt gleich das <em>&#8222;Soziale&#8220;<\/em> in die deutsche Dichtung. Wer mir nicht glauben will, mag sich einmal umtun bei Social Beat und anderen Unm\u00f6glichkeiten&#8230;<\/p>\n<p>Sollen dar\u00fcber hinaus noch <em>&#8222;zwei von der b\u00fcrgerlichen Entwicklung fein s\u00e4uberlich getrennte Denkbereiche, Literatur und Politik&#8220;<\/em> zusammengebracht werden, wird gar <em>&#8222;libert\u00e4re Poesie&#8220;<\/em> versprochen, k\u00f6nnte sich das misstrauische Wiegen des Kopfes zum Sch\u00fctteln steigern: <em>&#8222;Anarchistische Literatur? Nein danke, die ist mir zu M\u00fchsam.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Nichts von alledem! Das im Frankfurter Kleinverlag Edition AV 88 erschienene Buch von Ralf Burnicki und Michael Halfbrodt, <em>&#8222;Die Wirklichkeit zerrei\u00dfen wie einen misslungenen Schnappschu\u00df.&#8220;<\/em>, ist eine kleine literarische Perle. Es hadelt sich um keine Anthologie, sondern um ein richtiges Gedichtb\u00e4ndchen, 103 Seiten stark, das Halfbrodt und Burnicki, je zur H\u00e4lfte, mit eigenen Texten f\u00fcllen. Niemand sollte sich vom zwar informativen, aber trockenen und umst\u00e4ndlichen Duktus des Vorwortes abschrecken lassen. Halfbrodt und Burnicki greifen unbek\u00fcmmert und mit beiden H\u00e4nden in den Fundus aus Bild und Sprache. Geschrieben wird ohne Netz und doppelten Boden, opulent, verschwenderisch und stets mit vollem Risiko. Gemeinsam ist beiden, bei aller Unterschiedlichkeit, <em>&#8222;der entfesselte Blick&#8220;<\/em> auf die Herrschaft der Zust\u00e4nde und die Suche nach einer Poesie, der keine Gliedma\u00dfen fehlen und die ideologische Kr\u00fccken deshalb nicht braucht.<\/p>\n<p>In <em>&#8222;Nieder. Poem zur deutschen Nation und zum deutschen Nationalismus von der Reichsgr\u00fcndung bis zur Gegenwart&#8220;<\/em> (S.17-35) pr\u00e4sentiert Halfbrodt eine im wahrsten Sinne des Wortes <em>&#8222;verdichtete&#8220;<\/em> Geschichte jenes Landes, das <em>&#8222;Vaterland&#8220;<\/em> hei\u00dft. Ein enormes Prosa-Gedicht, eine w\u00fctende Verspolemik gegen Wirkung und Wirklichkeit deutscher Tradition, f\u00fcr die die zornigsten der fraz\u00f6sischen Surrealisten Pate standen: <em>&#8222;In vertikalen Gettos aufgestapelte Steuerzahler schlucken ihre in Fahndungsplakaten verpackten Schlaftabletten und w\u00fcnschen ihrem Farbfernseher und ihrer Couchgarnitur eine gesegnete Nachtruhe&#8220; <\/em>(S.24\/25). Das Gedicht ist eine einzige, gro\u00dfe Satzperiode; und durch diesen Kunstgriff rast die Zeit dahin, atemlos und ohne innezuhalten. Walter Benjamins <em>&#8222;Engel der Geschichte&#8220;<\/em> ist auf dem Weg ins kommende Jahrtausend. Politische Polemik und dichterische Form fallen in eins.<\/p>\n<p>Manch grimmiges Bildgeschoss mag zwar, mit allzu- viel Adjektiven beladen, schon vor dem Ziel wieder zur Erde sinken. Das spricht aber nur f\u00fcr den k\u00fcnstlerischen Mut des Autors, und f\u00fcr jede schw\u00e4chere Stelle wird postwendend entsch\u00e4digt, zum Beispiel <em>&#8222;wenn die an Wackelkontakten leidenden Staatssekret\u00e4re<\/em> (&#8230;)<em> in Zweizimmers\u00e4rgen mit eingebauter Scheintotenklingel wohnen&#8220;<\/em>. (S.24)<\/p>\n<p>Ralf Burnicki stellt neun Texte aus seinem schon 1996 bei Edition Blackbox (Bielefeld) erschienenen Band <em>&#8222;Stadtschluchten&#8220;<\/em> vor. Und obwohl auch hier<em> <\/em>nicht jeder Text genial sein kann, mu\u00df sich Burnicki keineswegs hinter seinem bielefelder Dichterkollegen verstecken &#8211; im Gegenteil. Burnickis <em>&#8222;Stadtschluchten&#8220;<\/em> sind Stadt<em>wanderungen<\/em>; ein Spaziergang von Wahrnehmung und Assoziation durch die Stadt, in der viele St\u00e4dte Platz haben; die Stadt, von der man nie wirklich wei\u00df, ob sie nicht eigentlich im eigenen Kopf errichtet wurde; die nur durch das eigene Blut, die eigenen Tr\u00e4ume erw\u00e4rmt wird (In Burnickis Gedicht <em>&#8222;Stau&#8220;<\/em> z. B. werden K\u00f6rper und Karosserie praktisch eins). Der <em>&#8222;entfesselte Blick&#8220;<\/em> ist der des Beobachtenden nach Innen und Au\u00dfen. Auch hier also keine gereimte Schulstunde, kein Zeigefinger, keine Belehrung: das <em>&#8222;Libert\u00e4re&#8220;<\/em> ist die Art des Schauens &#8211; und die Art des Schreibens:<em>&#8222;Es sollte anders werden. Der Fr\u00fchling, Hausbesetzer alten Schlages, war in den Norden eingestiegen, riss ihm alle Fenster auf und h\u00e4tte noch fast die Zukunft instandbesetzt, w\u00e4ren da nicht einige N\u00e4chte aufmarschiert mit ihrem tiefsten Blaulicht und Schlagst\u00f6cken aus Wind und h\u00e4tten s\u00e4mtliche Ansichten ger\u00e4umt. Doch der Fr\u00fchling kam wieder mit seinen sonnigsten Kumpels und Kumpaninnen, den pr\u00e4chtigsten Mittagen, ellenlangen Bekannten, die beinahe von fr\u00fch bis sp\u00e4t reichten. Und w\u00e4hrend sie den Stra\u00dfen ins Kreuz fielen, wurden den G\u00e4rten die buntesten Grafittis gespr\u00fcht&#8220; <\/em>(S.71).<\/p>\n<p>Burnicki kann es auch direkt und geradeheraus, wie in <em>&#8222;Liebe Luxus Kapitalismus&#8220;<\/em> (S.90) oder dem hinrei\u00dfenden <em>&#8222;Anarchie braucht keine Hosentr\u00e4ger&#8220;<\/em>.(S.98), einem Gedicht, das den mit allen Stowassern gewaschenen Linken zu Einkehr und Bereicherung dienen mag. Und dann, ja dann w\u00e4re da noch <em>&#8222;No Limits&#8220; <\/em>(S.68), ein Liebesgedicht, so traumhaft sch\u00f6n und sicher, da\u00df ich mir vorgenommen habe, es zu kopieren und in meinem Zimmer an die Wand zu h\u00e4ngen &#8211; neben Kurt Schwitters <em>&#8222;Anna Blume&#8220;<\/em> nat\u00fcrlich:<em> &#8222;Komm zu mir und bring all Deine \u00dcberraschungen mit (&#8230;)&#8220;<\/em> (S.67).<\/p>\n<p>Was von Halfbrodt und Burnicki geboten wird, ist k\u00fcnstlerisch wie inhaltlich auf lauwarme Solidarit\u00e4tsbekundungen nicht angewiesen. Es wird Literatur gemacht. Eigenst\u00e4ndige Literatur. Sch\u00f6ne Literatur. Anarchistische Literatur. Toll!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hach, ist das sch\u00f6n! Und dabei ist es mit Lyrik gemeinhin so eine Sache. Hans Magnus Enzensberger hat einmal geschrieben, lesen wolle Gedichte niemand. Nur schreiben. 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