{"id":3518,"date":"2000-10-01T00:00:24","date_gmt":"2000-09-30T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3518"},"modified":"2022-07-26T14:26:24","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:24","slug":"pterodactylus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/10\/pterodactylus\/","title":{"rendered":"Pterodactylus"},"content":{"rendered":"<p>Die 74-j\u00e4hrige feministische Schriftstellerin und Journalistin Mahasweta Devi hat sich ihr Leben lang mit den Lebensbedingungen der Armen in Indien auseinandergesetzt. Insbesondere die Lebensformen der indischen sogenannten &#8218;Stammesgesellschaften&#8216;, der Adivasis, stehen im Zentrum ihres journalistischen Interesses und Engagements. Mahasweta Devi genie\u00dft in Indien hohes Ansehen und erhielt f\u00fcr ihre Werke mehrfach bedeutende Auszeichnungen und Literaturpreise. &#8222;Pterodactylus&#8220;, bereits 1987 in Calcutta im Original ver\u00f6ffentlicht, ist \u00fcberhaupt ihr erster in deutscher Sprache ver\u00f6ffentlichter Roman.<\/p>\n<p>Der Roman versinnbildlicht, wie sie selbst sagt, &#8222;die Quintessenz ihrer Erfahrung mit den St\u00e4mmen. (&#8230;) Die Geschichte des Pterodactylus will aufzeigen, was der gesamten Welt der Stammesv\u00f6lker in Indien angetan wurde.&#8220; (S. 192) Jeder dieser St\u00e4mme ist gleicherma\u00dfen ein Kontinent. &#8222;Doch wir haben nie versucht, sie zu verstehen, sie zu achten. Das gilt f\u00fcr jeden einzelnen Stammesangeh\u00f6rigen. Und wir haben sie vernichtet. (&#8230;) Alles was im Namen von &#8218;Entwicklung&#8216; zu den St\u00e4mmen gekommen ist, war ihr Verderben.&#8220; (S. 192)<\/p>\n<p>Was verbirgt sich hinter dem Namen &#8222;Pterodactylus&#8220;? Der Pterodactylus ist ein vermutlich drachenartiges Ur-Reptil, das nicht gr\u00f6\u00dfer war als eine Kr\u00e4he. Er ist eine von der Autorin eingef\u00fchrte Symbolfigur, der Bote eines vergangenen Zeitalters, dem Mesozoikum (welches vor etwa 225 Mio. Jahren begann und vor 70 Mio. Jahren endete). Mahasweta Devi selbst charakterisiert die Hauptaussage des Romans folgenderma\u00dfen: &#8222;Wenn der aus dem Mesozoikum stammende Pterodactylus heute erschiene, k\u00f6nnten die Menschen ihn nicht verstehen. Der Pterodactylus m\u00fc\u00dfte sterben, weil er sich in der Welt des Kaenozoikums (begann vor 70 Mio. Jahren, d.V.) nicht zurechtfinden w\u00fcrde. Die Vergangenheit und die Gegenwart zu vereinbaren ist nicht m\u00f6glich. Ich wollte in diesem Roman die besonderen Probleme der Adivasis verdeutlichen. Deshalb erschien mir der mythische Ein- und Austritt des Pterodactylus notwendig.&#8220; (S. 173f.) Die LeserInnen werden verstehen, dass es ihn nicht wirklich gibt. &#8222;Auch gibt es in Madhya Pradesh keinen Block namens Pirtha. Dennoch haben sich solche Ereignisse, wie ich sie beschrieben habe, in Wahrheit wirklich zugetragen.&#8220; (ebenda)<\/p>\n<p>Pirtha ist ein verborgenes Dorf im Bundesstaat Madhya Pradesh, in Zentralindien gelegen. Dort lebt eine Stammesgruppierung der Adivasis. Seit Monaten herrschen D\u00fcrre und Trockenheit. Die Menschen leiden unter einer Hungerkatastrophe. Zus\u00e4tzlich sterben viele an Vergiftung aufgrund verdorbener Nahrungsmittel. Schuld an Hunger und Nahrungsmangel ist nicht die lange ausbleibende Regenzeit, sondern sind eindeutig die Herrschaftsstrukturen im Verwaltungsdistrikt sowie die \u00f6konomische Ungerechtigkeit. (S. 45-59 u. 155-168) Die meisten der Stammesv\u00f6lker leben in Schuldknechtschaft. Bestenfalls k\u00f6nnen sie als SchuldsklavInnen oder billige Tagel\u00f6hnerInnen auf den Feldern der Gro\u00dfgrundbesitzer arbeiten.<\/p>\n<p>Die Adivasis sind land- und besitzlos. Ihr Land wurde ihnen st\u00fcckweise entrissen &#8211; zumeist aufgrund von betr\u00fcgerischen Kaufvertr\u00e4gen. Eine weitere Ursache des Landverlustes sind die Zwangsumsiedlungen aufgrund von staatlichen Entwicklungsprogrammen. Die Armut treibt die Menschen in extreme Zust\u00e4nde von Apathie, Verzweiflung und Resignation. Viele Eltern verkaufen ihre eigenen Kinder, insbesondere die M\u00e4dchen, um sich dadurch ein vor\u00fcbergehendes Minimum des Lebensunterhaltes zu erwirken. (S. 158) Mahasweta Devi schreibt dazu: &#8222;Von der Klassenstellung her sind die Adivasis sicher in einer \u00e4hnlich hilflosen Situation gefangen, genauso arm und landlos, wie andere Kastengruppen und die Unber\u00fchrbaren auch. Aber ein besonderes Problem der Adivasis ist, dass ihre Sprachen keine Schrift besitzen. (&#8230;) Unter dem Druck der anderen Menschen mu\u00dften sie wiederholt ihre Gebiete verlassen.&#8220; (S. 171) Das hat dazu gef\u00fchrt, dass gro\u00dfe Teile ihrer wertvollen Kulturformen verloren gegangen sind. Denn die Adivasis sind Tr\u00e4gerInnen einer uralten Kultur, welche &#8222;Grundsubstanz und Bodensatz der indischen Zivilisation&#8220; ist. (S. 171) Aufgrund der Tatsache, dass ihre gesellschaftlichen und kulturellen Traditionen ausschlie\u00dflich m\u00fcndlich \u00fcberliefert werden, ist es f\u00fcr die Adivasis besonders schwerwiegend, wenn sie auseinander getrieben und umgesiedelt werden, beispielsweise in Gebiete der sogenannten &#8218;Gr\u00fcnen Revolution&#8216; (staatliche Entwicklungsprogramme mit genmanipuliertem Saatgut).<\/p>\n<p>Die Adivasis sind jedoch zugleich Tr\u00e4gerInnen einer Widerstandskultur. Seit Beginn der britischen Herrschaft in Indien gab es zahlreiche Aufst\u00e4nde der Adivasi gegen die britische Kolonialmacht. (S. 174) Aber sie werden nicht als Teil der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung akzeptiert. Bis heute werden die Adivasis gesetzlich daran gehindert, ihre eigene Schriftsprache entwickeln zu d\u00fcrfen. Bestenfalls d\u00fcrfen sie die Schrift der jeweiligen Staatssprache erlernen.<\/p>\n<p>&#8222;In Singhbum haben die Ho-Adivasis w\u00e4hrend eines Aufstandes die Gebiete besetzt, wo sich einst Gr\u00e4ber und Grabsteine ihre Ahnen befunden hatten und der Wald abgeholzt war. Wenn die Adivasis die Gr\u00e4ber verlieren, die ihnen heilig sind, dann sind sie sehr hilflos.&#8220; (S. 175)<\/p>\n<p>In einer derartig desolaten Situation befindet sich die in Pirtha lebende Volksgruppe. Bezeichnenderweise taucht in diesem bedrohlichen Moment der bevorstehenden Zwangsumsiedlung das Ur-Reptil, der Pterodactylus, auf. Die Adivasis in Pirtha erblicken in der Erscheinung des Tieres &#8222;die Seele ihrer Ahnen&#8220;. Intuitiv verstehen sie die Botschaft dieses v\u00f6llig unaggressiven, ger\u00e4uschlosen Tieres. Zugleich ist das Ur-Reptil f\u00fcr sie eine Symbolgestalt, welche f\u00fcr sie Ermutigung und Best\u00e4tigung verk\u00f6rpert, sich weiterhin an den eigenen tradierten Kulturformen zu orientieren und Zusammenhalt zu suchen, damit die &#8222;Seele ihrer Ahnen&#8220; nicht erlischt. Gleichwie es den widerst\u00e4ndigen Adivasis um die autonome Tradierung ihrer spirituellen Ausdrucksformen geht, so ist es f\u00fcr sie ebenfalls erstrebenswert, die Formen der Harmonie ihres einst ausgepr\u00e4gten Gemeinschaftslebens wieder herzustellen: ihre Art der Agrarkultur und ihre spezifischen kollektiven Produktionsformen. (S. 46f.)<\/p>\n<p>F\u00fcr die Menschen der h\u00f6heren Kasten, die BeamtInnen und die SozialarbeiterInnen im Verwaltungsdistrikt von Pirtha ist die Erscheinung des Ur-Reptils unheimlich und v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich. Das Tier symbolisiert f\u00fcr sie eher die Undurchschaubarkeit des Dschungels, das undurchdringliche Dickicht der W\u00e4lder, und die Z\u00e4hheit der UreinwohnerInnen. F\u00fcr die in Pirtha noch lebenden Adivasis versinnbildlicht der Pterodactylus gewisserma\u00dfen die Quintessenz ihrer Klage: &#8222;Was wollen sie einem Volk im Austausch f\u00fcr das verschwundene Land, f\u00fcr die H\u00e4user, f\u00fcr die Felder, f\u00fcr die Begr\u00e4bnisst\u00e4tten geben?&#8220; (S. 46) Die Adivasis fragen, wie sie ihre W\u00fcrde vor weiterer Verletzung sch\u00fctzen oder sie \u00fcberhaupt erst wieder erlangen k\u00f6nnen. Sie fragen, wie sie Freiheit von der Sklaverei erreichen k\u00f6nnen, ohne dass ihre origin\u00e4ren Lebens- und Kulturformen ausgemerzt werden. Dieser im Mythos versinnbildlichte Protest ist letztendlich ein herausforderndes, brennendes Pl\u00e4doyer an uns, als die Tr\u00e4gerInnen und AgentInnen der Barbarei des Fortschritts und der modernen Zivilisation. Auf welchen Wegen k\u00f6nnen &#8222;die zerst\u00f6rten Kontinente der Stammesgesellschaften&#8220; wieder aufgebaut werden, ohne dass die dort lebenden Menschen die Zerst\u00f6rung ihrer Ressourcen, ihrer origin\u00e4ren Lebensformen sowie ihrer sozialen Identit\u00e4t erleiden m\u00fcssen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die 74-j\u00e4hrige feministische Schriftstellerin und Journalistin Mahasweta Devi hat sich ihr Leben lang mit den Lebensbedingungen der Armen in Indien auseinandergesetzt. Insbesondere die Lebensformen der indischen sogenannten &#8218;Stammesgesellschaften&#8216;, der Adivasis, stehen im Zentrum ihres journalistischen Interesses und Engagements. 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