{"id":3520,"date":"2000-10-01T00:00:44","date_gmt":"2000-09-30T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3520"},"modified":"2022-07-26T13:45:09","modified_gmt":"2022-07-26T11:45:09","slug":"sprengstoff-fegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/10\/sprengstoff-fegen\/","title":{"rendered":"&#8222;Sprengstoff fegen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der 62j\u00e4hrige Autor und K\u00fcnstler Horst Werder ver\u00f6ffentlichte Erz\u00e4hlungen unter anderem im bekannten &#8222;Werkkreis Literatur der Arbeitswelt&#8220; des Fischer-Taschenbuchverlages. Mit Werders Gedichten aus den Jahren 1997 bis 2000 wird der &#8222;sch\u00f6nen&#8220; Literatur jetzt allerdings auch auf sprachexperimentelle Weise eine Absage erteilt. Entstanden ist eine radikale Lyrik, wie schon der Titel &#8222;Sprengstoff fegen&#8220; ank\u00fcndigt, und als wollte der Titel g\u00e4ngigen Vorurteilen \u00fcber AnarchistInnen entsprechen, erschienen die Texte ausgerechnet in einem anarchistischen Kleinverlag.<\/p>\n<p>Radikal ist diese Lyrik allerdings nicht im direkten politischen Sinne, sondern im Sinne einer v\u00f6lligen Abkehr von allt\u00e4glichen Lese- und damit auch Konsumgewohnheiten: Grammatik und Alltagssprache werden auf eine Weise auf den Kopf gestellt, die ihresgleichen sucht. Eine eindeutige Satzstruktur wird mensch wohl selten entdecken, und wer Wohlf\u00fchllyrik bevorzugt, wird in diesem Gedichtband nichts passendes finden. Stattdessen sto\u00dfen die Texte etwas gegen den Verstand, und irgendwie kommt dann die Ahnung, da\u00df hier literarisch ein ganz neues Tor aufgemacht wird, denn Werder gelingt es mit sprachlichen Mitteln, die sich auf den ersten Blick der Rationalit\u00e4t entziehen, tiefgr\u00fcndiges um so vehementer anzudeuten. In seinem Gedicht <em>&#8222;Asyl&#8220;<\/em> beispielsweise kommt die brutale Lebensangst von hier lebenden Fl\u00fcchtlingen vor der hiesigen Gesellschaft zum Ausdruck<\/p>\n<p>(Auszug):<\/p>\n<p>&#8222;Asyl &#8230;. die<br \/>\nAngst bedeutet hochsteigen<br \/>\ndie Wohnung allein<\/p>\n<p>zur \u00e4ngstlichen Angst<br \/>\ndie Treppen haben Augen<br \/>\ndie Angst deiner Angst (&#8230;)<\/p>\n<p>allein Eingeweide<br \/>\ndie hochsteigen sogar<br \/>\ndie Abendk\u00e4lte<\/p>\n<p>die Angst Nachbarin<br \/>\npscht haben Zehenspitzen<br \/>\nvor nur auf Sony<br \/>\numherzugehen Angst dem<br \/>\nHaus in der Wohnung haben<\/p>\n<p>spielen Angst die Angst<br \/>\nAngst spielen vor dem Haus Angst<br \/>\nhaben Angst haben<\/p>\n<p>m\u00f6chte Angst in<br \/>\nder Eingeweide durchdringen<br \/>\ndie Wohnung sogar (&#8230;)&#8220;<\/p>\n<p>Immer wieder taucht in Werders Texten das Wort &#8222;Sony&#8220; auf, offenbar ein Simulakrum, das &#8222;Kapitalismus&#8220; ausdr\u00fcckt oder auch &#8222;Allmacht\/ Herrschaft&#8220;. Hier k\u00f6nnte vielleicht auch &#8222;Dr. Oetker&#8220; oder \u00e4hnliches stehen. In dem Gedicht &#8222;Asyl&#8220; wird durch diesen Einschub die Inhumanit\u00e4t der Gesellschaft in Beziehung gesetzt zu ihrer b\u00fcrgerlichen Struktur (z.B. als Konsumwelt). Horst Werders Gedichte sind offengr\u00fcndig und wohl kaum bis ins letzte Detail erkl\u00e4rbar. Dagegen w\u00fcrden sich die Texte str\u00e4uben. Seine Gedichte sind dar\u00fcber hinaus vielseitig. Hier ein Ausschnitt aus seiner Variante des &#8222;Vater Unser&#8220; &#8211; Gebets, tituliert mit<em> &#8222;Frosch Vater unser&#8220;<\/em>:<\/p>\n<p>&#8222;Versuchung Amen<br \/>\nsondern in Ewigkeit<br \/>\nerl\u00f6se Herrlichkeit<\/p>\n<p>und die Kraft die von<br \/>\ndem und dein ist das Reich denn<br \/>\n\u00dcbel dem \u00dcbel<\/p>\n<p>ist von uns Amen<br \/>\nFrosch das erl\u00f6se sondern<br \/>\nReich Versuchung Teich<\/p>\n<p>und des Wassers Frosch<br \/>\ndie das Ger\u00e4usch springt hinein<br \/>\nein Frosch Teich Frosch Kraft<\/p>\n<p>alte Herrlichkeit<br \/>\nEwigkeit der Teich &#8230;.<br \/>\nEwigkeit Amen<\/p>\n<p>in unser nicht uns<br \/>\nt\u00e4glich f\u00fchre Amen und<br \/>\nBrot Frosch vergeben<\/p>\n<p>gib Schuldigern Teich<br \/>\nwie heute wir unsern Frosch<br \/>\nTeich vergib Schulden<\/p>\n<p>uns unsere uns<br \/>\nund unsere vergib Frosch<br \/>\nSchulden heute uns<\/p>\n<p>gib Brot t\u00e4glich wir<br \/>\nSchuldigern unser Wassers<br \/>\nTeich des vergeben<\/p>\n<p>des Ger\u00e4usch f\u00fchre<br \/>\nuns das hinein springt ein Frosch<br \/>\nder alte Teich nicht<\/p>\n<p>im Himmel unser<br \/>\nVater Frosch wie auf Erden<br \/>\ngeschehe Teich in<br \/>\ndem dein Wille komme Reich<br \/>\ndein Himmel geheiligt Frosch (&#8230;)&#8220;<\/p>\n<p>Werder selbst beschreibt seine Texte <em>als &#8222;anarchisch au\u00dferhalb sprachlicher Logik aus Vorgefundenem &#8211; Vorzufindendem gef\u00fcgt. Kein Sichtbarmachen des Unsichtbaren, sondern ein Sichtbarmachen des Sichtbaren. Alles blo\u00df hinstellend, nichts folgernd und erkl\u00e4rend, weil alles offen liegt&#8220;<\/em>. Und was mir als LeserIn hier so &#8222;offen liegt&#8220;, ist einen weiteren Anriss wert. Mit &#8222;Sprengstoff fegen&#8220; ist eine Poetry entstanden, die in kein Interpretationsmuster passt. Vielleicht wesentlich weniger noch als bei den oben angef\u00fchrten Texten geht es bei Werders Gedichten darum, irgendeinen fertigen Inhalt zu verstehen, sondern geradezu um eine <em>Neuorientierung des Blicks<\/em>, um ein Hineinlesen und Hineingeben eines denkbaren Inhalts. Die meisten Texte bieten wenig an, ganz im Gegenteil: sie verlangen den LeserInnen etwas ab, n\u00e4mlich einen kreativen Blick, der S\u00e4tze vervollst\u00e4ndigt und Bilder erg\u00e4nzt, also subjektive Vorstellungen hineinprojiziert. So k\u00f6nnen die Texte Werders im doppelten Sinne eine Begeisterung f\u00fcr literarische Freiheit ausl\u00f6sen: einmal aufgrund ihrer sprachspielerischen Ausrichtung und andererseits aufgrund ihrer Offenheit f\u00fcr subjektive Sinnprojektionen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 62j\u00e4hrige Autor und K\u00fcnstler Horst Werder ver\u00f6ffentlichte Erz\u00e4hlungen unter anderem im bekannten &#8222;Werkkreis Literatur der Arbeitswelt&#8220; des Fischer-Taschenbuchverlages. Mit Werders Gedichten aus den Jahren 1997 bis 2000 wird der &#8222;sch\u00f6nen&#8220; Literatur jetzt allerdings auch auf sprachexperimentelle Weise eine Absage erteilt. 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