{"id":3523,"date":"2000-10-01T00:00:31","date_gmt":"2000-09-30T22:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3523"},"modified":"2022-07-26T14:16:57","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:57","slug":"der-einfache-intellektuelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/10\/der-einfache-intellektuelle\/","title":{"rendered":"Der einfache Intellektuelle"},"content":{"rendered":"<p>Noam Chomsky ist einer der meist zitierten lebenden Intellektuellen weltweit. Als Zw\u00f6lfj\u00e4hriger schrieb er seinen ersten Artikel \u00fcber Barcelona w\u00e4hrend der Spanischen Revolution. Die Begeisterung f\u00fcr anarchistische Ideen ist dem heute \u00fcber 70j\u00e4hrigen, us-amerikanischen Linguistik-Professor nicht abhanden gekommen.<\/p>\n<p>In der Z\u00fcrcher edition 8 ist jetzt die erste Biographie des Wissenschaftlers und Politaktivisten erschienen. Robert F. Barsky hat sie geschrieben und zugunsten Chomskys parteiisch gehalten. Und das ist auch gut so. Barsky tr\u00e4gt damit dazu bei, die komplexen inhaltlichen Positionen Chomskys verst\u00e4ndlich und nachvollziehbar zu machen. Mit der Parteinahme h\u00e4ngt die zweite St\u00e4rke des Buches zusammen: Chomsky in seiner wissenschaftlichen und politischen Umgebung, in seinen Diskussionen und Streits zu beschreiben, erscheint als Darstellungsform geeignet. Denn \u00fcberall dort, wo sich Chomsky in der \u00d6ffentlichkeit bewegt hat, gibt es diese Auseinandersetzungen um sein Werk und seine Person. Die fr\u00fchen politischen Einfl\u00fcsse durch den Spanischen Anarchismus und zionistische Gruppen in den USA werden ebenso geschildert, wie der wissenschaftliche Werdegang zu einem der tonangebenden Linguisten \u00fcberhaupt. Dargestellt wird ein Intellektueller, der lieber zu einfachen Leuten spricht als zu Fachpublikum. Und ein kritischer Intellektueller, dem die Gesellschaftskritik der Frankfurter Schule schon zu verschn\u00f6rkelt und dem postmoderne Theorie kaum mehr als die Vernebelung simpler Tatsachen ist. Gezeigt wird auch ein sanfter Mensch, der mit \u00e4u\u00dferster Vehemenz seine \u00dcberzeugungen vertritt. Mehr st\u00f6rrisch als stoisch wies er die Kritik an seinem abstrakten Begriff von Meinungsfreiheit zur\u00fcck, die ihm angesichts seines Einsatzes f\u00fcr die Redefreiheit des franz\u00f6sischen Auschwitz-Leugners Faurisson entgegengebracht wurde. F\u00fcr Chomsky ist das derselbe Kampf gegen das Verschweigen und das unmerkliche Unterschlagen von Nachrichten, f\u00fcr den er sich im letzten Jahrzehnt als Medientheoretiker stark gemacht hat.<\/p>\n<h3>&#8222;Die politische \u00d6konomie der Menschenrechte&#8220;<\/h3>\n<p>Ob Chomsky tats\u00e4chlich \u00fcber eine Theorie der Medien verf\u00fcgt, oder ob er sich lediglich ein paar schlaue Gedanken zum Thema gemacht hat, ist ohne Englischkenntnisse und komplizierteste Buchausleihverfahren hierzulande gar nicht nachpr\u00fcfbar. Denn anders als seine linguistischen Werke, ist kaum eines seiner politischen B\u00fccher vollst\u00e4ndig ins Deutsche \u00fcbersetzt. Immer wieder haben wir es mit Sammlungen von Aufs\u00e4tzen oder blo\u00df mit Ausz\u00fcgen aus Reden und Interviews zu tun. Gerade Chomskys Kritik an selektiver Berichterstattung l\u00e4dt dazu ein, hier ein publizistisches Manko zu sehen. Auch bei dem Aufsatzband aus dem Trotzdem-Verlag handelt es sich nicht um das bereits 1979 von Chomsky zusammen mit Edward S. Herman ver\u00f6ffentlichte Buch, das den gleichen Titel tr\u00e4gt (The Political Economy of Human Rights, Boston\/ Montreal). Statt dessen sind hier einige, bislang unver\u00f6ffentlichte Chomsky-Texte aus den sp\u00e4ten 90er Jahren zusammengestellt.<\/p>\n<p>Seine kenntnisreichen Attacken gegen die us-amerikanische Au\u00dfenpolitik vermitteln ein schl\u00fcssigeres Bild von Chomskys Ansatz als die Medienkritik. Wie kaum jemand sonst legt Chomsky Doktrin und Praxis dieser Politik offen. F\u00fcr beide Bereiche zeigt er n\u00fcchtern auf, da\u00df und inwiefern die USA weltweit f\u00fchrend darin sind, die Menschenrechte zu relativieren. Zur Doktrin geh\u00f6rt es dabei, den Teil der &#8222;Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte&#8220; abzulehnen, der die sozialen und wirtschaftlichen Rechte betrifft, und dessen Geltung zu leugnen. Praktisch hat das immense Konsequenzen, die Chomsky an zahlreichen Beispielen milit\u00e4rischer Interventionen aus verschiedensten Amtsperioden aufzeigt &#8211; von Kennedy zu Clinton, von Kuba und S\u00fcd-Vietnam \u00fcber Nicaragua und Lybien zum Irak. Dabei ist Chomskys gekonnte Auflistung und Verkettung von schlichten Tatsachen immer ein intellektueller Frontalangriff auf diese Politik.<\/p>\n<p>Neben der Menschenrechtsdiskussion bildet die Einmischung in die Debatte um den Neoliberalismus einen anderen Schwerpunkt des Aufsatzbandes. Die forcierte Jagd nach Profiten produziere eine Art von marktuntauglicher &#8222;\u00dcberflu\u00dfbev\u00f6lkerung&#8220;. Menschen also, die sowohl in den Metropolen, als auch in der &#8222;Dritten Welt&#8220; leben, und nicht einmal mehr ausbeutbar sind. Gleichzeitig werden einerseits die Sozialausgaben stetig verringert, w\u00e4hrend auf der anderen Seite seit der Reagan-\u00c4ra die Anzahl der Bev\u00f6lkerung in den Gef\u00e4ngnissen enorm ansteigt. Gr\u00f6\u00dfere soziale Ungleichheit zieht wachsende soziale Kontrolle nach sich. Der Wohlfahrtsstaat ist in den Augen Chomskys nicht so sehr der Bewahrer sozialer und zivilisatorischer Errungenschaften wie vielleicht f\u00fcr andere Intellektuelle im Kampf gegen den Neoliberalismus. Chomsky h\u00e4lt den Staat &#8211; z.B. im Gegensatz zu Pierre Bourdieu &#8211; nach wie vor f\u00fcr einen K\u00e4fig. Diesen allerdings in dem Moment einzurei\u00dfen zu wollen, in dem drau\u00dfen ein Raubtier namens &#8222;freier Markt&#8220; besonders wild rumtobt, w\u00e4re auch f\u00fcr Chomsky t\u00f6richt. Gegen eine anti-neoliberale Staatsfixierung weist er aber darauf hin, da\u00df es einen &#8222;Freihandel&#8220; im eigentlichen Sinne gar nicht gibt. Die Ideologie der &#8222;freien M\u00e4rkte&#8220; sei vielmehr ein staatlich gef\u00f6rderter Betrug, der letztlich darauf abzielt, arme L\u00e4nder in wirtschaftlicher Abh\u00e4ngigkeit von US-Konzernen zu halten. Dass diese Ansicht plausibel durchanalysiert wird, diesmal am Beispiel der Beziehungen zwischen den USA und Haiti, entkr\u00e4ftet ein weiteres Mal den Vorwurf gegen Chomsky, seine Kritik entspringe nur der Paranoia eines Extremisten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noam Chomsky ist einer der meist zitierten lebenden Intellektuellen weltweit. Als Zw\u00f6lfj\u00e4hriger schrieb er seinen ersten Artikel \u00fcber Barcelona w\u00e4hrend der Spanischen Revolution. Die Begeisterung f\u00fcr anarchistische Ideen ist dem heute \u00fcber 70j\u00e4hrigen, us-amerikanischen Linguistik-Professor nicht abhanden gekommen. In der Z\u00fcrcher edition 8 ist jetzt die erste Biographie des Wissenschaftlers und Politaktivisten erschienen. 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