{"id":3529,"date":"2000-10-01T00:00:42","date_gmt":"2000-09-30T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3529"},"modified":"2022-07-26T14:16:57","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:57","slug":"landauer-und-meister-eckhart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/10\/landauer-und-meister-eckhart\/","title":{"rendered":"Landauer und Meister Eckhart"},"content":{"rendered":"<p>Die j&uuml;ngeren Forschungen und Ver&ouml;ffentlichungen zu                 Philosophie und Praxis Gustav Landauers reissen nicht ab, und                 das ist gut so. Gustav Landauer muss mit Sicherheit zu den wichtigsten                 deutschsprachigen AnarchistInnen des zwanzigsten Jahrhunderts                 gez&auml;hlt werden. Dass es vorl&auml;ufig bei Gustav Landauer                 noch immer Neues zu entdecken gibt, beweist die nun vorliegende                 hervorragende und detailgenaue Studie von Thorsten Hinz zur Rezeption                 des mittelalterlichen Mystikers Meister Eckhart (1260-1328) bei                 Landauer.<\/p>\n<p>Hinz&#8216; Studie geht weit &uuml;ber den engeren Bezugsrahmen des                 Themas hinaus und bietet eine Gesamt&uuml;bersicht zu Landauers                 philosophischer und politischer Entwicklung von seiner Lebenskrise                 infolge zweier Gef&auml;ngnisaufenthalte in den 90er Jahren des                 19. Jahrhunderts bis zum Erscheinen eines seiner wichtigsten Werke,                 &#8222;Revolution&#8220;, im Jahre 1907. Dazwischen liegt die &Uuml;bersetzung                 der Schriften von Meister Eckhart vom Mittelhochdeutschen ins                 Neuhochdeutsche (1903), die erste Eckhart-&Uuml;bersetzung &uuml;berhaupt.                 Sie und die Landauer&#8217;sche Eckhart-Interpretation sind leider bis                 heute infolge der dominanten nationalistischen Eckhart-Vereinnahmung                 in Vergessenheit geraten. Landauers Verh&auml;ltnis zu Eckhart                 wurde von der Forschung bisher ebenfalls weit unterbewertet. Nach                 Thorsten Hinz&#8216; Studie wird das nicht mehr so ohne weiteres m&ouml;glich                 sein.<\/p>\n<p>Eine der vielen St&auml;rken dieser Studie ist die Parallelisierung                 von Landauers Lebensweg mit der Interessensverschiebung und Entwicklung                 seiner Philosophie und seiner Schriften. So hat sich Landauers                 fr&uuml;he &#8222;Sturm und Drang&#8220;-Phase infolge seiner Besch&auml;ftigung                 mit Nietzsche unmittelbar in seinem fr&uuml;hen Roman &#8222;Der Todesprediger&#8220;                 (1893) niedergeschlagen. Landauer teilt zun&auml;chst Nietzsches                 Religionskritik, aus der er dann aber im Gegensatz zu Nietzsche                 wiederum einen quasi-religi&ouml;sen Ausweg sucht, den er schliesslich                 in der nach innen gerichteten Suche nach Lebenssinn bei Meister                 Eckhart findet.<\/p>\n<p>Die Rezeption Eckharts schl&auml;gt sich bei Landauer am deutlichsten                 in seinem Vortrag &#8222;Durch Absonderung zur Gemeinschaft&#8220; nieder,                 den Landauer am 18.6.1900 vor der Kommune &#8222;Die Neue Gemeinschaft&#8220;                 in Berlin- Friedrichshagen gehalten hat und der sp&auml;ter das                 Fundament seines Buches &#8222;Skepsis und Mystik&#8220; ausmachte, das 1903                 ver&ouml;ffentlicht wurde. Im Mittelpunkt steht dabei der Begriff                 der &#8222;Abgeschiedenheit&#8220; bei Eckhart, der bei Landauer zur notwendigen                 &#8222;Absonderung&#8220; wird, zu der freie Geister in der Neuzeit aufgrund                 der Sinnlosigkeit und des Ekels finden, die sie von den Gepflogenheiten                 der herrschenden Gesellschaft abstossen, wozu unter anderem auch                 Fortschrittsmythos und Industrialisierung z&auml;hlen. Bei Eckhart                 findet Landauer eine Art In-Sich-Gehen dieser Abgeschiedenen,                 Abgesonderten, in Distanz zur Gesellschaft und im radikalen Dissens                 mit ihr Lebenden. Gleichzeitig bedeutet dieses In-Sich-Gehen auch                 ein In-Sich-Ruhen, eine Selbstvergewisserung des Lebenssinns,                 der in der &auml;u&szlig;eren Welt verloren ging. Dieser Lebenssinn,                 das Anarchist-Sein im Sinne Landauers, gibt eine innere Ruhe,                 aber auch eine Lebendigkeit und Kraft, die schlie&szlig;lich nach                 au&szlig;en strahlt und andere Menschen, die sich dem &ouml;ffnen                 k&ouml;nnen, anr&uuml;hren oder gar begeistern kann. Auf diese                 Weise finden sich die &#8222;werdenden Menschen&#8220;, die neue Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Meister Eckhart steht bei Landauer f&uuml;r diese im Innern sich                 vollziehende Sinnfindung und damit f&uuml;r eine antiinstitutionelle,                 anarchistische Mystik. Mit dieser Konzeption bewegte sich Landauer                 damals am Rande auch des anarchistischen Mainstreams. Es ist eine                 Mystik auch insofern, als Sprache &#8211; in Landauers Verst&auml;ndnis                 von Fritz Mauthners inzwischen schon wieder &uuml;berholter Sprachkritik                 &#8211; nicht in der Lage ist, diese Sinnfindung rational und abstrakt                 auszudr&uuml;cken. Profan gesagt bedeutet das meines Erachtens                 einfach, dass &#8222;AnarchistIn-Sein&#8220; nie nur ein rationales Bekenntnis                 sein kann, sondern zuallererst gef&uuml;hlt, erlebt und schliesslich                 gelebt werden muss. In Landauers Worten: &#8222;Es kommt keine Freiheit,                 wenn man sich nicht die Freiheit und die eigene Facon selber herausnimmt,                 es kommt nur die Anarchie der Zukunft, wenn die Menschen der Gegenwart                 Anarchisten sind, nicht nur Anh&auml;nger des Anarchismus.&#8220;<\/p>\n<p>Nach Thorsten Hinz hat Gustav Landauer in seiner Interpretation                 den Meister Eckhart zu sehr radikalisiert und dessen Tendenz zum                 Reformismus auch innerhalb der Kirche nicht so recht wahrhaben                 wollen. In &#8222;Revolution&#8220; hat Landauer nach Hinz den Gemeinschaftsgeist                 des Mittelalters zu sehr als pr&auml;gend f&uuml;r die gesamte                 mittelalterliche Zeit interpretiert. Der utopisch-restaurative                 Zug in Landauers Schrift &#8222;Revolution&#8220;, die Bef&uuml;rwortung einer                 Art Wiederherstellung des mittelalterlichen Gemeinschaftsgeistes                 in der nachrevolution&auml;ren Zukunft, basiert daher zweifellos                 auf einer Idyllisierung des Mittelalters. Doch der Autor ist sich                 mit dem Rezensenten darin einig, dass diese unbestreitbaren Fehler                 Landauers sympathisch sind und der erfrischenden Begeisterung                 keinen Abbruch tun, die sich immer wieder einstellt, wenn wir                 aus den berauschenden Geistesstr&ouml;men Landauers aufgetaucht                 und ans heutige libert&auml;re Ufer geschwommen sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die j&uuml;ngeren Forschungen und Ver&ouml;ffentlichungen zu Philosophie und Praxis Gustav Landauers reissen nicht ab, und das ist gut so. 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