{"id":3531,"date":"2000-10-01T00:00:59","date_gmt":"2000-09-30T22:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3531"},"modified":"2022-07-26T14:16:57","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:57","slug":"unpolitische-erinnerungen-von-muhsam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/10\/unpolitische-erinnerungen-von-muhsam\/","title":{"rendered":"&#8222;Unpolitische Erinnerungen&#8220; von M\u00fchsam"},"content":{"rendered":"<p>1927-29 publizierte die<em> Vossische Zeitung <\/em>in einer Artikel-Serie M\u00fchsams <em>Erinnerungen<\/em> an die K\u00fcnst-lerInnen-Szene in Berlin, M\u00fcnchen und Wien<em>. <\/em>Es war eine Auftragsarbeit, die dem st\u00e4ndig unter Geldmangel leidenden Dichter anderthalb Jahre ein regelm\u00e4\u00dfiges Einkommen bescherte. Das b\u00fcrgerliche Blatt erwartete keine<em> politisierenden<\/em> Beitr\u00e4ge des Anarchisten, sondern vor allem Anekdoten aus jener legend\u00e4ren <em>Boh\u00e8me<\/em>, zu deren Protagonisten und aktivsten Mitgliedern M\u00fchsam z\u00e4hlte. Der Autor, einst &#8222;Prototyp eines Caf\u00e9hausliteraten&#8220;, hielt sich an die Vorgabe, lie\u00df es sich jedoch nicht nehmen, immer wieder kritische und die Zeitumst\u00e4nde reflektierende \u00dcberlegungen einflie\u00dfen zu lassen. <em>&#8222;Weder Armut noch Unstetigkeit ist entscheidendes Kriterium f\u00fcr die Boheme, sondern Freiheitsdrang, der den Mut findet, gesellschaftliche Bindungen zu durchbrechen und sich die Lebensformen zu schaffen, die der eigenen inneren Entwicklung die geringsten Widerst\u00e4nde entgegensetzen&#8220; <\/em>hei\u00dft es in einem Kapitel. Seine Schilderung der von Genie- und Au\u00dfenseitertum, sozialen Ideen und sch\u00f6pferischer Exzentrik gepr\u00e4gten K\u00fcnstler-Kreise setzt 1900 ein, als der zweiundzwanzigj\u00e4hrige M\u00fchsam erste literarische Versuche und (kleinere) Publikationen bereits hinter sich hatte. In den <em>Erinnerungen <\/em>reiht er Anekdoten aneinander, vermischt mit nachdenklich stimmenden Einlassungen; mitunter ergeben sich Br\u00fcche und Verschiebungen in der Chronologie. M\u00fchsam hat seine die Zeit bis 1919 umfassenden und als eine Art Fortsetzungsroman konzipierten <em>Erinnerungen <\/em>so zu Papier gebracht, da\u00df die einzelnen Kapitel in sich abgeschlossen wirken. Seine Schilderungen sind historisch interessant, wobei bisweilen die Gefahr besteht, da\u00df heutige LeserInnen die \u00dcbersicht verlieren vor der Menge der Namen, die inzwischen gr\u00f6\u00dftenteils vergessen sind. Das Buch ist eine Fundgrube auch f\u00fcr LeserInnen, die kulturhistorisch motiviert sind. M\u00fchsam schreibt vergn\u00fcglich und unterhaltsam. Auch da, wo er kritisch wird, erstarrt er nicht in Rechthaberei. Er hatte vor Niemandem \u00fcbertriebenen Respekt, auch nicht vor <em>Karl Kraus<\/em> in Wien. Den gef\u00fcrchteten wie bewunderten Dichter und scharfz\u00fcngigen Polemiker hatte er bei Gastspielen als Kabarettist in der Donaumetropole kennengelernt, und bisweilen in seiner Zeitschrift &#8222;Die Fackel&#8220; publiziert. Der Personenkult um den Mann war ihm jedoch stets suspekt gewesen. <em>Peter Altenburg<\/em>, dem er eine ausf\u00fchrlichere Beschreibung widmet und der zum weiteren Kreis um Kraus geh\u00f6rte,<em> <\/em>hat er h\u00f6her eingesch\u00e4tzt. Hochinteressant finde ich auch M\u00fchsams Portr\u00e4t von <em>John Henry Mackay, <\/em>dem libert\u00e4ren Dichter und Verehrer <em>Max Stirner<\/em>s. \u00dcberaus sarkastisch fallen seine Bemerkungen \u00fcber <em>Rudolf Steiner<\/em> aus,<em> <\/em>dessen <em>&#8222;Priesterschaft &#8230; noch auf recht weltlichem Grunde stand. Die literarischen Diskussionen dirigierte er mit viel Geschick, provozierte scharfe Polemiken &#8230;beendete &#8230; die erregten Debatten mit einem eigenen ausgleichenden Sermon, hinter dessen glatter &#8230; Beredsamkeit ich immer einen falschen Unterton glaubte mitschwingen zu h\u00f6ren.&#8220; <\/em>An anderer Stelle singt der antiklerikale M\u00fchsam in seinen Erinnerungen ein <em>Loblied<\/em> auf M\u00f6nche, in deren Kloster er bei einem Marsch durch die Alpen gro\u00dfz\u00fcgig Aufnahme gefunden hatte. Distanz sp\u00fcrt man bei der Schilderung des &#8222;\u00c4sthetenzirkels&#8220; um den ber\u00fchmten <em>Stefan George<\/em>. In M\u00fcnchen lernte er auch <em>Ringelnatz <\/em>kennen, ebenso den Freud-Sch\u00fcler Otto Gross, <em>&#8222;dem es wohl zu danken ist, da\u00df die Psychoanalyse aus der einseitigen Betrachtung des Lebens von der sexualen Seite herausfand zur Erkenntnis der sozialen Bedingtheit des seelischen Erlebens.&#8220; <\/em>Ich denke, da\u00df Freud hiermit jedoch nicht widerlegt ist: Der <em>&#8222;sozialen Bedingtheit des seelischen Erlebens&#8220; <\/em>h\u00e4tte der Neurosenforscher kaum widersprochen, aber wohl darauf hingewiesen, da\u00df das <em>Soziale <\/em>durch (tabuisierte) sexuelle Vorstellungen mitgepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Der kommunikative und sozial engagierte M\u00fchsam hat unz\u00e4hlige Menschen: K\u00fcnstlerInnen, Roma und Sinti, &#8222;Genieanw\u00e4rter&#8220;, Religionsstifter, tragische Gestalten usw. kennengelernt. Mit vielen war er freundschaftlich verbunden, etwa mit <em>Frank Wedekind, Franziska Gr\u00e4fin zu Reventlov <\/em>und<em> Paul Scheerbart<\/em>, diesem Schriftsteller, Meister des Grotesken und K\u00fcnstler-Original. Er hat versucht, FreundInnen wie GegnerInnen <em>gerecht <\/em>zu werden, <em>ohne <\/em>seine Haltung zu verleugnen. Vielen hat er ein liebevolles Denkmal gesetzt, etwa <em>Peter Hille<\/em> und <em>Scheerbart.<\/em> Ob die &#8222;Neue Gemeinschaft&#8220; der Br\u00fcder Julius und Heinrich Hart, der Kreis um &#8222;Die Kommenden&#8220; oder die Friedrichshagener Szene und das &#8222;Caf\u00e9 des Westens&#8220; in Berlin, die Schwabinger Boheme mit dem &#8222;Caf\u00e9 Stefanie&#8220;, das &#8222;Caf\u00e9 du Dome&#8220; in Paris, der Hille-Kreis in Berlin, das Kabarett &#8222;Elf Scharfrichter&#8220; usw.: Es gab Ans\u00e4tze in F\u00fclle<em>, &#8222;aus dumpfen Proletarierkreisen, aus bigottischer Kleinb\u00fcrgeratmosph\u00e4re, aus beh\u00fctetem B\u00fcrgerwohlstand oder aus dem Museumsstaub adliger Herrenschl\u00f6sser zur Freiheit der K\u00fcnste und zur Geselligkeit auf sich selbst gestellter Menschen&#8220;<\/em> zu fl\u00fcchten. Und eine Gegenwelt aufzubauen.<\/p>\n<p>Abgerundet werden die <em>Unpolitischen Erinnerungen <\/em>durch einen Essay <em>Hubert van den Berg<\/em>s, der M\u00fchsams Erz\u00e4hlungen durch Hintergrund-Informationen abrundet. Der Autor hat, so scheint es, ausgiebig recherchiert. Er erg\u00e4nzt die <em>Erinnerungen <\/em>durch zus\u00e4tzliche Informationen aus anderen Quellen, die ein genaueres Verst\u00e4ndnis erm\u00f6glichen. M\u00fchsam war kein Draufg\u00e4nger, sondern ein eher sch\u00fcchterner, mit \u00fcbergro\u00dfem Herzen ausgestatteter K\u00e4mpfer und Dichter.<\/p>\n<p>Bescheiden l\u00e4\u00dft er seine Schilderungen, die weder Anspruch auf Objektivit\u00e4t noch Endg\u00fcltigkeit<em> <\/em>erheben, ausklingen mit einem Blick nach vorn: &#8222;<em>Ich sch\u00f6pfe aus meinen unpolitischen Erinnerungen, und ich finde in ihnen Freude und Kampf und die Unbefangenheit zu leben, wie es lebendigen Geistern geziemt. War ich fr\u00fcher den wenigen verb\u00fcndet, die der Menschheit vorausliefen zu einer frohen Welt, so will ich auch den vielen verb\u00fcndet sein, die die Not lehrt, da\u00df eine frohe Welt erk\u00e4mpft werden mu\u00df, eine Welt, in der wieder Freude und Lachen Raum hat, aber nicht als Vorrecht rebellierender Au\u00dfenseiter, sondern als Inhalt des Lebens und der befreiten Menschheit&#8220;. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1927-29 publizierte die Vossische Zeitung in einer Artikel-Serie M\u00fchsams Erinnerungen an die K\u00fcnst-lerInnen-Szene in Berlin, M\u00fcnchen und Wien. Es war eine Auftragsarbeit, die dem st\u00e4ndig unter Geldmangel leidenden Dichter anderthalb Jahre ein regelm\u00e4\u00dfiges Einkommen bescherte. 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