{"id":3535,"date":"2000-10-01T00:00:24","date_gmt":"2000-09-30T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3535"},"modified":"2022-07-26T14:16:57","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:57","slug":"ausgewahlte-schriften-von-otto-gross","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/10\/ausgewahlte-schriften-von-otto-gross\/","title":{"rendered":"Ausgew\u00e4hlte Schriften von Otto Gross"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr AnarchistInnen ist die Frage, auf welchen Wegen eine freiheitliche Gesellschaft erreicht werden kann, von herausragender Bedeutung. M\u00fcssen, um zu einer grundlegenden Restrukturierung gesellschaftlichen Lebens zu gelangen, s\u00e4mtliche sozialen Beziehungen durch v\u00f6llig neue Arrangements ersetzt werden? Oder ist es m\u00f6glich, an Freiheits- und Gemeinschaftserfahrungen anzukn\u00fcpfen, um auf dieser Route die Anarchie zu erreichen? Als Vertreter dieser beiden Optionen gelten im deutschsprachigen Raum die Anarchisten Gustav Landauer (1870-1919) und Otto Gross (1877-1920).<\/p>\n<p>Gustav Landauer kn\u00fcpfte mit seinem kommunit\u00e4ren Anarchismus an das christlichen Mittelalter und an einem f\u00fcr ihn damals existierenden &#8222;Gemeinschaftsgeist&#8220; an. Als Grundlage einer restrukturierten Gesellschaft eines Bundes von B\u00fcnden rief er zur Gr\u00fcndung von Landkommunen und Gemeinden auf. Die &#8218;Urzelle&#8216; seines &#8218;Bund&#8216;-Verst\u00e4ndnisses stellte f\u00fcr ihn die Familie dar. Daraus erkl\u00e4rt sich auch seine Verteidigung der Ehe sowie seine vehemente Kritik der freien Liebe und der Psychoanalyse: &#8222;Ich will neue Mitlebensformen schaffen, weil die wirklichen, die da sind, zu k\u00fcmmerlich, zu eng sind&#8230; Wahnsinn aber w\u00e4re es, die Formen des Bundes, die wenigen, die geblieben sind, auch noch &#8218;abschaffen&#8216; zu wollen! Form brauchen wir, nicht Formlosigkeit. Tradition brauchen wir, nicht Zuchtlosigkeit.&#8220; (Brief Landauers an Margarethe Faas- Hardegger vom 01.04.1909). Landauers &#8222;restaurativ-utopische Perspektive&#8220; (Thorsten Hinz) gr\u00fcndete auf der festen \u00dcberzeugung, da\u00df eine herrschaftslose Gesellschaft nur unter der Voraussetzung aufgebaut werden kann, da\u00df Menschen vom &#8222;Gemeingeist&#8220; durchdrungen sind. Diesen &#8222;Gemeingeist&#8220; meinte er im Mittelalter erkennen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu Landauer war Gross davon \u00fcberzeugt, da\u00df eine revolution\u00e4re Umgestaltung der Gesellschaft mitnichten unter Berufung auf historische Gemeinschaftserfahrungen m\u00f6glich sei. Vielmehr m\u00fc\u00dften, um zu einer libert\u00e4ren Ethik und freiheitlichen Beziehungen unter den Menschen zu gelangen, vollkommen neue soziale Arrangements kreiert werden. Nachzulesen sind seine Ausf\u00fchrungen in einem soeben erschienenen Band, der die wichtigsten Schriften von Otto Gross in der Zeit von 1913 bis 1920 vereinigt.<\/p>\n<p>Otto Gross, der &#8222;bedeutendste Sch\u00fcler Sigmund Freuds&#8220; (Erich M\u00fchsam) und der von diesem begr\u00fcndeten Psychoanalyse, erkannte, da\u00df sich revolution\u00e4re Politik mit Psychoanalyse verkn\u00fcpfen mu\u00df: &#8222;Die Psychologie des Unbewu\u00dften ist die Philosophie der Revolution, d.h. sie ist berufen, das zu werden als das Ferment der Revoltierung innerhalb der Psyche, als die Befreiung der vom eigenen Unbewu\u00dften gebundenen Individualit\u00e4t. Sie ist berufen, zur Freiheit innerlich f\u00e4hig zu machen, berufen als die Vorarbeit der Revolution. [&#8230;] Es ist dies die praktische Methode, die es zum ersten Male m\u00f6glich macht, das Unbewu\u00dfte f\u00fcr die empirische Erkenntnis freizumachen, d.h. f\u00fcr uns, es ist jetzt m\u00f6glich geworden, sich selbst zu erkennen. Damit ist eine neue Ethik geboren, die auf dem sittlichen Imperativ zum wirklichen Wissen um sich und um den N\u00e4chsten beruhen wird.&#8220; (Zur \u00dcberwindung der kulturellen Krise (1913). In: Otto Gross, a.a.O., S. 59)<\/p>\n<p>Unter dem Einflu\u00df von Boh\u00e8me- und Anarchistenkreisen, in denen er verkehrte, und der Freundschaft mit Erich M\u00fchsam und Franz Jung forderte er die Befreiung der Individuen von s\u00e4mtlichen, traditionellen Lebensnormen und -formen. Dies bedeutete f\u00fcr ihn vor allem die Bek\u00e4mpfung des Patriarchats und der monogamen Ehe. Sexuelle Revolution, freie Liebe (die Gross selber praktizierte) und Matriarchat w\u00fcnschte Gross an die Stelle der krankmachenden kapitalistischen Ordnung zu setzen. Vor allem im Modell einer anarchistischen Mutterrechtsgesellschaft, basierend auf Mitmenschlichkeit und Solidarit\u00e4t, er\u00f6ffnete sich ihm die M\u00f6glichkeit sozialer Individualit\u00e4t, Freiheit und Gemeinschaftlichkeit.<\/p>\n<p>Lange vor Wilhelm Reich, Herbert Marcuse und Erich Fromm betonte Otto Gross die Notwendigkeit, die Psychoanalyse in einen gesellschaftlichen Kontext zu r\u00fccken, sie also als ein Instrument der Gesellschaftsver\u00e4nderung zu nutzen. Zugleich wies er darauf hin, da\u00df sexuelle Unterdr\u00fcckung ein nicht zu untersch\u00e4tzendes Herrschaftsinstrument darstellt. Gross war \u00fcberzeugt, da\u00df die Psychoanalyse einen Weg zur Selbsterkenntnis jedes Einzelnen beschreibt, um das Unbewu\u00dfte und die Affekte, die soziales Zusammenleben ohne Gewalt und Hierarchie bislang verunm\u00f6glichten, zu beherrschen. Innerlich zur Freiheit f\u00e4hig zu werden, das erschien ihm als die eigentliche Vorarbeit und Vorbedingung der Revolution.<\/p>\n<p>Auch im vorliegenden Band hat Gross wiederholt darauf hingewiesen, da\u00df ein enger Zusammenhang von psychischen und sozialen Konflikten besteht und da\u00df die herrschenden Normen und Lebensbedingungen zu zahlreichen seelischen und k\u00f6rperlichen Erkrankungen f\u00fchren. Psychische Erkrankungen betrachtete er stets als Ausdruck einer Rebellion gegen die Unterwerfung des einzelnen unter die krankmachende kapitalistische Gesellschaft: &#8222;Es zeigt sich, da\u00df das eigentliche Wesen dieser Konflikte im tiefsten Grund sich stets auf ein umfassendes Prinzip zur\u00fcckf\u00fchren l\u00e4\u00dft, auf den Konflikt des Eigenen und Fremden, des angeborenen Individuellen und des Suggerierten, das ist des Anerzogenen und Aufgezwungenen.&#8220; (Ebd. S. 60)<\/p>\n<p>Da\u00df die meisten Revolution\u00e4re sich innerlich nicht befreien, in dem sie sich etwa von ihrer Kindheit und dem Elternhaus emanzipieren, betrachtete Gross als kardinal f\u00fcr revolution\u00e4res Scheitern: &#8222;Man kann jetzt [&#8230;] erkennen, da\u00df in der Familie der Herd aller Autorit\u00e4t liegt, da\u00df die Verbindung von Sexualit\u00e4t und Autorit\u00e4t, wie sie sich in der Familie mit dem noch geltenden Vaterrecht zeigt, jede Individualit\u00e4t in Ketten schl\u00e4gt.&#8220; (Ebd. S. 61) Zuerst m\u00fc\u00dften die Menschen innerlich frei werden, d. h. sich l\u00f6sen von allen patriarchalen Konstruktionen, bevor die Gesellschaft radikal und dauerhaft ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnte. Das Mittel hierf\u00fcr sei die Psychoanalyse: &#8222;Der Revolution\u00e4r von heute, der mit Hilfe der Psychologie des Unbewu\u00dften die Beziehungen der Geschlechter in einer freien und gl\u00fcckverhei\u00dfenden Zukunft sieht, k\u00e4mpft gegen Vergewaltigung in urspr\u00fcnglichster Form, gegen den Vater und gegen das Vaterrecht.&#8220; (Ebd. S. 62)<\/p>\n<p>Auch wenn Otto Gross und Gustav Landauer in der Notwendigkeit frei vereinbarter Gemeinschaften und neuer pers\u00f6nlicher Beziehungen \u00fcbereinstimmten &#8211; Gross bef\u00fcrwortete durchaus Landauers kommunit\u00e4ren Anarchismus &#8211; , so unterschieden sie sich grundlegend darin, da\u00df Landauer an der heterosexuellen Ehe und dem b\u00fcrgerlichen Modell der monogamen Kleinfamilie, die er gleichsam naturrechtlich verkl\u00e4rte, festhielt.<\/p>\n<p>Gross dagegen beschrieb die b\u00fcrgerliche Kleinfamilie als Quelle aller gesellschaftlichen Mi\u00dfst\u00e4nde. Daraus erkl\u00e4rte sich f\u00fcr ihn auch das Scheitern der Revolution 1918\/19 in Deutschland: &#8222;Es ist das innere Schicksal und die Bestimmung des Revolution\u00e4rs, um seine inselhafte Einsamkeit des von der Zukunft her zu seiner Sendung Orientierten unter Feinden wie Gef\u00e4hrten wissend, das revolution\u00e4re Geheimnis der Erl\u00f6sung, wenn es ist, allein zu tragen und f\u00fcr den Umsturz, wenn es sein kann, alles jetzt Bestehenden und f\u00fcr den Kampf und die entfesselte Gewalt, vielleicht dem Willen einer ganzen Welt entgegen, die Verantwortung auf sich selbst nehmen.&#8220; (Zum Problem: Parlamentarismus (1919) In: Otto Gross, a.a.O. S. 113f.)<\/p>\n<p>Solange Menschen ihrer famili\u00e4ren Sozialisation verhaftet bleiben und damit ihren Affekten und ihrem Unbewu\u00dften preisgegeben sind, mu\u00df, so Gross, revolution\u00e4re Ver\u00e4nderung zwangsl\u00e4ufig mi\u00dflingen. Ein Ausweg sei allein die Verbindung von innerer und \u00e4u\u00dferer Revolution: eine Revolution des Unbewu\u00dften und des Bewu\u00dftseins zusammen mit einem Umsturz s\u00e4mtlicher bestehender Institutionen, einschlie\u00dflich der Ehe und (Klein)familie, also ein radikaler Bruch mit Vergangenheit und Gegenwart.<\/p>\n<p>F\u00fcr Otto Gross stellt die Psychoanalyse unter der Voraussetzung ein Instrument zur Befreiung des Menschen dar, da\u00df sie beim Individuum beginnt, zugleich \u00fcber das Individuum hinausreicht und die gesellschaftlichen Zusammenh\u00e4nge ver\u00e4ndert. Stets betonte er die Notwendigkeit sozialer Ver\u00e4nderung auf zwei Ebenen gleichzeitig: beim Individuum und in der Gesellschaft. Diese anarchistische Einstellung durchzieht s\u00e4mtliche Essays im vorliegenden Band. Deutlich wird dies auch in der Einleitung zu Leben und Werk von Otto Gross, die Franz Jung f\u00fcr die 1921 geplante zweib\u00e4ndige Gross&#8217;sche Werkausgabe schrieb. (S. 5ff.) Menschliche Beziehungen, Sexualit\u00e4t, Ethik, Geschlechterdifferenz, Emanzipation der Frau und Patriarchatskritik waren Gross&#8216; zentrale Themen. Psychoanalyse bedeutet hier gleichsam Kulturrevolution, n\u00e4mlich den Weg zu \u00f6ffnen f\u00fcr eine radikale Restrukturierung von Individuum und Gesellschaft hin zu sozialer Individualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Angesichts der Notwendigkeit, anarchistische Theorie und Praxis im 21. Jahrhundert zu \u00fcberdenken, erweist sich das vorliegende Buch als ein empfehlenswerter Einstieg in diese notwendige Debatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr AnarchistInnen ist die Frage, auf welchen Wegen eine freiheitliche Gesellschaft erreicht werden kann, von herausragender Bedeutung. M\u00fcssen, um zu einer grundlegenden Restrukturierung gesellschaftlichen Lebens zu gelangen, s\u00e4mtliche sozialen Beziehungen durch v\u00f6llig neue Arrangements ersetzt werden? 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