{"id":3571,"date":"2000-11-01T00:00:24","date_gmt":"2000-10-31T22:00:24","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3571"},"modified":"2022-07-26T14:26:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:23","slug":"revolution-in-serbien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/11\/revolution-in-serbien\/","title":{"rendered":"Revolution in Serbien?"},"content":{"rendered":"<p>Eine Chronologie der Ereignisse? Daf\u00fcr ist f\u00fcr mich das Erlebte noch zu frisch, jeden Spruch, jeden Demozug, der am 5. Oktober in Belgrad einzog, jede Branche, die im Streik war, w\u00fcrde ich erw\u00e4hnen wollen, die Liste w\u00e4re unendlich. Eine Einsch\u00e4tzung \u00fcber die Zukunft? Nat\u00fcrlich, das ist jetzt, nach der &#8222;Oktoberrevolution\u201d eher m\u00f6glich als nach dem ersten Wahlgang. Diskutiert werden m\u00fcssen Nationalismus, europ\u00e4ische Integration, Beitritt zum Stabilit\u00e4tspakt und internationale Investitionen, Marktwirtschaft, Rechtsstaatsystem und das Verh\u00e4ltnis zum Kosovo\/a, um nur einige Schlagworte zu nennen. Doch noch m\u00f6chte ich mir die Freude \u00fcber die Proteste, zivilen Ungehorsam und Streiks nicht nehmen lassen, die Euphorie hat meines Erachtens ihren eigenen Stellenwert.<\/p>\n<p>Die Erlebnisse der letzten Tage lassen eine schwindelig werden, das Gef\u00fchl ist nicht einzuordnen, wenn Hunderttausende selbstbewusst durch die Strassen ziehen, w\u00fctend und entschlossen demonstrieren, staatliche Geb\u00e4ude besetzen, trotz heftigstem Tr\u00e4nengaseinsatz immer wieder kommen und dann tanzen, sich freuen, ausgelassen sind, singen, sich anlachen, pfeifen, hupen und immer wieder br\u00fcllen &#8222;Gotov je&#8220; (&#8222;Er ist am Ende&#8220;). Diesem Slogan bzw. der Einstellung, die dahinter steht, n\u00e4mlich, dass Milosevic dieses Land zugrunde gerichtet hat, ist der Sieg dieser Bewegung zuzuschreiben. Die Menschen gingen nicht f\u00fcr gemeinsame politische \u00dcberzeugungen auf die Strasse, sondern aus der gemeinsamen Entt\u00e4uschung \u00fcber verpfuschte zehn Jahre ihres Lebens, die je nach Generation ganz spezielle Auswirkungen haben. Die Befreiung ist \u00fcberall zu sp\u00fcren, es scheint, als ob langsam wieder Leben hierher zur\u00fcckkehrt, wo ich bisher haupts\u00e4chlich Lethargie und Resignation begegnet bin.<\/p>\n<p>So lie\u00df ich mich \u00fcberzeugen, dass Milosevics Entmachtung die Voraussetzung und der erste Schritt f\u00fcr Ver\u00e4nderungen sind.<\/p>\n<p>Gleichzeitig merke ich genau an diesem Punkt, dass diese Tage nicht meine Tage sind, diese Revolution nicht meine Revolution. Denn viele gingen aus einer nationalen Motivation (&#8222;Milosevic hat unser Land zugrunde gerichtet\u201d) auf die Strasse, symbolisiert in serbischen und jugoslawischen Flaggen. Anderen geht es vorrangig um Normalit\u00e4t: Normalit\u00e4t, in der Geld da ist f\u00fcr ein neues Kost\u00fcm von Marco o&#8217;Polo, Normalit\u00e4t, in der sie f\u00fcr ihre Lohnarbeit nicht mehr mit Bohnen, sondern regelm\u00e4\u00dfig mit Geld entlohnt werden, sich jedoch nichts am Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis \u00e4ndert, Normalit\u00e4t, in der Fernsehen nicht mehr den Gesetzen einer Regierungspartei, daf\u00fcr den Gesetzen des Marktes untersteht, Normalit\u00e4t, in der zwar der Arzt nicht mehr bestochen werden muss, aber Gesundheit durchaus ein privates Vergn\u00fcgen bleibt, Normalit\u00e4t, in der Serbien international nicht mehr als Buhmann, sondern als Partner angesehen wird, ohne sich allerdings Fragen stellen zu lassen. Sie investierten so viel Energie, um sich endlich nicht mehr um Politik k\u00fcmmern zu m\u00fcssen, sondern dies sollen gew\u00e4hlte (und abw\u00e4hlbare!) PolitikerInnen erledigen. \u00dcber deren Verhalten, ob DOS oder SPS wurde und wird viel geschrieben, besonders Kostunicas nationalistische Einstellungen d\u00fcrften bekannt sein, so dass ich nicht n\u00e4her darauf eingehe. Doch spricht er damit f\u00fcr eine Mehrheit der Bev\u00f6lkerung, auch in progressiven Kreisen begegne ich Nationalstolz (&#8222;Auch ich bin stolz, Serbin zu sein.&#8220;) und Relativierungen (&#8222;Wir m\u00fcssen \u00fcber die Kriegsverbrechen reden, aber Verbrechen gab es auf allen Seiten.&#8220;), beliebt ist auch die Opferrolle, die in der langen Geschichte Serbiens schon h\u00e4ufig von der eigenen Verantwortung ablenkte.<\/p>\n<p>Internationale Unternehmen warten auf ihre Chance, Serbien ist ein gro\u00dfer Markt, die Preise steigen schneller als Einkommen \u00fcberhaupt vorhanden sein werden und gesellschaftliche Debatten, ob \u00fcber Korruptionswirtschaft, Amnestie f\u00fcr Deserteure, Minderheitenrechte oder Den Haag Tribunal werden nicht nur die Parteien, sondern auch die Menschen wieder trennen. Letzteres allerdings birgt die Chance f\u00fcr soziale Bewegungen, die sich dann vielleicht an positiven Zielen und Utopien orientieren anstatt an dem Ruf nach dem Ende.<\/p>\n<p>Frauengruppen in Belgrad ist bewusst, dass es mit dem Ende Milosevics erst der Anfang getan ist (s. dazu den Aufruf von Women in Black). Jetzt kommt es auf solche Basisgruppen und -initiativen an, an die \u00d6ffentlichkeit zu gehen, Forderungen zu stellen und sich nicht mit dem Erreichten zufrieden zu geben. Dabei hilft es, dass Telefone nicht mehr illegal abgeh\u00f6rt werden, Medien freier und umfassender berichten, Gesetze statt Korruption Einzug halten werden, das soll gefeiert werden &#8211; und dann hei\u00dft es: Unser Leben hat gerade erst begonnen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Chronologie der Ereignisse? Daf\u00fcr ist f\u00fcr mich das Erlebte noch zu frisch, jeden Spruch, jeden Demozug, der am 5. 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