{"id":3573,"date":"2000-11-01T00:00:32","date_gmt":"2000-10-31T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3573"},"modified":"2022-07-26T14:26:23","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:23","slug":"ot-koku-graswurzelbewegung-in-der-turkei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/11\/ot-koku-graswurzelbewegung-in-der-turkei\/","title":{"rendered":"Ot K\u00f6k\u00fc &#8211; Graswurzelbewegung in der T\u00fcrkei"},"content":{"rendered":"<p><b>GWR: Ossi, &uuml;ber Deine Kriegsdienstverweigerung wurde                 viel in der GWR und in anderen linken Zeitungen berichtet. Trotz                 der vergleichsweise gro&szlig;en Medien&ouml;ffentlichkeit, musstest                 Du bisher mehr als zwei Jahre in Haft verbringen. Da Du Dich nach                 wie vor weigerst den Kriegsdienst anzutreten, kannst Du jeder                 Zeit wieder verhaftet werden. Wie ist Deine Situation heute? Wie                 k&ouml;nnen wir Dich unterst&uuml;tzen? <\/b><\/p>\n<p><b>Osman Murat &Uuml;lke: <\/b>Rechtlich gesehen, h&auml;tte ich                 ab dem zweiten Tag nach meiner Entlassung aus dem Gef&auml;ngnis                 inhaftiert werden m&uuml;ssen, da ich mich nicht in die Einheit                 begab und somit als Deserteur gelte. Hinzu kommt, dass das Milit&auml;rkassationsgericht                 im letzten Herbst meinen letzten Prozess endg&uuml;ltig entschieden                 hat und ich daher dem Staat noch ca. eine Woche Haftstrafe schuldig                 bin. Sowohl die Milit&auml;rs, als auch die Polizei m&uuml;ssten                 mich also inhaftieren. Ich konnte durch zwei Jahre Widerstand                 im Gef&auml;ngnis nicht erreichen, dass das Thema f&uuml;r mich                 pers&ouml;nlich zu einem Ende kommt und der Staat konnte meinen                 Willen nicht brechen. Ich denke, dass eine Inhaftierung zu irgendeiner                 Zeit ansteht. M&ouml;glicherweise passt unser Gegen&uuml;ber einen                 geeigneten Moment ab, in dem wir geringen Zugang zur &Ouml;ffentlichkeit                 und\/oder organisatorische Probleme mit der B&uuml;rde eventueller                 mehrfacher Inhaftierungen haben.<\/p>\n<p>Apropos Unterst&uuml;tzung: Ich w&uuml;rde vorschlagen, die Istanbul                 Antimilitarist Inisiyatif (IAMI) mehr in den Mittelpunkt des Interesses                 zu r&uuml;cken, da sie am 15. Mai drei neue Kriegsdienstverweigerungen                 erkl&auml;rt hat und auch aufgrund anderer Projekte und Aktivit&auml;ten                 z.Zt. mit h&ouml;herem Druck zu rechnen hat. Hinzu kommt, dass                 die IAMI international noch nicht so intensiv vernetzt ist, wie                 der ISKD.<\/p>\n<p><b>Eine der aktivsten antimilitaristischen Gruppen in der T&uuml;rkei                 ist der ISKD, der sich w&auml;hrend Deiner Haft intensiv f&uuml;r                 Deine Freilassung engagiert hat. Wo liegen die derzeitigen Arbeitsschwerpunkte                 des ISKD? <\/b><\/p>\n<p>Seit meiner Entlassung hat der ISKD eine konfrontative KDV-Politik                 gemieden, was nach langer aufreibender Soli-Arbeit verst&auml;ndlich                 ist. Stattdessen war ein neuer Schwerpunkt die Vernetzung im Inland,                 die zum einen durch antimilitaristische Treffen in jeweils einer                 der drei gro&szlig;en St&auml;dte Ankara, Istanbul und Izmir stattfanden                 und zum anderen durch den Aufruf an verschiedene Gruppen und Personen                 aus den Neuen Sozialen Bewegungen, einen gemeinsamen Kongress                 zu organisieren.<\/p>\n<p>Beide Vernetzungsbem&uuml;hungen finden parallel statt.<\/p>\n<p>Fr&uuml;here Bem&uuml;hungen um ein unkonventionelles Politikverst&auml;ndnis                 wurden in den Arbeitsgruppen zu Theater und Kino verst&auml;rkt.                 Das Konzept von gewaltfreien Trainings wird nun zum ersten Mal                 durch zwei Trainingsserien vermittelt. Neue TrainerInnen werden                 ausgebildet, die selbst neue Trainings organisieren und leiten                 sollen.<\/p>\n<p>Und nat&uuml;rlich sind da noch die Antimilitaristischen Feministinnen,                 die verglichen mit anderen Arbeitsgruppen des ISKD eine weit h&ouml;here                 Dynamik entwickelt haben, die aber &uuml;ber ihre Aktivit&auml;ten                 lieber selbst berichten sollten.<\/p>\n<p><b>Am 15. Mai, dem Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerer,                 haben die Antimilitaristen Timusin Kizilay, Ugur Yorulmaz und                 Hasan Simen w&auml;hrend eines politischen Festivals der Istanbul                 Antimilitarist Inisiyatif (IAMI) &ouml;ffentlich ihre Kriegsdienstverweigerung                 erkl&auml;rt (vgl. GWR 250). Wie hat die &Ouml;ffentlichkeit und                 wie hat der Staat darauf reagiert? <\/b><\/p>\n<p>Zwei gewichtige Zeitungen haben je eine halbe Seite zu dem Festival                 und den Verweigerungen berichtet. Eine Boulevard- Zeitung zog                 mit einer kleinen Nachricht &uuml;ber die Verweigerer her. Es                 ist erstaunlich, dass der Staat bisher noch gar nicht reagiert                 hat. Wir hatten zumindest Prozesse wegen &#8222;Distanzierung des Volkes                 vom Milit&auml;r&#8220; erwartet. Scheinbar will der Staat das Thema                 f&uuml;rs erste ruhen lassen. Aber das letzte Wort ist noch lange                 nicht gesprochen. Ich wurde auch erst mehr als ein Jahr nach meiner                 Wehrpassverbrennung inhaftiert.<\/p>\n<p><b>Die Repression des t&uuml;rkischen Staates richtet sich gegen                 AntimilitaristInnen und in der Vergangenheit auch gegen die wenigen                 JournalistInnen, die sich trauten ohne Maulkorb &uuml;ber antimilitaristische                 Aktionen zu berichten. Wie erkl&auml;rst Du Dir, dass die t&uuml;rkische                 Presse nun relativ viel &uuml;ber die Kriegsdienstverweiger berichtet                 hat? <\/b><\/p>\n<p>Eigentlich finden viele JournalistInnen und KolumnistInnen die                 KDV interessant, ja viele sympathisieren auch mit uns. Aber sie                 haben mit Prozessen und, bevor es soweit kommt, mit der Selbstzensur                 der Zeitungsf&uuml;hrung zu rechnen. Dies l&auml;sst sich ab und                 an mit relativ vorsichtigen Artikeln abwenden. Es wagt aber keine                 Zeitung (au&szlig;er der pro-kurdischen G&uuml;ndem) &uuml;ber                 einen l&auml;ngeren Zeitraum &uuml;ber AntimilitaristInnen zu                 berichten, weil der Repressionsapparat fr&uuml;her oder sp&auml;ter                 zuschl&auml;gt. Es ist ein stets vorsichtiges Vortasten und Balancieren.<\/p>\n<p><b>Anfang der siebziger Jahre hat die GWR eine erfolgreiche Kampagne                 f&uuml;r die inhaftierten Kriegsdienstverweigerer im faschistischen                 Spanien mitorganisiert. Nach Francos Tod wollte der spanische                 Staat Mitglied der EG werden und musste deshalb demokratische                 und &ouml;konomische Reformen umsetzen. Die T&uuml;rkei ist heute                 immer noch de facto eine Milit&auml;rdiktatur mit demokratischem                 Anstrich. Sie will Mitglied der EU werden und muss deshalb &#8211; &auml;hnlich                 wie einst Spanien &#8211; bestimmte Aufnahmekriterien erf&uuml;llen.                 Dazu geh&ouml;ren Menschenrechte, die Abschaffung von Todesstrafe                 und Folter, sowie das Recht auf Kriegsdienstverweigerung. Wie                 siehst Du die Chancen einer internationalen Solidarit&auml;tskampagne                 f&uuml;r die t&uuml;rkischen Kriegsdienstverweigerer? Wie kann                 der internationale Druck auf die T&uuml;rkei verst&auml;rkt werden?                 <\/b><\/p>\n<p>Ich sehe mittelfristig keine Chancen f&uuml;r die Anerkennung                 der KDV. Es ist auch oppositionellen Bewegungen gegen&uuml;ber                 keine Lockerung der Staatsrepression in Sicht. Im Gegenteil liest                 der Staat nun Fr&uuml;chte zwanzigj&auml;hriger systematischer                 Repression auf. Schon lange ist die gesellschaftliche Opposition                 ein Schatten ihrer selbst und beschr&auml;nkt sich haupts&auml;chlich                 auf Salonaktivit&auml;ten. In den letzten Wochen wurden selbst                 moderateste Aktivit&auml;ten dieser Art unterbunden, wie z.B.                 das Sommercamp des Helsinki Citizens Assembly, das seit Jahren                 ungest&ouml;rt stattfand oder ein Seminar der Stiftung Women for                 Womens Human Rights. Ohne Illusionen m&uuml;ssen wir anerkennen,                 dass solche Solidarit&auml;tskampagnen erstmal einfach lebenssch&uuml;tzend                 sind, aber hier keine politische Wirkung entfalten.<\/p>\n<p><b>In der T&uuml;rkei fallen &uuml;berall die Bilder und Heldenstatuen                 des Staatsgr&uuml;nders Mustafa Kemal &#8222;Atat&uuml;rk&#8220; (= &#8222;Vater                 der T&uuml;rken&#8220;) ins Auge. Atat&uuml;rk war mitverantwortlich                 f&uuml;r die Ermordung hunderttausender KurdInnen. Es ist nach                 wie vor verboten den 1915 begangenen osmanischen V&ouml;lkermord                 an 1,5 Millionen Armeniern zu thematisieren. Wie sch&auml;tzt                 Du die M&ouml;glichkeiten ein, dass sich die t&uuml;rkische Gesellschaft                 st&auml;rker mit ihrer Geschichte auseinandersetzen kann? <\/b><\/p>\n<p>Schlecht. Der Kult um Atat&uuml;rk ist seit Anfang der 90iger                 Jahre immer st&auml;rker geworden und wird von einem unglaublich                 trivialem Pop-Nationalismus begleitet. F&uuml;r die Mehrheit ist                 Nationalismus nichts griesgr&auml;miges mehr, sondern ein moderner                 und heiterer Zustand von Selbstbewusstsein. Eine Infragestellung                 gutgehegter Dogmen ruft jedoch sofort eine ansteckende Hysterie                 hervor. Weit entfernt von dieser hegemonialen Selbstwahrnehmung                 r&uuml;hrt sich in links-intellektuellen Kreisen das Bed&uuml;rfnis                 nach einem neuen Umgang mit Geschichte, das erfreuerlicherweise                 auch konstruktiv mit bisher kaum thematisierten linken Dogmen                 umgeht, was Geschichtsschreibung und -wahrnehmung betrifft. Ich                 sehe aber nicht, wie dieser Trend die breite &Ouml;ffentlichkeit                 erreichen sollte, zumal diese Diskussionen selbst die linke &Ouml;ffentlichkeit                 noch ganz und gar nicht erreicht haben.<\/p>\n<p><b>Die faschistischen Grauen W&ouml;lfe (MHP) sind in der t&uuml;rkischen                 &Ouml;ffentlichkeit allgegenw&auml;rtig. Ihre Plakate, Propagandast&auml;nde                 und roten Wimpel mit drei wei&szlig;en Halbmonden sind &uuml;berall,                 sogar in Reisebussen, zu sehen. MHPler haben B&uuml;ros und Mitglieder                 z.B. des Menschenrechtsvereins (IHD) und der kurdischen Partei                 HADEP &uuml;berfallen, ohne dass die Polizei etwas dagegen unternahm.                 Wie hat sich die Situation seit der Regierungsbeteiligung der                 MHP ver&auml;ndert? Wie kann der Einfluss der MHP zur&uuml;ckgedr&auml;ngt                 werden? Gibt es ein antifaschistisches B&uuml;ndnis, eine Zusammenarbeit                 mit dem IHD, den Parteien &Ouml;DP und HADEP, oder anderen antifaschistischen                 Gruppen? <\/b><\/p>\n<p>Die Antworten auf diese Fragen w&auml;ren sicher ein Artikel                 f&uuml;r sich, der einen besseren Autor als mich verdient. Nun,                 ich werde versuchen einige Aspekte so gut ich kann kurz zu benennen.<\/p>\n<p>Seit die MHP in der Regierung ist, hat die sichtbare Gewalt der                 j&uuml;ngeren Grauen W&ouml;lfe abgenommen. Trotz allem Kredit,                 der der MHP zugestanden wurde, ist sie darauf bedacht moderat                 zu erscheinen. Ab und zu kommt dieses Bild durch Zwischenf&auml;lle                 zum Flackern, doch im gro&szlig;en und ganzen spielt die MHP ihre                 Rolle im parlamentaristischen Spiel mit. Ihre stark ideologisierte                 und emotionale Terminologie an der Basis t&auml;uscht dabei dar&uuml;ber                 hinweg, dass sie eher eine klientalistische Bande ist, die jetzt                 schaut, wie sie die gegebenen Mittel am besten unter Dach und                 Fach bringt. Tats&auml;chlich fehlt der MHP aber eine klare ideologische                 Formation, um politische Konflikte konstant auszutragen. Stattdessen                 stellt sie sich bockig und vertraut auf populistische Impulse                 &#8211; was ihr eigentlich gut gelingt. W&auml;hrend sie sich an der                 Position erfreut im Namen &#8222;Des T&uuml;rken&#8220; gegen realpolitische                 Bed&uuml;rfnisse der Regierung zu opponieren, kostet sie die M&ouml;glichkeiten                 der Inbesitznahme der Institutionen aus. Andererseits riskiert                 sie durch diesen Spagat die Glaubw&uuml;rdigkeit an der Basis                 zu verlieren oder die eher gesicherte Salonf&auml;higkeit aufs                 Spiel zu setzen.<\/p>\n<p>Wie der Einfluss der MHP zur&uuml;ckgedr&auml;ngt werden kann,                 wei&szlig; ich nicht.<\/p>\n<p>Ein antifaschistisches B&uuml;ndnis existiert nicht und ich weiss                 von keinen aktuellen Versuchen eins zu gr&uuml;nden. Der letzte                 Versuch hierzu -von dem ich weiss- ging Ende 1994 den Bach runter.                 Der erste Schock, den viele nach dem Wahlerfolg der MHP erlitten,                 verfl&uuml;chtigte sich schnell und die Starre der Linken hat                 sich nicht gel&ouml;st. Nat&uuml;rlich bedeutet das nicht, dass                 die Linke zu nichts etwas tut und keine eigene Tagesordnung hat.                 Das Gewicht verlagert sich innerhalb des Kokons, aber es ist eben                 doch ein Kokon.<\/p>\n<p><b>Seit dem Todesurteil gegen ihren &#8222;Serok&#8220; (F&uuml;hrer) Abdullah                 &Ouml;calan, der als Gefangener zum Instrument des t&uuml;rkischen                 Staates geworden ist (vgl. GWR 241), scheint die kurdische PKK                 an politischer Bedeutung zu verlieren. W&auml;hrend sie einerseits                 gegen die Vollstreckung des Todesurteils und f&uuml;r die Abschaffung                 der Todesstrafe mobilisiert, drohte sie &#8211; so geht es aus einem                 Papier der PDS-Abgeordneten Ulla Jelpke hervor &#8211; im Juli in ihrem                 Parteiorgan &#8222;Serxwebun&#8220; (Unabh&auml;ngigkeit) den Abweichlern                 vom &Ouml;calan-Kurs mit der &#8222;h&auml;rtesten Strafe&#8220;, sprich Todesstrafe,                 die wegen des Kriegszustandes gerechtfertigt sei. Viele KurdInnen                 wenden sich entt&auml;uscht von der PKK ab. Vielleicht er&ouml;ffnet                 der Niedergang dieser militaristischen Partei auch Chancen f&uuml;r                 eine nicht nationalistische, antimilitaristische, au&szlig;erparlamentarische                 soziale Bewegung? Wie beurteilst Du die Entwicklung der PKK? <\/b><\/p>\n<p>Die Entscheidung, sich f&uuml;r die &#8222;demokratische Republik&#8220;                 einzusetzen und die Bewegung im zivilgesellschaftlichem Sinn zu                 politisieren ist ja schon vor der Inhaftierung &Ouml;calans gefasst                 worden. Trotzdem wurden konkrete Versuche, dies umzusetzen erst                 danach in Angriff genommen. Auf der Suche nach Mitteln dieser                 Transformation stie&szlig;en sie auf Zivilen Ungehorsam und Gewaltlosigkeit.                 Verschiedene Zeitschriften der Bewegung ver&ouml;ffentlichten                 Artikel zu Gandhi und gewaltlosen Aktionskonzepten. Wir wurden                 einige mal um Materialien angefragt. Es w&auml;re aber sicher                 zu fr&uuml;h von einer tiefer gehenden Wandlung zu sprechen. All                 diese &#8222;neuen&#8220; Elemente wurden erstmal als neutrales Handwerkszeug                 angesehen und es wurde nach potentiellen Verbindungen zum eigenen                 Nationalverst&auml;ndnis gesucht. Ich kann mich irren, glaube                 aber, dass der Erneuerungstrend auch schon wieder abnimmt. Was                 bei diesem Experiment wirklich herauskommen mag, wird die Zukunft                 zeigen &#8211; aber ich hege da keine gro&szlig;en Erwartungen. Hinzu                 kommt, dass &#8211; wie Du auch andeutest &#8211; die Praxis der F&uuml;hrung                 Andersdenkende betreffend sich nicht im geringsten ge&auml;ndert                 hat.<\/p>\n<p><b>Wie sch&auml;tzt Du die derzeitige Lage der neuen sozialen                 Bewegungen (z.B. feministische Gruppen, &Ouml;kologiebewegung,&#8230;)                 in der T&uuml;rkei ein? <\/b><\/p>\n<p>Vernetzungsbem&uuml;hungen sind mir nur aus dem antimilitaristischem                 und dem Gay\/Lesben-Lager bekannt.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal treten Gays und Lesben deutlicher und dichter                 auf. Es tut sich einiges und sie finden mittlerweile auch Zugang                 zu den Medien.<\/p>\n<p>Die &Ouml;ko-Bewegung, die vielleicht zahlenm&auml;ssig die gr&ouml;&szlig;te                 unter den NSB ist, ist zerstritten. Greenpeace verschafft sich                 immer mehr Sympathien und organisiert sich in den drei gro&szlig;en                 St&auml;dten, meist mit aktiver Teilnahme von soliden Aktivisten,                 die wir auch in anderen Bewegungen sehen. Kritik an Greenpeace                 wird mit dem Argument entsch&auml;rft, dass sie etwas tun und                 die Organisation in der T&uuml;rkei noch lange nicht so durchhierarchisiert                 ist, wie im Westen.<\/p>\n<p>Um die Feministinnen ist es sehr ruhig geworden und nur wenige                 Gruppen arbeiten weiter. Daf&uuml;r haben einige der Projekte                 tiefergehende Ans&auml;tze. Ansonsten h&auml;lt in diesem Bereich                 ein Akademisierungstrend Einzug. Mehrere Universit&auml;ten haben                 Zentren f&uuml;r Frauenforschung er&ouml;ffnet.<\/p>\n<p><b>In der T&uuml;rkei gibt es eine kleine libert&auml;re Bewegung.                 Der Istanbuler KAOS-Verlag bringt anarchistische B&uuml;cher z.B.                 von Emma Goldman, Rudolf Rocker, Errico Malatesta und Abel Paz                 heraus. &#8222;Anarsizm&#8220; von George Woodcock liegt mittlerweile in der                 3. Auflage vor. Anarchistische Zeitungen wie z.B. die unregelm&auml;&szlig;ig                 erscheinende &#8222;Ates Hirsizi&#8220; (s. GWR 236) oder die zweiw&ouml;chentlich                 erscheinende &#8222;Efendizisler&#8220; , aber auch die vielen gespr&uuml;hten                 A&#8217;s, die einem in Izmir und in Istanbul ins Auge fallen, deuten                 auf eine vitale libert&auml;re Szene hin. Vor einem Jahr, im September                 1999 erschien in der GWR 241 ein Interview mit Dir, wo Du auch                 die Situation der anarchistischen Szene beschrieben hast. Was                 hat sich seitdem getan? Wie sch&auml;tzt Du die Zusammenarbeit                 und Vernetzung der libert&auml;ren Gruppen ein? <\/b><\/p>\n<p>Der KAOS-Verlag leistet weiterhin gute Arbeit. Die Zusammenarbeit                 verschiedener Gruppen ist allerdings im letzten Jahr nicht vorangekommen.                 Im Gegenteil schreitet die Entfremdung zwischen verschiedenen                 Zirkeln voran.<\/p>\n<p>Um die Zeitschrift <i>Efendisizler <\/i>(Die Herrenlosen) hat                 sich in Istanbul eine aktive Gruppe namens AGF (Anarsist Genclik                 Federasyonu &#8211; Anarchistische Jugendf&ouml;deration) gebildet,                 der, eigenen Angaben nach ca. 150 Leute angeh&ouml;ren. Gegen                 diese Gruppe gibt es aus verschiedenen Gruppen in verschiedenen                 St&auml;dten Kritik, sie sei hierarchisch und w&uuml;rde Gewalt                 verherrlichen. Was mir auff&auml;llt ist, wie AGF sich nicht scheut                 auf durchaus militante Weise anderen Gruppen und Individuen den                 Anspruch anarchistisch zu sein, abspricht. So kommt es zu einer                 gegenseitigen Ausgrenzung.<\/p>\n<p>In Ankara hatte sich vor ungef&auml;hr einem Jahr die <i>Kooperative                 Karag&uuml;n<\/i> (Schwarzer Tag) gebildet, in der sich verschiedenste                 Str&ouml;mungen des Anarchismus wiederfanden. Konflikttr&auml;chtige                 Meinungsverschiedenheiten sollten pluralistisch &uuml;berbr&uuml;ckt                 werden. Leider ist das Experiment misslungen und Karag&uuml;n                 ist nun auseinandergebrochen.<\/p>\n<p><b>In der Vergangenheit gab es auch libert&auml;re Zeitungsprojekte,                 die mittlerweile eingestellt wurden. Auch &#8222;Amargi&#8220;, die gewaltfreie                 anarchistische Zeitung erscheint nicht mehr. Warum nicht? Kannst                 Du die Geschichte der libert&auml;ren Presse in der T&uuml;rkei                 skizzieren?<\/b><\/p>\n<p>Falls ich mich nicht irre, erschien die Zeitschrift <i>Akintiya                 Karsi<\/i> (Gegen den Strom) 1984. Das war eine Zeit in der sich                 die sozialen Bewegungen nach dem Putsch noch kaum gesammelt hatten.                 Das eigentliche Erwachen fand erst 1987 statt. Daher stellt Akintiya                 Karsi f&uuml;r mich ein wichtiges Ph&auml;nomen dar. Sie war nicht                 ausdr&uuml;cklich anarchistisch, aber sicher libert&auml;r. Es                 erschienen zwei Ausgaben.<\/p>\n<p>1987-88 erschien dann <i>Kara<\/i> (Schwarz) mit 12 Ausgaben.                 In dieser Zeitschrift wurden verschiedene Str&ouml;mungen vorgestellt                 und diskutiert. Kara ist mit ihrer F&uuml;lle, der Anziehungskraft                 die sie entwickelte immer noch nicht &uuml;berboten worden.<\/p>\n<p>Aus Kara entstanden zwei Projekte: <i>Efendisiz<\/i> (Der\/die                 Herrenlose &#8211; nicht zu verwechseln mit Efendisizler) und <i>At&ouml;lye                 A<\/i>. Efendisiz wollte die durch Kara geschaffene Grundlage politisch                 umsetzen, w&auml;hrend At&ouml;lye A ein Kommuneprojekt war, in                 dem versucht wurde durch Handarbeit eine finanziele Grundlage                 f&uuml;r ein alternatives Leben und Politik zu schaffen. Beide                 Projekte fingen 1989 an. Efendisiz ver&ouml;ffentlichte sechs                 Ausgaben. At&ouml;lye A war etwas best&auml;ndiger, brach aber                 1991 auseinander.<\/p>\n<p>In dieser Zeit waren diese kleinen Gruppen aktiv in der &Ouml;kologie-Szene                 und fingen an Antimilitarismus zu thematisieren.<\/p>\n<p>So kam es Ende 1990 zu den ersten beiden KDVern, die von einer                 w&ouml;chentlichen popul&auml;r-libert&auml;ren Zeitschrift namens                 <i>Sokak<\/i> (Strasse) unterst&uuml;tzt wurden. Sokak erreichte                 eine Auflage von 10.000, musste aber nachdem sie dreimal konfisziert                 wurde schliessen.<\/p>\n<p><i>Amargi<\/i> -das erste Wort f&uuml;r Freiheit, bzw. R&uuml;ckkehr                 zur Mutter in Sumerisch- erschien zum ersten Mal im Dezember 1991.                 Diese Zeitschrift wurde von fr&uuml;heren AktivistInnen aus Efendisiz                 und At&ouml;lye A getragen.<\/p>\n<p>Neben anderen Themen betonte Amargi besonders Antimilitarismus,                 pl&auml;dierte allerdings gegen eine Konkurrenz zwischen verschiedenen                 Str&ouml;mungen innerhalb des Anarchismus. Amargi stellte ihr                 Erscheinen ein, nachdem 1994 ein Projektvorschlag zu einer gemeinsamen                 Zeitschrift aller AnarchistInnen der T&uuml;rkei scheiterte. Weiter                 spielte das Engagement der Amargi-HerausgeberInnen innerhalb des                 ISKD eine Rolle in der Aufgabe der Zeitschrift. Amargi erreichte                 14 Ausgaben.<\/p>\n<p>1992 und 1993 war die Zeit, in der Underground-Fanzines wie Pilze                 aus dem Boden geschossen sind. Eines der Fanzines war <i>Coelacanth                 <\/i>(der Urfisch), welches im Januar 1992 in Verbindung mit einer                 Kommune in Antalya entstand. Nach 14 Ausgaben stellte Coelacanth                 ihr Erscheinen ein, da die Kommune auseinanderfiel. Einige fr&uuml;here                 Coelacanth&#8217;ler gingen zu Amargi und dem ISKD &uuml;ber.<\/p>\n<p><i>Ates Hirsizi<\/i> (Feuerdieb) erschien 1993, vertrat eine anti-pazifistische                 Haltung und legte besonderen Wert auf eine Auseinandersetzung                 mit dem Krieg in Kurdistan. Hieraus m&uuml;ndete der KAOS-Verlag.<\/p>\n<p>Nachdem Amargis Vorschlag die Kr&auml;fte zu b&uuml;ndeln erfolglos                 blieb, erschien 1994 <i>Apolitika<\/i>, mit dem Anspruch eine Plattform                 aller AnarchistInnen in der T&uuml;rkei zu sein, dem sie aber                 nicht nachkommen konnte.<\/p>\n<p>Nachdem Amargi, Coelacanth, Ates Hirsizi und Apolitika nicht                 mehr erschienen, war es l&auml;nger still, bis letztes Jahr <i>Efendisizler<\/i>                 entstand, deren momentane Situation ich vorhin schon schilderte.<\/p>\n<p><b>Welche Perspektiven siehst Du f&uuml;r eine Graswurzelbewegung                 in der T&uuml;rkei? <\/b><\/p>\n<p>Die Graswurzelbewegung, oder besser gesagt ihre Ans&auml;tze,                 ist mit den gleichen Problemen konfrontiert, mit denen jede radikale                 gesellschaftliche Opposition in der T&uuml;rkei sich herumschlagen                 muss. Vielleicht ist hier die H&uuml;rde sogar gr&ouml;&szlig;er,                 weil sie zus&auml;tzlich dem Misstrauen der traditionellen Linke                 ausgesetzt ist. Es ist sicher zu fr&uuml;h sich Hoffnungen zu                 machen, aber die Plattformen gegen Globalisierung, die sich nun                 heranbilden, k&ouml;nnten eine Chance darstellen neue Aktions-                 und Organisationskonzepte in einem breiteren Rahmen vorzustellen                 und zu diskutieren. Hier&uuml;ber und durch gewaltfreie Trainings                 versuchen wir, f&uuml;r die T&uuml;rkei neue Herangehensweisen                 anderen n&auml;her zu bringen und Vorurteile abzubauen.<\/p>\n<p><b>Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/b> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Ossi, &uuml;ber Deine Kriegsdienstverweigerung wurde viel in der GWR und in anderen linken Zeitungen berichtet. 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