{"id":3584,"date":"2000-11-01T00:00:34","date_gmt":"2000-10-31T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3584"},"modified":"2022-07-26T12:59:09","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:09","slug":"ich-konnte-mir-nicht-mal-sein-alter-merken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/11\/ich-konnte-mir-nicht-mal-sein-alter-merken\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich konnte mir nicht mal sein Alter merken&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ich konnte mir nicht mal sein Alter merken&#8220;. Die dunkelhaarige Aylin (Name ge\u00e4ndert) spricht von dem Mann, der ihr Ehemann werden sollte. Gefragtworden ist sie nicht.<\/p>\n<p>Die Heirat wurde von den Eltern arrangiert. Auf einem T\u00fcrkeiurlaub wurde Verlobung gefeiert, da hat die damals 18- J\u00e4hrige den t\u00fcrkischen Studenten zum ersten und einzigen Mal gesehen. &#8222;Er stand auf der Stra\u00dfe, und wir sind mit dem Auto langsam vorbei gefahren&#8220;. Zwei Jahre war die T\u00fcrkin mit ihm verlobt. Damit das Paar in Kontakt blieb, sorgte der Vater daf\u00fcr, dass die Tochter ihrem Zuk\u00fcnftigen schrieb und mit ihm telefonierte &#8211; oft half er mit Schl\u00e4gen nach.<\/p>\n<p>Nicht nur bei der Partnerwahl wurden Aylins W\u00fcnsche ignoriert. Auch eine Ausbildung war tabu. &#8222;Ich wollte aber nicht mein Leben lang zu Hause sitzen und kochen&#8220;, betont die heute 22-J\u00e4hrige. Die Folge: Streit, Pr\u00fcgel und Isolation: &#8222;Nicht mal Schulfreundinnen durften mich anrufen&#8220;.<\/p>\n<p>Das kennt auch Nayla (Name ge\u00e4ndert). Die 21-j\u00e4hrige Afghanin wuchs als J\u00fcngste von f\u00fcnf Geschwistern in Deutschland auf. Jeder Schritt wurde von ihren Br\u00fcdern \u00fcberwacht, und Arztbesuche musste sie sich mit Uhrzeit bescheinigen lassen. Absolut tabu waren Dinge, die f\u00fcr Gleichaltrige zum Alltag geh\u00f6ren. &#8222;Ich durfte weder ins Kino, noch in ein Caf\u00e9, noch in die Disco&#8220;, berichtet die Darmst\u00e4dterin. Begehrte sie auf, gab es Schl\u00e4ge.<\/p>\n<p>Geschlagen wurde Nayla auch, als sie sich vor drei Jahren gegen eine Zwangsehe mit ihrem Cousin str\u00e4ubte. Es kam zum Eklat.<\/p>\n<p>Bevor die Hochzeit stattfand, flohen die Musliminnen von zu Hause. Zuflucht fanden sie beim Stuttgarter Verein Rosa, der von Zwangsehe und Gewalt betroffene Ausl\u00e4nderinnen aufnimmt. Darunter sind auch Frauen wie Dinja (Name ge\u00e4ndert) aus Hamburg. Vier Mal ist sie verlobt worden, und vier mal lehnte die Libanesin ab &#8211; den Cousin genauso wie entfernt verwandte Kuwaitis oder Pal\u00e4stinenser.<\/p>\n<p>Seit 1988 hat das Projekt Rosa 77 Frauen im Alter von 16 bis 21 Jahre betreut. Sie wurden von Beratungsstellen, Wohnheimen, Frauenh\u00e4usern oder Kliniken vermittelt &#8211; zwei Drittel sind T\u00fcrkinnen. Einziehen k\u00f6nnen sie, sobald die Kostenzusage des Jugendamtes und bei Minderj\u00e4hrigen das Sorgerecht gekl\u00e4rt ist. Damit die Geflohenen nicht aufgesp\u00fcrt werden, nimmt Rosa fast nur Frauen aus andern Bundesl\u00e4ndern auf. Die Adresse der zwei Wohnungen mit 9 Pl\u00e4tzen bleibt streng vertraulich.<\/p>\n<p>Der Neuanfang erfordert Mut. Zwei Sozialarbeiterinnen und eine Honorarkraft helfen, Depressionen sowie Heimweh nach Familie, Stadt und Freundinnen zu bew\u00e4ltigen. Gleichzeitig klingen vielen Betroffenen noch die massiven Drohungen von zu Hause im Ohr. Sie f\u00fcrchten, von der Familie, Verwandten und Bekannten aufgesp\u00fcrt und ins Herkunftsland entf\u00fchrt oder gar umgebracht zu werden. Meist sei das Angstmache, um die Frauen gef\u00fcgig zu machen, wei\u00df Dilar (Name ge\u00e4ndert). In zehn Prozent der F\u00e4lle aber, sch\u00e4tzt die Rosa-Sozialarbeiterin, w\u00fcrden die Drohungen in die Tat umgesetzt. Aber, so f\u00fcgt sie gleich hinzu: &#8222;Bei uns wurde noch keine Frau gefunden.&#8220;<\/p>\n<p>Unter solchen Umst\u00e4nden gilt es, eigene Entscheidungen zu f\u00e4llen und eine Berufswahl zu treffen. Nach durchschnittlich 15 bis 20 Monaten m\u00fcssen die jungen Frauen auf eigenen Beinen stehen. F\u00fcr Aylin, die bereis eine eigene Wohnung bezogen hat, hei\u00dft das, sich an neue Sozialarbeiterinnen zu gew\u00f6hnen. Den vertrauten Rosa-Frauen fehlt es an Geld und Stellen f\u00fcr die Nachbetreuung.<\/p>\n<p>Wie viele Eltern f\u00fcr ihre Kinder Ehen arrangieren, dar\u00fcber schweigen Studien oder Erhebungen. Auch das Stuttgarter Hilfeprojekt muss in punkto Zahlen passen. Doch eins ist f\u00fcr Dilar wichtig zu betonen: Sie m\u00f6chte den Streit zwischen Eltern und T\u00f6chtern nicht auf einen Kulturkonflikt reduziert sehen. &#8222;Es handelt sich vor allem um einen Generationskonflikt&#8220;, ist die P\u00e4dagogin \u00fcberzeugt. Wenn M\u00e4dchen in die Pubert\u00e4t k\u00e4men, wollten sie ihre eigenen Wege gehen. Damit seien manche ausl\u00e4ndische Familien &#8211; \u00e4hnlich wie manche deutsche &#8211; \u00fcberfordert. Es k\u00f6nne zu erbittertem Streit \u00fcber Tradition, Religion oder dar\u00fcber, wie eine Frau zu sein habe, kommen. Prallen dann noch die Sitten eines anderen Landes mit dem deutschen Lebensstil zusammen, w\u00fcrden M\u00e4dchen oft strenger erzogen als im Herkunftsland, so die Erfahrungen des Rosa-Teams. Auch die Zwangsverheiratung sei &#8222;ein Bew\u00e4ltigungsmuster mit Schutzfunktion&#8220;, um das Kind gegen scheinbar sch\u00e4dliche Einfl\u00fcsse zu wappnen, sagt Dilar. Eltern wollten ihre T\u00f6chter in den eigenen Familienstrukturen aufgehoben wissen.<\/p>\n<p>Aylin, Nayla und die andern von Rosa betreuten Frauen haben weniger den Schutz, daf\u00fcr um so mehr Zwang und Entm\u00fcndigung wahrgenommen. Sie haben sich gegen die Pl\u00e4ne der Eltern entschieden. Und sie scheinen ihren Beschluss durchzuziehen. Anders als im Frauenhaus geht nicht mal ein Prozent nach Hause zur\u00fcck. &#8222;Die M\u00e4dels halten durch&#8220;, berichtet Dilar stolz.<\/p>\n<p>Aylin etwa macht heute eine Lehre als B\u00fcrokauffrau. Wie bei allen von Rosa betreuten Frauen, wurden mit der Zeit vorsichtige Kontakte zu den Eltern in die Wege geleitet. Inzwischen hat sie ihre Mutter wieder gesehen &#8211; vorsichtshalber, als Vater und Bruder im Urlaub waren. Noch ist die Lage brisant. Der Vorwurf steht im Raum, die Ehre der Familie beschmutzt zu haben.<\/p>\n<p>Trotz aller bitteren Erfahrung sagt Aylin: &#8222;Ich bin eine stolze T\u00fcrkin.&#8220;<\/p>\n<p>Auf ihr Land und ihre Religion l\u00e4sst sie nichts kommen. Sie kritisiert aber, der Koran werde gern zum Vorteil der M\u00e4nner und zum Nachteil der Frauen ausgelegt &#8211; besonders wenn Musliminnen mehr wollten, als nur an Heim und Herd verweilen. Wer dagegen aufbegehre und wie Aylin und ihre Freundinnen das Elternhaus verlasse, sei schnell als Hure abgestempelt.<\/p>\n<p>Auch junge M\u00e4nner, die wie sie in Deutschland aufgewachsen sind, zeigten oft wenig Verst\u00e4ndnis: &#8222;Ich denke, es sind zehn Prozent, die unsere Flucht akzeptieren k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich konnte mir nicht mal sein Alter merken&#8220;. Die dunkelhaarige Aylin (Name ge\u00e4ndert) spricht von dem Mann, der ihr Ehemann werden sollte. Gefragtworden ist sie nicht. 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