{"id":3704,"date":"2000-12-01T00:00:23","date_gmt":"2000-11-30T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3704"},"modified":"2022-07-26T13:56:57","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:57","slug":"fast-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/12\/fast-eine-rezension\/","title":{"rendered":"Fast eine Rezension"},"content":{"rendered":"<p>Da erz\u00e4hle ich noch breit am Telefon, da\u00df ich mich auf Rezensionen von B\u00fcchern, die mich nicht interessieren oder die ich \u00e4rgerlich finde nicht einlassen werde, sage aber bl\u00f6derweise zu \u00fcber das Buch &#8222;Indian War&#8220; etwas zu schreiben.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sollte der Titel urspr\u00fcnglich im anarchistischen Trotzdem-Verlag erscheinen (was wohl wegen finanzieller Forderungen des Autors dann nicht geschah), und der Atlantik Verlag ist bekannt f\u00fcr seine engagierte Literatur zum vom Tode durch die US-Beh\u00f6rden bedrohten schwarzen Journalisten Mumia Abu-Jamal. Sp\u00e4testens ab Seite 15 merkte ich in eine Falle geraten zu sein. Und doch! M. L. Hofman&#8217;s Buch ist &#8211; ich wei\u00df nicht recht, wie ich es ausdr\u00fccken soll &#8211; durchaus <em>bei<\/em> der Sache, aber nicht unbedingt <em>f\u00fcr<\/em> die Sache (oder umgekehrt). Ein, zugegebener Ma\u00dfen etwas hinkender Vergleich w\u00e4re: CSU-Stoiber schreibt \u00fcber die M\u00fcnchner R\u00e4terepublik. Oder so \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Der Scherzerei ein Ende! Es gibt schlie\u00dflich einen ernsten und schwerwiegenden Hintergrund f\u00fcr dieses Buch: Der Fall Leonard Peltier. Der indianische B\u00fcrgerrechtler und Aktivist des American Indian Movement (AIM) sitzt seit \u00fcber 20 Jahren im Knast, aufgrund einer zweifachen Mordanklage bei der zwei FBI-Agenten am 26. Juni 1975 in der Pine- Ridge-Reservation (US-Bundesstaat South-Dakota) ums Leben kamen. Selbst aus der Justiz wurden inzwischen Stimmen laut, da\u00df eigentlich niemand wei\u00df was an jenem Tag passiert ist, da\u00df es keine Beweise gibt, da\u00df Leonard Peltier f\u00fcr den Tod der FBI-Agenten verantwortlich ist. Mit gef\u00e4lschten Beweisen, erpre\u00dften Zeugenaussagen f\u00fchrte das FBI seinerzeit Krieg gegen die indianische B\u00fcgerrechtsbewegung, und alle wissen es heute, aber nichts passiert. Das Leonard-Peltier-Defence-Comitee hat inzwischen \u00fcber 20 Millionen Unterschriften gesammelt und zahlreiche Pers\u00f6nlichkeiten haben sich dem Aufruf, Peltier endlich freizulassen, angeschlossen. Selbst der ehemalige US- Generalstaatsanwalt Remsey Clark nennt das Urteil gegen Peltier &#8222;einen Schandfleckf\u00fcr f\u00fcr das amerikanische Rechtssystem&#8220; ((1)).<\/p>\n<p>Hofmann allerdings wei\u00df &#8211; auf jener ber\u00fcchtigten Seite 15 seines Buches &#8211; in denunziatorischer Weise zu berichten: &#8222;Jack Coler [einer der FBI-Agenten] war anscheinend schwer getroffen &#8230; Innerhalb der n\u00e4chsten Minuten gingen ein oder mehrere AIM-Aktivisten zu den Autos und t\u00f6teten die beiden FBI-Beamten durch Sch\u00fcsse aus einem Schnellfeuergewehr.&#8220; Woher wei\u00df er das? Seine Quellen sind vielf\u00e4ltig u.a. auch die S\u00fcddeutsche Zeitung und das Hamburger Abendblatt ((2)). Die waren aber wohl nicht dabei.<\/p>\n<p>Leonard Peltier selbst schreibt dazu: &#8222;Ich habe ihre Agenten nicht sterben sehen&#8230;&#8220; ((3)) An diesem Tag l\u00e4\u00dft auch der 21j\u00e4hrige AIM-Aktivist Joe Killsright Stuntz bei diesem Feuergefecht sein Leben.<\/p>\n<p>Die Tatsache, da\u00df der Fall Peltier eng mit dem AIM verkn\u00fcpft ist und jene mit der Zeit seiner Gr\u00fcndung 1968, l\u00e4\u00dft Hofmann die Wiederholungen hervorsprudeln von &#8222;&#8230;in gr\u00f6\u00dferen Kontext stellen&#8230;&#8220; (S. 20 und 32) und der &#8222;&#8230;sogenannten Studentenrevolte&#8220; (S.27 und 32). Die Sprache ist distanzierend, ja fast gleichg\u00fcltig, wenn von der &#8222;relativen Armut&#8220; (S. 35) der US-amerikanischen Ureinwohner gesprochen wird, oder fast verst\u00e4ndnisvoll von den &#8222;nationalen Interessen&#8220; (S. 60 und 61) ((4)) des wei\u00dfen Amerikas. Und obwohl der (auch militante) indianische Widerstand im 20.Jahrhundert schon vor 1968 vorhanden war, beginnt er bei Hofmann eben erst mit den &#8222;Knastbr\u00fcdern&#8220; und AIM-Gr\u00fcndern Dennis Banks, Clyde Bellecourt und George Mitchel in Mineapolis. ((5))<\/p>\n<p>Bei den Darstellungen der AIM-Aktivit\u00e4ten bekommt Hofmann immer wieder Schwierigkeiten, indem er g\u00e4ngige Termini \u00fcbernimmt, wenn er von &#8222;gewaltsamer Besetzung (S.51) schreibt oder den &#8222;randalierenden Indianern&#8220; (S.53). Ich werde das Gef\u00fchl auch nicht los, da\u00df dieser Autor, obwohl er einen &#8218;Forschungsaufenthalt&#8216; bei den Lakota- Indianern absolvierte &#8211; wobei die Frage sich aufdr\u00e4ngt, f\u00fcr welches seiner Studien dieser Aufenthalt n\u00fctzlich war, Soziologie, Betriebswirtschaft oder Politikwissenschaft? &#8211; anscheinend wenig von der Mentalit\u00e4t und den Vorstellungen militanter und\/oder traditioneller IndianerInnen mitbekommen hat.<\/p>\n<p>Dem wei\u00dfen Mittelst\u00e4ndler mit seinem christlich verbr\u00e4mten Soziologenblick, kommt mit der Realit\u00e4t nur schwerlich klar: &#8222;Wer zum ersten Mal durch die kleinen Ortschaften der Reservation f\u00e4hrt, f\u00fchlt sich an Fernsehberichte \u00fcber Slumgebiete der Dritten Welt erinnert&#8220; Au\u00dferdem &#8222;t\u00fcrmen sich M\u00fcllt\u00fcten und Unrat&#8230; Daneben rosten alte Autowracks still vor sich hin.&#8220; (S.55) Als Soziologe f\u00e4llt ihm dazu nat\u00fcrlich auch eine Erkl\u00e4rung ein: &#8222;\u00dcber 75 % der Reservatsbev\u00f6lkerung von Pine Ridge ist arbeitslos&#8230; Neben dieser unglaublich hohen Arbeitslosenquote ist der Alkoholismus eines der gr\u00f6\u00dften Probleme auf der Reservation.&#8220; (S.55)<\/p>\n<p>\u00dcberrascht kann eigentlich nur jemand sein, der zuvor sein Indianer-Bild aus Karl-May-B\u00fcchern bezog. Seit den 70er Jahren ist dieses Bild unver\u00e4ndert ((6)), und gerade deshalb entwickelte sich auch ein militanter Widerstand gegen die wei\u00dfe Herrschaft und deren Programm Ethnozid durch Integration. Und wenn die Welt schon numerisch einfach aufgeteilt werden mu\u00df, so sahen sich die indianischen TraditionalistInnen eher in der &#8218;vierten Welt&#8216; angesiedelt, denn ihr Anspruch auf eine eigene Nation ist ja nicht nach wei\u00dfem Vorbild einen eigenen Staat zu besitzen, sondern ein souver\u00e4nes Recht auf Stammesbildung mit eigener Gerichtsbarkeit, eigenen sozialen Einrichtungen usw. ((7))<\/p>\n<p>Die Autowracks sind ein immer wieder kehrendes Moment in der Erschrockenheit wei\u00dfer Helfersyndrome. Leonard Peltier schreibt von &#8218;heiligen Schrotthaufen&#8216;, die als Ersatzteillager, Unterschlupf f\u00fcr Menschen und Tiere, oder eben Lagerraum sind. &#8222;Die Schrottpl\u00e4tze haben Poesie. In ihren rostigen Eingeweiden bergen diese Schrotthaufen manchmal heilige Dinge.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Und dieses Nicht-Verstehen indianischer Lebensweise schl\u00e4gt sich weiter nieder, wenn Hofmann versucht zu erkl\u00e4ren, warum die AIM-Mitglieder militant sind (S.56), n\u00e4mlich weil es alles &#8218;Krieger&#8216; sind (obwohl AIM-Mitglieder aus fast alle St\u00e4mmen kommen und es sogar wei\u00dfe Unterst\u00fctzerInnen gibt, als w\u00e4ren die militanten Black Panther seinerzeit alles Nachfahren afrikanischer Kriegerkasten. Oder etwa, wenn er den Sonnentanz als ein &#8222;martialisches [=barbarisches?] Ritual&#8220; (S. 56) der Lakota-IndianerInnen bezeichnet, obwohl es eine religi\u00f6se Handlung ist, die von vielen Pr\u00e4rie-St\u00e4mmen in verschiedenen Variationen abgehalten wird, und als ob das Martern und Kreuzigen eines 32j\u00e4hrigen Judens namens Jesus Christus irgendwie &#8218;humaner&#8216; oder &#8218;friedlicher&#8216; gewesen w\u00e4re (abgesehen von Selbstgei\u00dfelungen, etc. etc.). Weitere Argumente g\u00e4be es da noch einige. Im \u00fcbrigen spiegelt sich hier auch ein Problem wider, weshalb sich die europ\u00e4ische Linke schwer tut mit der Solidarit\u00e4t. Menschen, die nichts mit wei\u00dfen Heilslehren anfangen k\u00f6nnen, die noch eine Ahnung davon haben, wie sie ohne Staat, ohne nennenswerte Hierarchien mit der Natur leben k\u00f6nnten, wenn mensch sie nur lie\u00dfe. Ehrlich gesagt: Ich wei\u00df nicht, vielleicht mag ich da etwas hart in der Beurteilung von Hofmanns Indian War sein, aber das Buch hat mich einfach ge\u00e4rgert. Sorry.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da erz\u00e4hle ich noch breit am Telefon, da\u00df ich mich auf Rezensionen von B\u00fcchern, die mich nicht interessieren oder die ich \u00e4rgerlich finde nicht einlassen werde, sage aber bl\u00f6derweise zu \u00fcber das Buch &#8222;Indian War&#8220; etwas zu schreiben. Schlie\u00dflich sollte der Titel urspr\u00fcnglich im anarchistischen Trotzdem-Verlag erscheinen (was wohl wegen finanzieller Forderungen des Autors dann &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/12\/fast-eine-rezension\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Fast eine Rezension - graswurzelrevolution","description":"Da erz\u00e4hle ich noch breit am Telefon, da\u00df ich mich auf Rezensionen von B\u00fcchern, die mich nicht interessieren oder die ich \u00e4rgerlich finde nicht einlassen werde,"},"footnotes":""},"categories":[239,44,1033],"tags":[],"class_list":["post-3704","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-254-dezember-2000","category-bucher","category-so-viele-farben"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3704","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3704"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3704\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3704"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3704"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3704"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}