{"id":3709,"date":"2000-12-01T00:00:42","date_gmt":"2000-11-30T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3709"},"modified":"2012-02-12T19:47:42","modified_gmt":"2012-02-12T17:47:42","slug":"kotzen-von-gewicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/12\/kotzen-von-gewicht\/","title":{"rendered":"Kotzen von Gewicht"},"content":{"rendered":"<p>Adorno verabscheute Jazz. Gekotzt h\u00e4tte er von Presleys Rock&#8217;n&#8217;Roll und die Sex Pistols, so mutma\u00dfte der Popkritiker Greil Marcus, h\u00e4tte er f\u00fcr die Wiederkehr der &#8222;Kristallnacht&#8220; gehalten, &#8222;w\u00e4re er nicht gl\u00fccklicherweise 1969 gestorben&#8220;. In Deutschland stand die Rezeption, zumal die akademische, von Popph\u00e4nomenen lange unter dem Einflu\u00df der von Theodor W. Adorno zusammen mit Max Horkheimer ausgearbeiteten Kulturindustriethese. Massenkultur wie Hollywoodfilme und Popmusik, so die These in verk\u00fcrzter Form, ist die Verl\u00e4ngerung der Arbeit unterm Sp\u00e4tkapitalismus. Sie mache nicht nur passiv, konform und gef\u00fcgig, sondern vereinheitliche alle Lebensbereiche, manipuliere quasi unbemerkt und kolonisiere zudem alle anderen kulturellen \u00c4u\u00dferungsformen. Hat die Popkritik um Zeitschriften wie Spex und Die Beute in den vergangenen Jahren immer wieder offenere Deutungsversuche von Popkultur unternommen, so haben diese Versuche nun auch die Universit\u00e4ten erreicht. Das dazugeh\u00f6rige Label nennt sich Cultural Studies. Diese kommen aus Gro\u00dfbritannien, und haben in den USA und Australien in den 80er und 90er Jahren bereits eine enorme Institutionalisierung erfahren. Auch die Cultural Studies leugnen das Vorhandensein von Kulturindustrien nicht unbedingt, aber sie gehen anders damit um. &#8222;In der Optik der Cultural Studies&#8220;, schreibt Jan Engelmann in der Einleitung seines Sammelwerkes, &#8222;bringen die Kulturindustrien nicht einfach nur Waren in Umlauf, sondern stellen auch Bedeutungsrepertoires zur Verf\u00fcgung, mit denen die soziale Wirklichkeit \u00fcberhaupt erfahrbar wird&#8220;.<\/p>\n<p>Die Alltagswelt stellt sich somit als gesellschaftlich und politisch umk\u00e4pfter Ort dar. Dies sichtbar und kenntlich zu machen, ist laut Stuart Hall einer der wichtigsten Anspr\u00fcche der Cultural Studies. Aufs\u00e4tze \u00fcber Musik, Quiz-Shows und Mode machen anschaulich, wie und auf welche Weise Gesellschaft heute nicht nur erfahren, sondern auch gemacht wird. Und so unterschiedlich wie die Gegenst\u00e4nde der Untersuchung, so vielf\u00e4ltig sind auch die Theoriemodelle, mit denen sie betrachtet werden. Um \u00fcber beides Auskunft zu geben, ist die erw\u00e4hnte compilation von Jan Engelmann bestimmt ein gelungenes Sammelsurium zu Einf\u00fchrung.<\/p>\n<h3>Kultur und mehr<\/h3>\n<p>Den theoretischen Ans\u00e4tzen gemeinsam ist sicherlich die Annahme einer relativen Unabh\u00e4ngigkeit des Symbolischen vom Materiellen, der Kultur von der \u00d6konomie. Werken oder Aktionen, die aus dem Kulturellen hervorgehen, wird damit aber keineswegs eine gesellschaftliche Irrelevanz attestiert. Ganz im Gegenteil werden B\u00fccher, Platten und andere Artikulationen als konstitutiv begriffen f\u00fcr die soziale Welt. D.h., sie sind nicht nur Ausdruck bestimmter Verh\u00e4ltnisse, sondern schaffen und gestalten sie auch.<\/p>\n<p>Einerseits wird damit die Alltagswelt theoretisch zug\u00e4nglich. Geschmack und Gewohnheiten werden als gesellschaftliche Ph\u00e4nomene begriffen, und nicht als sozial und politisch bedeutungslose Vorlieben einzelner. Andererseits werden mit diesem Ansatz aber oft gesellschaftliche Machtverh\u00e4ltnisse untersch\u00e4tzt. John Fiske beispielsweise h\u00e4lt Fernsehshows wie etwa &#8222;Herzblatt&#8220; f\u00fcr progressive Genderpolitik, weil M\u00e4nner und Frauen gleichwertig behandelt w\u00fcrden. Die pr\u00e4genden Einfl\u00fcsse von patriarchalen Strukturen auf individuelles Handeln werden so doch &#8211; gelinde gesagt &#8211; etwas leichtfertig angegangen. Insgesamt stehen aber patriarchale Unterdr\u00fcckung und kolonialistische Herrschaft ganz oben auf der Liste der Merkmale, die Cultural Studies aufsp\u00fcren und untersuchen wollen.<\/p>\n<h3>Macht und Alltag<\/h3>\n<p>Anders als einige der US-amerikanischen VertreterInnen der Forschungsrichtung verfolgt der jamaikanisch-britische Intellektuelle Stuart Hall ein explizit politisches Theorieprojekt. Als ein solches erweisen sich Halls Studien schon insofern, als sie das Zusammenfallen von Alltag und Politik untersuchen und kulturelle Praxen innerhalb eines Machtspiels verorten. Jenes Aufeinandertreffen findet bereits in dem Moment statt, in dem jemand &#8222;wir&#8220; sagt. F\u00fcr undogmatische Linke gab es in der Geschichte viele Situationen, in denen diese Probleme mit dem politischen Pronomen auftauchten &#8211; ob aus Anla\u00df stalinistischer S\u00e4uberungen, der sozialdemokratischen Integration der ArbeiterInnenbewegung oder wegen kultureller Differenzen. F\u00fcr wen spreche ich, wenn ich &#8222;wir&#8220; sage? Die vermeintliche St\u00e4rke einer viel beschworenen Einheit erwies sich immer auch als Ausschlu\u00dfverfahren. So beispielsweise mit dem politischen Begriff &#8222;Schwarzer&#8220;: Wo schwarze Frauen, asiatische Einwanderer oder die Differenzen von und innerhalb karibischer und afrikanischer Menschen immer nur mit gemeint, nie aber ausgesprochen, benannt und ber\u00fccksichtigt werden, macht Hall nicht mehr mit. Stellvertretend f\u00fcr ein &#8222;wir&#8220; reden zu m\u00fcssen, beschreibt er als die &#8222;Lasten der Repr\u00e4sentation&#8220;. Dennoch pl\u00e4diert er vehement und eindeutig f\u00fcr die Fortf\u00fchrung eines politischen Projekts. Emanzipatorische Politik beginnt f\u00fcr Hall mit einer Positionierung, der Kl\u00e4rung des gegenw\u00e4rtigen Standpunktes als SprecherIn. Theoretisch liegt dem ein Identit\u00e4tsverst\u00e4ndnis zugrunde, das Hall als &#8222;willk\u00fcrlichen Abschlu\u00df&#8220; (arbitrary closure) bezeichnet. Identit\u00e4t ist demnach ein vor\u00fcbergehender Schlu\u00dfpunkt in der st\u00e4ndigen Verschiebung von Bedeutungen.<\/p>\n<h3>Pop und Bedeutung<\/h3>\n<p>Was Elvis oder die Sex Pistols betrifft, l\u00e4\u00dft sich f\u00fcr ihre Entstehungs-, Auftritts-, Konsumbedingungen mit den Cultural Studies beleuchten, inwiefern es sich hier jeweils um Orte von Bedeutungsverschiebungen handelt. Oder macht Pop doch nur Ideologie sichtbar, weil es Ausdruck der ideologischen Sicht von Individuen ist, wie an Althusser anschlie\u00dfend gefragt werden k\u00f6nnte? Oder &#8211; mehr Frankfurter Schule-like &#8211; mu\u00df Pop auf seine ideologiekritischen Aspekte hin untersucht werden? Voraussetzung f\u00fcr die letzte Frage allerdings w\u00e4re, da\u00df dem Pop wie der Literatur oder der Kunst die F\u00e4higkeit zugestanden wird, sich der Ideologie zu entziehen (was Adorno verneinte): Sich also Pop als &#8222;Fluchtpunkt des Heterogenen&#8220; vorstellen.<\/p>\n<h3>Schwei\u00df und Emotionen<\/h3>\n<p>Fragen \u00fcber Fragen. Bei allen Unterschieden zwischen den kritischen Diskursanalysen der Cultural Studies und der Ideologiekritik der Kritischen Theorie gibt es vielleicht doch ein gemeinsames Credo: Nicht allein der Text, sondern der Kontext macht die Musik. Pop nur als Abteilung der Kulturindustrie zu begreifen, hie\u00dfe, auch ein Riot Grrrl- Konzert als den Ausdruck verdinglichter Pseudoindividualit\u00e4t zu verstehen. &#8222;Personality&#8220; ist f\u00fcr solche Ausdr\u00fccke nichts als die &#8222;Freiheit von Achselschwei\u00df und Emotionen&#8220; (Horkheimer\/ Adorno). Da\u00df es bei solchen Frauenpunkevents aber eine Menge Transpiration und Wut gibt, ist schwer zu leugnen. Inwiefern beides auch von gesellschaftlicher Bedeutung ist, l\u00e4\u00dft sich mit Cultural Studies fragen &#8211; und manchmal auch beantworten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Adorno verabscheute Jazz. Gekotzt h\u00e4tte er von Presleys Rock&#8217;n&#8217;Roll und die Sex Pistols, so mutma\u00dfte der Popkritiker Greil Marcus, h\u00e4tte er f\u00fcr die Wiederkehr der &#8222;Kristallnacht&#8220; gehalten, &#8222;w\u00e4re er nicht gl\u00fccklicherweise 1969 gestorben&#8220;. In Deutschland stand die Rezeption, zumal die akademische, von Popph\u00e4nomenen lange unter dem Einflu\u00df der von Theodor W. 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