{"id":371,"date":"1996-06-01T00:00:38","date_gmt":"1996-05-31T22:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=371"},"modified":"2022-07-26T14:17:08","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:08","slug":"zukunft-der-anarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/06\/zukunft-der-anarchie\/","title":{"rendered":"Zukunft der Anarchie"},"content":{"rendered":"<p>Afrika wird gegenw\u00e4rtig zum Inbegriff f\u00fcr Anarchie erkl\u00e4rt, indem Fernsehen und andere Massenmedien Bilder schlimmster Auseinandersetzungen und brutalster Gewalt aus afrikanischen B\u00fcrgerkriegszonen im Bewu\u00dftsein eines breiten Publikums verankern. Trotz Informationsflut ist es kaum m\u00f6glich, die vorgefertigten Beurteilungen an eigener Erfahrung zu kontrollieren. Das Publikum ist allen strategisch kalkulierten und manipulativen Absichten ausgesetzt, das gilt auch f\u00fcr die Aufwertung tats\u00e4chlicher Grausamkeiten zu Sinnbildern der Anarchie.<\/p>\n<p>Obwohl der Vorwurf, Medien riefen oft erst die Gewalt hervor \u00fcber die sie dann berichten, teils zutrifft, scheinen die BeobachterInnen und Betroffenen der Auseinandersetzungen das entworfene Bild zu teilen. Wer dort den Konflikt aktiv erf\u00e4hrt, neigt aufgrund seiner unmittelbaren Erlebnisse mit Gewalt und Kriegdazu, von der Anarchie in Afrika zu sprechen.<\/p>\n<p>Als ein Medienprodukt und als unmittelbares Erleben k\u00f6nnte die Metapher von Anarchie in Afrika nur begrenzt wirken. Das \u00e4ndert sich, wenn sie auf strategische Ursachen bezogen wird und auf sie Schlu\u00dffolgerungen f\u00fcr globale Prognosen gest\u00fctzt werden. Die Konzepte behaupten, die Ursachen gegenw\u00e4rtiger und kommender Anarchie gefunden zu haben. \u00d6kologisch modernisiert wird sie zum dynamischen Bestandteil geostrategischer Konzeptionen, die f\u00fcr sich beanspruchen, gesellschaftliche Prozesse nicht nur kleinr\u00e4umig zu beschreiben, sondern auch global zu kalkulieren und letztlich zu managen.<\/p>\n<h3>Anarchie in Afrika?<\/h3>\n<p>Doch schon die Schl\u00fcsse auf Basis der unmittelbaren Erfahrungen tr\u00fcgen. In etwa zwanzig L\u00e4ndern Afrikas wird brutal Krieg gef\u00fchrt, von denen bei uns nur kurze Zeit Notiz genommen wird, wie in der Vergangenheit von Somalia und Ruanda bzw. Burundi. Aktuell widerf\u00e4hrt dies den teils mehrj\u00e4hrigen B\u00fcrgerkriegen Westafrikas in Liberia und Sierra Leone. Auch andere L\u00e4nder der Region kennzeichnet Instabilit\u00e4t. Vorwiegend werden sie nach Putschen von Milit\u00e4rs regiert, ZivilistInnen regieren gest\u00fctzt auf das Milit\u00e4r. Aber was hei\u00dft es, wenn darin Anarchie identifiziert wird? Greifen wir nur ein Beispiel auf, wo selbst die professionell mit Hilfe betrauten Organisationen in Liberia auf Anarchie diagnostizieren: &#8222;Die Vereinten Nationen, das Rote Kreuz und andere Organisationen wie &#8218;\u00c4rzte ohne Grenzen&#8216; k\u00fcndigen &#8230; den Abzug praktisch aller Mitarbeiter aus Monrovia an, da die Lage dort unhaltbar geworden sei. Sie sprachen von &#8218;absoluter Anarchie&#8216; und berichteten \u00fcber anhaltende Pl\u00fcnderungen und andere Gewalttaten &#8230; Die durch die Stadt streifenden Banden st\u00fcnden immer mehr unter dem Einflu\u00df von Alkohol und Rauschgift. Die Zahl der umherziehenden, v\u00f6llig entwurzelten Menschen wurde auf 60 000 gesch\u00e4tzt. Wegen des Zustroms von Fl\u00fcchtlingen lebt inzwischen fast die H\u00e4lfte der 2,6 Millionen Einwohner Liberias in Monrovia.&#8220; (FAZ v. 15. April 1996)<\/p>\n<p>Die Betroffenen nehmen die Gewalt und den Zerfall aller ordnenden Kr\u00e4ften in Liberia als eine unfa\u00dfliche Situation, in der alle begrifflichen Vorstellungen versagen. Eskalationen sind kaum zu kalkulieren, da sie sich ohne klar konturierte religi\u00f6se, z.B. islamisch-fundamentalistische, Bewegungen oder politisch-ideologische Gruppen entwickeln. Weder St\u00e4mme noch Clans bieten Anhaltspunkte, um sich zu orientieren. Aber es reicht nicht aus, in dem Zerbrechen und dem Fehlen dieser Kr\u00e4fte die Ursache der Gewaltexplosionen zu suchen. Schon da\u00df es besonders oft professionell ausgebildete Soldaten oder ehemalige Sicherheitsbeamte sind, die sich als T\u00e4ter hervortun, indem sie auf eigene Rechnung terrorisieren, m\u00fc\u00dfte stutzig machen. Selbst die Entwurzelten, die sich spontan zusammenrotten, haben ihre Geschichte. Sie kamen im Zuge der wirtschaftlichen Modernisierungen in die St\u00e4dte, k\u00f6nnen aber nun ihre Existenz nur mit Einsatz von Gewalt fristen. Und Militarisierung wie auch die Verst\u00e4dterung sind keine anarchistischen Produkte oder Projekte. Wenn Gewalt auf so verschiedene Weise zur Lebensform wird, h\u00e4ngt das von den vorausgehenden sozialen Ordnungen ab. In den Auseinandersetzungen w\u00fcten die einstigen Gewaltpotentiale vorheriger Ordnungen. Die Orientierungen, die unter \u00f6konomischer und politischer Unterdr\u00fcckung entstanden sind, setzen sich verheerend und unter Einsatz der vorhandenen Waffen, sei es in H\u00e4nden destruktiv w\u00fctender Herrschaftsorgane und neuer, sich selbstorganisierender Gewaltpotentiale, durch. Die Wendung zur Gewalt ist deshalb noch l\u00e4ngst nicht Anarchie, das hie\u00dfe jegliche qualitativen Merkmale von Anarchie zu mi\u00dfachten. Von Anarchie angesichts der schrecklichen Erfahrungen zu sprechen dient als Fluchtpunkt aus der Situation, die nicht mehr einzuordnen scheint. Warum aber tendieren auch die strategischen Deutungen, denen keineswegs die Sprache versagt, zur Diagnose und Prognose: Anarchie?<\/p>\n<h3>Heute Afrika, morgen die ganze Welt<\/h3>\n<p>Auch Robert D. Kaplan setzt bei den Gewaltausbr\u00fcchen in westafrikanischen L\u00e4ndern an, allerdings mit dem anspruchsvollen Ziel, &#8222;einen Bericht \u00fcber die wahrscheinliche politische Zukunft unseres Planeten im 21. Jahrhundert&#8220; vorzulegen. Deshalb verallgemeinert er die dortigen gewaltsamen Aufl\u00f6sungstendenzen: &#8222;Westafrika wird zu <cite>dem<\/cite> Symbol der weltweiten demographischen, gesellschaftlichen und \u00f6kologischen Belastung, aus der die kriminelle Anarchie als eigentliche &#8217;strategische&#8216; Gefahr hervorgeht. Krankheit, \u00dcberbev\u00f6lkerung, sinnloses Verbrechen, Rohstoffmangel, Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me, die zunehmende Aush\u00f6hlung der Nationalstaaten und der internationalen Grenzen und der Machtzuwachs von Privatarmeen, Sicherheitsfirmen und internationalen Drogenkartellen zeigen sich heute am deutlichsten in westafrikanischer Perspektive.&#8220; (S. 52, Seitenzahlen verweisen auf lettre\/Fr\u00fchjahr 96)<\/p>\n<p>Zu einer historisch \u00fcbergreifenden Tendenz wird die Diagnose, da sie vorgibt, nicht nur den Schrecken in Sierra Leone, sondern auch die als Gegenbeispiel geltende Elfenbeink\u00fcste zu ber\u00fccksichtigen. Die Garanten des dortigen Erfolgs waren der zeitweilig hohe Kakaopreis und die Phase segensreicher Einfl\u00fcsse der franz\u00f6sischen Gemeinde. Heute wirkt beides kaum noch. Es wird \u00fcberdeckt von H\u00fcttenst\u00e4dten in Abidjan, die z.B. nach &#8222;Chicago&#8220; und &#8222;Washington&#8220; benannt sind. Sie symbolisieren &#8222;die demographische Gegenwart Afrikas und der Dritten Welt &#8211; von der Zukunft ganz zu schweigen &#8211; besser &#8230; als idyllische Dschungellandschaften&#8230;&#8220;, und die &#8222;&#8230; Elfenbeink\u00fcste steht vor einer Gefahr, die schlimmer w\u00e4re als ein Putsch: einer anarchischen Implosion der Gewalt &#8211; eine verst\u00e4dterte Version dessen, was in Somalia bereits eingetreten ist&#8220; (S. 53). Da\u00df Gewalt die afrikanische Welt &#8222;implodieren&#8220;, n\u00e4mlich in sich zusammenfallen, l\u00e4\u00dft, ist sicher m\u00f6glich, auch wenn fraglich bleibt, was daran &#8222;anarchisch&#8220; sein soll und was die Implosionen an Gefahren f\u00fcr das Umfeld bedeuten.<\/p>\n<p>Auch hier sind die Wertungen und die Vorg\u00e4nge zweierlei. Je konkreter beschrieben wird, was gegenw\u00e4rtig geschieht und was zu erwarten ist, um so weniger drohen die theoretischen Holzwege der Bewertung. Ein relativ genaues Bild der Ursachen liefert ein Papier der franz\u00f6sischen Au\u00dfenb\u00fcrokratie f\u00fcr Nigeria: &#8222;Die Aussichten auf einen \u00dcbergang zu ziviler Herrschaft und Demokratisierung sind mager &#8230; der repressive Apparat des staatlichen Sicherheitsdienstes &#8230; wird sich von zuk\u00fcnftigen zivilen Regierungen nur schwer unter Kontrolle halten lassen &#8230; Das Land wird unregierbar &#8230; der Wille, Nigeria zusammenzuhalten, ist nur noch sehr schwach.&#8220; (S. 54) Statt diffus Anarchie walten zu sehen, treten identifizierbare Akteure und strategische Absichten aus dem unkalkulierbaren Geschehen hervor.<\/p>\n<p>Schaut Kaplan sich das Schlachtfeld genauer an, bleibt auch bei ihm von Anarchie wenig. Es weckt in ihm Erinnerungen an &#8222;eine vormoderne Formlosigkeit und erinnert an Kriege im mittelalterlichen Europa&#8220; (S. 52). Verr\u00e4terisch auch ein weiterer Wiedererkennungseffekt: nach dem Zerfall der Staaten bleiben von Afrika nur ein paar K\u00fcstenhandelspl\u00e4tze, wie es der viktorianische Atlas zeigte (S. 53). Da von Anarchie aus dieser Phase der europ\u00e4ischen Geschichte wenig bekannt ist, aber viel von Kreuzz\u00fcgen, Inquisition Kolonialisation etc. scheint auch hier die Anarchie zur Abwehr des allzu bekannten zu dienen. Au\u00dferdem dr\u00e4ngt sich die Frage auf: Wie kann etwas, dem Europa bereits so lang entwachsen ist, zu seiner und der globalen Zukunft werden?<\/p>\n<p>Das Bindeglied sind die strategisch motivierte Ursachenforschung und die darauf gest\u00fctzten Schlu\u00dffolgerungen. Kaplan f\u00fchrt die aktuellen Konflikte in erster Linie auf ihnen zugrunde liegende \u00f6kologische Ursachen zur\u00fcck. Die Zerfallsprozesse fu\u00dfen, so sein Argument, auf der Zerst\u00f6rung der nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen, verst\u00e4rkt durch \u00dcberv\u00f6lkerung und Verst\u00e4dterung. Insgesamt ber\u00fccksichtigt sein Theorieplan die Kombination mehrerer Einfl\u00fcsse: &#8222;Um die Ereignisse der n\u00e4chsten 50 Jahre zu verstehen, mu\u00df man sich einen Begriff von Umweltsituation, kulturellen und rassischen Zusammenst\u00f6\u00dfen, geographischem Schicksal und den neuen Formen des Krieges machen.&#8220; (S. 54). Angesichts der globalen Ver\u00e4nderungen drohen die konkreten AkteurInnen aus dem Blickwinkel zu geraten, da ihnen sowieso keine Handlungschancen auf dem Feld bleiben. Das gilt auch f\u00fcr die m\u00f6glichen Ursachen, die zu anonymen Prozessen naturalisiert werden: &#8222;&#8230;die Natur beginnt sich zu r\u00e4chen&#8220;. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die &#8222;kulturell rassischen Zusammenst\u00f6\u00dfe&#8220;, die an die Stelle des Ost-West-Gegensatzes treten, indem sie ideologische Auseinandersetzungen durch religi\u00f6sfundamentalistisch stimulierte Konflikte abl\u00f6sen und h\u00f6here M\u00e4chte ins Spiel bringen. Schlie\u00dflich werden die Kriege nicht mehr ausschlie\u00dflich strategisch rationalistisch verstanden, n\u00e4mlich Staaten zugeordnet. Sie werden individualisiert, entspringen dem Lustprinzip der Menschen, die gern k\u00e4mpfen, was zu einer diffusen vormodernen Gewalt f\u00fchrt. All das vereinigt sich zu dem modernisierten Bedrohungsszenario: Die kommende Anarchie. Zwar sprechen die aufgef\u00fchrten strategischen Ursachen nur von ver\u00e4nderten Formen der Herrschaft, aber nicht von deren Abschaffung, aber Anarchie hat in dieser Prognose eine doch wohl sehr zentrale Aufgabe: Sie gibt das allen bekannte Schreckgespenst ab.<\/p>\n<h3>&#8222;Afrika gibt es nicht&#8220;<\/h3>\n<p>Von Anarchie, das war zu beobachten, wird dann gesprochen, wenn Gewalt erlebt wird. Und eine H\u00e4ufung von Gewalt, sowie ihre k\u00fcnftige M\u00f6glichkeit und Wahrscheinlichkeit, wird mit einer kommenden Anarchie identifiziert. Wer merkt da noch, da\u00df dem eine radikale Umkehr in den Annahmen \u00fcber den Zusammenhang von Gewalt und Anarchie vorausgeht. Anarchie galt f\u00fcr ihre Anh\u00e4ngerInnen mehrheitlich als das Ende von Herrschaft und Gewalt. Da die Gewalt in Afrika exzessiv explodiert, gibt es ein anarchisches Afrika nicht. Seine ProphetInnen liefern nur eines der vielen Bilder von Afrika, die der Afrikakorrespondent Georg Brunold mit etwa dreihundert Seiten Reportagen \u00fcber Afrika unter dem Titel &#8222;Afrika gibt es nicht&#8220; kritisiert. Von au\u00dfen \u00fcberlagern die Fiktionen die Wahrnehmung des Kontinentes und von innen h\u00e4lt dem keine gesamtafrikanische Identit\u00e4t eigene Bilder wirkungsvoll entgegen. F\u00fcr die StrategInnen und die Medien ist das ein Vorteil. Denn die Fiktion der Anarchie in Afrika ist n\u00fctzlich. In der Fremde lauert die Gefahr, f\u00fcr deren Abwehr wir hier r\u00fcsten und schuften m\u00fcssen. Deshalb soll auf einmal Anarchie m\u00f6glich sein und \u00fcber uns kommen, um unsichere Herrschaftsstrukturen zu festigen. Aber aufgepa\u00dft! Anarchie ist tats\u00e4chlich m\u00f6glich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Afrika wird gegenw\u00e4rtig zum Inbegriff f\u00fcr Anarchie erkl\u00e4rt, indem Fernsehen und andere Massenmedien Bilder schlimmster Auseinandersetzungen und brutalster Gewalt aus afrikanischen B\u00fcrgerkriegszonen im Bewu\u00dftsein eines breiten Publikums verankern. Trotz Informationsflut ist es kaum m\u00f6glich, die vorgefertigten Beurteilungen an eigener Erfahrung zu kontrollieren. 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