{"id":3727,"date":"2001-01-01T00:00:05","date_gmt":"2000-12-31T22:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3727"},"modified":"2022-07-26T14:16:56","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:56","slug":"meister-der-systemapologetik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/01\/meister-der-systemapologetik\/","title":{"rendered":"Meister der Systemapologetik"},"content":{"rendered":"<p>Geht es euch nicht oft genauso, liebe LeserInnen? Ihr geht durch die Welt, ihr beobachtet die Diskussionen im offiziellen Kulturleben ebenso wie in eurer \u00f6rtlichen Politszene, ihr lest diese und jene Zeitschriften und schaut auch mal ins Fernsehen &#8211; und fragt euch: sag&#8216; mal, wo lebe ich hier eigentlich? Sind die jetzt alle verr\u00fcckt geworden? Muss ich \u00fcber den tagt\u00e4glichen Quatsch, diesen Wahnsinn der Normalit\u00e4t, der mir hier best\u00e4ndig mit bierernster Miene als Realit\u00e4t und bestm\u00f6gliche aller Welten vorgegaukelt wird, lachen oder weinen? Wir haben nun eine Antwort auf diese dr\u00e4ngende Frage: wir werden definitiv dr\u00fcber lachen!<\/p>\n<p>Ab sofort vergibt die S\u00fcd-Redaktion der <em>Graswurzelrevolution <\/em>jeden Monat einen Preis f\u00fcr den Menschenwahnsinn des Monats, den noch immer kein Rinderwahnsinn \u00fcbertreffen kann! Kultiviert, wie wir nun einmal sind, haben wir den Preis <em>Meister der Systemapologetik <\/em>genannt. Der Begriff Apologetik kommt aus der Kritischen Theorie und bedeutet Rechtfertigung. Wir werden also jeden Monat eine\/n dieser Kulturheinis ehren, die dieses (kapitalistische, rassistische, patriarchale, behindertenfeindliche, speziesistische, heterosexistische, staatliche Herrschafts-)System hier rechtfertigen. Oft ist es ja so, dass ihnen die blosse ideologische Rechtfertigung gar nicht mehr reicht: sie erklimmen im Eifer der Anpassungsleistung zuweilen schwindelerregende H\u00f6hen und salbadern einen Quatsch daher, der nicht nur qu\u00e4lend und gesundheitssch\u00e4dlich f\u00fcr unsere Augen, unseren Magen und unseren Verstand ist, und auf den das System selbst zu seiner Rechtfertigung nicht nur getrost verzichten k\u00f6nnte, sondern auf den seine sozusagen offiziell Angestellten, die biederen B\u00fcrokratInnen, nicht einmal im Traum kommen w\u00fcrden. Wir zeichnen hier also die \u00dcbereifrigen aus, die &#8211; selbst ohne Not &#8211; ihre ganze Einbildungskraft und Energie f\u00fcr die nichtsw\u00fcrdige Idee drangeben &#8211; &#8222;opfern&#8220; m\u00fcssten wir gerechterweise sagen -, eine Leistung der \u00dcberanpassung zu vollbringen.<\/p>\n<p>Im Grunde ist das also eine Art Rettungsmassnahme: es gilt, zumindest den &#8211; letztlich aber wohl aussichtslos scheinenden &#8211; Versuch zu unternehmen, die Menschenwahnsinnigen vor der wohl tr\u00fcbsinnigsten und trostlosesten Lebensgestaltung zu warnen, die \u00fcberhaupt vorstellbar ist: das Leben als B\u00fcttel des Systems. Un\u00fcbertroffen in dieser Sportart ist bis heute eine der Kulturgr\u00f6ssen dieses Landes, offiziell gew\u00fcrdigt als der gr\u00f6sste deutsche Literat des 20. Jahrhunderts, Thomas Mann. Den ganzen lieben langen Ersten Weltkrieg sass dieser Mann verkrampft, diszipliniert und heldenhaft hinterm Schreibtisch und schrieb seinen Essay <em>Betrachtungen eines Unpolitischen<\/em>, bis heute mit seinen \u00fcber 600 Seiten eine der unertr\u00e4glichsten und auch philosophisch widerlichsten Kriegsapologetiken in der gesamten Geistesgeschichte der Menschheit, nur um dann, als sein grandioses Werk fertiggestellt war und ver\u00f6ffentlicht wurde, feststellen zu m\u00fcssen, dass nun aber leider der Krieg out und Revolution in war! Welch&#8216; Entt\u00e4uschung und auch: welch&#8216; Verkennung! Und weil Thomas Manns Werk so un\u00fcbertroffen ist und jede\/r Nacheifernden im 21. Jahrhundert von grossem Nutzen sein kann, bekommt unser monatlicher Preistr\u00e4ger (oder die Preistr\u00e4gerin) von uns direkt nach Ver\u00f6ffentlichung der Preisverleihung als W\u00fcrdigung eine Ausgabe dieses Oeuvres portofrei zugesandt, auf dass er\/sie sich weiter bilde und noch viele weitere Menschenwahnsinne verbreche&#8230;<\/p>\n<p>Wohlan, genug der Vorrede!<\/p>\n<h3>Preistr\u00e4ger des Monats Januar wird Spiegel-Reporter Reinhard Mohr<\/h3>\n<p>f\u00fcr seinen Beitrag &#8222;Abwasch f\u00fcr die Gruppe&#8220; im Spiegel 46\/2000, S. 153.<\/p>\n<p>Laudatio: Schon die Ank\u00fcndigung in der Inhaltsangabe des Spiegel, S. 6, sagt, worum es dem Selbst-68er Reinhard Mohr in seiner Systemapologetik geht: &#8222;&#8218;Big Brother&#8216; wurde 1968 erfunden&#8220; heisst es da. Im Prosatext kommt der Autor dann schnell zu einer intellektuellen Analyse des &#8222;Big Brother&#8220;-Alltags: &#8222;Man gammelt auf den roten Sofas herum, labert sich gegenseitig zu, kuschelt und krabbelt, holt die Gitarre hervor und veranstaltet total lustige Verkleidungsspektakel.&#8220; So weit musste es ja kommen mit den Wohngemeinschaften, meint Mohr. Nur, aus welch historisch d\u00fcsteren Epoche kommt das her, was heut&#8216; solche im Prinzip leitkulturf\u00e4hige Sendungen verhunzt? Mohr weiss Rat: &#8222;Genau so war das in den sp\u00e4ten sechziger und fr\u00fchen siebziger Jahren, damals, als in der ber\u00fchmten Kommune 1 die Geburt der Gruppe zelebriert wurde, das \u00f6ffentliche Leben im privaten Kollektiv bis zur ausgeh\u00e4ngten Klot\u00fcr (Ist die bei &#8218;Big Brother&#8216; auch wirklich ausgeh\u00e4ngt, fragt der Laudator). Alles Intime war zugleich hoch politisch.&#8220; In seiner unnachahmlichen Art, historische Zusammenh\u00e4nge zu durchschauen, analysiert Mohr: &#8222;So erlebt die Revolte von 1967\/68 mit ihrer Leitkultur von Stra\u00dfenkampf, Eierwurf und Wohngemeinschaft &#8211; lange Zeit im Ruf schrecklicher ideologischer Vorgestrigkeit &#8211; ihre wundersame Auferstehung ausgerechnet im avanciertesten Medienprojekt des neuen Jahrtausends. Bei manchen wird selbst die Erinnerung an Stammheim wach, an RAF und Gruppenvollzug.&#8220; Fragt sich nur, wo die RAFfies ihre Knete gebunkert haben, haben sie alle doch letztlich viel l\u00e4nger in der Zwangswohngemeinschaft ausgehalten als die &#8218;Big Brothers&#8216;.<\/p>\n<p>An irrelevanten Unterschieden h\u00e4lt sich Chefanalyst Mohr nicht weiter auf: &#8222;Fragen freilich wie die, ob das &#8217;narzistische Individuum erst gruppenf\u00e4hig werden muss&#8216; und ob die Kampfparolen &#8218;Schlagt das Kapital international&#8216; und &#8218;Lest Wilhelm Reich und handelt danach!&#8216; in einem produktiven Verh\u00e4ltnis zueinander stehen, werden die TV- Helden nicht recht bewegen.&#8220; Daf\u00fcr geht es aber auch bei &#8218;Big Brother&#8216; &#8211; wie schon in der Kommune 1, die der &#8222;Spiegel&#8220; erkl\u00e4rend als Bild hinzuf\u00fcgt &#8211; &#8222;um Gef\u00fchle, \u00c4ngste und Beziehungsstress&#8220;, wie halt 1968 eben auch, und \u00fcberhaupt in jeder Wohngemeinschaft seither. War da was? Wohngemeinschaft als politische Gemeinschaft, als Alternativkultur, als Vorform sozialistischer Vergesellschaftung gar? Da sei Langhans vor! F\u00fcr Reinhard Mohr f\u00fchrt \u00fcber Rainer Langhans ein Weg von der Kommune 1 zu &#8218;Big Brother&#8216;: &#8222;&#8218;Big Brother&#8216; ist ein soziologisches D\u00e9ja vu f\u00fcr all jene, denen noch der Ton von 1968 in den Ohren klingt, (&#8230;) als Rainer Langhans&#8216; chronischer Liebeskummer die Kommune in eine psychoanalytische Laienspielgruppe verwandelt hatte und damit das eigentliche Ziel, die &#8218;Lebenstriebe gegen die kapitalistische Todesmaschinerie&#8216; zu mobilisieren, in den Hintergrund geriet.&#8220; So endet eben jede Wohngemeinschaft! Nach Mohr wollte &#8218;Big Brother&#8216; 1968 kopieren. Doch: &#8222;Wer Geschichte nachmacht oder nachzumachen versucht oder auch nur Teile von ihr kopiert und\/oder variiert, wird mit g\u00e4hnender Langeweile nicht unter 100 Tagen bestraft.&#8220; Auch wir w\u00fcrden Reinhard Mohr gerne so bestrafen, doch wir zeichnen ihn aus, das sei ihm Strafe genug&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geht es euch nicht oft genauso, liebe LeserInnen? Ihr geht durch die Welt, ihr beobachtet die Diskussionen im offiziellen Kulturleben ebenso wie in eurer \u00f6rtlichen Politszene, ihr lest diese und jene Zeitschriften und schaut auch mal ins Fernsehen &#8211; und fragt euch: sag&#8216; mal, wo lebe ich hier eigentlich? 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