{"id":3744,"date":"2001-01-01T00:00:18","date_gmt":"2000-12-31T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3744"},"modified":"2022-07-26T13:06:10","modified_gmt":"2022-07-26T11:06:10","slug":"die-bewegung-mus-ihre-geschichte-selbst-mit-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/01\/die-bewegung-mus-ihre-geschichte-selbst-mit-schreiben\/","title":{"rendered":"Die Bewegung mu\u00df ihre Geschichte selbst (mit) schreiben"},"content":{"rendered":"<p>Gewaltlosigkeit war h\u00e4ufig Thema in den pazifistischen Schriften der Nachkriegszeit, vor allem in der &#8218;Friedensrundschau&#8216;, die Theodor Michaltscheff f\u00fcr die IdK (deutsche Sektion der Internationale der Kriegsdienstgegner) von 1947 bis 1966 herausgab.<\/p>\n<p>Die politische Enge der 50er und 60er Jahre zwischen Antikommunismus und Kommunismus war kein g\u00fcnstiges Klima f\u00fcr direkte gewaltfreie Aktionen \u00fcber die Kriegsdienstverweigerung hinaus. Was die Friedensbewegung in der Zeit des Kalten Krieges unter gewaltfreier Aktion verstand und vor allem die Praxis ist kaum mit dem Aktionsspektrum zu vergleichen, das sich in den letzten drei Jahrzehnten ausdifferenziert hat.<\/p>\n<p>Als im Sommer 1972 Mitglieder der Gruppe Gewaltfreie Aktion Augsburg die Nullnummer der Zeitschrift &#8218;Graswurzelrevolution &#8211; f\u00fcr eine gewaltfreie und herrschaftslose Gesellschaft&#8216; herausgaben, wu\u00dfte sie nichts von der Existenz gewaltfreier Gruppen in den 50er und 60er Jahren. Wir fanden Vorbilder fast nur im Ausland und glaubten (in jugendlicher Naivit\u00e4t), etwas v\u00f6llig Neues einzuf\u00fchren. Im politischen Selbstverst\u00e4ndnis und an den Aktionsformen der pazifistischen Organisationen, so wie wir sie damals wahrnahmen, fehlten f\u00fcr uns wesentliche Elemente.<\/p>\n<p>Selbst im Vers\u00f6hnungsbund, der seit 1969 durch Theodor Ebert eine Zeitschrift mit dem (vielversprechend) programmatischen Titel &#8218;Gewaltfreie Aktion\u00b4 herausgeben lie\u00df, vermissten wir die \u00fcberzeugende Praxis. In der Zeitschrift &#8218;Peace News&#8216; (London) und im Kontakt mit gewaltfreien Aktionsgruppen in Frankreich fanden wir dagegen die lebendige Kultur des Zivilen Ungehorsams und der konstruktiven Alternativen, die wir gesucht hatten. Ohne bewu\u00dft auf die Arbeit von Vorg\u00e4nger-Gruppen aufbauen zu k\u00f6nnen, profitierten wir dennoch von der Pionierarbeit fr\u00fcherer Gruppen wie der &#8218;Gewaltfreien Zivilarmee&#8216; (Stuttgart), des Arbeitskreises f\u00fcr Gewaltlosigkeit (Hamburg) ((1)) oder der Direkten Aktion (Hannover) ((2)), die vor uns f\u00fcr direkte gewaltfreie Aktion und dessen Verst\u00e4ndnis in der Bev\u00f6lkerung gewirkt hatten.<\/p>\n<p>Auch diese Gruppen der 60er Jahre scheinen das Andenken an die Menschen, denen sie viele Anst\u00f6\u00dfe verdankten, wie Theodor Michaltscheff ((3)) oder Nikolaus Koch, nicht als so \u00fcberzeugende Vorbilder angesehen zu haben, da\u00df sie ihr Verm\u00e4chtnis bewahrt und traditionsbildend weitergegeben h\u00e4tten. Allerdings haben sie selbst die Erinnerung an ihr eigenes Wirken erstaunlich wenig weitergegeben. So entstanden bis heute immer neu Br\u00fcche statt einer Kontinuit\u00e4t durch \u00dcberlieferung von Erfahrungen an J\u00fcngere und Nachfolgegruppen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie die Friedensrundschau tr\u00e4gt z.B. die GWR nun seit \u00fcber 28 Jahren zur Verbreitung der Idee bei, da\u00df Gesellschaftsver\u00e4nderung durch direkte gewaltfreie Aktionen notwendig und m\u00f6glich ist. Es w\u00fcrde sich lohnen (\u00fcber die Diplomarbeit von G\u00fcnter Saathoff: &#8218;&#8220;Graswurzelrevolution&#8220; Praxis, Theorie und Organisation des gewaltfreien Anarchismus in der Bundesrepublik (1972-1982)&#8216;, Marburg, 1985 hinaus), den Einflu\u00df der Zeitschrift und des &#8222;Milieus&#8220; gewaltfreier Aktionsgruppen mitsamt der Infrastruktur (Graswurzelwerkstatt, F\u00d6GA, Bildungseinrichtungen und Trainingskollektive, Verlag und Versandbuchhandlung, Kalender..) um sie herum zu analysieren. Die wesentliche Wirkung d\u00fcrfte vor allem in ihren Impulsen f\u00fcr die breite \u00d6kologie- und Friedensbewegung bestehen, durch ihre Anregungen zu politischer Analyse, Strategieentwicklung, Organisation, Aktionsformen, sowie in der Sch\u00e4rfung des Bewu\u00dftseins f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere politische Zusammenh\u00e4nge und der Suche nach gesellschaftlichen Alternativen. Es ist traurig oder am\u00fcsant, wie wenig f\u00e4hig oder willens der Verfassungsschutz ist, diese &#8222;Bewegung&#8220; richtig einzusch\u00e4tzen. Seit Jahren bl\u00e4ht der VS sie zur st\u00e4rksten undogmatisch-linksradikalen Str\u00f6mung auf, indem er jede Kontaktadresse der GWR zu einer starken Gruppe umdefiniert. Andererseits erweisen sich seine Dossiers als ebenso abenteuerlich peinliche Machwerke wie die Beobachtungsprotokolle in den Stasi-Unterlagen \u00fcber unsere Unterst\u00fctzung der unabh\u00e4ngigen DDR- Friedensbewegung in den 70er und 80er Jahren. Aber der VS ist nicht allein mit seiner Unkenntnis und Fehleinsch\u00e4tzung der gewaltfreien Aktionsgruppen.<\/p>\n<p>Die Medien berichteten \u00fcber Gro\u00dfereignisse wie die Besetzung der Baupl\u00e4tze in Wyhl \/ Marckolsheim \/ Kaiseraugst in den 70er Jahren, die Blockaden der Atomraketen-Standorte in den 80ern oder zuletzt \u00fcber &#8218;x-1000 mal quer&#8216;, ohne die intensiven Vorarbeiten, die Diskussionen mit den \u00f6rtlichen Initiativen oder die harten Kontroversen mit Gewalt nicht ablehnenden Gruppen wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Die zeitgeschichtliche Forschung \u00fcber Neue Soziale Bewegungen nimmt die Arbeit der gewaltfreien Aktionsgruppen ebenfalls kaum wahr. Das alles lie\u00dfe sich erkl\u00e4ren, da die Gruppen, die wie Sauerteig in gr\u00f6\u00dferen Initiativen wirken, meist klein sind und unter einer hohen Fluktuation leiden. Sie haben keine &#8222;namhaften&#8220; Pers\u00f6nlichkeiten, die wie bei Parteien und Verb\u00e4nden &#8222;aufgebaut&#8220; werden. So sind sie f\u00fcr \u00d6ffentlichkeit und Forschung schwerer wahrnehmbar, sie sorgen aber auch selbst zu wenig daf\u00fcr, nachvollziehbare Spuren zu hinterlassen. Dabei hat ihr Handeln oft l\u00e4ngerfristige Folgen.<\/p>\n<p>Die Erfahrungen aus der Praxis gewaltfreien Widerstands werden von Gruppen in Zusammenh\u00e4ngen genutzt, die sich nicht explizit als Teil der gewaltfreien Bewegung verstehen.<\/p>\n<p>Die gewaltfreie Bewegung schw\u00e4cht sich selbst, wenn sie ihr kollektives Ged\u00e4chtnis zu wenig pflegt und keine nachvollziehbare Tradition entwickelt. Selten berichten die \u00c4lteren von fr\u00fcheren Aktivit\u00e4ten und die J\u00fcngeren fragen selten nach. F\u00fcr heute 20-J\u00e4hrige scheinen die Ereignisse in Wyhl oder Mutlangen ebenso weit &#8222;in grauer Vorzeit&#8220; zu liegen wie die Rettung Helgolands durch Besetzungsaktionen Anfang der 50er Jahre. Die aktuellen Probleme wie z.B. Castor-Transporte erfordern von den Aktiven volle Aufmerksamkeit. Doch wie kann die Bewegung ein starkes Selbstbewu\u00dftsein entwickeln, wenn sie die Vielfalt ihrer Erfahrungen nicht einmal sich selbst bewu\u00dft macht? Dazu geh\u00f6ren die erfolgreichen Kampagnen um die &#8222;Klassiker&#8220; Gandhi und Martin-Luther King, aber auch Erfahrungen im eigenen Land.<\/p>\n<p>Ich wundere mich oft \u00fcber die Zur\u00fcckhaltung der meisten ZeitzeugInnen, sich an der &#8222;Rekonstruktion&#8220; der Bewegungsgeschichte zu beteiligen. Die Auswertung anderer Kapitel der Bewegungsgeschichte wie z.B. der Larzac- Widerstand, lehrte mich, da\u00df die schriftlichen Quellen allein ebenso zu einem verk\u00fcmmerten Bild f\u00fchren k\u00f6nnen, wie m\u00fcndliche Erinnerungen von ZeitzeugInnen nicht ausreichen w\u00fcrden, ein angemessenes Bild zu erstellen. W\u00fcrde ich z.B. \u00fcber die Anf\u00e4nge der Zeitschrift `graswurzelrevolution&#8216; und ihres Umfelds befragt, w\u00e4re mir meine subjektiv &#8211; selektive Auswahl meiner Erinnerungen wie der Bewertungen der Ereignisse bewu\u00dft. Im &#8218;Archiv Aktiv&#8216; liegt so viel Material \u00fcber die &#8222;Graswurzelgeschichte&#8220;, wie wahrscheinlich nirgendwo sonst. Dennoch m\u00f6chte ich nicht anfangen, diese Zeit mit diesem Material und meinen Erinnerungen <strong>im Alleingang<\/strong> nachzuzeichnen. ((4))<\/p>\n<p>Dagegen w\u00e4re es ein f\u00fcr alle Beteiligten n\u00fctzliches Unternehmen, wenn ZeitzeugInnen und J\u00fcngeren in gemeinsamer Arbeit Abschnitte und Aspekte der Bewegungsgeschichte erarbeiteten, indem Erinnerungen ausgetauscht, diskutiert und mit den schriftlichen Materialien verglichen werden. Solche &#8222;Geschichtswerkst\u00e4tten&#8220; sind lokal, regional oder bundesweit vorstellbar. Ladet doch mal Menschen ein, die vor 30 oder 40 Jahren friedensbewegt aktiv waren, damit sie berichten, wie damals politische Arbeit f\u00fcr eine gewalt\u00e4rmere Gesellschaft aussah. Solche ZeitzeugInnen gibt es auch an Eurem Ort, in Eurer Region. Das Archiv Aktiv kann behilflich sein und z.B. Material und Adressen zur Verf\u00fcgung stellen. Eure Mithilfe wird gebraucht, damit die &#8222;Sch\u00e4tze&#8220; der Bewegungsgeschichte gehoben werden: Vermittelt Kontakte zu StudentInnen, ProfessorInnen, JournalistInnen, die sich mit neuen Sozialen Bewegungen besch\u00e4ftigen und weist sie auf die Existenz des Archiv Aktiv hin. Immerhin kamen Interessierte aus den USA, aus Schweden und Frankreich zu Recherchen in die Sternschanze. Es sollte mehr als bisher auch als Chance f\u00fcr Interessierte aus Deutschland genutzt werden.<\/p>\n<p>Es hat Vorteile, wenn Menschen ihre Erfahrungen aus dem eigenen Engagement in gewaltfreien Aktions-Kampagnen mit dem gesammelten Material anreichern und z.B. in Diplomarbeiten oder anderen Formen der Auswertung ihr Wissen und Erkenntnisse weitergeben. Wer kennt die Kampagnen denn besser als diejenigen, die sie mit Leben erf\u00fcll(t)en ?<\/p>\n<p>Das Archiv Aktiv l\u00e4dt auch sonst Menschen ein, die sich eine Zeit lang mit uns in Hamburg f\u00fcr das &#8222;Ged\u00e4chtnis der gewaltfreien Bewegung n\u00fctzlich machen wollen. Auf Dauer kann das Archiv Aktiv nur \u00fcberleben, wenn weit mehr Menschen als die bisherigen wenigen Mitglieder und F\u00f6rderer die &#8222;Auswertungen und Anregungen f\u00fcr gewaltfreie Bewegungen&#8220; zu ihrer Sache machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gewaltlosigkeit war h\u00e4ufig Thema in den pazifistischen Schriften der Nachkriegszeit, vor allem in der &#8218;Friedensrundschau&#8216;, die Theodor Michaltscheff f\u00fcr die IdK (deutsche Sektion der Internationale der Kriegsdienstgegner) von 1947 bis 1966 herausgab. 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