{"id":3774,"date":"2001-02-01T00:00:02","date_gmt":"2001-01-31T22:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3774"},"modified":"2022-07-26T14:16:56","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:56","slug":"fleisch-demokratie-oder-sozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/02\/fleisch-demokratie-oder-sozialismus\/","title":{"rendered":"Fleisch-Demokratie oder Sozialismus?"},"content":{"rendered":"<div class=\"text\">\n<p>Es sei der GAU der industriellen Landwirtschaft. Zwei MinisterInnen mussten das Kabinett Schr\u00f6der verlassen. Nun ist von der Wende in der Agrarpolitik die Rede. Seit Ende November letzten Jahres die erste an BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) erkrankte Kuh in der BRD offiziell vermeldet wurde, \u00fcberschlagen sich Medien und PolitikerInnen in Superlativen \u00fcber das Agrar-Krisenmanagement. Die hektische Gesch\u00e4ftigkeit hat den Zweck, das Nachdenken \u00fcber Gr\u00fcnde und Ursachen den selbsternannten ExpertInnen und PolitikerInnen zu \u00fcberlassen. Der grossspurig mit der Atomenergie parallelisierte Ausstieg aus der industriellen Landwirtschaft wird zur vergleichbaren Mogelpackung rot-gr\u00fcner Reformpolitik. Die Stellfl\u00e4che pro Rind wird wohl etwas erh\u00f6ht werden, die Subventionen werden tendenziell von Massenproduktion auf \u00f6kologische Standards, selbst angebaute Futtermittel und &#8222;artgerechte Haltung&#8220; &#8211; was immer das heissen mag &#8211; umgeschichtet. Der Anteil der \u00f6kologisch bewirtschafteten Landwirtschaftsfl\u00e4che soll so in den kommenden Jahren von jetzt 2,6 auf das \u00f6sterreichische Niveau von rund 10 Prozent erh\u00f6ht werden. ((1)) Dass sich damit grunds\u00e4tzlich etwas an den gesellschaftlichen Bedingungen \u00e4ndert, die zu BSE f\u00fchrten, darf aus libert\u00e4rer Sicht stark bezweifelt werden. Und dass sich jede Agrarreform nach den Gesetzen des kapitalistischen Marktes richten wird, beweist schon das Festhalten der neuen Superverbraucherschutzministerin K\u00fcnast an dem Vorhaben der Bundesregierung, zur Preisst\u00fctzung mehr als 400.000 Rinder aufzukaufen, nur um sie dann zu verbrennen. ((2)) Wo sie nicht marktgerecht verwertet werden k\u00f6nnen, wo sie nicht als kapitalistisches Lebensmittel dienen, haben Tiere als Lebewesen kein Existenzrecht. Das ist der Imperativ der Fleisch-Demokratie. Wahrer VerbraucherInnenschutz f\u00fchrt aber nicht zu auch in der Krise noch konstruierten Bed\u00fcrfnissen der VerbraucherInnen &#8211; Bio-Fleischer haben Hochkonjunktur und kommen mit den Auftr\u00e4gen kaum nach -, er kann nur zu wirksamem Tierschutz f\u00fchren.<\/p>\n<h3>Das Polit-Management in der BSE-Krise<\/h3>\n<p>BSE gibt es nicht erst seit gestern. Seit vielen Jahren ist bekannt, dass BSE durch Nahrungsmittel\u00fcbertragung beim Menschen zu einer neuen Form der Creutzfeld-Jakob-Krankheit (CJK) f\u00fchrt. In Grossbritannien sind mehr als 180.000 F\u00e4lle verseuchter Rinder bekannt. Sch\u00e4tzungen zufolge waren allein dort 750.000 verseuchte Rinder unerkannt im Handel. Zur Zeit sind dort 88 Menschen an BSE-verursachter CJK erkrankt, h\u00f6chstwahrscheinlich werden mehr als 200.000 Menschen allein in Britannien daran sterben. Auf dem H\u00f6hepunkt der britischen BSE-Krise wurden 14.000 Rinder in die BRD exportiert, zwischen 1987 und 1989 wurden 1200 Tonnen verseuchtes Tiermehl aus England eingef\u00fchrt, j\u00e4hrlich bis zu 17000 Tonnen kamen aus anderen L\u00e4ndern, in denen es bereits BSE-F\u00e4lle gab. Diese Fakten sind heute in jeder billigen Illustrierten nachzulesen. ((3))<\/p>\n<p>Und was machten die deutsche Agrarlobby und mit ihnen die PolitikerInnen im Grunde die ganzen letzten f\u00fcnf Jahre hindurch? In nationalistischer und schlimmer antibritischer Selbstherrlichkeit erkl\u00e4rten sie die BRD ohne fl\u00e4chendeckende Kontrollen f\u00fcr BSE-frei. Eine Werbekampagne der Fleischindustrie lie\u00df Aufkleber mit &#8222;Deutsches Rindfleisch&#8220; \u00fcber die Theken kleben wie ein G\u00fctesiegel und deutsche PolitikerInnen gingen gegen EU-Richtlinien vor, Gehirn und R\u00fcckenmark von Rindern gar nicht erst in den Handel kommen zu lassen &#8211; deutsches Rinderhirn und &#8211; mark sei nicht betroffen. Angesichts dieser arroganten Hirnlosigkeit &#8211; im wahrsten Sinne des Wortes &#8211; kann man\/frau die internationale Schadenfreude \u00fcber die weltweite Inkriminierung deutscher Wurst, die k\u00fcrzlich die inl\u00e4ndische Fleischindustrie heimsuchte, nur teilen. Und selbst als das erste deutsche BSE-Rind in Norddeutschland nachgewiesen wurde, entbl\u00f6dete sich Stoiber nicht, als allererstes Bayern f\u00fcr BSE-frei zu erkl\u00e4ren. Diese Anf\u00e4lle von rein menschlichem Wahnsinn bei der Fleischindustrie und bei PolitikerInnen haben das Vertrauen der Menschen zun\u00e4chst einmal tief zerst\u00f6rt: sie glauben nichts mehr &#8211; und das ist gut so.<\/p>\n<h3>Die industrialisierte Fleischproduktion<\/h3>\n<p>Etikettenschwindel bei Fleischprodukten, mangelnde Kontrollen, ungenaue Deklarationen beim Tierfutter, Schiebereien von infizierten Produkten und Rindern, neue Ekelbegriffe wie &#8222;Separatorenfleisch&#8220; &#8211; was jetzt an die \u00d6ffentlichkeit kommt, ist nur die Spitze des Eisbergs. Die industrialisierte Fleischproduktion, ja Landwirtschaft, so hei\u00dft es, sei an einem Wendepunkt angelangt: es werde immer schneller, unter immer gr\u00f6\u00dferer Vernachl\u00e4ssigung von Qualit\u00e4tskriterien produziert, um die Produkte immer billiger zu machen &#8211; das sei nicht mehr haltbar. Die politische L\u00f6sung wird auch gleich mitgeliefert: wer mehr Qualit\u00e4t will, muss auch mehr zahlen &#8211; dabei beweist jede Food-Coop, jede direkte ErzeugerInnen-VerbraucherInnengemeinschaft, die die Grossvermarktungsb\u00fcrokratie der Agrarindustrie umgeht, seit zwei Jahrzehnten das Gegenteil, aber das sei nur nebenbei vermerkt.<\/p>\n<p>Ist es wirklich ein Wendepunkt? Und die BSE-Krise damit eine Fehlentwicklung, die eben durch eine andere Agrarpolitik gel\u00f6st und von den VerbraucherInnen bezahlt werden kann?<\/p>\n<p>Oder geht es hier nicht vielmehr um ein grundlegendes Prinzip kapitalistischen Wirtschaftens?<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p>&#8222;Wer gegen konkurrierende Anbieter sich durchsetzen will, mu\u00df den Imperativen gehorchen, die maximalen Gewinn durch Senkung der Kosten (und sei es durch Hormonzusatz zum Futter), Erh\u00f6hung der St\u00fcckzahl (ob Autos, K\u00e4lber oder Maschinengewehre) und Verk\u00fcrzung der notwendigen Arbeitszeit (die zur Herstellung einer Ware erforderlich ist, eben der Aufzuchtzeiten f\u00fcr K\u00e4lber etwa) erzielen.&#8220; ((4))<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<p>Das stand \u00fcbrigens in einer Analyse eines der letzten Skandale der Fleisch-Demokratie 1988 in der GWR: dem K\u00e4lberskandal. Auch damals wurden hormonverseuchte Rinder massenhaft notgeschlachtet. Auch damals wurde eine Kehrtwende in der Agrarpolitik versprochen. In der GWR wurde kommentiert: &#8222;Es ist denkbar, da\u00df \u00fcber ver\u00e4nderte Gesetze, Verordnungen, h\u00f6here Preise f\u00fcr nicht-industrielle Produkte die Richtung ver\u00e4ndert wird. (&#8230;) Aber was \u00e4ndert das?&#8220; ((5)) Nichts, wie wir heute wissen. Der K\u00e4lberskandal wurde gerade wegen der damaligen politischen Gesch\u00e4ftigkeit &#8211; wie so mancher weitere Lebensmittelskandal &#8211; ausgesessen. Es spricht nichts daf\u00fcr, dass das heute anders werden sollte.<\/p>\n<p>Das billige Fleisch, die totale Verwertung des Lebewesens Tier, steht eben nicht am Ende der industrialisierten Landwirtschaft, sondern genauso am Anfang, ja es ist seine Grundlage. Niemand hat das literarisch besser beschrieben als der US-amerikanische Sozialist und gro\u00dfe sozialkritische Romancier <em>Upton Sinclair<\/em> in seinem wichtigsten und gleichzeitig weltweit erfolgreichsten Buch <em>Der Dschungel<\/em>, in welchem er mit der industrialisierten Fleischproduktion im damaligen Zentrum kapitalistischer Industrialisierung in den USA, Chicago, abrechnete, und zwar den haarstr\u00e4ubenden Bedingungen f\u00fcr ArbeiterInnen sowohl wie f\u00fcr die Tiere. Da erz\u00e4hlt z.B. ein Fleischkonservenarbeiter von seiner Arbeit:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p>&#8222;Bei Durham (ein US-Fleischtrust um 1900, Red.) seien die reinsten Alchimisten am Werk; man (&#8230;) preise ein &#8218;H\u00fchnerragout&#8216; an &#8211; und das sei wie die aus den Witzbl\u00e4ttern her bekannte H\u00fchnersuppe im Wirtshaus, durch die ein Huhn in Gummigaloschen hindurchgelaufen war. Wer wei\u00df, vielleicht habe man ein Geheimverfahren, H\u00fchner chemisch herzustellen; was in das Ragout hineinkommt, sei jedenfalls nichts anderes als Kaldaunen, Schweinefett, Unschlitt, Rinderherzen und schlie\u00dflich noch, wenn gerade angefallen, Kalbfleischreste. Diese Mixtur werde in verschiedenen Qualit\u00e4ts- und Preisklassen angeboten, der Inhalt aller B\u00fcchsen aber komme aus ein und demselben Pott. Es gebe auch noch &#8218;Wildragout&#8216; und &#8218;Wachtelragout&#8216;, ja sogar &#8218;Schinkenragout&#8216;, au\u00dferdem eine &#8218;Schinkenpaste&#8216; &#8211; von den Arbeitern &#8218;Stinkepaste&#8216; genannt. Die bestehe aus Abf\u00e4llen von ger\u00e4uchertem Rindfleisch, die zu klein sind, um von den Maschinen noch aufgeschnitten werden zu k\u00f6nnen, aus Gekr\u00f6se, das chemisch gef\u00e4rbt ist, damit es nicht wei\u00df durchschimmert, aus Resten von Schinken und Corned Beef, aus Kartoffeln, mit Schale und allem, und schlie\u00dflich aus knorpeligen Rindergurgeln. Diese einfallsreiche Mischung werde durch den Wolf gedreht und dann stark gew\u00fcrzt, damit sie nach etwas schmeckt.&#8220; ((6))<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<p>Das war 1900. Und jetzt das Jahr 2000, Udo Pollmer, ein Kritiker der Fleischwirtschaft, \u00fcber die Qualit\u00e4t der ca. 300 deutschen Wurstsorten:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p>&#8222;Der Verbraucher muss sich dar\u00fcber im Klaren sein, dass er die Tierprodukte, die er beim Metzger nicht kauft, weil es ihn davor graust oder Verbrauchersch\u00fctzer ihn davor gewarnt haben, also Nieren, Lunge, Schweinemicker &#8211; das ist das Gekr\u00f6se -, Kutteln, Milz, Magen und Vormagen, in der Wurst wiederfindet. Der Fleischer wirft das Zeug ja nicht in Rhein, Spree oder Elbe.&#8220; ((7))<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<p>Hat sich da in 100 Jahren irgendwas grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndert? Wirklich nicht. Upton Sinclair hat f\u00fcr seine Romanbeschreibungen damals gut recherchiert. Da das Buch ein internationaler Renner wurde, sah sich die US- Regierung gezwungen, die Angaben zu \u00fcberpr\u00fcfen. Dazu Sinclair-Herausgeber Dieter Herms: &#8222;Zwei Referenten begaben sich nach Chicago, um im Auftrage des Wei\u00dfen Hauses zu recherchieren. Sie kamen zur\u00fcck mit einem Bericht, der Sinclairs Funde voll inhaltlich best\u00e4tigte, mit einer Ausnahme: Es gab keine Evidenz f\u00fcr die Behauptung, da\u00df Arbeiter, die in die Br\u00fchkessel gefallen waren, als &#8218;Armours Feinschmalz&#8216; in die Welt hinausgingen.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Sinclairs Buch produzierte einen fr\u00fchen Skandal in der Fleischindustrie. Schon damals forderte eine erschreckte \u00d6ffentlichkeit eine Wende in der Fleischproduktion und minimale Qualit\u00e4tsverbesserungen wurden durchgef\u00fchrt &#8211; sehr viel sp\u00e4ter auch bei den unmenschlichen Arbeitsbedingungen, die Sinclair in seinem Roman noch st\u00e4rker in den Mittelpunkt stellte und schlie\u00dflich zu einem flammenden Aufruf f\u00fcr den Sozialismus umm\u00fcnzte. Und hier haben wir einen entscheidenden Unterschied zwischen dem damaligen Beginn und der heutigen angeblichen Wende in der industrialisierten Fleischproduktion: heute redet niemand vom Sozialismus als einer L\u00f6sungsm\u00f6glichkeit der BSE- Krise! Genau das aber w\u00e4re n\u00f6tig, wenn es eben nicht mehr so weiter gehen sollte wie bisher!<\/p>\n<h3>Chicago<\/h3>\n<p>Die USA waren die erste Industrienation, die die Landwirtschaft komplett industrialisierten. Und die Chicagoer Fleischproduktion, in der ImmigrantInnen aus verarmten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern unter unglaublichen Bedingungen arbeiteten, wurde schnell zum Prototyp der modernen, organisierten, arbeitsteilig strukturierten kapitalistischen Industriegesellschaft. Am Anfang des Romans beschreibt Sinclair die Struktur der Chicagoer Stockyards sehr plastisch: &#8222;Die Yards dehnen sich \u00fcber eine Fl\u00e4che von mehr als einer Quadratmeile aus, und \u00fcber die H\u00e4lfte davon nehmen Rinderpferche ein; nach Norden und S\u00fcden erstreckt sich, so weit das Auge reicht, ein einziges Meer von Pferchen, Buchten und Boxen. Und die waren jetzt alle voll &#8211; nie h\u00e4tte man gedacht, da\u00df es so viele Rinder \u00fcberhaupt gab (&#8230;), sanft\u00e4ugige Milchk\u00fche und wilde Texas-Jungochsen.&#8220; Sie werden &#8211; Kennzeichen der arbeitsteiligen Industrialisierung &#8211; nicht mehr auf den Bauernh\u00f6fen geschlachtet, sondern kommen aus allen Teilen der USA nach Chicago, und zwar in Viehwaggons der Eisenbahn. Die litauischen EinwandererInnen von Sinclairs realistischem Roman &#8222;standen in der N\u00e4he des \u00f6stlichen Eingangs, und die ganze Ostseite der Yards entlang laufen die Bahngleise, auf denen die Schlachttiere herangebracht werden. Die Nacht hindurch w\u00e4ren ununterbrochen Viehwagen gekommen, erkl\u00e4rte Jokubas, und jetzt seien die Pferche voll; am Abend w\u00fcrden sie s\u00e4mtlich wieder leer sein, und dann gehe das Ganze von neuem los. &#8218;Und was geschieht mit diesen vielen Gesch\u00f6pfen?&#8216; rief Teta Elzbieta. &#8218;Bis heute abend sind sie alle geschlachtet, ausgenommen und zerteilt&#8216;, antwortete Jokubas. &#8218;Dort dr\u00fcben hinter den Fleischfabriken befinden sich noch mehr Gleise. Die sind zum Abtransport.&#8216; In den Yards gebe es zweihundertf\u00fcnfzig Meilen Eisenbahnschienen, berichtete ihr F\u00fchrer weiter. Auf ihnen k\u00e4men jeden Tag rund zehntausend Rinder angerollt, die gleiche Anzahl Schweine und halb so viele Schafe &#8211; das bedeute, da\u00df hier im Jahr acht bis zehn Millionen Lebendtiere zu Fleisch verarbeitet werden. W\u00e4hrend man so stand und schaute, erkannte man allm\u00e4hlich, wohin die Flut ging, n\u00e4mlich in Richtung Fleischfabriken. Gruppenweise wurden die Rinder auf die Rampen getrieben, etwa f\u00fcnf Meter breiten massiven Stegen, die \u00fcber den Pferchen entlangliefen. Auf diesen Rampen zog ein nicht abrei\u00dfender Strom von Tieren dahin; es war geradezu unheimlich mit anzusehen, wie sie ahnungslos ihrem Schicksal entgegendr\u00e4ngten, ein wahrer Todeszug. Unsere Freunde waren nicht poetisch veranlagt, und der Anblick bewog sie nicht zu Vergleichen mit dem Menschenlos; sie dachten nur daran, wie gro\u00dfartig das alles organisiert sei. Die Rampen f\u00fcr die Schweine f\u00fchrten weit hinauf, bis zu den obersten Stockwerken von Geb\u00e4uden im Hintergrund, und Jokubas erkl\u00e4rte, f\u00fcr den Transport der Schweine nutze man deren eigene Kraft: f\u00fcr den hinauf ihre Muskelkraft und f\u00fcr den wieder herunter &#8211; durch all die f\u00fcr ihre Umwandlung in B\u00fcchsenfleisch n\u00f6tigen Verarbeitungsprozesse hindurch &#8211; ihre Schwerkraft. &#8218;Hier wird \u00fcberhaupt nichts ungenutzt gelassen&#8216;, sagte er, lachte und f\u00fcgte ein Witzchen hinzu, von dem, wie er zu seiner Freude merkte, die anderen in ihrem schlichten Gem\u00fct annahmen, es stamme von ihm: &#8218;Vom Schwein bleibt absolut nichts unverwertet &#8211; blo\u00df f\u00fcr das Quieken hat man noch keine Verwendung gefunden.'&#8220; ((9))<\/p>\n<p>Das wurde 1906 geschrieben.<\/p>\n<p>Die industriell-kapitalistische Fleischproduktion kann nicht reformiert werden, sie muss abgeschafft werden.<\/p>\n<h3>Freiheitlicher Sozialismus als Vegetarismus<\/h3>\n<p>Die derzeitige Hochkonjunktur von Bio-Landwirtschaft und Bio-Fleischertum f\u00fchrt daher in eine perspektivische Sackgasse &#8211; verspricht einen billigen Ausweg, um das ganze Falsche am Laufen zu lassen. &#8222;&#8218;Wir wissen ganz genau, was der Verbraucher will&#8216;, sagt Professor Stefan Dabbert, Experte f\u00fcr \u00d6kolandbau von der Universit\u00e4t Hohenheim. &#8218;Das Produkt darf nicht mehr als 30 Prozent teurer sein als das normale, es muss im Supermarkt erh\u00e4ltlich sein, es muss ein gro\u00dfes Sortiment geben, und es muss ganz leicht als Bio erkennbar sein.'&#8220; ((10)) Das ist die alte Fleisch- Demokratie in reformierter Form. Doch so einfach sollte mit BSE nicht umgegangen werden, wie auch erste F\u00e4lle zeigen, bei denen BSE in \u00f6kologisch korrekt wirtschaftenden Betrieben nachgewiesen wurde. Dabei ist das gar nicht der biologischen Landwirtschaft vorzuwerfen, es dreht sich eher um das zentralistisch-industrialisierte Umfeld, das dadurch als Normalfall der Produktion nicht angetastet wird und in das die Bio-H\u00f6fe im Kapitalismus unweigerlich verflochten sind. Und jede Food-Coop ist unterst\u00fctzenswert, aber es besteht wenig Aussicht, dass sie aus ihrer nicht- marktwirtschaftlichen Nischenexistenz herauskommt. Warum? Weil das dahinterstehende Gesellschaftsmodell dann eine b\u00e4uerliche Kleinwirtschaft und eine damit verbundene drastische Reduktion der industriellen Arbeitsteilung w\u00e4re. Das ist nicht nur nicht vorstellbar, weil es heute nur noch einen Bruchteil Bauern\/B\u00e4uerinnen im Vergleich zu den Zeiten vor der industrialisierten Landwirtschaft gibt. Es wirkt auch unattraktiv &#8211; und wer den enormen Zeitaufwand, den der Aufbau einer direkten ErzeugerInnen-VerbraucherInnen-Beziehung mit sich bringt, schon einmal am eigenen Leibe erlebt hat, weiss davon ein Lied zu singen. Das kann also nur ein Teil &#8211; und nicht der zentrale &#8211; der L\u00f6sung sein. Zu dieser Perspektive war in der GWR schon beim K\u00e4lberskandal zu lesen:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p>&#8222;Der b\u00e4uerliche Familienbetrieb (wahlweise Alternativ-Kommune) mache einen anderen Umgang mit den Tieren m\u00f6glich. Artgerechte Haltung, Freilauf: gar ein &#8218;pers\u00f6nliches Verh\u00e4ltnis&#8216; zum Tier verspricht sich die Opposition davon. Das stimmt zum Teil, hat f\u00fcr mich aber doch den Beigeschmack: falsche Idylle gegen wirkliche Industrie und real existierenden Kapitalismus. (&#8230;) Einmal sollten wir den b\u00e4uerlichen Familienbetrieb und das alte Bauerntum nicht idealisieren: das Leben war hart, die Menschen oft roh, die Familienstruktur patriarchal&#8230; Aber dahin gibt es ohnehin keinen Weg zur\u00fcck, die Mentalit\u00e4ten und Bed\u00fcrfnisstrukturen sind zu weitgehend ver\u00e4ndert. Vielleicht ist, was f\u00fcr das alte Bauerntum selbstverst\u00e4ndlich und alternativlos war, f\u00fcr Menschen, die heute nach den Grundlagen und der Beseitigung von Herrschaft fragen, ein Problem. Ich rei\u00dfe hier die Frage nur an: Ist uns eigentlich die Vorstellung sympathisch, da\u00df ein Bauer oder eine B\u00e4uerin &#8217;noch ein pers\u00f6nliches Verh\u00e4ltnis&#8216; zu einem Tier hat, es streichelt und beim Namen nennt &#8211; um ihm dann mit sicherer Hand die Kehle durchzuschneiden?&#8220; ((11))<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<p>Upton Sinclair hat sich in seinem Roman ebenfalls mit diesen Fragen besch\u00e4ftigt. Und er propagiert am Ende des Romans durch feurige Reden und hitzige politische Diskussionen hindurch eine vegetarische Sozialismusvorstellung. Sozialismus in Sinclairs Verst\u00e4ndnis bedeutet im Gegensatz zur Fleisch-Demokratie, dass Lebewesen zun\u00e4chst als solche, und nicht als Lebensmittel betrachtet werden. Sinclair l\u00e4sst am Ende des Romans einen &#8222;philosophischen Anarchisten&#8220;, mit Namen Schliemann, dozieren: &#8222;Nehmen Sie Kropotkins &#8218;Landwirtschaft, Industrie und Handwerk&#8216; und lesen Sie \u00fcber die neue Agrarwissenschaft, die in den letzten zehn Jahren entwickelt worden ist. Mit deren Hilfe k\u00f6nnen Obst- und Gem\u00fcsefarmer bei entsprechend vorbereitetem Boden und Intensivkultur in einer einzigen Reifeperiode zehn bis zw\u00f6lf Ernten erzielen.&#8220; ((12)) Schliemanns L\u00f6sung f\u00fcr eine nicht konkurrenzf\u00f6rmig organisierte, sozialistische Nahrungsmittelproduktion geht in Richtung wissenschaftliche Automation: &#8222;Kommunismus in der materiellen Produktion, Anarchismus in der geistigen&#8220; ((13)), wobei ihm die geistige Produktion das wahre Menschsein ausmacht. Diese Perspektive ist sicherlich zu technizistisch &#8211; eine Verbindung aus Kropotkins wissenschaftlich- moderner Vorstellung und den Erfahrungen des realen dezentralen Bio-Landbaus w\u00e4re wohl w\u00fcnschenswert. Sinclair l\u00e4sst seinen philosophischen Anarchisten weiter reden:<\/p>\n<\/div>\n<blockquote><p>&#8222;Au\u00dferdem ist erwiesen, da\u00df der Mensch kein Fleisch braucht. Und Fleisch ist doch unstreitig schwerer zu erzeugen als pflanzliche Nahrung, unangenehmer zu verarbeiten und auch leichter verderblich. (&#8230;) Solange wir Lohnsklaverei haben, spielt es \u00fcberhaupt keine Rolle, wie erniedrigend oder absto\u00dfend eine Arbeit ist &#8211; es l\u00e4\u00dft sich ja leicht jemand finden, der sie macht. Aber sobald die Arbeiter befreit sind, wird der Preis f\u00fcr solche Arbeiten steigen. (&#8230;) Proportional dazu, wie sich die B\u00fcrger unserer Industrie-Republik kultivieren, werden sich die Schlachthausprodukte von Jahr zu Jahr verteuern, bis schlie\u00dflich, wer Fleisch essen will, selber schlachten mu\u00df &#8211; und wie lange, glauben Sie, wird sich der Brauch dann noch halten?&#8220; ((14))<\/p><\/blockquote>\n<div class=\"text\">\n<p>Das ist der Zusammenhang von Vegetarismus &#8211; der als Vorform oder Erg\u00e4nzung und nicht in dogmatischer Weise als Gegensatz zum VeganerInnentum verstanden werden sollte, wie viele sektiererische Vegangruppen meinen &#8211; und Sozialismus: &#8222;Um Grausamkeit und Ausbeutung gegen Tiere nicht wahrzunehmen, m\u00fcssen die Menschen selbst unter der Herrschaft so gequ\u00e4lt worden sein, da\u00df sie nur weitergeben, nachvollziehen, anwenden, was ihnen doch nur immer neu an Leiden zugef\u00fcgt wird: (das) Recht des St\u00e4rkeren. Sich selbst so fremd, da\u00df Lohnarbeit ihnen normal erscheint oder eine Ausbildung, die auf das Abschlachten anderer Menschen orientiert (Wehrpflicht etwa), k\u00f6nnen sie auch Verst\u00fcmmelungen anderer: die Leiden, die Gewalt den immer noch Wehrloseren zuf\u00fcgt, nicht erkennen. Da\u00df viele lieber wegschauen, zeigt noch die Abwendung vom Terror. Aber erst das Hinschauen und schlie\u00dflich das Begreifen der Schlachth\u00e4user als Symbole einer Epoche, dann der Wille, diese zu beenden, wird uns der gewaltlosen Gesellschaft ann\u00e4hern.&#8220; ((15))<\/p>\n<p>Der Sozialismus kann nur vegetarisch\/tiersch\u00fctzerisch sein &#8211; oder er ist nicht! Ein neuerlicher Beweis daf\u00fcr, dass er in der staatskapitalistischen Sowjetunion nie existierte&#8230; Anstatt die Bedingungen f\u00fcr die Herstellung von Bio-Fleisch zu verbessern, w\u00e4re demnach ein Vorschlag f\u00fcr eine libert\u00e4re L\u00f6sung der BSE-Krise, den Zivilisationsprozess &#8222;eher voranzutreiben als zur\u00fccknehmen zu wollen, was f\u00fcr unser Thema hie\u00dfe&#8220; ((16)): die vegetarisch-sozialistische Gesellschaftsperspektive \u00fcberhaupt erst wieder denkbar und durchsetzbar zu machen!<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sei der GAU der industriellen Landwirtschaft. Zwei MinisterInnen mussten das Kabinett Schr\u00f6der verlassen. Nun ist von der Wende in der Agrarpolitik die Rede. 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