{"id":3784,"date":"2001-02-01T00:00:57","date_gmt":"2001-01-31T22:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3784"},"modified":"2022-07-26T14:16:56","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:56","slug":"fischers-faschistische-fustritte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2001\/02\/fischers-faschistische-fustritte\/","title":{"rendered":"Fischers faschistische Fu\u00dftritte"},"content":{"rendered":"<p>Eine Fotoserie aus den fr\u00fchen 70er Jahren beschert dem publizistischen Genre einen arbeitsreichen Jahresbeginn. Verhandelt wird allerorten \u00fcber die militante Vergangenheit des Gr\u00fcnen Au\u00dfenministers Joseph Fischer. Auf den Fotos schl\u00e4gt Fischer als Anf\u00fchrer einer autonomen &#8222;Putztruppe&#8220; auf einen Polizisten ein. Auf ihrer Suche nach Indizien f\u00fcr eine Anklage gegen den Minister, hatte die Journalistin und Tochter Ulrike Meinhofs, Bettina R\u00f6hl, die Fotos in einer FAZ von 1973 gefunden, Fischer darauf identifiziert und dem <em>Stern<\/em> zur Verf\u00fcgung gestellt. S\u00e4mtliche noch auffindbaren Ex-Spontis werden interviewt, die Worte H\u00e4userkampf und Terrorismus haben Hochkonjunktur. Und eigentlich stellen alle fest, da\u00df Fischer nicht trotz, sondern wegen seiner Vergangenheit ein so beliebter Spitzenpolitiker ist. Daran vermochten auch Jutta Ditfurths Schm\u00e4hartikel in der <em>Neuen Revue<\/em> nichts zu \u00e4ndern. Allein die falsche Antwort auf eine Frage k\u00f6nnte den Minister st\u00fcrzen: <em>Jungle World <\/em>(3\/2001) und <em>Spiegel <\/em>(2\/2001) stellen sie: Hat er nur agitiert, gepr\u00fcgelt und Steine geschmissen, oder hat er Mollies bef\u00fcrwortet und geworfen? Die Frage nach den einzelnen verschiedenen Formen der Gewalt f\u00fchrt aber in die Irre und lenkt von Inhalten ab. Und um Inhalte geht es immer, wenn geschichtstr\u00e4chtige Chiffren wie &#8222;die 68er&#8220; in der \u00f6ffentlichen Diskussion kursieren. Beispielhaft zeigt sich das daran, wie die konservative und neurechte Presse sich des Falles angenommen hat. Nicht allein die sogenannten Jugends\u00fcnden eines Ministers stehen hier zur Debatte, sondern die gesamte antiautorit\u00e4re Bewegung der sp\u00e4ten 60er und fr\u00fchen 70er Jahre. Und damit die deutsche Vergangenheit. &#8222;Genauso dreist&#8220; wie jetzt Fischer, ist im Leitartikel der <em>Welt<\/em> (09.01.2001) zu lesen, &#8222;haben sich einst auch die Nazi-Mitl\u00e4ufer aus der Aff\u00e4re zu ziehen versucht&#8220;. Es ginge ihm nicht um die Gleichsetzung von Taten, behauptet der Autor Johann Michael M\u00f6ller, wohl aber um die &#8222;Vergleichbarkeit der Verantwortung&#8220; daf\u00fcr. Alt-68er und Nazis, moralisch gesehen unterscheiden sie sich also nicht, das steht schon in der \u00dcberschrift: &#8222;Sie wollen es nie gewesen sein&#8220;. Zu einem im Kern totalit\u00e4ren Angriff auf die Bundesrepublik schreibt auch Thomas Schmid in der <em>FAZ<\/em> (05.01.2001) die Bewegung um, zu der er selber fr\u00fcher geh\u00f6rte. Die h\u00e4rtesten Gesch\u00fctze im diskursiven Feldzug fahren immer die auf, die sich auch von einer eigenen Vergangenheit losschreiben wollen. Den Totalitarismusvorwurf konkretisiert zum Beispiel Klaus Rainer R\u00f6hl, ehemaliger <em>konkret<\/em>-Herausgeber und Vater von Bettina R\u00f6hl, indem er die Frankfurter Putztruppe &#8222;eine Art linke SA&#8220; nennt. In der <em>Neuen Revue <\/em>(3\/2001), in der auch Zitate aus Ditfurth-Artikeln wieder platziert sind, wei\u00df der rechte Publizist zu berichten, da\u00df die linken Hausbesetzer Antisemiten waren. Sie outeten Spekulanten mit j\u00fcdisch klingenden Namen durch Spr\u00fchereien an H\u00e4userw\u00e4nden. Aus diesen in der Tat antisemitischen und zu kritisierenden Aktionen zieht R\u00f6hl ein weiteres mal die Nazi-Parallele: &#8222;Die Methoden sind den betroffenen j\u00fcdischen B\u00fcrgern nicht unbekannt&#8220;. Fischers Fu\u00dftritte gegen den Polizisten werden zum Ausdruck der &#8222;ungez\u00fcgelten Brutalit\u00e4t&#8220; einer ganzen Bewegung. Das abstrakte Gerede \u00fcber einen nicht n\u00e4her bestimmten Begriff von Gewalt pa\u00dft hervorragend in die Strategien der konservativen und neuen Rechten. Mit den Vergleichen zur NS-Zeit wird ein weiteres Mal an der Abwicklung der deutschen Verbrechen geschrieben. Mit Hilfe der Anklage der Sponti-Militanz wird versucht, der Zahl 1968 eine neue Bedeutung zu verleihen. Diese Bedeutungsverschiebungen sind selbst Teil eines Kulturkrieges. Darin geht es u.a. darum, wie Pierre Bourdieu es einmal genannt hat, das &#8222;68er-Denken&#8220; zu demontieren. Wer in Zukunft \u00fcber &#8217;68 redet, spricht nicht mehr \u00fcber den globalen Aufbruch der Jugend, \u00fcber sozialistische Utopien, gewaltfreien Widerstand, feministische Emanzipation, Aufarbeitung der NS-Geschichte, pazifistische Antikriegsaktionen, \u00fcber antikolonialistische Befreiungsk\u00e4mpfe oder basisdemokratische Organisierung, sondern \u00fcber: Gewalt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Fotoserie aus den fr\u00fchen 70er Jahren beschert dem publizistischen Genre einen arbeitsreichen Jahresbeginn. Verhandelt wird allerorten \u00fcber die militante Vergangenheit des Gr\u00fcnen Au\u00dfenministers Joseph Fischer. Auf den Fotos schl\u00e4gt Fischer als Anf\u00fchrer einer autonomen &#8222;Putztruppe&#8220; auf einen Polizisten ein. 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